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Neues in der Scharenberg-Affäre

Mai 20, 2008

Es gibt Neues im Fall der so genannten Scharenberg-Affäre (siehe „Die Scharenberg-Affäre“). Durch einen Spiegel Online Artikel wurde im Herbst 2007 bekannt, dass das FU Präsidium ein Veto bei der Berufung Dr. Albert Scharenbergs auf eine Juniorprofessur eingelegt hatte – angeblich aus einer politischen Motivation heraus („Linke Nummer an der FU Berlin“, Spiegel Online, 10.09.07).

Auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema nahm neben Scharenberg unter anderem auch die FU Vizepräsidentin Prof. Lehmkuhl teil, die zusicherte es werde ein klärendes Gespräch geben und der Sachverhalt müsse überdacht werden (siehe „Das große Nachdenken“).

Wie Studierende des JFKIs nun berichten, gab es jedoch kein klärendes Gespräch, stattdessen ging das Verfahren zurück an die Berufungskommission (siehe „Neues im ‚Fall Scharenberg'“, FSI Blog, 20.05.08). Die Berufungskommission, inzwischen in veränderter Zusammensetzung, entschied sich alle KandidatInnen neu anzuhören.

Diese öffentlichen Fachvorträge, bei denen dann auch Scharenberg wieder vorsprechen wird, finden jetzt am Freitag (23.05.) im JFK-Institut statt. Sarah und Yuca, zwei Studierende des FSI Students‘ Board, betonen, dass es wichtig sei, dass so viele KommilitonInnen wie nur irgend möglich zu dieser Anhörung kommen, „um zu zeigen, dass der ‚Fall‘ nicht vergessen wurde“.

Die Anhörung der KandidatInnen beginnt bereits um 10 Uhr s.t., Albert Scharenberg wird seinen Vortrag jedoch erst als letzter um 16 Uhr s.t. halten.

Die Scharenberg-Affäre war kein Einzelfall

Januar 2, 2008

Thorsten Stegemann hat mit dem Bildungsjournalisten Karl-Heinz Heinemann ein Telepolis-Interview geführt, in dem – erneut – deutlich wird, dass die Scharenberg-Affäre kein Einzelfall gewesen ist. Sicherlich nichts fundamental Neues, aber trotzdem lesenswert:

„(…) Telepolis: Weltweit haben mehr als 100 ProfessorInnen in einem offenen Brief gegen die Nicht-Berufung von Albert Scharenberg protestiert. War – damit verglichen – der Widerspruch innerhalb Deutschlands nicht recht überschaubar?

Karl-Heinz Heinemann: Das war auch mein Eindruck. Hier haben die Ereignisse nicht besonders viel Aufmerksamkeit erregt.

Telepolis: Worauf führen Sie das zurück?

Karl-Heinz Heinemann: Im Rahmen des Bologna-Prozesses ist eben jeder mit sich selbst beschäftigt. Die meisten Wissenschaftler haben genug damit zu tun, ihre eigenen Angelegenheiten zu sortieren oder ins rechte Licht zu rücken. Da fällt kaum auf, wo noch überall gekürzt und gestrichen wird.

Telepolis: Dabei war Scharenberg kein Einzelfall, wie Sie sagen. Könnten Sie einige weitere Beispiele nennen?

Karl-Heinz Heinemann: Als es in Frankfurt vor einiger Zeit um die Berufung von Alex Demirovic ging, der erklärtermaßen die Kritische Theorie vertrat, hat sich der jetzige Präsident Rudolf Steinberg öffentlich damit gebrüstet, dass er seine Anstellung durch entsprechende Gutachten verhindern konnte. In Bremen werden die international sehr renommierten Lehrstühle für Behindertenpädagogik von vier auf zwei reduziert. Hier hatten Georg Feuser und Wolfgang Jantzen einen innovativen Ansatz vertreten, der gegen die Aussonderung und Stigmatisierung von Behinderten gerichtet war.

