Archive for November 2008

Gute 48er, böse 68er

November 28, 2008

Wie angekündigt lief gestern Abend die Dokumentation „Kalter Krieg im Hörsaal – Die Gründung der Freien Universität Berlin“ von Karoline Kleinert und Reinhard Joksch im RBB.

Leider konnte der Film den Erwartungen nicht ganz gerecht werden. Ausführlich beschrieben werden die autoritären Zustände an der HU (inklusive Einknastung und Verschleppung nicht systemkonformer Studierender), die dann zur Gründung der FU führten. Insofern muss man zugestehen, dass der Film im Kern abdeckt, was sein Titel verspricht.

Der im Programmtext angekündigte Bezug zu 1967/68 und der Bruch dieser neuen Generation mit der alten Gründergeneration wird jedoch nur kurz am Ende angeschnitten. Auf der einen Seite die alten strammen Anti-Kommunisten, die die Auswirkungen des Realsozialismus‘ an der HU noch hautnah mitbekommen haben. Auf der anderen die 68er, die mit ihrem Ruf nach einer Überwindung des kapitalistischen Systems, nach einer sozialistischen Alternative besonders in der Frontstadt West-Berlin auf Unverständnis stießen. Zurecht, wie im Film zwar nicht explizit behauptet, aber doch deutlich suggeriert wird.

Denn auf die demokratischen Defizite, die auch die neue FU nach ihrer Gründung aufwies und gegen die sich der Protest 67/68 auch richtete, gehen die Autoren nicht ein. Weder die Einschränkung der Redefreiheit an der FU (Kuby, Krippendorff, etc.) noch die Erfolge der Bewegung hinsichtlich von Mitbestimmungsrechten innerhalb der Universität werden thematisiert. Was bleibt ist das Bild des wirren 68ers, der dreist und verblendet all die Errungenschaften der 48er in Frage stellt.

Der Gipfel des Ganzen: Eine unreflektierte, rein positive Darstellung von Lenzens berüchtigtem „Freiheitsdenkmal“ als Erinnerung an die in die SU verschleppten FU-Studierenden. Dass es um dieses Denkmal eine breite Kontroverse gab, dass sowohl das Denkmal als solches (die „Second Hand“ Herkunft der Skulptur), seine Aufstellung (Lenzens fragwürdiger Alleingang als Musterbeispiel demokratischer Defizite an der FU in der Gegenwart) als auch der Hintergrund der geehrten Studierenden (der KgU-Verdacht) fraglich sind, bleibt dabei gänzlich unerwähnt.

Wenig überraschte da dann noch der Hinweis im Abspann, dass dieser Film mit Unterstützung der „Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ entstand. Es ging einmal mehr um den Gründungsmythos der FU als antikommunistisches Bollwerk gegen die totalitären Entwicklungen an der HU bei zeitgleicher Ausblendung der demokratischen Defizite die auch die neue FU bei allen freiheitlichen Zugewinnen nach 1948 immer noch hatte.

Dokumentation über FU-Gründung

November 27, 2008

Der RBB zeigt heute (27.11.) um 22:35 Uhr die Dokumentation „Kalter Krieg im Hörsaal – Die Gründung der Freien Universität Berlin“.

„Der Film erzählt anhand der Lebenserinnerungen einiger der damaligen Studenten die Geschichte der Gründung der Freien Universität Berlin und geht der Frage nach, wieso ausgerechnet hier später die Studentenunruhen ihren Anfang nehmen.“ (RBB Programm, 27.11.08)

Die FU wird 1948 ihrem Selbstverständnis nach als demokratischer Gegenpol zur HU in Ost-Berlin gegründet. Dennoch findet an der FU 20 Jahre später eine große Protest- und Reform-Bewegung statt, die einklagt woran es der FU nach Meinung der Studierenden (und auch etlicher jüngerer Dozierender) bis dato fehlte: Demokratie.

