Mehrheit für Berufung von Chojnacki und Zürcher im FBR

Wie der Kommilitone Günter Barsch im Tagesspiegel berichtet, hat eine Mehrheit in der letzten Sitzung des Fachbereichsrats (FBR) PolSoz („Berufung von Chojnacki und Zürcher erneut angesetzt“) die Berufung von Sven Chojnacki (Vergleichende Politikwissenschaft und empirische Friedensforschung) und Christoph Zürcher (Vergleichende Politikwissenschaft und Sicherheitspolitik) beschlossen. Günter fasst die dieser Entscheidung vorausgegangene Auseinandersetzung wie folgt ganz treffend zusammen:

„Das Gremium bestätigte damit eine Entscheidung, die in den Semesterferien aufgrund eines Studenten-Vetos vertagt, dann aber im September gefällt wurde – allerdings ohne Beteiligung mehrerer Professoren, die von ihrem Recht Gebrauch machen wollten, an den Personalentscheidungen mitzuwirken.

In Protestschreiben an Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner beklagten die Professoren sowie Studentenvertreter und die Frauenbeauftragte des Fachbereichs außerdem, dass Struktur- mit Personalentscheidungen verquickt wurden. Zudem sei versucht worden, die Berufungen ohne öffentliche Ausschreibung in den Ferien ‚durchzuboxen'“. („FU-Politologen einigen sich über Professuren“, Tagesspiegel, 12.12.08)

Wie Günter weiter berichtet, hat Dekanin Prof. Riedmüller deutlich gemacht, dass der Wissenschaftssenator die Berufungsliste keineswegs wegen Verfahrensfehler zurückgewiesen habe, was die Senatsverwaltung gegenüber dem Tagesspiegel dann auch bestätigte. Zöllner habe lediglich dazu geraten, die Abstimmung erneut durchzuführen zu lassen – „im Sinne des Klimas am Institut“ (zitiert nach ebd.).

In einem Eintrag im Hauptstadtblog hat Günter inzwischen weitere Details zu der Abstimmung im FBR veröffentlicht („Kein Kompromiss bei FU-Politologen“, hauptstadtblog.de, 13.12.08). Für die Berufung Chojnackis sprachen sich demnach 24 TeilnehmerInnen aus, 13 stimmten gegen die Berufung, eine Person enthielt sich. Für Christoph Zürchers Berufung stimmten 19 TeilnehmerInnen, 17 dagegen und 2 enthielten sich. Insgesamt waren also offenbar 38 stimmberechtigte Personen anwesend (32 ProfessorInnen, 3 Studierende und 3 wissenschaftliche MitarbeiterInnen). Die Abstimmung war nichtöffentlich.

Hitzige Debatte im Vorfeld

Unmittelbar vorausgegangen war der Abstimmung eine teils hitzig geführte Debatte zwischen den beiden Lagern. Relativ ausführlich kann man dies im FSI OSI Blog nachlesen:

„Schnell wurde klar, dass es für viele der Anwesenden nicht nur um die erneute Entscheidung über zwei umstrittene Berufungsverfahren ging. Viele der das Verfahren kritisierenden Profs (…) kritisierten vor allem die oft informelle aber mächtige Einflussname der im Sonderforschungsbereich und den Internationalen Beziehungen tätigen KollegInnen (…)

Weiterhin stellten sich viele Redebeiträge gegen eine Verlagerung des Schwerpunktes des OSI als ganzem hin zu einem ‚reinen IB-Institut‘ (Bolle). Allerdings blieb es während der öffentlichen Debatte sehr oberflächlich und kam eher nur zu Äußerungen allgemeinen Unwohlseins über die Situation.“ („Von Abwehrrufen, professoralem Zerfleischen – Zur Diskussion im FBR vom 10.12.08“, FSI OSI Blog, 14.12.08)

Tenure Track als letzte Rettung der Vollprofessur Ideengeschichte?