In Marburg wird die Nachfolge des Politikwissenschaftlers Frank Deppe blockiert. Deppe galt als letzter Vertreter der von Wolfgang Abendroth begründeten Schule marxistischer Politikwissenschaft. Als sein Schüler Dieter Plehwe auf der Berufungsliste auftauchte, zog es der Marburger Präsident Volker Nienhaus vor, den Lehrstuhl ganz zu streichen.

Telepolis: Sehen Sie darin wirklich eine gezielte Aktion gegen kritische oder gar ‚linke‘ Wissenschaftler? Die Entscheidungsträger sind doch immer andere, oder verkörpern die Unipräsidenten mittlerweile mehrheitlich den gleichen Unternehmertypus?

Karl-Heinz Heinemann: Hier wirken zwei Aspekte zusammen und verstärken sich gegenseitig. Einerseits geht es sicher um politische Disziplinierung, andererseits um die stromlinienförmige Ausrichtung auf den Bologna-Prozess, der auf keinen Fall gestört oder verzögert werden soll. Was die Unipräsidenten angeht, würde ich natürlich kein pauschales Urteil fällen. Allerdings kann man sagen, dass der Unternehmer bei den sogenannten Reformkräften ein gefragter Typ ist – und zwar bundesweit. Unabhängig davon verstehen sich manche Präsidenten – wie etwa Rudolf Steinberg in Frankfurt oder Dieter Lenzen von der FU Berlin – ganz explizit als Vorstandsvorsitzende eines Hochschulunternehmens (…)“

aus: „Kritische Wissenschaft unerwünscht“, Telepolis, 02.01.08

Das große Nachdenken

Oktober 18, 2007

Wie angekündigt kam es am gestrigen Mittwoch zum universitäts-internen Showdown in der „Scharenberg-Affäre“. Die FSI Students’ Board hatte ins JFKI eingeladen, um zu diskutieren, warum zwei dringend benötigte Juniorprofessuren immer noch unbesetzt sind und warum Dr. Albert Scharenberg trotz einhelliger Empfehlung durch die Fachgremien vom FU Präsidium als Bewerber für eine der besagten Juniorprofessuren abgelehnt wurde.

Wie nicht anders zu erwarten erschien der eingeladene FU-Präsident Dieter Lenzen nicht und auch die ebenfalls eingeladene erste Vizepräsidentin Prof. Ursula Lehmkuhl sagte zunächst ihr Kommen wegen anderer Termine kurzfristig wieder ab – erschien dann aber zum Glück doch noch.

Prof. Lehmkuhl als Repräsentantin des Präsidiums saßen Dr. Scharenberg und dessen Doktorvater Prof. em. Wolf-Dieter Narr gegenüber. Moderiert wurde die Veranstaltung von Yuca Meubrink und Sarah Hostmann, zwei Kommilitoninnen aus der FSI Students‘ Board. Weitere erwähnenswerte Akteure mit zentralen Auftritten in der Diskussion waren Prof. Hajo Funke (OSI) und Prof. Harald Wenzel (JFKI). Ebenfalls anwesend aber verhältnismäßig ruhig: Prof. em. Peter Grottian. Sowie zahlreiche weitere Studierende und Dozierende die den Raum 324 im JFKI gut füllten.

Qualifikation und Alter

Herr Scharenberg begann seinen Vortrag damit, dass er sich nicht über seine eigene Qualifikation auslassen wolle, Fakt sei aber, dass ihn die Berufungskommission auf die erste Stelle der Liste gesetzt habe und dieser Vorschlag sei sowohl durch den Fachbereichsrat (FBR) PolSoz als auch durch den JFK-Institutsrat inzwischen jeweils zwei Mal bestätigt worden.

Er würde sich zudem die Frage stellen, wieso das Präsidium eigentlich glaube, besser als die Fachgremien zu wissen, wer für eine Stelle qualifiziert sei und wer nicht. Wozu, so Herr Scharenberg weiter, gäbe es dann die langwierige Berufungsprozedur überhaupt? Dann könne man es doch gleich lassen und das Präsidium die Stellen besetzen lassen. Das, ergänzte Prof. Grottian daraufhin sarkastisch, würde früher oder später sicherlich auch so kommen.