Dem Programmtext zufolge wird gerade auch dieser zentrale Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach der FU-Gründung etwas näher beleuchtet. Die Dokumentation wird also hoffentlich nicht nur einfach die ersten Jahre der FU unreflektiert „abfeiern“. Mensch sollte auf jeden Fall zumindest einen Blick riskieren und einschalten.

FU veröffentlicht Ergebnisse der neuen Bachelorumfrage

November 26, 2008

Wie die FU letzte Woche in einer Pressemitteilung bekanntgab, liegt nun die neueste Umfrage zur Zufriedenheit der FU-Studierenden mit den neuen Bachelor-Studiengängen vor. Danach lässt sich ein Anstieg der Zufriedenheit feststellen:

„Die Zufriedenheit der Studierenden mit den Studienbedingungen an der Freien Universität ist gewachsen. In einer Befragung unter Bachelorstudierenden gaben 74 Prozent an, mit ihrem Studium an der Freien Universität zufrieden zu sein. Das waren rund 10 Prozentpunkte mehr als in einer Vergleichsstudie des Jahres 2006. 81 Prozent der Studierenden erklärten, sie würden erneut ein Studium an der Freien Universität aufnehmen, 77 Prozent im gleichen Fach.“ (FU-Pressmitteilung Nr. 370/2008, 20.11.08)

Die Erhebung baut auf der Bachelorbefragung von 2006 und der Exmatrikuliertenbefragung von 2007 auf und zeichnet das Bild einer Verbesserung der Gesamtsituation. Vollständig heruntergeladen werden kann diese erneut von Prof. Dr. Felicitas Thiel im Auftrag des FU-Präsidiums durchgeführte Studie hier.

Natürlich ist aber auch nach dieser Studie nicht alles heiter Sonnenschein. So hält die Süddeutsche (bzw. dpa) unter anderem fest:

„Demnach sagen drei Viertel von ihnen (74 Prozent), sie litten unter großem Druck im Studium und sähen unter anderem die Prüfungsanforderungen als zu hoch an. Je rund ein Drittel beklagt zudem ein schlechtes Studienklima – weil sich nur schwer Kontakt zu Dozenten bekommen lässt (36 Prozent) oder weil große Konkurrenz zwischen den Studenten wahrgenommen wird (35 Prozent).“ („Bachelorstudenten klagen über hohen Leistungsdruck“, sueddeutsche.de Newsticker, 20.11.08)

Und im Tagesspiegel heißt es in einem Artikel über die Erhebung:

„Der leicht gestiegenen Zufriedenheit mit dem Bachelorstudium steht eine wachsende Kritik an der Studienorganisation gegenüber: So waren vor zwei Jahren 64 Prozent einverstanden mit der Organisation der Prüfungstermine, jetzt sind es nur noch 53 Prozent. ‚Deutlich weniger positiv beurteilt‘ wurden auch die Übereinstimmung von den für die Module formulierten Studienzielen und den gelehrten Inhalten und die Abstimmung zwischen den Lehrveranstaltungen desselben Moduls. Nur jeweils die Hälfte der Studierenden fühlt sich beim Abfassen von Hausarbeiten, bei der Vorbereitung von Referaten oder bei Arbeitsschwierigkeiten gut von den Lehrenden unterstützt.“ („Schlechte Organisation, gute Profs“, Tagesspiegel, 25.11.08)

Insgesamt übernimmt der Tagesspiegel jedoch die positive Stoßrichtung der Studie. Gleiches gilt für die ZEIT, die mal wieder an vorderster Front bei der Bologna-Verteidigung steht. In einem Kommentar kritisiert Jan-Martin Wiarda die seiner Meinung nach bisher allzu negative Berichterstattung über die neuen Bachelor-Studiengänge und hofft, dass mit den Ergebnissen der FU-Befragung hier endlich eine Kehrtwende eingeleitet wird („Schluss mit dem Trommelfeuer“, ZEIT Online, 20.11.08).