Dass es am Ende dennoch für eine Mehrheit für beide Berufungen gereicht hat, führt man bei der FSI OSI primär darauf zurück, dass in Aussicht gestellt wurde, die neue Juniorprofessur Ideengeschichte mit Tenure Track auszustatten (wie das bei der Juniorprofessur „Moderne politische Theorie und Wissenschaftstheorie“ (Ladwig) zur Zeit ja bereits der Fall ist). Tenure Track bietet den Vorteil, dass eine normalerweise befristete Juniorprofessur hier nach einem bestimmten Zeitraum automatisch zur Vollprofessur wird. Den Stimmberechtigten wurde also in Aussicht gestellt, dass es doch noch eine Vollprofessur Ideengeschichte geben kann, was die zentrale Forderung der KritikerInnen war.

Ob die neu auszuschreibende Juniorprofessur allerdings wirklich mit Tenure Track versehen wird, soll am morgigen Mittwoch (17.12.) im Institutsrat (IR) geklärt werden. Dieser tritt um 9 Uhr in der Ihne21 Hörsaal B zusammen, um unter anderem auch die „Ausschreibung und Berufungskommission der Juniorprofessur ‚Politische Theorie und Ideengeschichte'“ zu diskutieren. Auf studentischer Seite ist man immer noch skeptisch, ob das in Aussicht gestellte Tenure Track wirklich in die Ausschreibung gelangt und einen verbindlichen Charakter erhält. Ein möglichst zahlreiches Erscheinen auch von Studierenden erscheint auf der morgigen IR-Sitzung daher mal wieder dringend nötig.

Zürcher der „Problem-Prof“

Auffällig bei der Abstimmung war, dass das Ergebnis im Falle Zürchers doch deutlich knapper ausfiel als bei Chojnacki. Dafür werden verschiedene Gründe angeführt.

Zunächst wäre zu nennen, dass die Grundlage der beiden „verschlankten Berufungsverfahren“ eine so genannte „Rufabwehr“ war. Zürcher und Chojnacki hatten angeblich beide einen Ruf von einer anderen Universität erhalten, um sie an der FU zu halten mussten ihnen zügig unbefristete Stellen angeboten werden. So das Argument der Berufungsbefürworter.

Im Fall von Chojnacki lässt sich das leicht belegen, er hatte einen Ruf der Uni Kiel erhalten. Zürchers Ruf von einer anderen Uni blieb jedoch „geheim“, er lag angeblich nur dem Präsidium vor, niemand der Anwesenden im FBR hatte ihn je zu gesicht bekommen, was zumindest einigen Abstimmungsberechtigen offenbar recht suspekt erschien.

Es besteht darüber hinaus rechtlich aber auch noch ein Unterschied, ob ein Kandidat wie im Falle Chojnackis vom Juniorprofessor zum Vollprofessor erhoben wird oder aber er wie Zürcher bereits eine befristete Vollprofessur inne hatte und nun eine entfristete Stelle antreten soll.

Wolf Dermann hatte in einem FUwatch-Kommentar unlängst verdeutlicht, dass das Berliner Hochschulgesetz sehr wohl und ausdrücklich vorsieht, dass ein bereits an der Uni tätiger Juniorprofessor zum Vollprofessor „befördert“ werden kann (auch auf eine völlig neue Professur), ohne sich dafür einem Berufungsverfahren stellen zu müssen (§ 94, Abs. 2, Satz 2 BerlHG). Nach § 101, Abs. 5, Satz 1-2 BerlHG wäre die Berufung Chojnackis nur dann nicht möglich, wenn er seit seiner Promotion an der FU nicht mindestens zwei Jahre außerhalb der FU wissenschaftlich tätig gewesen wäre. Er war jedoch zwischendurch länger als WiMis am WZB.

Wolf hatte aber in einem Nachtrag auch eingeräumt, dass der Fall Zürcher anders liegt. Denn dieser war ja bisher nicht Juniorprofessor sondern bereits befristet als W2-Voll-Prof tätig.

