FU leitet McKinsey-Werbung an ausgewählte Studis weiter

Die taz deckt in ihrer heutigen Ausgabe auf, dass die FU für die Unternehmensberater McKinsey und Boston Consulting Bewerbungseinladungen an „Elite“-Studis versendet hat. Ein Vorgang, für den sich inzwischen auch der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix interessiert.

Einige angeschriebene Studierende hatten wohl den Verdacht, die FU habe ihre Daten an die Unternehmensberater vertickt. Ganz so krass liegt der Fall jedoch zum Glück nicht: Die FU hat „nur“ Einladungen an Studierende die bestimmte „Elitekriterien“ erfüllten im Namen der Beraterfirmen versendet. McKinsey und Boston Consulting haben also nicht selbst die Daten zu gesicht bekommen, die FU hat ihre Bewerbungseinladungen einfach weitergeleitet.

„Post von McKinsey bekam, wer das Vordiplom nicht schlechter als mit der Note 2,3 machte und nicht länger als 11 Semester studiert. Boston Consulting gab keine Note vor, sondern wollte die besten 10 bis 15 Prozent erreichen.“ („McKinsey hat den Hut auf“, taz, 08.11.08)

Die FU erhielt als Gegenleistung angeblich nur 280 Euro, die der Fachbereich Wiwiss 2007 für die Portokosten und den zusätzlichen Aufwand zugestanden bekam. Die Unternehmensberater ersparen sich so zumindest einen Teil ihres komplexen Auswahlverfahrens, den Studierenden wird gemeinsam mit der FU beim Berufseinstieg geholfen. Der Landesdatenschutzbeauftragte hat aber trotzdem Bedenken:

„Die Auswahl der Universität verletze die ’schutzwürdigen Belange‘ jener Studierenden, die keine Einladung erhalten, heißt es in einem Vermerk des zuständigen Mitarbeiters. Das Prinzip der Chancengleichheit sei damit von Anfang an verletzt. Es gebe keine eindeutige Rechtsgrundlage, die der Universität die Vorauswahl erlaube. Zulässig sei die Werbepost nur dann, wenn alle Studierenden angeschrieben werden, die ein Fach seit einer bestimmten Zahl von Semestern studieren.“ (ebd.)

Die FU war gegenüber der taz zu keiner Stellungnahme bereit, man prüfe den Vorgang noch.

Mit diesem selektiven Verfahren werden also die Chancen einer „elitären“ Minderheit erhöht, die vom Rest geschmälert. Selbst wenn man zur Grundlage nimmt, dass Unternehmen wie McKinsey und Boston Consulting ohnehin nur „die besten“ eines jeden Jahrgangs einstellt, ist es doch nicht die Aufgabe der FU hier den „Elite-Vermittler“ zu spielen. Anzunehmen ist, dass diese Vorgehensweise die Bewerbungschancen von Studierenden mit weniger guten Noten zusätzlich mindert, da sie nun bereits schon an der Uni direkt aussortiert werden.

Das wirklich erschreckende an dem Vorgang ist aber sicherlich, dass hier ein weiterer Schritt zur Verwischung der Grenze zwischen Universität und Wirtschaft vollzogen wurde. Eine Entwicklung, an deren Ende die Uni nur noch ausführendes Organ der Unternehmen ist und eine akademische Bildung jenseits der „ökonomischen Verwertbarkeit“ nicht mehr stattfindet. Heute verschickt man Post für McKinsey, morgen lässt man sich von ihnen erklären, was gelehrt wird und was nicht (wobei dieser Zustand zumindest bei den Wirtschaftswissenschaften vermutlich längst erreicht ist…).