Entsprechend deutlich fallen dann umgekehrt die Kommentare von betroffenen Studierenden dazu aus („PR-Gewäsch“). Auch die CHE-ZEIT-Connection wird dort immer wieder erwähnt (dazu sei z.B. ein Blog-Eintrag auf NachDenkSeiten.de empfohlen, wo man sich diesem Verhältnis bereits 2006 widmete).

Der FSIs Blog erinnert indes an eine Analyse des AK HoPo des AStA FU, in der bereits im Juni diesen Jahres der Aufbau jener Umfrageböge kritisiert wurde, deren Auswertung jetzt aufgedeckt haben soll, dass die Akzeptanz der Bachelor-Studiengänge an der FU steigt.

Ringvorlesung des AStAs gestartet

November 21, 2008

Wie angekündigt fand gestern die Auftaktveranstaltung der AStA-Ringvorlesung zum FU-Jubiläum statt. Anders als die FU-Leitung konzentriert sich der AStA allerdings nicht nur auf das 60jährige Jubiläum der FU-Gründung, sondern auch auf die Bildung der „kritischen Uni“ vor 40 Jahren und auf die Erkämpfung der „b*freiten Uni“ vor 20 Jahren.

Zu den zentralen Fragestellungen „Was ging damals, was geht heute, können wir aus Fehlern lernen, oder müssen wir sie alle selber machen? Ist heute weniger los, wenn ja, warum?“ wurden daher gestern der Medizinhistoriker Gerhard Baader, der Psychologe Morus Markard und die (hochschul)politische erfahrene Kommilitonin Jenny Simon (HPL) aufs Podium geladen, um gemeinsam mit dem Auditorium über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Widerstand zu diskutieren, der an der Uni stattfindet bzw. von ihr ausgeht. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Kommilitonin Johanna Straß (FSI Geschichte).

Prof. Baader berichtete in seinem Beitrag von den Versuchen die Strukturen an der FU in den 60er Jahren zu demokratisieren. Eines der zentralen Ziele, die Viertelparität, sei zwar bis heute nicht erreicht, doch habe man damals dennoch einiges bewegen können, also die Mitspracherechte von Mittelbau und Studierendenschaft etablieren können. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete 1969 die Wahl Rolf Kreibichs, eines wissenschaftlichen Assistenten, durch das so genannte Übergangskonzil zum ersten Präsidenten der FU. Selbst in der offiziellen FU Chronik heißt es anerkennend, dies sei „eine hochschulpolitische Sensation“ gewesen (FU Chronik).

Baader betonte, dass diese und ähnliche Entwicklungen nur möglich gewesen sein, da sie von unten gekommen wären. Erst die Studierenden mit ihren Aktionen (etwa Streiks) hätten es ermöglicht, dass die Veränderungen am Ende auch auf institutioneller Ebene ankamen. Auch heute sei es wieder nötig und möglich, dass der Protest sich langsam von unten entwickelt und sich so ein zunehmender Widerstand gegen die zahlreichen Missstände in der und über die Uni hinaus aufbaut.

Prof. Markard berichtete von seiner Studienzeit und den Problemen eine Verbindung zwischen seinem Studium und der „realen Welt“ herzustellen. Im Studium selbst sein die interessantesten Lehrveranstaltungen alle nicht prüfungsrelevant gewesen, er habe sich ihnen aber natürlich dennoch gewidmet. Nach der Beendigung seines Studiums hätten ihn erst antiautoritäre Ansätze bei der Bildung eines Kindergartens ermöglicht, das im Studium vermittelte Wissen mit der Lebenswirklichkeit zu verbinden.

Die Situation der Studierenden heute sei eine ganz ähnliche: Der vermeintliche bessere Praxisbezug der neuen BA/MA-Studiengänge sei in Wahrheit nur Schein. Erneut laufe die universitäre, verschulte (Aus)bildung Gefahr, sich verstärkt in einem Elfenbeinturm zu verbarrikadieren. Der berühmte Blick über den eigenen Tellerand hat hier keinen Platz mehr.

