Marx-Offensive des SDS

Der „neue“ SDS („Die Linke.SDS“) hat in diesem Wintersemester Marx-Lesekreise an 31 Hochschule ins Leben gerufen und es mit dieser Aktion – nicht zuletzt Dank der Finanzkrise – immerhin auch bis zu einem Artikel auf Spiegel Online geschafft („Die kleine Oktoberrevolution“, SPON, 31.10.08).

In der Eigendarstellung des SDS heißt es: „Die Linke.SDS möchte mit dem Projekt ‚Das Kapital lesen!‘ Marx zurück an die Uni und an die Fachhochschule bringen, um kritische Wissenschaften und gesellschaftskritisches Denken zu revitalisieren“ („Kapital-Lesekreis an der FU“, SDS/Die Linke.FU, 30.10.08).

Unter den besagten Hochschulen ist natürlich auch die FU und ähnlich wie an anderen Unis soll das erste Feedback auch hier durchaus sehenswert gewesen sein. So waren nach Angaben des SDS.FU immerhin 110 Personen (hauptsächlich vermutlich Studierende) bei der Auftaktveranstaltung in der Silberlaube zugegen („110 Personen bei der Auftaktveranstaltung“, SDS/Die Linke.FU, 30.10.08). Der Vortrag von Prof. Dr. Klaus Peter Kisker samt der anschließenden Diskussion kann als mp3 heruntergeladen werden und beim Tagesspiegel gibt es sogar ein kurzes Video von der Veranstaltung.

Ob die Lesekreise wirklich Erfolg haben werden, die Interessierten also dauerhaft bei der Stange bleiben und Marx am Ende wirklich „revitalisiert“ werden kann, wird sich natürlich erst noch herausstellen. Jeder Lesekreis hat laut SPON „Kapital-Teamer“, die vorher extra für ihre Aufgaben „gecoacht“ wurden. Wie allerdings das Niveau in diesen Lesekreisen ist, ob die „Kapital-Teamer“ wirklich Ahnung von der Materie haben oder nur glauben sie zu haben, lässt sich jetzt sicherlich noch nicht sagen. Zumindest an der FU gab es auch in jüngerer Vergangenheit schon vor dieser SDS-Kampagne verschiedene Kapital-Lesekreise. Es wäre interessant zu sehen, wie diese die aktuelle Kampagne einschätzen.

Im nächsten Sommer, also zur Wahlkampfzeit wie SPON dezent anmerkt, plant Die Linke.SDS im Anschluss an die Kampagne eine internationale Auswertungskonferenz „zum Bündeln der Ideen“. Geht es also wirklich um eine „Revitalisierung“ von Marx oder nicht vielleicht doch eher um eine getarnte, langfristig angelegte Wahlkampf-Veranstaltung der Linken? Mündet hier die Analyse von Marx‘ Werk früher oder später in der vermeintlich zentralen Erkenntnis, dass die Linke als Partei am ehesten die in den Lesekreisen zusammengetragenen „Ideen“ umsetzen kann?

Um darauf eine Antwort zu erhalten, sollte sich Interessierte selbst ein Bild machen. Der Kapital-Lesekreis trifft sich das erste Mal am kommenden Freitag (07.11.) um 16 Uhr im Raum L113 im Seminarzentrum der Silberlaube. Auf dieser Sitzung wollen sich die TeilnehmerInnen dann auch über einen wöchentlichen, festen Termin und über den zukünftigen Treffpunkt einigen.

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Eine Antwort to “Marx-Offensive des SDS”

  1. Giest Says:

    II. Uebrigens versucht man derzeit – d.h. SDS.Die Linke – die Kapitallesebewegungen der 1960er/1970er Jahre wiederzubeleben :

    http://www.kapital-lesen.de

    Ein kurzer Blick auf die Seite macht schon skeptisch – Marx mit Cap? Ich habe mich dennoch einmal durchgerungen und bin gestern abend zu einer Auftaktveranstaltung an der HU gegangen, in der Hoffnung etwas substantielles zur Finankrise zu hoeren von Michael Heinrich, der als Referent eingeladen war. Dies blieb leider aus. Das ganze ist organisatorisch dilettantisch aufgezogen und Aufmachung, Plakaten und Bannern (« Die letzte Schlacht gewinnen wir » usw.) nach zu urteilen insgeheim wohl eher als PR Gag geplant. Nebenbei erhofft man sich wohl, neue Die Linke oder doch wenigstens SDS Mitglieder zu gewinnen und den alten Genossen beim Dietz Verlag etwas den schwaechlichen Umsatz anzukurbeln. Die verkaufen ja seit 1990 nichts mehr und mussten auch die prestigetraechtige MEGA² Edition an den Akademie Verlag abtreten. Seit neustem steigt der Absatz der Blauen Baende wieder und wird wohl bis Jahresende einen neuen Rekord erreichen.

