And the flames went higher…

Wie schon am Ende des letzten Semesters deutlich wurde („Bologna brennt – aber nur ein bisschen“) häufen sich jetzt Berichte, die der Bologna Reform in Deutschland ein eher schlechtes Zeugnis ausstellen (siehe dazu auch „Bologna wackelt“ im FSI Blog). Und auch in anderen europäischen Staaten wächst der Widerstand gegen Bologna (siehe dazu z.B. „Von Bologna nach Barcelona“, AStA FU Blog).

Die taz berichtete unlängst, dass die Zahl der psychotherapeutischen Beratungen an Berliner Unis in nur zwei Jahren um 50 Prozent gestiegen sei – was auf die neuen BA-Studiengänge zurückgeführt wird:

„(…) Denn mit der Einführung der Bachelorstudiengänge stieg die psychische Belastung der Nachwuchsakademiker. ‚Wir beobachten, dass der Beratungsbedarf stark ansteigt‘, sagt Sigi Oesterreich, Psychotherapeutin bei der Beratungsstelle des Studentenwerks, das Studenten aller Berliner Universitäten betreut. Im Jahr 2005 gab es 1.000 Neuanmeldungen, letztes Jahr seien es schon 1.440 gewesen. ‚Diese Entwicklung führen wir auf die Einführung des Bachelor-Systems zurück‘, sagt Oesterreich. („Der Bachelor stresst die Studierenden“, taz, 12.04.08)

Selbst der Tagesspiegel kommt nicht umhin, zunehmend kritisch über den Bologna Prozess und hier insbesondere über die Bachelor-Einführung zu berichten. Am 18.04. war die zu große Arbeitsbelastung am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FU Thema:

„60 Prozent der Bachelor-Studierenden an der Freien Universität seien bereits mit ihrem Studium im Rückstand, schätzt Lars Kubina, der Vorsitzende des studentischen Fachschaftsrats. Die Studierenden müssten 60 bis 70 Stunden pro Woche für ihr Studium aufwenden. ‚Das ist kaum zu schaffen‘, sagt Kubina.

(…) Lutz Kruschwitz, der Vorsitzende des Prüfungsausschusses des Fachbereichs, sagte auf Anfrage, auch er beobachte, dass viele Studierende nur an drei und nicht wie vorgesehen an fünf Klausuren pro Semester teilnähmen. Doch sei die Arbeitsbelastung für die Studierenden nicht zu hoch. Der ‚workload‘ sei mit 8,25 Stunden pro Tag zu bewältigen. Ein Großteil der Studierenden jobbe aber – nicht immer aus Not, sondern um sich einen hohen Lebensstandard leisten zu können.“ („Der Bachelor als Bürde“, Tagesspiegel, 18.04.08)

Während man hier noch versucht das Problem von offizieller Seite zu leugnen (Workload ist nicht zu hoch; jobben für einen „hohen Lebensstandard“, usw.) ist man an anderer Stelle immerhin schon soweit, eine Zielverfehlung einzuräumen, wie ein weiterer Artikel vom 19.04. deutlich macht:

„Die Rektoren von 258 deutschen Hochschulen treffen sich an diesem Montag in Jena zu ihrer zweitägigen Jahresversammlung. Das Thema: die Qualität des deutschen Hochschulsystems. Ein Ziel der Umstellung auf Bachelor-Abschlüsse war es, die Abbrecherquote zu senken. Doch laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ist dieser Anteil in den straff organisierten Bachelor-Studiengängen zu hoch.

‚Oftmals wurden die Inhalte, die früher in einem Studiengang mit neun Semestern vermittelt wurden, in sechs Semester gepackt‘, bemängelte Wintermantel. Das überfordere viele Studenten. ‚Es kann nicht sein, dass die Zahl der Studienabbrecher auf diesem hohen Niveau bleibt.'“ („Hochschulrektoren sorgen sich um Zahl der Studienabbrecher“, Tagesspiegel Online, 19.04.08)

Selbst das HIS ist also inzwischen dahinter gekommen, dass die Bologna Reform die Abbrecherquote nicht senken konnte, sondern sie im Gegenteil weiter in die Höhe treibt. Grundsätzlicher Konsens scheint dabei zu sein, dass ein wesentlicher Teil der Lösung darin bestehen muss, die Lehre zu stärken. Wie, wo, wann und in welchem Umfang wird allerdings nie konkretisiert.

Selbst wenn nun aber die Lehre massiv ausgebaut würde, würde dies das Workload-Problem noch nicht lösen. Den Inhalt eines alten neun- oder zehn-semestrigen Magister/Diplom-Studiums in ein sechs-semestriges Bachelor-Studium zu stopfen ist in der Tat Irrsinn. Vergleichbare Probleme lassen sich bei der G8-Reform der Gymnasien erkennen.

Das vermutlich größte Problem wird allerdings wohl nie gelöst werden können, da es von den Verantwortlichen nicht als solches wahrgenommen wird: die Verschulung des universitären Studiums. Zwar gibt es auch hier inzwischen Dozierende die das stark bemängeln, doch scheinen sie nicht die tonangebenden Kräfte zu sein. So kann man in einem weiteren Artikel vom 21.04. nachlesen:

„‚Bachelor und Master rücken dankenswerterweise die Studierenden in den Mittelpunkt der Hochschulen.‘ Das erklärte Imke Buß vom bundesweiten ‚Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften‘ (FZS) jetzt in Bonn auf einer Tagung der Initiative ‚Promoting Bologna in Germany‘, die die Hochschulreform unterstützt.

Die neue Studienstruktur mit Lernbausteinen (Modulen) und Leistungspunkten in jedem Semester gebe nicht zuletzt den Professoren klare Unterrichtsziele vor und erhöhe damit die Qualität der Lehre. Verschulung ist für Buß kein Schimpfwort, wenn damit eine klare Studienorganisation mit inhaltlichen Variationsspielräumen gemeint sei. Alle Bologna-Unterstützer aus Hochschulen und Unternehmen stimmten der Studentenvertreterin zu.“ („Bachelor-Fans ziehen Bilanz“, Tagesspiegel, 21.04.08)

Falls es noch irgendwelche Zweifel daran gab, dass der FZS am Ende ist, so sollten sie spätestens mit diesem Statement von Imke Buß hinfällig sein. Ich meine ein „freier Zusammenschluss von Studteninnenschaften“ der Lobbying für eine Reform betreibt, die für die Studierenden quer durch die Republik zur Crux geworden ist, ist eigentlich obsolet.

BA und MA „rücken die Studierenden in den Mittelpunkt der Hochschulen“? Studierende werden durch die Reform stärker denn je entmündigt, die Lehre dümpelt vor sich hin, der Workload explodiert, die Verschulung macht den BA zur erweiterten gymnasialen Oberstufe, die psychotherapeutischen Beratungen steigen durch den Druck um 50%. Und was denn für „inhaltliche Variationsspielräume“? Träum weiter, Buß.

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2 Antworten to “And the flames went higher…”

  1. Der Bologna Prozess als SPIEGEL-Titelstory « FUwatch Says:

    […] Ergebnisse der Bologna Reform werden klar benannt, empirisch untermauert (z.B. anhand der auch hier bereits auch schon angesprochenen HIS-Studie) und mit zahlreichen Fallbeispielen […]

  2. Verhältnismäßig schwache Vollversammlung « FUwatch Says:

    […] kann man dies z.B. bei FUwatch zuletzt unter “And the flames went higher…” und “Der Bologna Prozess als SPIEGEL-Titelstory” nachlesen. Mathias selbst hat […]

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