Nach Markard geht es an der Uni statt um Kritik nur noch um Effektivitätskriterien, z.B. im Kontext von Drittmittelbeschaffung. Evaluiert werde, inwiefern die Uni die gesetzten Inhalte tatsächlich vermitteln kann, während die Inhalte als solche nicht mehr wirklich hinterfragt werden. Dies sei dann begleitet von einer rein instrumentellen Sichtweise auf die Studierenden (Studierende als „Kunden“ der Uni; als zukünftiges Humankapital, etc.).

Eine kritische Wissenschaft zu praktizieren sei immer noch möglich, eine Veränderung des Bestehenden erreichbar, was Prof. Markard dann ebenfalls mit einem kurzen Exkurs in die 68er Periode der FU verdeutlichte.

Jenny zog dann von ihrer eigenen „FU-Vita“ ausgehend ein Resümee der Protesbewegungen seit der Jahrtausendwende. Zu Beginn ihrer hochschulpolitischen Aktivitäten ging es gerade um die Neuauflage der Rasterfahndung, die an der FU nach dem 11.09.01 zum Thema und zum Problem wurde. Im Zentrum ihrer Betrachtungen stand jedoch der letzte „größere“ Streik an der FU im WS 03/04 mit dem die Einführung von Studiengebühren in Berlin verhindert werden konnte. 2005 sei es beim „Warnstreik“ dann das erste Mal um die Probleme bei der Einführung des Campus Managements und bei den neuen BA-Studiengänge gegangen (Anwesenheitslisten, Workload, sich überschneidende LVs, usw.).

Nicht alle Ziele seien in allen Protesten erreicht worden, aber doch immerhin einige. Was Jenny jedoch bedauert ist, dass in keinem der Proteste wirklich der gesamtgesellschaftliche Kontext beachtet wurde. Immer sei jene Fraktion die dominante gewesen, die sich auf rein hochschulpolitische Forderungen konzentrieren wollte und gesamtgesellschaftliche wenn überhaupt nur eher rein symbolisch aufnahm.

Zusammenfassend lässt sich bis hierhin festhalten: Baader betonte insbesondere die Notwendigkeit des Kampfs der von unten ausgeht. Markard hatte die Tatsache im Fokus, dass Kritik (und zwar eben nicht die „abgespeckte“ Variante) zur Wissenschaft gehört und diese Kritik hoffentlich in naher Zukunft wieder verstärkt gefragt sei. Jenny mahnte schließlich an, dass bei zukünftigen Protesten stärker, also über reine Lippenbekenntnisse hinaus, der gesamtgesellschaftlichen Blick über den Tellerrand eingebracht werden müsse.

Alle drei Redner versuchten dabei ein optimistisches Bild zu zeichnen, was die Mehrheit des Auditoriums offensichtlich ähnlich sah. Es fielen zentrale Sätze wie „Wir sind hier heute zwar nur wenige, doch damals waren es am Anfang ja auch nicht mehr“. Dass solche Bekenntnisse vielleicht doch eher den Charakter von verzweifelten Durchhalteparolen haben wurde dann an einigen Stellen in der anschließenden Diskussion aber doch deutlich.

Etwa am Beispiel von Anwesenheitslisten, die zunehmend von den Studierenden selbst eingefordert werden, selbst wenn Dozierende sie eigentlich gar nicht führen möchten (wir erinnern uns an Zeuners persönliches „Time to go“-Erlebnis, das in der OZ Nr. 6 festgehalten wurde). Neuster Höhepunkt: Wenn der Dozierende nicht selbst Anwesenheitslisten führt, machen die Studierenden eben privat ihre eigene Liste (und legen sie dann vor, nageln sie sich an Wand, whatever).