    Das theoretische Niveau ist, wie befuerchtet, sehr niedrig – zumindest bei denjenigen, die sich waehrend der Frageminuten ans Mikro getraut haben. Zappelig, naiv, unwissend, gutmenschlich-idealistisch waere noch hoeflich formuliert. Es waren aber auch aeltere Leute dabei und ganz sicher auch einige betulichere Marxologen. Der Laden war mehr oder weniger gerammelt voll, die Anwesenden sollten sich in Listen eintragen und werden dann wohl irgendwie in Lesekreise eingeteilt. Da die Lesekreise nicht von fachlich versierten Semestern/Dozenten/Experten moderiert werden (man darf im Internetforum (!) Fragen an Heinrich und andere richten) und jeder voraussetzungslos teilnehmen kann, prophezeihe ich das baldige versanden des anfaenglichen Enthusiasmus der jungen Revolutionaere und schliesslich den Kollaps der ganzen sogennanten « Bewegung ». Wer da am Ende uebrig bleibt, hatte entweder Vorkenntnisse – und braeuchte dann doch keinen Anfaegerlesekreis! – oder, paradox ausgedrueckt, besaesze eigentlich zuviel Disziplin und Ausdauer, als dass er/sie auf so einer Rookieveranstaltung ueberhaupt nur auftauchte.
    Meine Frage, ob es organisatorische Loesungen fuer den Fall gaebe, dass man nicht daran interessiert ist, mit kompletten Anfaengern oder orthodoxen Marxisten einen Lesekurs zu besuchen, wurde – voraussagbar – falsch verstanden und mit wenig Sympathie bedacht.

    Die Zeichen der Zeit stehen ohnehin schlechter denn je fuer solcherlei « intellektuelle Abenteuer », um ein Wort Heinrichs aufzugreifen. Ich oeffne an dieser Stelle eine kleine Parenthese und serviere danach erst meine Pointe : Was mich zunaechst bei Kittsteiner so irritiert hat, ist seine Gewohnheit, deutsch-nationale und konservative Denker – bei aller gebotenen Vorsicht – ernst zu nehmen. Im Kern gruendet das auf sein Grundvertrauen in Marxens Hegelkritik : selbst noch der mystischsten, im Ganzen irrationalen Theorie kann ein rationaler Kern eignen, eine Grundeinsicht in die Struktur der Wirklichkeit. Die Schwierigkeit besteht eben darin, diesen Kern sowie den Grund seiner irrationalen Ueberlagerung kritisch-genetisch zu rekonstruieren.
    So wenig ich dies fuer einen Autor wie Oswald Spenger zu leisten in der Lage waere, so sehr faszinieren mich einige Passagen im « Untergang ».

    Worauf stehen also die Zeichen der Zeit? Spenglers Bezuege werden klar aus dem Zitat, mir geht es nur um seine Bestandsaufnahme, nicht seine mimetische Nietzsche Lektuere und die daraus resultierende Theoriefeindlichkeit. Auch was Spengler explizit zu Marx sagt, ist meistens grosser Quatsch. Interessanterweise gelingen ihm tiefere – durchaus mit Marx kompatible – Einsichten, etwa in die Natur des Geldes, nur, wo /nicht/ von Marx die Rede ist :

    « Indessen, diese abstrakten Ideale besitzen eine Macht, die sich
    kaum über zwei Jahrhunderte – die der Parteipolitik – erstreckt. Sie
    werden zuletzt nicht etwa widerlegt sondern langweilig. Rousseau ist
    es längst und Marx wird es in kurzem sein. Man gibt endlich nicht
    diese oder jene Theorie auf, sondern den Glauben an Theorien
    überhaupt und damit den schwärmerischen Optimismus des 18.
    Jahrhunderts, unzulängliche Tatsachen durch Anwendung von Begriffen
    verbessern zu können. […] [J]eder sozialistische Aufruhr bricht
    dem Kapitalismus neue Bahnen. […] Niemand sollte sich darüber
    täuschen, daß das Zeitalter der Theorie auch für uns zu Ende geht.
    Die großen Systeme des Liberalismus und Sozialismus sind sämtlich
    zwischen 1750 und 1850 entstanden. Das von Marx ist heute schon fast
    ein Jahrhundert alt und ist das letzte geblieben. Innerlich bedeutet
    es mit seiner materialistischen Geschichtsauffassung die äußerste
    Konsequenz des Rationalismus und demnach einen Abschluß. Aber wie
    der Glaube an Rousseaus Menschenrechte etwa mit 1848, so hat der
    Glaube an ihn mit dem Weltkrieg seine Kraft verloren. […] Der
    Glaube daran [an die Theorie, J.G.] hatte die Großväter
    ausgezeichnet; für die Enkel ist er ein Beweis von Provinzialismus.
    An seiner Stelle keimt heute schon aus Seelennot und Gewissensqual
    eine neue resignierte Frömmigkeit empor, die es aufgibt, ein neues
    Diesseits zu begründen, die statt der grellen Begriffe das Geheimnis
    sucht und es in den Tiefen der zweiten Religiosität auch endlich
    finden wird. »
    (Der Untergang des Abendlandes. Zweiter Band: 4. Kapitel – Der
    Staat, Abschnitt 3 – Philosophie der Politik, Paragraph 17)