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15 Antworten to “FU leitet McKinsey-Werbung an ausgewählte Studis weiter”

  1. FU leitet McKinsey-Werbung an ausgewählte Studis weiter | fsi-wiwiss Says:

    […] Hier ein Beitrag dazu auf FUwatch. […]

  2. Frederic Says:

    Was mich interessieren würde: auf welche „Daten“ griff die Uni hier zurück? auf das Campus-management? Dann ist das hier wohl der erste nachweisbare Fall, in dem die Uni die CM-Daten der Studierenden anders nutzt als zur bloßen Verwaltung der Studienleistung. Ein Beweis also für die lang gestellte Vermutung, eine Zentralisierung der Daten könne und werde zwangsläufig zu Missbrauch führen. Das ist eigentlich ein handfester Skandal! Hat die Universität eigentlich bei der damaligen CM-Protestiererei sich zu Aussagen hinreißen lassen, die eine vertrauliche Verwertung der Daten garantieren? Eine Frage an die älteren Semester!

    Das Gegenargument wird sein, dass die Daten nicht weitergegeben worden sind, dass „Missbrauch“ also nicht stattgefunden hat, und dass die Verschickung der Einladung den Addressaten doch nur zugute kommen würde.
    (Eine solche Position findet sich tatsächlich auch in der heutigen taz!)

    Warum darf aber gerade McKinsey solche Einladungen verschicken? Warum gerade an Wirtschaftswissenschaftler? Warum gerade an die „besten“ 10 % ? Die Verschlankung der Datenverwaltung erleichtert eine gezielte, schlanke Elitenrekrutierung. Sie ermöglicht eine kostengünstige „Vermittlung“ zwischen Arbeitsmarkt und Studium – vor dem Abschluss, so früh wie möglich. Damit aber werden die Studierenden von anfang an mit der frage konfrontiert, ob ihre Leistungen für den Arbeitsmarkt ausreichend sind. Der Konkurrenzkampf um den Arbeitsmarkt wird bis in die Studienanfangszeit hinein verlängert – und somit der Karrierismus befördert.
    Wer aber seine Studienanstrengungen von vonherein mit Karriereplänen in Deckungsgleichheit zu bringen versucht, akzeptiert das Bestehende noch bevor sie es einer wissenschaftlichen Prüfung unterzieht. Somit wird ein kritischer Diskurs erstickt durch den Druck einer konsequenten Selbstverwertung, die im modernen Lebenslauf nie unterbrochen werden darf. Tatsächlich verwischen also die Grenzen zwischen Universität und Wirtschaft durch diese Maßnahme weiter, wie Niklas geschrieben hat.
    Wird die Uni alle Anfragen weiterleiten? oder nur die von zahlungsfähigen Unternehmen? Man könnte ja mal gucken, ob die Universität auch Briefe verschickt an die schlechtesten 90 % der Wirtschaftswissenschaften…

  3. Eti Says:

    niklas, auf welchen Fakten beruht deine aussage „morgen lässt man sich von ihnen erklären, was gelehrt wird und was nicht (wobei dieser Zustand zumindest bei den Wirtschaftswissenschaften vermutlich längst erreicht ist…)“?

    oder ist das nur ein bisschen wiwiss-haudrauf? sind ja schließlich die elitären manager von morgen, feind der zukunft… oder?

  4. Kall3 Says:

    @Frederic:

    „Was mich interessieren würde: auf welche “Daten” griff die Uni hier zurück? auf das Campus-management? Dann ist das hier wohl der erste nachweisbare Fall, in dem die Uni die CM-Daten der Studierenden anders nutzt als zur bloßen Verwaltung der Studienleistung.“

    Definitiv haben diese Daten ihre Herkunft nicht aus Campus Management: Im Text steht was von Vordiplom-Noten. Diplomstudiengänge werden gar nicht mit CM verwaltet.

  5. Dennis O. Says:

    Ich weiß zwar nicht, wie das an den WiWiss ist aber am OSI werden auch alle Diplomstudiengänge definitv im CM verwaltet. Der Modularisierung sei Dank.