Eine anwesende Psychologie-Dozentin erzählte, wie sie jeden morgen auf dem Weg von Dahlem Dorf zur Silberlaube die Gespräche der Studierenden unfreiwillig mithört (d.h., sie „belauscht“ sie nicht willentlich, sondern kriegt auf dem Weg einfach die Gespräche mit). Während früher inhaltliche Diskussionen überwogen, die Studierende ihre eigenen Gedanken kreisen ließen, würde es heute immer nur noch um Formalien gehen, um Seite XYZ die zu lesen oder auswendig zu lernen gewesen sei, etc. Anders als früher könne sie heute nicht mehr schlussfolgern, welches Fach die Studierenden studieren, da die Gespräche keinen wirklichen inhaltlichen Bezug mehr hätten.

Eine Studentin im ersten Semester setzte dem entgegen, sie habe vor dem Beginn ihres Physik-Studiums Sorge gehabt an ihrem Fachbereich niemand zu treffen, der wie sie auch Interesse an gesellschaftspolitischen Fragestellungen habe. Tatsächlich habe sie dann aber schnell einige KommilitonInnen gefunden, die in dieser Richtung sensibilisiert waren. Ergo gebe es auch noch in Zeiten wie diesen viele Studierende die bereit sind sich aus dem engen Modulekorsett zu befreien, ihre Gedanken über den verschulten Studienalltag hinaus auszudehnen.

Nun, die zentrale Frage ist sicherlich, ob das was die Kommilitonin aus der Physik beschreibt auch wirklich ein Trend ist. Sind also z.B. jene 40 oder 50 KommilitonInnen die sich gestern im damit nur mäßig belegten Hörsaal 2 der Silberlaube zur AStA-Veranstaltung einfanden die Basis für eine stetig wachsende Bewegung? Oder werden die „üblichen Verdächtigen“ in einer in der Regel überschaubaren Anzahl nicht auch zukünftig meistens unter sich bleiben mit ihrem Engagement?

Wie war das gleich mit der Entwicklung bei den Protesten von 2003/04 zu 2005 zu 2008? 2005 war es nur noch eine „Warnstreiks“-Woche mit zum Vergleich zu 03/04 eher weniger Beteiligung und in der Aktionswoche im letzten Semester gab es eine Idee dessen was konkret eigentlich zu fordern sei nur noch am Rande. Dieses „Protestsemester“ war offensichtlich so hemdsärmelig, dass es gestern nicht einmal mehr Erwähnung fand.

Es müsste schon etwas wirklich Gravierendes passieren, wie etwa 03/04 die drohende Einführung von Studiengebühren, um diesen Abwärtstrend in Sachen hochschulpolitisches Engagement zu stoppen. Selbst dann würde man ihn aber sicherlich nicht umgekehren, sondern nur kurzfristig aufhalten. Auch ginge es dann einmal mehr nur wieder um den kleinsten gemeinsamen Nenner auf den sich alle einigen können (die Verhinderung der Studiengebühren), also eben gerade jene eingeschränkte Perspektive, die Jenny gestern zurecht kritisierte.

Wenn man sich die letzten 10 oder auch 20 Jahre ansieht, gibt es keinerlei Anhaltspunkte die hoffen lassen würden, es gäbe in naher Zukunft wieder eine Studierendenbewegung wie in den 60er und vielleicht noch 70er Jahren. Ohne nun diese „alte Epoche“ verklären zu wollen: Der damalige Protest und sein Ausmaß bleiben in der „Neuzeit“ wohl noch auf sehr lange Zeit unerreicht.

Das führt in ein Dilemma: Einerseits ist es kontraproduktiv, der Studierendenschaft wie mensch sie heute mehrheitlich (sic!) an den Unis antrifft fortlaufend ein emanzipatorisches Potential zuzuschreiben, das sie augenscheinlich einfach nicht hat, andererseits kann man auch nicht einfach die Hände in den Schoß legen und sagen „Es hat eh alles keinen Sinn mehr“. Was bleibt ist eine Strategie die heute schon jeden Tag praktiziert wird, mal mit weniger mal mit mehr Erfolg: Aktivismus in kleineren Gruppen, ohne eine wirklich größere Bewegung loszubrechen.