Auch sein zu „hohes Alter“ wollte Dr. Scharenberg als Einwand nicht gelten lassen, schließlich gäbe es an der FU Juniorprofessoren die bei ihrer Ernennung sogar noch älter als er gewesen sein. Herr Funke verwies zudem darauf, dass das Alter grundsätzlich kein Kriterium für eine Absage sein könne, dies verstieße gegen das Antidiskriminierungsgesetz.

Für Prof. Funke ist die Begründung Herr Scharenberg sei zu alt und nicht ausreichend genug qualifiziert allein schon deshalb willkürlich, weil nicht weiter konkretisiert wurde, worauf genau diese Einschätzung eigentlich beruht.

Zu Beginn der Diskussionsrunde sah es so aus, als wolle Frau Lehmkuhl das Problem auf ihren Vorgänger im Vizeamt, Prof. Klaus Hempfer, abwälzen, auf den der ablehnende Brief wegen Herrn Scharenbergs Alter-Qualifikation-Kombination zurückging. Trotz konkreter Nachfrage, wollte Prof. Lehmkuhl aber bis zuletzt nicht verraten, ob sie nun zu der Einschätzung von Herrn Hempfer auf Distanz geht oder nicht.

Dennoch versuchte sie natürlich, die Position des Präsidiums halbwegs zu verteidigen. Man habe sich einfach Herrn Scharenbergs wissenschaftlichen Output im Verhältnis zu seinem Alter angesehen und sei dabei zu der Feststellung gekommen, dass das für die Stelle nicht reiche. Für höhnisches Gelächter im Auditorium sorgt dann Prof. Lehmkuhls Bekenntnis, man sei dabei rein quantitativ vorgegangen, indem man die Anzahl von Herrn Scharenbergs Publikationen gezählt hätte. Und grundsätzlich, so Frau Lehmkuhl weiter, gelte die Faustregel, dass ein Bewerber für eine Juniorprofessur nicht älter als 35 sein sollte.

Befangenheit

Ein weiterer Vorwurf der in der Scharenberg-Affäre eine zentrale Rolle spielt ist der der Befangenheit. Konkret richtet sich dieser Vorwurf gegen die Vorsitzende der Berufungskommission, Prof. Margit Mayer, und den externen Gutachter Prof. Christoph Scherrer.

Von mehreren Beteiligten wurde an Prof. Lehmkuhl aber zunächst die Frage gerichtet, warum der Befangenheits-Vorwurf erst jetzt vorgebracht wurde, während es zunächst ja nur um das angeblich zu hohe Alter und die angeblich zu geringe Qualifikation von Dr. Scharenberg ging. Frau Lehmkuhl konnte das nicht wirklich beantworten, sie deutete nur an, dass der Befangenheits-Vorwurf nicht schon damals als Begründung herangezogen worden sei, weil man die Exzellenz-Bemühungen in denen das JFKI in jener Zeit steckte, nicht durch Negativ-Publicity gefährden wollte. Intern sei die Befangenheits-Thematik schon länger diskutiert worden.

Anschließend entbrannte dann ein hitziger Streit darüber, ob Prof. Mayer und Prof. Scherrer tatsächlich befangen waren oder nicht. Frau Lehmkuhl verwies darauf, dass auf der Website des JFKI nachzulesen gewesen sei, dass Herr Scharenberg bei Prof. Mayer habilitiere. In einer schriftlichen Stellungnahme die verlesen wird machte Frau Mayer jedoch deutlich, dass dies ein Irrtum sei. Herr Scharenberg habe urspünglich die Habilitation angestrebt, das Vorhaben dann aber aufgegeben, da eine Habilitation durch die Einführung der Juniorproffesur nicht mehr von nöten war. Herr Scharenberg sei zudem zu keinem Zeitpunkt ihr (Mayers) Mitarbeiter gewesen. Dr. Scharenberg bestätigt diese Angaben, er würde nicht mit Frau Mayer zusammenarbeiten und natürlich sei er bei seiner Vorbereitung auf die Bewerbung nicht von Prof. Mayer beraten worden.