  6. Kall3 Says:

    @Dennis O.
    „Ich weiß zwar nicht, wie das an den WiWiss ist aber am OSI werden auch alle Diplomstudiengänge definitv im CM verwaltet.“

    Bei den WiWiss nicht! Die werden dort mit HISPOS verwaltet. Nur die BA/MA-Studiengänge der WiWiss werden mit CM verwaltet.

  7. Werbung für die Exzellenz » FSI Mathe/Info FU Berlin Says:

    […] Weiterlesen beim FUwatch […]

  8. schäuble Says:

    Hier hat der Autor noch seinen Erfahrungsbericht der Recherche niedergeschrieben. Sehr lesenswert:

    http://30jahre.taz.de/2008/11/post-von-mckinsey-fur-elite-studis/

  9. Niklas Says:

    @Eti:

    Der zunehmende Einfluss der Wirtschaft auf die (Aus)bildung an den Universitäten ist inzwischen an vielen Stellen dokumentiert (z.B. Telepolis 10/2007 oder exemplarisch auch FUwatch 07/2008).

  10. Niklas Says:

    Das OSI ist mit seinem modularisierten Diplom eher die Ausnahme, in den meisten anderen Fächern kam das SAP CM erst zusammen mit den BA/MA-Studiengängen ins Spiel, so auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern, wie Kalli3 richtig anmerkte. Wenn die FU wie im taz-Artikel beschrieben auf Wiwiss-Vordiploms-Daten zurückgegriffen hat, sind diese also nicht aus dem CM gekommen.

    Ob die FU die Noten nun aber aus dem SAP CM, HISPOS oder aus irgendwelchen alten konventionellen „Listen“ gezogen hat, ob es nun wirklich nur um Diplom- oder nicht vielleicht doch auch um BA/MA-Studiengänge geht, die grundsätzliche datenschutzrechtliche Problematik bleibt ja zunächst mal dieselbe.

  11. kroelle Says:

    Es ist echt unerträglich, dass die Uni a) Daten von Studierenden für Werbezwecke weitergibt und wir b) überhaupt von der Uni von Werbung belästigt werden. Wie oft habe ich in meinem ZEDAT-Postfach schon Werbung von der Uni gehabt (Stichwort z.B. Funpreneur) – m.E. ist das alles Spam!

  12. Niklas Says:

    Noch mal: Nach derzeitigem Erkenntnissstand hat die FU keine Daten von Studierenden weitergegeben, sondern die Werbung von McKinsey/Boston „nur“ an bestimmte Studierende sozusagen „weitergeleitet“.

    Tatsächlich kann man das auch als Spam bezeichnen, nur dass dieser anders als bisher (siehe hier, hier und hier) diesmal nicht ein Angebot der FU selbst bewirbt.

    Trotzdem wäre es noch mal eine Spur härter gewesen, wenn McKinsey/Boston die Daten höchstselbst in die Finger bekommen hätten. Sie kennen aber weder die Studierenden namentlich, noch ihre Email-Adressen oder sonstige personenbezogene Daten. Sie haben einfach nur gesagt: Studierende die die Kriterien XYZ erfüllen, sollen von der FU in unserem Namen kontaktiert werden.

  13. schäuble Says:

    nichtsdestotrotz lässt sich von einem „Handel mit Daten“ sprechen: die FU erhielt Gelder für die Verbreitung von Werbung an spezielle Studierende, selbst wenn die Daten selbst nicht an McKinsey und Boston Consulting gingen

  14. Erstes Treffen des Arbeitskreis Datenschutz « FUwatch Says:

    […] Datenerfassung im Vorfeld der früher mal wirklich öffentlichen Immatrikulationsfeier sowie durch Werbe-Emails an ausgewählte Studierende durch die FU im Auftrag von Unternehmen. In der Einladung des AStAs […]

  15. Keine McKinsey-Werbung mehr für “Elite”-Studis « FUwatch Says:

    […] McKinsey-Werbung mehr für “Elite”-Studis Wie im November letzten Jahres berichtet, hatte die FU für die Unternehmensberater McKinsey und Boston Consulting Bewerbungseinladungen an […]

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