Bologna brennt – aber nur ein bisschen

Spiegel Online berichtete gestern über einen Projektbericht der „Hochschul-Informations-System GmbH“ (HIS), welche ähnlich umstritten wie das CHE ist und deren Veröffentlichungen daher immer mit besondes kritischem Blick zu lesen sind.

Obwohl von Spiegel Online als Aufmacher gewählt wurde, dass die BA-Abbrecherquote laut Bericht überraschend hoch sei, wird im Artikel selbst dann fleißig relativiert:

„Der Zwischenstand: In Deutschland verabschieden sich besonders viele Studenten ohne Abschluss von der Hochschule. Studieren jetzt wirklich mehr Leute zu Ende als bisher? Laut der Hochschul-Informations-System (HIS) hat sich die Abbrecherquote der deutschen Studenten deutlich verringert, sie liegt bei 20 Prozent. Doch die neuen Bachelor-Studiengänge bedeuten keineswegs für alle Fächer eine Verbesserung. An den Unis scheiterte von den Studienanfängern der Jahre 2000 und 2004 insgesamt jeder vierte Bachelor-Student, an den Fachhochschulen waren es sogar 39 Prozent.

‚Die hohen Abbrecherquoten können aber nicht dazu dienen, das Konzept der neuen Studienstrukturen oder sogar den gesamten Bologna-Prozess in Frage zu stellen‘, sagt HIS-Projektleiter Ulrich Heublein. Er weist auf die ‚Anfangs- und Umstellungsschwierigkeiten‘ hin, die so ein gravierender Umbruch eben mit sich bringe. Insgesamt gebe es eine positive Entwicklung, ‚wir haben nur noch einige Sorgenkinder.‘

Denn von Fach zu Fach ist es sehr unterschiedlich, wie viele Studenten aufgeben. So ist die Quote der Studienabbrecher in den Geisteswissenschaften deutlich gesunken. Sie liegt immer noch bei 27 Prozent, bei der letzten Studie waren es aber noch fünf Prozent mehr. ‚Ich habe den Eindruck, dass der Berufsbezug, den die Fächer neuerdings bekommen haben, eine wichtige Rolle spielt‘, so Heublein: Die Orientierungslosigkeit, die früher oft zum Abbruch geführt habe, falle weg; der Bachelor schaffe einen klareren Rahmen.“ („Überraschend viele Abbrecher im Bachelor-Studium“, Spiegel Online, 14.02.08)

Man kann dies durchaus positiv sehen, da hier offenbar versucht wird den Sachverhalt auszudifferenzieren. Es wird unterschieden zwischen Fächern bei denen die Abbrecherquote beim BA gestiegen ist und solchen bei denen sie gesunken ist, zwischen Universitäten und Fachhochschulen, zufriedenen Absolventen und unzufriedenen Abbrechern, usw.

Gleichzeitig wirkt das Ganze dadurch aber auch schwammig. Es gibt zwar Probleme, aber eigentlich keine richtigen. Der Bologna Prozess funktioniert nicht wie die Reformer es sich gedacht hatten, gleichzeitig verweisen die Ergebnisse aber angeblich nicht darauf, dass der Bologna Prozess als solcher in Frage gestellt werden müsste. Es brennt zwar, aber alles ist unter Kontrolle.

Es bleibt der ungute Eindruck zurück, HIS versucht die eigenen, negativen Ergebnissen zu relativieren. Man sollte sich die 20 Seiten des Projektberichts, der die „Ergebnisse einer Berechnung des Studienabbruchs auf der Basis des Absolventenjahrgangs 2006“ präsentiert, sicherlich noch mal genau ansehen. Im Netz kann der Bericht hier heruntergeladen werden.

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2 Antworten to “Bologna brennt – aber nur ein bisschen”

  1. fachschaftsinitiativen Says:

    Um eine Ahnung zu bekommen, wie stark die Ergebnisse schöngeredet werden, muss man sich ja nur einmal die Mikro-Perspektive an der FU ansehen. Dort sind die Abbreicherzahlen geradezu in die Höhe geschossen – siehe den immer noch sehr aufschlussreichen Berichit auf dem FSI-Blog:

    http://fachschaftsinitiativen.wordpress.com/2007/10/18/alles-wird-besser/

    Mögliche Gründe für das Desaster benennt der AstA:

    http://www.astafu.de/aktuelles/archiv/a_2007/news_10-17

    Und auch die FU selbst entdeckt die Abbrecherinnen als Forschungsobjekte:

    http://www.fu-berlin.de/studium/docs/DOC/Enbericht_Exmatrikuliertenbefragung.pdf

    Es ist also genug material vorhanden, um glasklar feststellen zu können: die Krise des Bachelor geht weit über Kinderkrankheiten hinaus…

  2. And the flames went higher… « FUwatch Says:

    […] the flames went higher… Wie schon am Ende des letzten Semesters deutlich wurde (“Bologna brennt – aber nur ein bisschen”) häufen sich jetzt Berichte, die der Bologna Reform in Deutschland ein eher schlechtes Zeugnis […]

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