Daraufhin entwickelte sich eine bizarre Diskussion darüber, ob eine Website als aussagefähige Informationsquelle dienen kann oder nicht. Frau Lehmkuhl vertrat hier die Position, es sei immerhin eine offizielle FU-Website und der Hinweis auf Dr. Scharenbergs Habilitation sei erst entfernt worden, nachdem sie Prof. Mayer daraufhin angesprochen habe.

Zum endgültigen Eklat kam es dann, als die angebliche Befangenheit Scherrers diskutiert wurde. Herr Scharenberg verwies darauf, dass er Prof. Scherrer kaum kenne, er würde ihn nur alle drei Jahre auf einer Tagung sehen und da beschränke sich ihr Kontakt auf ein „Guten Tag“. Und als Herr Scherrer in den 90ern am JFKI tätig war, war er (Scharenberg) dort noch nicht.

Als Prof. Lehmkuhl dann von Herrn Scharenberg wissen wollte, wie viele Publikationen er zusammen mit Prof. Scherrer veröffentlich hat, betonte Dr. Scharenberg noch einmal, keine einzige Publikation mit Herrn Scherrer herausgebracht zu haben, da er ihn wie gesagt kaum kenne. Frau Lehmkuhl erwiderte, dass dies einfach nicht stimme, woraufhin Herr Scharenberg ihr aufgebracht entgegnete, sie solle ihm doch einfach mal eine Publikation nennen, die er angeblich zusammen mit Prof. Scherrer veröffentlicht habe.

Daraufhin verließ Prof. Lehmkuhl für 15 Minuten den Raum, um telefonisch zu recherchieren, welche Arbeiten Herr Scherrer und Herr Scharenberg angeblich zusammen herausgebracht haben sollen. Das Auditorium höhnte, sie solle ihren „Telefon-Joker“ ruhig nutzen, sich dann aber entschuldigen, wenn sie ihre Behauptung nicht belegen könne. Frau Lehmkuhl kehrte zwar zurück, löste den Fall aber nicht auf.

Pikant ist ein weiteres Detail: Prof. Lehmkuhl sah sich selbst offenbar schon einmal dem Vorwurf der Befangenheit ausgesetzt, als sie Vorsitzende der Berufungskommission für eine Juniorprofessur im Bereich „Geschichte“ am JFKI war. In diesem Fall ließ das Präsidium die Liste zurückgehen, Frau Lehmkuhl trat als Vorsitzende der Berufungskommission zurück und die Kandidatin konnte so doch noch angenommen werden. Der entscheidende Punkt: Hier gab es offenbar wirklich eine Kommunikation zwischen Präsidium und Kommission, die eine Lösung des Problems möglich machte. Im Fall von Herrn Scharenberg lehnte das Präsidium den Kandidaten dagegen knallhart ab, eine Kommunikation zum FBR oder der Kommission fand nicht statt bzw. wurde stark verzögert. Der Vorwurf der daraus an das Präsidium abgeleitet wird ist also, mit zweierlei Maß zu messen.

Hajo Funke und das große Nachdenken

Frau Lehmkuhl war gegen Ende der Veranstaltung stark angeschlagen, durch ihr Auftreten konnte sie den Verdacht, bei der Ablehnung von Herrn Scharenberg sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, nicht entkräften. Im Gegenteil hatte sich der Eindruck verstärkt, das Präsidium müsse politische Gründe für das Rauskanten von Dr. Scharenberg gehabt haben.

Herr Funke und Herr Wenzel waren daraufhin bedacht, der eskalierenden Diskussion wieder einen Drift zu geben, der in eine konstruktivere Richtung führen würde. Schließlich sei man ja zusammenkommen, um eine Lösung für das Problem zu finden. Herr Funke hielt noch einmal fest, dass der Befangenheits-Vorwurf unhaltbar sei und machte den Vorschlag, dass man nun die Kommission austauschen und das Verfahren wiederholen sollte, um das Problem zu lösen. Herr Wenzel brachte dagegen eine W2-Stelle als Alternative zur Juniorprofessur ins Spiel.

