FU feiert sich mit PR-Film selbst, 68er wieder außen vor

Nicht nur der RBB beschäftigt sich zum 60. Jubiläum der FU mit der Gründerzeit, auch die FU selbst hat einen Film produziert, in welchem die eigene Geschichte beweihräuchert wird.

„Der Film greift mehrere Stationen der Geschichte der Freien Universität auf: die Gründung im Jahr 1948 auf dem historisch bedeutsamen Wissenschaftscampus Dahlem, die Achtundsechziger-Bewegung, die Veränderungen nach dem Fall der Mauer und die Auszeichnungen im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Dabei war die Freie Universität mit mehreren Graduiertenschulen und Clustern sowie mit ihrem Konzept einer internationalen Netzwerkuniversität erfolgreich.“ („Neues Filmporträt der Freien Universität Berlin“, campus.leben, 31.10.08)

Wie vom traditionell „proprietär-lastigen“ CeDiS eigentlich auch nicht anders zu erwarten, wird das elfminütige Video nur im „Windows Media Video“ (WMV) Format über das „Microsoft Media Server Protokoll“ (MMS) als Stream bereitgestellt.

Die Dokumentation zielt im Kern darauf ab, eine durchgängige Erfolgslinie von der FU-Gründung 1948 bis zur Exzelleninitiative 2007 zu ziehen. Oliver Trenkamp fasst das in einem SPON-Artikel so zusammen:

„Die FU feiert diese Geschichte jetzt mit viel Pomp und Pathos. Zu ihrem 60. Geburtstag hat sie sogar einen Werbefilm produzieren lassen, der einen Bogen spannt von der Gründung 1948 bis zur Exzellenzinitiative 2007 – da bekam die FU das Elite-Siegel. Alles wirkt sehr geradlinig, zielstrebig, erfolgsorientiert. Tenor: Eigentlich waren wir immer schon spitze.“ („Student Nummer eins“, Spiegel Online, 02.12.08)

Das Ganze hat System, erst vor kurzem veröffentlichte die FU eine Pressemitteilung in der auf drei neue Bände über die Wissenschaftsgeschichte der FU hingewiesen wurde, die von Siegward Lönnendonker und Stanislaw Karol Kubicki herausgegeben wurden. Titel des ersten Bandes: „Die Freie Universität Berlin 1948–2007. Von der Gründung bis zum Exzellenzwettbewerb“.

Lönnendonker, der von der FSI Geschichte als „ein weiterer nach rechts gewendeter Alt-68er“ beschrieben wird, machte im RBB Film keine gute Figur bzw. hatte zumindest offenbar kein Problem mit der dort verkürzten und tendenziell negativen Darstellung der 68er Proteste an der FU. Der FU-Werbefilm ist dagegen noch stärker als die RBB-Doku auf Kubicki zugschnitten, der als erster an der FU immatrikulierter Student und Kämpfer gegen die Auswirkungen des Realsozialismus an der HU in den Gründerjahren, zu einer Art Jubiläums-Maskottchen der FU stilisiert wird.

Im SPON-Artikel wird dagegen zumindest auch auf die sicherlich kritisch zu sehende Mitgliedschaft Kubickis in der berüchtigten „Notgemeinschaft für eine freie Universität“ (siehe dazu auch langzeitstudis-Blog) hingewiesen:

„Zusammen mit anderen Profs gründet er [Kubicki, Anm. FUwatch] die ‚Notgemeinschaft für eine freie Universität‘, eine ziemlich konservative Runde. ‚Ihr Ziel: die Öffentlichkeit fortlaufend über die Lage der von ‚Unterwanderung und Terror bedrohten Hochschule‘ zu informieren‘, schreibt der SPIEGEL. Man führt Buch über linke Veranstaltungen und verfasst Namenslisten mit angeblichen Verfassungsfeinden. Über ihre eigenen Mitglieder schweigt die ‚Notgemeinschaft‘ sich aus – die Bedrohung durch Linke sei zu groß. Kubickis Stimme klingt noch heute abfällig, wenn er auf die 68er angesprochen wird.“ („Student Nummer eins“, Spiegel Online, 02.12.08)