    In Bezug auf die Arbeiterbewegung bzw. den Arbeiterbewegungsmarxismus stellt er in zwei Fusznoten folgendes fest :

    « Die Arbeiterbewegung ist, was ihre Führer aus ihr machen, und der
    Haß gegen die Inhaber der industriellen Führerarbeit hat sie längst
    in den Dienst der Börse gestellt. Der praktische Kommunismus mit
    seinem »Klassenkampf«, einer heute längst veralteten und unecht
    gewordenen Phrase, ist nichts als ein zuverlässiger Diener des
    Großkapitals, das ihn wohl zu benützen weiß. »
    Die Arbeiterbewegung will den Kapitalismus gar nicht abschaffen,
    weil zum Kapital untrennbar « die Interessenpolitik der
    Arbeiterparteien auch gehört, denn sie wollen die Geldwerte nicht
    überwinden, sondern besitzen. »
    (Ebd. Kapitel 5 – Die Formen des Wirtschaftslebens, Abschnitt 2 –
    Die Maschine, Paragraph 8, Fn 95 und 96)

    Zur Hochzeit des akademischen Neukantianismus, und ganz besonders aus heutiger Sicht, wirkt Spenglers Einschaetzung fuer seine Epoche geradezu absurd. Selbst die Ablehnung jeglicher « Arbeit am Begriff » wurde doch damals noch von weitlaeufig gebildeten Leuten im Medium der Theorie erledigt. Seine Faust passt vielmehr auf das truebe Auge des beginnenden 21. Jh. – amuesanterweise datiert er a.a.O. den Beginn der Phase der von ihm sogenannten « zweiten Religioesitaet » etwa auf das Jahr 2000.

    Uebrigens ist mir Heinrich nicht besonders positiv aufgefallen. Es gibt wohl heute wenige Leute, die sich der Probleme die Marx aufgibt bewusster sind als er – wenn man mal von seinem latenten/tendenziellen Positivismus absieht, von Marx irgendwie eine Grundlage fuer eine aufgeklaerte, linke VWL abzuziehen. Ich mag das aber auch miszverstanden haben. Gestern hat er jedenfalls wie ein Politiker deklamiert, zu wenig argumentiert und m.E. besseres Wissen unterschlagen. Jemandem, der VWL Kurse an der FHTW Karlshorst (!) abhaelt, nehme ich schlichtweg nicht ab, dass er wirklich der Meinung ist, anlaeszlich der Finanzkrise zeige sich doch das reale Vermoegen der Staaten und Zentralbanken – sowie im Fall Deutschlands – mal eben so 480 Milliarden Euro aus der Tasche zu ziehen, derweil an der Finanzierung der Lebensinteressen der Bevoelkerung unerhoerterweise stetig geknappt wird. Die Finanzierungsfrage der staatlichen « Rettungspackete », « Schutzschirme » und « Bail Outs » ist genauso ungeloest, wie sie es fuer einen neuerlichen staatlichen Keynesianismus waere. Insofern hat Heinrich die unwissenden jungen Leute hier in ihren Illusionen /partiell/ noch bestaerkt, anstatt zum Erkennen der Lage anzuleiten. Er haette ihnen lieber etwas vom gesellschaftsstiftenden Charakter von Ware und Geld und der Unverfuegbarkeit des historischen Prozesses erzaehlen sollen…

    Die anderen Veranstaltungen w(e)/(u)rden offenbar auch von orthodoxen Marxisten oder Gesinnungslinken betreut, bzw. zumindest eingeleutet. So etwa Klaus Peter Kisker, Emeritus an der FU. Gesinnungsmarxisten schrecken mich ab. Das Projekt, den Kapitalismus abzuschaffen, gehoert m.E. bis auf weiteres in die Tiefkuehltruhe – dann bleibt den jungen Freunden das sprichwoertliche Eis, um ihre hitzigen revolutionaeren/aktivistischen Gemueter zu beruhigen und sich mit kuehlem Kopf in die schwierige Materie einzuarbeiten.

    Im November findet in Frankfurt Oder eine Marxtagung statt, die Kittsteiner noch zu Lebzeiten mit Falko Schmieder und Birte Loeschenkohl zusammen konzipiert hatte. Birte Loeschenkohl, die mit mir zusammen angefangen hat, ist inzwischen in Cambridge, UK und wird auch ein Referat zum besten geben. Herrlich. Ich werde mich einmal mit ein paar Leuten dort unterhalten, wenn es sich ergibt. Vielleicht lassen sich Kolloquien oder Lesekreise auf etwas hoeherem Niveau – vor allem was andere Disziplinen angeht, wie Philosophie, moderne VWL oder Soziologie – einrichten, wenn man an die richtigen Leute kommt. Ansonsten ziehe ich « meinen Selbstgenuss » dem interessierten Geschwaetz der « Multitude » vor.

    http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/de/lehrstuhl/kg/europaneu/schwerpunkte/Marxtagung/index.html

    Beste Gruesse

    J. Giest

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