Schließlich einigte man sich mit Prof. Lehmkuhl darauf, gemeinsam noch mal über die ganze Angelegenheit „nachzudenken“. Herr Funke bezeichnete diese Übereinkunft als echten Fortschritt, was zunächst sarkastisch klang, von ihm aber ernst gemeint war, wie sich dann herausstellte. In vier Wochen will man sich am JFKI erneut zusammenfinden, um eine Lösung zu finden. Bis dahin soll die Kommunikation zwischen den Akteuren verbessert werden.

Wirklich zufrieden schienen die anwesenden Studierenden aber nicht zu sein, sie hatten immer wieder betont, wie sehr man die Stelle für die Lehre benötigen würde und nachgefragt, ob noch die Möglichkeit bestünde, dass die Professur noch in diesem Semester besetzt würde. Einerseits ist diese Sorge verständlich, andererseits zeugt dieses Auftreten aber auch von einer gewissen Hemdsärmlichkeit. Ein Großteil der anwesenden JFKI-Studierenden war offenbar sehr stark darauf fixiert, dass die Lehre in diesem Semester gewährleistet sein müsse und die Stelle besetzt werden müsste (egal wie und durch wen), der eigentliche, viel weiterreichende Skandal der im äußerst undemokratischen Vorgehen des Präsidiums besteht, spielte für sie offenbar nur eine eher untergeordnete Rolle.

Fazit

Trotz mehrfacher Nachfrage hat sich Frau Lehmkuhl nicht dazu geäußert, welche der Vorwürfe gegenüber Herrn Scharenberg das Präsidium jetzt eigentlich noch aufrecht erhalten möchte. Und das obwohl die Diskussion deutlich gezeigt hat, dass alles was sich das Präsidium an Argumenten zurecht gelegt hat, einer genaueren Überprüfung nicht standhält.

In der vielleicht etwas naiven Vorstellung, das Präsidium unter Lenzen sei rationalen Argumenten zugänglich (die ganze Affäre beweist eigentlich, dass das nicht der Fall ist), haben Herr Funke und Herr Wenzel die aus dem ruderlaufende Diskussion wieder eingefangen und Prof. Lehmkuhl mit der „Nachdenken“-Option den Rettungsstrohhalm gereicht, den sie am Ende so dringend benötigte. Wann immer zum Schluss noch eine konkrete Frage an Frau Lehmkuhl gerichtet wurde, brauchte diese einfach nur sagen, „Das klären wir nach dem ‚Nachdenken'“ oder „Darüber wollen wir ja jetzt erst einmal nachdenken“.

Die Frage ist: Wie kommt das bei Lenzen an? Nun, er hat einmal mehr gesehen, dass er die Dinge aussitzen kann, dass er einfach nur Zeit schinden braucht, dass sich seine inneruniversitären Opponenten im Zweifelsfall immer wieder vertrösten lassen. Aber nun gut, wir werden ja sehen, was dann in vier Wochen tatsächlich passiert. Meine Prognose: Man wird sich erneut vertagen. Der mediale Hype um die Affäre, den man jetzt vielleicht noch nutzen könnte, wird dann in jedem Fall aber längst abgeklungen sein.

Die Scharenberg-Affäre

Oktober 16, 2007

Die „FSI Student Board“ (manchmal auch „FSI Students‘ Board“ geschrieben) lädt zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Wo bleiben unsere Juniorprofessuren?“ am 17.10. um 14 Uhr im JFKI, Raum 340 ein.

Eingeladen sind FU-Präsident Dieter „Eames Chair“ Lenzen (aka Dieter der Gebieter), die erste FU-Vizepräsidentin Prof. Ursula Lehmkuhl (am JFKI beheimatet) sowie alle Lehrenden und Studierenden.

Um was geht es?

Das JFKI eröffnet in diesem Semester seine „Graduate School of North American Studies“, das „exzellente“ Aushängeschild der FU (am Freitag sehen wir, ob es dabei bleibt oder die FU noch „höhere Weihen“ erhält). FU-Präsident Lenzen brauchte diese Graduierten-Schule dringend, sie ist praktisch die Rampe zum Aufstieg der FU zur Eliteuni. Diese zentrale Bedeutung vor Augen, wurden dem JFKI sechs Juniorprofessuren versprochen.

Und tatsächlich konnte sich die FU mit dem Konzept der „Graduate School of North American Studies“ dann in der ersten Exzellenzrunde durchsetzen. Doch trotz durchgeführter Berufungsverfahren fehlen mehr als eineinhalb Jahre später immer noch zwei Juniorprofessoren, die am Institut dringend benötigt werden.

Eine dieser beiden Stellen sollte durch Dr. Albert Scharenberg besetzt werden, der schon länger an der FU tätig ist und sich im Berufungsverfahren gegen andere Kandidaten durchsetzen konnte (inkl. externer Gutachten, etc.). Er wurde auf die erste Stelle der Berufungsliste gesetzt und der Vorschlag wurde sowohl durch den Fachbereichsrat Politik- und Sozialwissenschaften als auch durch den JFK-Institutsrat inzwischen jeweils zwei Mal bestätigt.

Damit war die Sache eigentlich endlich erledigt, doch FU-Präsident Lenzen stellte sich quer und leitete die Liste nicht, wie im Landeshochschulgesetz vorgesehen, an Wissenschaftssenator Jürgen „Dagobert“ Zöllner weiter. Offizielle Begründung: Scharenberg sei „im Hinblick auf sein Lebensalter (42 Jahre) in keiner Weise ausreichend wissenschaftlich qualifiziert, um auf Exzellenzniveau in einem Bereich mitzuarbeiten, der als bisher einziger im Exzellenzwettbewerb erfolgreich war“ (offizielle Begründung des FU-Präsidiums zitiert nach Spiegel Online, 10.09.07)

Fadenscheinige Begründung

Beide Argumente, das vermeintlich zu hohe Alter gekoppelt mit der angeblich mangelnden Qualifikation, sind lächerlich. Bezüglich des Alters schreibt Michael Plöse in einem lesenswerten und ausführlichen Artikel:

„Selbst für Juniorprofessuren macht § 102a des Berliner Hochschulgesetzes das Alter der Kandidaten explizit nicht zur Voraussetzung. Und auch andere Juniorprofessorinnen und -professoren an der FU sind bei ihrer Einstellung deutlich älter als 40 Jahre gewesen.“ („Der Professorenschlag“, Telepolis, 15.10.07)

Und auch die zweite Aussage, Scharenberg sei wissenschaftlich nicht ausreichend qualifiziert, um das „Exzellenzniveau“ zu halten, trägt nicht:

„Dr. Albert Scharenberg ist Historiker und Politologe. Als Nordamerika-Spezialist ist er seit Jahren Lehrbeauftragter für Politik und Amerikastudien am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin und Redakteur der renommierten Blätter für deutsche und internationale Politik. Bereits drei Monographien hat der Verlag Westfälisches Dampfboot von Scharenberg herausgebracht. Selbst die Einführungsvorlesung im Nordamerikastudiengang hat er gehalten.“ (ebd.)

Zudem: Sowohl FU-interne als auch externe Fachleute haben Scharenberg seine Qualifikation bescheinigt. Offensichtlich ist die Begründung für die Ablehnung durch das FU-Präsidium also nur vorgeschoben. Es stellt sich folglich die berechtigte Frage, was denn nun die tatsächlichen Gründe für eine Intervention seitens Lenzen waren.

Der Verdacht: Die Ablehnung war politisch motiviert

Mitte September entschließt sich der Spiegel-Autor Philipp Wittrock Licht ins Dunkel zu bringen und veröffentlicht bei Spiegel Online einen Artikel aus dem hervorgeht, dass die Kollegen von Scharenberg an der FU politsche Gründe vermuten („Linke Nummer an der FU Berlin“, Spiegel Online, 10.09.07). Demnach war Scharenbergs Tätigkeit im Kuratorium der linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) ausschlaggebend für Lenzens Veto.

Beweise gibt es für dieses Gerücht nicht, aber es hält sich hartnäckig, gerade weil eben die offizielle Begründung für die Ablehnung wie ausgeführt ausgesprochen fadenscheinig ist. Erdrückend für Lenzen ist, dass es eben offensichtlich nicht nur eine Einzelstimme ist, die unterstellt, das Präsidium habe Scharenberg aus politischen Gründen abblitzen lassen, diese Ansicht scheint im Institut viel mehr „common sense“ zu sein:

„‚Es steckt mehr dahinter als das Alter‘, sagt ein Mitglied [der Berufungskomission, Anm. FUwatch]. Ein anderes sagt: ‚Alle wissen, dass die Entscheidung irrational ist, sie hat allein einen politischen Hintergrund.‘ Aus dem Umfeld des Präsidiums wird fast schon Abscheu für die Kuratoriumstätigkeit Scharenbergs überliefert: ‚Stellen Sie sich vor, der ist in der Rosa-Luxemburg-Stiftung.‘ Hinter verschlossenen Türen werde auf höchster Ebene über linke Seilschaften und Verschwörungen spekuliert.“ („Linke Nummer an der FU Berlin“, Spiegel Online, 10.09.07)

Der Fall Scharenberg ist allerdings auch nicht der erste Skandal an der FU in dieser Richtung. So sollte z.B. 2005 nach Lenzens Wille der Chefredakteur des Magazins „Cicero“ (für das Lenzen auch schreibt), Wolfram Weimer, den Lehrstuhl für journalistische Praxis besetzen – entgegen der wissenschaftlichen Empfehlung. Schließlich zog Weimer dann seine Bewerbung aber zurück.

Die „Scharenberg-Affäre“ wurde dann von weiteren Zeitungen aufgegriffen, unter anderem von der Berliner Morgenpost (11.09.07), dem Neuen Deutschland (12.09.07), der Berliner Zeitung (14.09.07), der jungen Welt (22.09.07) und jetzt.de (26.09.07). Und auch der AStA FU verurteilt in einer Pressemitteilung das „autoritäre Eingreifen des Präsidiums“ („Berufungsverfahren am John-F.-Kennedy Institut der FU Berlin“, AStA FU, 13.09.07).

Offener Brief von 200 Wissenschaftlern an den Präsidenten

Am gestrigen 15.10. erschien dann ein offener Brief als Anzeige im Berliner Tagesspiegel, der von rund 200 deutschen und internationalen Wissenschaftlern unterschrieben war:

„(…) Dass wir uns in dieser Personalangelegenheit, die normalerweise aus gutem Grund nicht öffentlich behandelt wird, an Sie wenden, liegt an den Gerüchten, die uns – wie auch sicherlich Ihnen – seither zu Ohren gekommen sind und die Ihren angeblich wahren Motiven gelten, die Berufungsliste Scharenberg nicht weiterzureichen (vgl. die Berichterstattung bei ‚Spiegel Online‘ sowie in ‚Berliner Zeitung‘, ‚Berliner Morgenpost‘ u.a.).

Wir wenden uns an Sie in der tiefen Sorge um die wissenschaftliche Freiheit, auf die sich die Forschung und Lehre an der FU, schon in ihrem Namen und Logo, stolz beruft. Uns scheint der Gedanke, politische Antipathien – und zwar der Umstand, dass Dr. Albert Scharenberg auch dem Kuratorium der Rosa-Luxemburg-Stiftung angehört – könnten bei diesem Berufungsverfahren eine entscheidende Rolle gespielt haben, gänzlich mit dem an Exzellenz orientierten Anspruch und dem freiheitlichen Geist der FU unvereinbar zu sein. Und es wäre zweifellos verheerend für die Freie Universität, wenn sich der Eindruck verfestigte, hier würden Professuren nach politischer Opportunität besetzt.