So kann es dann auch wenig überraschen, dass den 68ern im PR-Streifen der FU sogar noch weniger Platz eingeräumt wird, als in der RBB-Dokumentation:

„Der FU-Jubiläumsfilm überspringt diese Epoche fast komplett. Wenige verschämte Sätze ringt sich ein Sprecher aus dem Off ab: ‚Ein zentraler Ort der Auseinandersetzungen zwischen den Generationen‘ sei die Uni gewesen. ‚Obwohl man heute auch den politischen Übereifer erkennt, gingen damals von Dahlem wichtige Impulse aus für mehr Offenheit, Gleichberechtigung und Demokratie in Deutschland.‘ Schnitt: Mauerfall. Schnitt: Exzellenzinitiative und Sektgläser. 40 Jahre in vier Sekunden.“ („Student Nummer eins“, Spiegel Online, 02.12.08)

Die moderne FU, also eine an der der Präsident durch die FTD und das CHE auch schon mal zum „Hochschulmanager des Jahres“ gekürt wird, hat mit ihrem Werbefilmchen einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie wie vermutlich keine zweite deutsche Uni auf der PR- und Marketing-Orgel zu spielen weiß. Es wird eine durchgehende Linie von der Gründung als antikommunistisches Bollwerk im Jahre 1948 bis hin zur perfekt marktgerechten und leistungsorientierten Exzellenz-Uni im Jahre 2007 gezogen. Die Epoche der 1968er, und hier besonders die zwischenzeitlichen Fortschritte hinsichtlich der Teil-Demokratisierung der FU, passt da nicht so ganz ins Bild und wird entsprechend marginalisiert.

SPON muss man zumindest zugestehen, dass diese geglättete Historie nicht einfach 1:1 übernommen wird, sondern auch ein paar kritische Anmerkungen fallen. Bemerkenswert in diesem Kontext: Der Autor des SPON-Artikels und OSI-Absolvent, Oliver Trenkamp, war auch mal „Mitarbeiter der Kommunikations- und Informationsstelle der Freien Universität“, also eben jener Stelle an der FU die für solche Werbearbeiten zuständig ist, die Trenkamp jetzt im SPON-Artikel durchaus auch kritisch betrachtet.

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9 Antworten to “FU feiert sich mit PR-Film selbst, 68er wieder außen vor”

  1. Mathias Bartelt Says:

    Es wäre überlegenswert, in diesem Zusammenhang auch „Student Nummer Zwei“ zu befragen, der beim Münze-Werfen „unterlegen“ war. Und Nummer drei, vier, fünf … .

    Mit Kubicki wird nicht zuletzt eine Art „Stammrecht“ aufgemacht. Er habe quasi die FU (Maß gebend mit) „gegründet“ – gegen die „realsozialistischen“ Zustände an der Uni in Ost-Berlin. Und dann kommen die bösen 68er (und der „Sozialismus“ mit ihnen hinterher) und vereinnahmen sie.

    Das geht natürlich nicht an. Denn: „Student Nummer Eins“ befindet über den Gründungsmythos. Und – das darf nicht fehlen: auch Präsident Nummer Eins.

  2. Stefan Says:

    in diesem zusammenhang beachtet bitte folgende pressemitteilung der fu: http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2008/fup_08_376/index.html

    ich lasse das mal unkommentiert.

    ansonsten nutze ich diesen kommentar kurz für folgende news:

    – das kuratorium hat, trotz beantragung eines TOPs „Festnahme von FU-Studierenden“, diesen nicht auf die tagesordnung genommen. begründung wird noch erwartet

    – dann ist die zürcher/chojnacki-berufung von züllner ans osi zurückgewiesen worden. begründung: formfehler. jetzt muss der fachbereichsrat erneut abstimmen

  3. Yo Says:

    Zur von stefan erwähnten pressemitteilung:
    Hier ein mal wieder nicht wirklich kritischer artikel zur pressekonferenz:
    http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/FU-Ernst-Reuter-Freie-Universitaet;art304,2671470

    Ein deutlich kritischer artikel dazu, in dem der autor gelangweilt von lenzens aufhebens berichtet, war letzte woche in der berliner zeitung. Leider ist die suchmaschine der zeitung immer noch miserabel, hab den artikel trotz langer suche nicht gefunden. Wer nach „dieter lenzen“ in den artikeln der letzten 10 tage suchen lässt, bekommt überwiegend artikel zur fussball-bundesliga verlinkt…

  4. Mathias Bartelt Says:

    Lieber Yo,

    vermutlich meinst Du diesen Artikel: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1204/feuilleton/0004/index.html.

    Mensch kann sich streiten, wie wirklich „kritisch“ der Artikel ist. Wenn als Kriterium dafür die Kritik am heutigen FU-Präsidium genügt: an dem zum Teil „verwaltungstechnischen“ Schreibstil der behandelten Bände, die Erwähnung von Lenzens Redestil eines „Konzernmanagers“ oder der „Selbstdarstellung“ – dann mag dem zum Teil so sein. Doch Torsten Harmsen, der – wenn überhaupt eine/r von der „Berliner Zeitung“ – in der Regel über die FU schreibt, ist nicht für eine wirklich kritische Berichterstattung über die derzeitigen „Prozesse“ resp. gewollten politischen (Wissenschafts-) Entscheidungen bekannt. Auch schreibt er, wenn überhaupt, in der Regel über Verlautbarungen des Präsidiums oder über dieses.

    Das geht schon damit los, daß er den antistalinistischen Gründungsmythos hervor hebt, den zugleich antiautoritären gegenüber der BRD jedoch weniger.

    Es geht weiter damit, daß er schreibt, „Auch eine Wissenschaftsgeschichte der FU liegt damit erstmals vor.“
    –> „Die Universität“ legt diese Geschichte vor. Er erwähnt nicht die Jubiläumsbroschüre des AStA FU: http://www.astafu.de/aktuelles/archiv/a_2008/presse_10-01, wie er auch sonst auf Berichte über eine (kritische) Studierendenperspektive verzichtet.

    Er kritisiert zu Recht die Kürzungspolitik seit den 1990er Jahren – das im Wesentlichen offenbar Einzige, was studentischen und präsidialen Kritiker/innen gemein ist.
    Er schreibt dabei zwar über Enttäuschungen der FU schon während der 1990er Jahre. Doch als Parteien explizit erwähnen – was immer von ihnen zu halten sein mag – tut er nur diese: „Auch die rot-rote Koalition habe „der FU viele Schwierigkeiten“ bereitet.“ Anders dürfte es kaum in den behandelten Bänden stehen. Wie könnte es auch: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2005/0726/lokales/0023/ (hier schreibt zur Abwechslung Christine Richter).

    „Exzellenz“-Wettbewerb:

    „Und man kann nachempfinden, wie stolz die Uni darauf sein muss, im nationalen Exzellenzwettbewerb 2007 „Elite-Uni“ geworden zu sein.“
    –> Ich kann mich nicht erinnern, daß Harmsen je Kritik an diesem geäußert hätte.

    Er schreibt, „Sie [die FU, Anm. M.B.] erhält bis 2011 jährlich etwa 20 Millionen Euro vom Bund dafür, dass sie ihr Profil als „Internationale Netzwerkuniversität“ ausbaut.“. Er vergißt dabei freilich die 25 %, die das Land Berlin dazu beitragen muß.

    Immerhin erwähnt er: „Durch die Förderung der Sozialwissenschaften wollten sie zugleich „demokratische Elemente in die deutsche Hochschulpolitik einführen“.“ Er erwähnt Themen wie „Menschen in der sozialen Welt“, „Wissenschaft und Verantwortung“ oder „Nationalsozialismus und die Deutsche Universität“ (1966).

    Zu den 60ern fällt ihm, zwar in Anführungszeichen, die „rote Krawall-Universität der 60er Jahre“ ein. Immerhin: „Die FU war jene deutsche Universität, in der am intensivsten und kritischsten über Gesellschaft debattiert wurde. […] Und es verwundert auch nicht, dass sich der Studentenprotest hier konzentrierte und nach der Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg auch radikalisierte.“

    Zur Drittel- bzw. Viertelparität fällt ihm dieses ein: „Hinzu kamen politisch folgenschwere Entscheidungen, etwa durch das Berliner Universitätsgesetz von 1969, das die Gruppenuniversität installierte – also Sitz und Stimme für alle Statusgruppen schaffte, vom Professor bis zu den Studenten. Mir der Folge oft endloser, selbstlähmender Debatten. Es wurde zum bundesdeutschen Modell.“
    –> Dies impliziert, daß das, was wir z.B. seit dem BVerfG-Urteil von 1973 haben, viel besser „funktioniert“. Vielleicht tut es das (was zu beweisen wäre) – aber um welchen Preis? Übertragen wir dieses Argument ein Mal auf unsere „repräsentative“ bundesdeutsche „Demokratie“.

    Zu Gute zu halten ist Harmsen nicht zuletzt dieses: „Manches trägt dabei die Handschrift der 1970 gegründeten „Notgemeinschaft für eine freie Universität“. So zum Beispiel der pauschale Satz: „Bald lag die Universitätsverwaltung einseitig in den Händen von SPD, ÖTV und GEW, die damit überwiegend die historische Verantwortung dafür tragen, dass die FU zum Kampfplatz politischer Gruppen wurde.“
    –> Damit erwähnt er zwar die „NoFu“. Doch im Gegensatz zum in dem pauschalen Satz Ausgeführten tut er Gleiches nicht für die NoFu. Damit steht das so Ausgeführte, Trotz Anführungszeichen, im Raum. Zwar angezweifelt, aber inhaltlich unwidersprochen. Zur Erinnerung: http://www.astafu.de/inhalte/publikationen/outofdahlem/nr2/dahlem/pechschwarz

    Zuletzt kritisiert er etwa die „[…] Abwicklung des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung 1996, die ein Kritiker damals als „jähes Ende“ der „Demokratieforschung in Deutschland nach Hitler“ bezeichnete. Für die FU-Leitung war es lediglich das Ende eines „Gemischtwarenladens“.“

    Sein Fazit: „Ja, auch die FU war in die Ost-West-Geschichte tief verstrickt. Sie sollte sich auch zu ihren historischen Widersprüchen bekennen, und zwar mit vollem Selbstbewusstsein.“ ist zwar zu unterstreichen. Doch es verbessert kaum die politische Schlagseite, die Harmsen seinem Artikel insgesamt verpaßt. Das mag legitim sein – wir Alle wissen, daß es kein absolut neutrales Medium gibt -, doch sollte es auch deutlich werden.

    Auf in die Debatte.

    Mit besten Grüßen

    Mathias Bartelt

  5. Hoho Says:

    interessanter gegenartikel der jungen welt:
    http://www.jungewelt.de/2008/12-04/043.php

  6. Katia Says:

    Das ist auch interessant: Oliver Trenkamp scheint plötzlich komplett aus dem FU-Web verschwunden zu sein – während er im Google-Cash noch verlinkt ist, gibt es dann auf den FU-Seiten nur error Meldungen. Scheint so, als ob man nicht allzu stolz auf den ehemaligen Mitarbeiter ist…

  7. Verweis auf Trenkamps Tätigkeit für die FU-Pressestelle vom Netz genommen « FUwatch Says:

    […] auf Trenkamps Tätigkeit für die FU-Pressestelle vom Netz genommen Wie FUwatch unlängst feststellte, war der heutige SPON-Journalist und OSI-Alumnus Oliver Trenkamp nach Angaben der FU auch für die […]

  8. Mathias Bartelt Says:

    Siehe nun auch hier: http://mella.cwc.tc/?p=40.

    Konstruktive Kritik erwünscht.

    MB

  9. Mathias Bartelt Says:

    „Die Studentenrevolte im Keller
    Ein Soziologe sammelte alles über die APO und baute damit zunächst ein verborgenes und nun gefragtes Archiv auf“: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/118029/index.php

    Nebenbei auch – was schon seit Längerem diskutiert wird: An der Charité könnte ebenfalls das B.A.-/M.A.-System eingeführt werden: http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/Charit%E9-Annette-Grueters-Kieslich;art304,2699868

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