Der Bologna Prozess als SPIEGEL-Titelstory

Nachdem ich wegen der aktuellen Titelstory, „Die Turbo-Uni“, nach Jahren das erste Mal wieder eine Printausgabe des Spiegels erworben hatte (das letzte Mal kostete er noch 5 DM), war ich dann doch etwas enttäuscht wie relativ dünn der Artikel für eine Titelgeschichte war.

Immerhin: Die desaströsen Ergebnisse der Bologna Reform werden klar benannt, empirisch untermauert (z.B. anhand der auch hier bereits schon angesprochenen HIS-Studie) und mit zahlreichen Fallbeispielen flankiert.

Zur Sprache kommen so ziemlich alle zentralen Probleme: Statt der angestrebten internationalen Vergleichbarkeit ist diese jetzt nicht mal mehr innerhalb von Deutschland gewährleistet, da jede Uni ihre „eigene Reform“ mit eigenen Studiengängen durchführt; sechs semestrige Bachelors werden im europäischen Ausland oft nicht anerkannt (weil dort acht Semster Standard sind); die Abbrecherquote wurde in vielen Studiengängen nicht wie geplant gesenkt, sondern hat sich im Gegenteil noch erhöht; die Studierenden fühlen sich überfordert und suchen mehr als zuvor psychologische Hilfe auf; viele Studierende wollen können aber kein Praktikum im Ausland machen, da ihr Studiengang zu dicht aufgebaut ist; Studierende ohne finanzielle Hilfe ihrer Eltern werden mehr denn je benachteiligt, denn nebenher noch einen Job zu bewältigen ist nahezu unmöglich; die Mehrheit will nach dem BA noch einen MA machen, doch das Gros der Ressourcen wurde in den BA gepumpt, weshalb eben nicht jeder einen MA draufsatteln kann; es mangelt an Dozierenden in der Lehre, obwohl mehr denn je Betreuung wichtig wäre; viele Studierende fühlen sich eingeengt und wie in der Schule; insgesamt sinkt die Anzahl der Studienbeginner_innen in einigen Bundesländern, obwohl Deutschland mehr Akademker_innen bräuchte (hier also „Standortlogik“).

Etwa in der Mitte des Artikels drehen die Autoren (es sind derer sechs) dann aber die Stoßrichtung um 180°: Die Wirtschaft habe zwar immer noch Vorbehalte, weil junge Absolvent_innen ohne genügend Praxiserfahrung auch nicht das Gelbe vom Ei sind, insgesamt stehen sie der Entwicklung aber positiv gegenüber, der BA findet zunehmend Akzeptanz. Wenn jemand dem alten humboldt’schen Ideal hinterher trauert, sind das eher die Dozierenden. 46% der Studierenden sind dagegen trotz aller Kritik, Leistungsdruck, Umstellungs-Chaos, etc. mit dem neuen System zufrieden – angeblich mehr als in den alten Studiengängen. Und so geht es dann munter weiter, der AStA der Uni Hamburg wird als Prototyp eines modernen neuen AStAs skizziert (mit Corporate Idenity, Office, etc.), Unternehmensberater und Banken feiern die neuen BA-Absolvent_innen regelrecht, usw.

Der Artikel endet schließlich damit, dass selbst Dozierende die dem alten humboldt’schen Ideal noch nachtrauern aus pragmatischen Gründen kapitulieren und sagen, die Bedingungen haben sich nun mal geändert und sie hätten gar nicht anders gekonnt, als die Unis diesen neuen Bedingugen anzupassen.

Natürlich kann man dem Spiegel vorwerfen, dass er hier einen anfangs sehr kritischen Artikel gegen Ende auf ein „Es-ist-nicht-schön-aber-muss-eben-einfach-sein“ runterdrückt.

Nur sind diese Befürworter_innen ja keine Phantome, nicht nur in der Wirtschaft, auch unter den Studierenden findet der verschulte Bachelor eben durchaus Akzeptanz, so nach dem Motto, je schneller ich mit der Uni fertig, desto besser. Und wenn es in der „Übergangsphase“ Pannen gibt, nimmt man diese letztlich genauso hin, wie die Verschulung, die viele Studierende neuerer Generation eben durchaus auch als entlastend wahrnehmen.

Und wenn darauf verwiesen wird, das Verhältnisse, die die Studierenden in den 70er und 80er Jahren noch zum Aufstand getrieben hätten, heute von einer breiten Masse weitgehend und unter ein wenig Nörgeln hingenommen werden, wer wollte da widersprechen? So aktiv manche Protestbewegung auch sein mag, wie verhält sich denn das Verhältnis von Teilnehmenden zu Nicht-Teilnehmenden? Wie lange dauert so eine aktive Protestphase im Schnitt an?

Fazit

Jemandem der sich mit dem Bologna Prozess befasst oder selbst von ihm betroffen ist, bringt diese Titelgeschichte wenig neue Erkenntnisse. Die Fakten und die Argumente sind bekannt und konnten in letzter Zeit z.B. in der Berliner Regionalpresse nachgelesen werden. Dennoch hat der Spiegel natürlich auch recht, wenn er sagt, für das Ausmaß dieser Reform und die Probleme die sie erzeugt, ist die öffentliche Aufmerksamkeit bisher noch verhältnismäßig gering gewesen. Und wenn nun Leute durch diesen Spiegeltitel an eine Problematik herangeführt werden, die ihnen bis dato wenig oder gar nicht bekannt war, ist das sicherlich erst einmal ein Zugewinn.

Für eine Titelstory hätte man die Sache jedoch trotzdem noch ausführlicher darstellen können und vielleicht auch mal ein paar neue Fakten rechechieren können, die dann selbst unmittelbar Beteiligten noch nicht geläufig gewesen wären.

Advertisements

Eine Antwort to “Der Bologna Prozess als SPIEGEL-Titelstory”

  1. Verhältnismäßig schwache Vollversammlung « FUwatch Says:

    […] kann man dies z.B. bei FUwatch zuletzt unter “And the flames went higher…” und “Der Bologna Prozess als SPIEGEL-Titelstory” nachlesen. Mathias selbst hat bekanntlich mit “Der Mythos vom besseren Studium” auch […]

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: