Gute 48er, böse 68er

Wie angekündigt lief gestern Abend die Dokumentation „Kalter Krieg im Hörsaal – Die Gründung der Freien Universität Berlin“ von Karoline Kleinert und Reinhard Joksch im RBB.

Leider konnte der Film den Erwartungen nicht ganz gerecht werden. Ausführlich beschrieben werden die autoritären Zustände an der HU (inklusive Einknastung und Verschleppung nicht systemkonformer Studierender), die dann zur Gründung der FU führten. Insofern muss man zugestehen, dass der Film im Kern abdeckt, was sein Titel verspricht.

Der im Programmtext angekündigte Bezug zu 1967/68 und der Bruch dieser neuen Generation mit der alten Gründergeneration wird jedoch nur kurz am Ende angeschnitten. Auf der einen Seite die alten strammen Anti-Kommunisten, die die Auswirkungen des Realsozialismus‘ an der HU noch hautnah mitbekommen haben. Auf der anderen die 68er, die mit ihrem Ruf nach einer Überwindung des kapitalistischen Systems, nach einer sozialistischen Alternative besonders in der Frontstadt West-Berlin auf Unverständnis stießen. Zurecht, wie im Film zwar nicht explizit behauptet, aber doch deutlich suggeriert wird.

Denn auf die demokratischen Defizite, die auch die neue FU nach ihrer Gründung aufwies und gegen die sich der Protest 67/68 auch richtete, gehen die Autoren nicht ein. Weder die Einschränkung der Redefreiheit an der FU (Kuby, Krippendorff, etc.) noch die Erfolge der Bewegung hinsichtlich von Mitbestimmungsrechten innerhalb der Universität werden thematisiert. Was bleibt ist das Bild des wirren 68ers, der dreist und verblendet all die Errungenschaften der 48er in Frage stellt.

Der Gipfel des Ganzen: Eine unreflektierte, rein positive Darstellung von Lenzens berüchtigtem „Freiheitsdenkmal“ als Erinnerung an die in die SU verschleppten FU-Studierenden. Dass es um dieses Denkmal eine breite Kontroverse gab, dass sowohl das Denkmal als solches (die „Second Hand“ Herkunft der Skulptur), seine Aufstellung (Lenzens fragwürdiger Alleingang als Musterbeispiel demokratischer Defizite an der FU in der Gegenwart) als auch der Hintergrund der geehrten Studierenden (der KgU-Verdacht) fraglich sind, bleibt dabei gänzlich unerwähnt.

Wenig überraschte da dann noch der Hinweis im Abspann, dass dieser Film mit Unterstützung der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ entstand. Es ging einmal mehr um den Gründungsmythos der FU als antikommunistisches Bollwerk gegen die totalitären Entwicklungen an der HU bei zeitgleicher Ausblendung der demokratischen Defizite die auch die neue FU bei allen freiheitlichen Zugewinnen nach 1948 immer noch hatte.

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7 Antworten to “Gute 48er, böse 68er”

  1. Geschichte der FU - Kampf | Fachschaftsini Geschichte FU Says:

    […] als Negativfolie. Unter dem Titel “Gute 48er, böse 68er” resümiert das studentische Blog FU-Watch deshalb: Denn auf die demokratischen Defizite, die auch die neue FU nach ihrer Gründung aufwies […]

  2. comment293847923874 Says:

    statement 567456139857

    ja, es stimmt leider. der gesamte film ist in einer eile heruntergekurbelt, als hätte ein red. hinter ihnen mit gezogener cut-oder-stirb-waffe gestanden und über ihm eine sprechblase: „das. genau DAS sind deine minuten, keine sekunde drüber! schneiden jetzt!“

    trotzdem, einiges muß manchmal zum merken kurz herunterdekliniert werden, anderes einigt sich sehr gut zum …

    weiterlesen auf

    http://wiki.bildung-schadet-nicht.de/index.php/Bild:Illustration-zu-HIMMMIDEIBI2.jpg#FUfilmkritik

  3. Mathias Bartelt Says:

    Zur weiteren Kultivierung von Albernheit und Unsinn: http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/FU-Reuter-Universitaet;art304,2671470

  4. comment8o3475973489084908128 Says:

    hey matthias, komm doch mal vorbei in wiki. mach mal nen eigenen satz, komm, so spannend der ts-link auch erscheinen mag. wie ist Deine eigene meinung, zeit für drei zeilen filmkritik?

  5. eintrag08/15 Says:

    (nach dem lesen/überfliegen des artikels)

    duh, matthias, jetzt bin ich aber enttäuscht. die damaligen abwicklungspläne…. det ist doch ECHTn alter hut. nicht umsonst mailten nach dem plötzlichen nichtauftauchen eines HU-sozwiss in einem selbstorganisierten seminar – leute – irgendwas von ringbahnvorlesungen. in denen man die plötzlich ausgefallene seminarstunde richtig riesig vollautonom, universitärhistorisch nd unter angemessener medialer begleitung hätte wiederholen können. diese leute hatten den tip von leuten, die diese zeit in dem artikel ein bißchen näher, ein bißchen aktiver, ein bißchen weiter mittendrin erlebt haben. die hatten die stories frischer mitgetelt bekommen, als sie selbtst aktiv waren an der abwicklungsuni. det hätte man versuchen können, echt jetz ey.

    ah, SZMERDEKegal.
    matthias? zeit am sonntag?
    http://wiki.bildung-schadet-nicht.de/index.php/Step3#link

  6. FU feiert sich mit PR-Film selbst, 68er wieder außen vor « FUwatch Says:

    […] feiert sich mit PR-Film selbst, 68er wieder außen vor Nicht nur der RBB beschäftigt sich zum 60. Jubiläum der FU mit der Gründerzeit, auch die FU selbst hat einen Film […]

  7. hmhmhmhmmhmhm Says:

    zu den gezeigten zeitzeugen:
    „ursula besser war nofu-professorin und hat u.a. auch für die junge freiheit geschrieben und günther temblock wird in einer aktuellen hu-geschichts-publikation interviewt und laviert dabei die ganze zeit drum, dass er nazi war, im stile von „das waren ja schließlich alle blablabla“…“
    mehr und genauer auf:

    http://wiki.bildung-schadet-nicht.de/index.php/Bild:Illustration-zu-HIMMMIDEIBI2.jpg#FUfilmkritik

    (ein bißchen suchen schadet nicht.)

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