Da wir uns mit Ihnen einig wissen, dass wir Schaden von der FU Berlin abwenden wollen, da wir uns weigern anzunehmen, Sie seien dabei, um kleinlicher, gar oberflächlich politischer Einwände willen nicht primär der Person Dr. Albert Scharenberg, wohl aber der Sache Nordamerikastudien in Forschung und Lehre sowie der akademischen Freiheit an der FU Berlin zu schaden, appellieren wir an Sie, das Fehlverhalten des Präsidialamts umgehend zu korrigieren (…)“ (Offener Brief an den Präsidenten der FU, 14.10.07)

Die Liste der Unterzeichner macht vor allem deutlich, dass das Vorgehen des FU Präsidiums nicht nur innerhalb von Deutschland, sondern auch international Irritationen hervorgerufen hat.

Die Reaktion des Präsidiums

Das Präsidium weist den Vorwurf der politischen Opportunität natürlich „aufs Schärfste zurück“, wie es in der heutigen Ausgabe des Tagesspiegels heißt („Der Fall Scharenberg“, Tagesspiegel, 16.10.07). Viel mehr sei die Entscheidung der Berufungskommission rechtlich beanstandet worden:

„Ein Mitglied der Kommission und ein Gutachter seien Scharenberg gegenüber befangen gewesen, und dies hätten sie verschwiegen (…) Aus der Universität ist zu hören, dass die Vorsitzende der Kommission, die Politologin Margit Mayer, Scharenbergs Habilitation betreute.“ („Der Fall Scharenberg“, Tagesspiegel, 16.10.07)

Bei Spiegel Online wird dagegen deutlich, wer der besagte befangene Gutachter sein soll:

„Welches Mitglied der Berufungskommission das Präsidium nun als befangen erachtet, ist unklar. Was die externen Gutachter angeht, ist der Uni-Spitze – nach einem nunmehr monatelangen Verfahren – offenbar aufgefallen, dass der Kasseler Wissenschaftler Christoph Scherrer in den 90er Jahren am JFK-Institut wissenschaftlicher Assistent Margit Mayers war, die nun der Berufungskommission für die Juniorprofessur vorsitzt. 1999 habilitierte Scherrer am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU.“ („Professoren kritisieren FU-Präsidenten“, Spiegel Online, 15.10.07)

Nimmt man die Informationen vom Tagesspiegel und Spiegel Online zusammen, so sind es offenbar Scherrer als externer Gutachter und Mayer als Vorsitzende der Berufungskommission, die man im Präsidium für befangen hält.

Ein insgesamt eher schwaches Ausweichmanöver (zudem es verhältnismäßig spät kommt), der Rückhalt für Scharenberg ist groß, von allen Fachleuten wurde ihm bestätigt von den BewerberInnen für die Stelle die erste Wahl zu sein. Zusätzlich buddelt der Tagesspiegel noch den ehemaligen Vizepräsident der FU, Klaus Hempfer, aus:

„Das Politische werde von den Briefschreibern ‚hochgespielt‘, sagt Hempfer, der sich einst in der ‚Notgemeinschaft‘ an der Freien Universität engagierte. Die Notgemeinschaft war bis 1990 eine Gruppe konservativer Professoren, die die FU gegen den Einfluss linker Hochschullehrer und -gruppen verteidigen wollte. Hinter dem Brief stünden offenbar ‚interessierte Kreise‘, die der FU im Elitewettbewerb schaden wollten, so Hempfer. Es könne kein Zufall sein, dass er wenige Tage vor der Entscheidung am kommenden Freitag erschienen sei.“ („Der Fall Scharenberg“, Tagesspiegel, 16.10.07)

Wie hieß es weiter oben im Spiegel Online Zitat noch über das Präsidium: „Hinter verschlossenen Türen werde auf höchster Ebene über linke Seilschaften und Verschwörungen spekuliert“ („Linke Nummer an der FU Berlin“, Spiegel Online, 10.09.07).

Dass Präsident Lenzen der Einladung ins JFKI am Mittwoch folgt, ist eher unwahrscheinlich (wir erinnern uns ja noch gut an den Dezember 2005). Vielleicht erscheint aber wenigstens Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl um mit Scharenberg und den FU-Studierenden die fragwürdige Personalpolitik an der FU zu diskutieren. Voll werden dürfte es jendenfalls im JFKI.