Unklar ist nach wie vor auf was sich das Rechtsgutachten das der AStA in Auftrag gegeben hatte im Detail stützt. Denn dieses hatte ja offenbar beide Berufungen als rechtwidrig eingestuft. Im Kern der Argumentation geht es aber wohl darum, dass erst eine Stelle im Strukturplan eingerichtet sein muss, bevor über ihre Besetzung entschieden wird – was hier nach Einschätzung der Gutachter nicht der Fall war. Stattdessen stand die Besetzung der Professuren mit Zürcher und Chojnacki bereits fest noch bevor der neue Strukturplan verabschiedet wurde („Neuer OSI-Strukturplan laut Gutachten rechtswidrig“).

Von studentischer Seite wurde Zürcher darüber hinaus auch für seine Forschungsarbeit am SFB kritisiert, die FSI OSI führt aus:

„So hatte Zürcher auf einer Afghanistanreise nachweisbar sowohl für den Sonderforschungsbereich geforscht als auch eine Auftragsarbeit für das Bundesverteidigungsministerium erstellt.

Diese Umfrage, die den Studierenden in Papierform vorlag, legitimiert den Einsatz der Bundeswehr im Ausland und fordert indirekt zur Entsendung von mehr Truppen auf. Zwar wurde dieser Vorwurf der Verstrickung des SFB mit Auftragsforschung zurückgewiesen, da das eine öffentliche Forschung sei und das andere Privatsache. Überzeugend wirkte das Argument auf uns Studierende jedoch nicht. („Von Abwehrrufen, professoralem Zerfleischen – Zur Diskussion im FBR vom 10.12.08“, FSI OSI Blog, 14.12.08)

Trotz all dieser Bedenken reichte es jedoch wie ausgeführt auch für Zürcher am Ende. Auch seine Professur erhielt die benötigte Mehrheit.

Wie wird es jetzt weitergehen?

Zürcher war zu Beginn des Semesters kurzfristig (d.h. ungeplant) ins Ausland entschwunden („Hintertür-Berufung von Chojnacki und Zürcher offenbar gescheitert“), wird nun aber vermutlich die Berufung annehmen und zum nächsten Semester ans OSI zurückkehren.

Doch was ist mit Chojnacki? Der war ja bereits einem Ruf aus Kiel gefolgt (Personalmeldungen der Uni Kiel, August 2008). Cancelt er also seine Tätigkeit dort und kehrt ans OSI zurück? Und wenn nicht, wird die für ihn geschaffene Professur mit einer andere Person besetzt?

Die „Studentische Initiative für politische Theorie am OSI“ – und andere am Erhalt bzw. der Neubesetzung einer Vollprofessur Ideengeschichte interessierte Personen – werden nun versuchen sicherzustellen, dass die Juniorprofessur tatsächlich mit Tenure Track ausgestatett wird, da jetzt nur noch so am Ende tatsächlich auch eine Vollprofessur stehen kann.

Fazit

Die nach Meinung vieler Beobachter fragwürdige Berufung der beiden Professuren ohne Ausschreibung, die erneute Aufwertung des ohnehin schon dominanten Bereichs IB am OSI bei zeitgleichem Abbau der Ideengeschichte hatte an der FU („Bonnie und Clyde gegen den Rest“) und über die FU hinaus („Widerstand gegen Abwertung der Ideengeschichte am OSI“) für viel Kritik gesorgt.

Nachdem der Versuch die beiden neuen Professuren in der Ferienzeit unter Abwesenheit vieler abstimmungswilliger Professoren „durchzuwinken“ gescheitert war, Chojnacki nach Kiel gegangen war und Zöllner die Liste zurückgewiesen hatte, sah es für einen Augenblick wirklich so aus, als hätten die KritikerInnen in dieser Auseinandersetzung die Oberhand gewonnen. Nüchtern muss man nun bilanzieren: Dem war offenbar nicht so. Die beiden Professuren wurden nun doch beschlossen.

Zu hoffen bleibt, dass Chojnacki jetzt wenigstens so konsequent ist und in Kiel bleibt. Bei Zürcher könnte man darauf spekulieren, dass der Vorgang wie hier eine befristete Stelle entfristet wurde (bzw. wie ein befristeter Prof ohne Berufungsverfahren auf eine neue entfristete Stelle „geschoben“ wurde) sich am Ende doch noch als rechtlich nicht haltbar herausstellt. Da die beiden neuen Professuren so eindeutig mit den beiden Personen verzahnt wurden, würden dann wohl auch die beiden Stellen verschwinden. Oder aber, sie existieren vielleicht doch weiter, als unbesetzte Geisterprofessuren im OSI-Strukturplan…

Darüber hinaus wird sich erst noch erweisen müssen, ob die „Tenure Track Option“ eine ernst gemeinte Offerte war oder man die KritikerInnen mit der Möglichkeit dieser Option nur ruhig stellen wollte und in Wahrheit nicht wirklich vorhat, die neue Juniorprofessur mit Tenure Track zu koppeln und damit den Weg zu einer Vollprofessur zu bereiten.

Update 17.12.08

Der Blogeintrag wurde auf Basis von Informationen aus dem FSI OSI Blog redigiert und erweitert. Dies betrifft insbesondere die Tenure Track Thematik und die damit verbundende Frage, ob aus der Juniorprofessur Ideengeschichte nicht doch noch eine Vollprofessur werden kann.

8 Antworten to “Mehrheit für Berufung von Chojnacki und Zürcher im FBR”

  1. ChristianK Says:

    Seit wann sind 19/38 eine Mehrheit? Braucht man nicht 20 Leute um eine absolute Mehrheit bei 38 Teilnehmern zu haben?

  2. Wolf Dermann Says:

    Wie heißt es bei den Juristen so schön? Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung!
    Heute: §47, Abs. 2 Berliner Hochschulgesetz: „Beschlüsse werden mit der Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen gefasst; Stimmenthaltungen bleiben unberücksichtigt.“ Abzüglich zweier nicht zu berücksichtigender Stimmenthaltungen hat die Beschlussvorlage damit eine Mehrheit gefunden.

  3. Stefan Says:

    Wie heißt es bei den Politologen so schön? Recht als Demokratieersatz! (Bezogen auf die BRD…)

  4. dennis Says:

    s. auch http://fsiosi.blogsport.de/2008/12/14/von-abwehrrufen-professoralem-zerfleischen-zur-diskussion-im-fbr-vom-101208/

  5. Niklas Says:

    @Dennis: Ja, leider zu spät gesehen, inzwischen aber auch aufgenommen (siehe oben).

  6. Eklat bereits vor Beginn der Diskussionsveranstaltung zum SFB 700 « FUwatch Says:

    […] im Vorfeld der Berufung Zürchers und Chojnackis zu einer hitzigen Diskussion kam (“Mehrheit für Berufung von Chojnacki und Zürcher im FBR”) flogen auch am Freitag vergangener Woche auf einer Diskussionsveranstaltung zur SFB-Forschung […]

  7. Riedmüller, Rotwein und das “Professorium” « FUwatch Says:

    […] zu einer teilweise hitzig geführten Diskussion unmittelbar vor der zweiten Abstimmung (“Mehrheit für Berufung von Chojnacki und Zürcher im FBR”). Im Zuge dieser Debatte (die sich insgesamt über mehr als eine FBR-Sitzung hinzog) wurde nach […]

  8. Bericht aus dem Akademischen Senat der FU vom 11.02.09 « die fachschaftsinitiativen Says:

    […] Hellmut-Johannes Lange (der oberste Rechtsberater des FU-Präsidiums) den Verlauf der beiden Berufungsverfahren im Fall von Sven Chojnacki und Christoph Zürcher am Fachbereich Politik und Sozialwissenschaften als “völlig rechtmäßig” erklärt […]

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