Die Unis brauchen 10 Prozent doch Sarrazin will nur 2 geben

November 20, 2008

Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner setzte gestern seine „Werbe-Tour“ an der FU fort und griff bei seinem Auftritt vor dem Akademischen Senat (AS) offenbar erneut auf sein inzwischen schon wohlbekanntes „Good cop / Bad cop“ Spiel zurück. Wobei der nicht anwesende Finanzsenator Thilo Sarrazin mal wieder der „Böse“ war, während er, Zöllner, natürlich den „Guten“ verkörperte. Das sieht dann so aus:

„Der Beginn der Berliner Hochschulverhandlungen für die Jahre 2010 bis 2013 am Mittwoch verheißt nichts Gutes: Finanzsenator Thilo Sarrazin will künftige Haushaltszuwächse der Unis auf nur zwei Prozent begrenzen. Das teilte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner am Mittwoch im Akademischen Senat (AS) der Freien Universität mit, wo er um Zustimmung für die Einstein-Stiftung warb. Dies würde bedeuten, dass die Hochschulen ihre steigenden Kosten nicht ausgleichen könnten. Denn die Unis brauchen zehn Prozent zusätzlich.

Zöllner versprach jedoch höhere Zuwächse. Er werde sich dafür einsetzen, dass das Land für Ausgabensteigerungen aufkomme, die die Universitäten nicht zu verantworten haben. Das gelte sowohl für Tariferhöhungen als auch für wachsende Energiekosten. Weit im Vorfeld der Beschlüsse über den Haushalt könne er mehr nicht sagen. Dennoch sei sein Versprechen ‚keine warme Luft‘.“ („Sarrazin: Nur zwei Prozent mehr für Unis“, Tagesspiegel, 20.11.08)

Zöllner pries aber natürlich im Kern die geplante Einstein-Stiftung und versicherte, dass diese der Grundausstattung der Universiäten nicht im Wege stehen dürfe. Im Gegenteil könne die neue Stiftung gerade als Ausgangspunkt genommen werden, auch insgesamt eine bessere Finanzierung der Unis zu erreichen, denn – so fasst es der Tagesspiegel zusammen – „Politikern seien besondere Aufwendungen nur dann zu vermitteln, wenn es um Außergewöhnliches gehe und nicht nur um die Fortsetzung von Gegebenem“ (ebd.).

Wow. Die „Politiker“ sind also kooperativer, wenn sie neben den Mitteln für die stark ansteigende Grundausstattung („Fortsetzung von Gegebenem“) auch noch jene der neuen Elite-Forschungs-Stiftung („Außergewöhnliches“) auf den Tisch legen sollen. Wer soll Zöllner das ernsthaft abkaufen?

Der AS und FU-Präsident Lenzen haben es offenbar geschluckt (für den Moment), denn man ist gestern im Einvernehmen auseinandergegangen. Man dankte dem Wissenschaftssenator in einer Resolution für seine Zusagen und begrüßte den „konstruktiven Dialog“.

Natürlich ist schon jetzt absehbar, auf was das Ganze hinauslaufen wird: Gelingt es Zöllner nicht durchzusetzen, dass das Land die steigenden Kosten der Unis ausgleicht, zeigt er mit dem Finger auf Sarrazin. Für Zöllner ist nur wichtig, seine Einstein-Stiftung durchzusetzen und diesen Punkt in der Diskussion schnellstmöglich von der Grundausstattungs-Frage abzukoppeln.

Erstes Treffen des Arbeitskreis Datenschutz

November 19, 2008

Am morgigen Donnerstag (20.11.) findet um 14 Uhr im AStA-Haus das erste Treffen des Arbeitskreis Datenschutz statt, zu dem alle Interessierten eingeladen sind.

Hintergrund ist die zunehmende Überwachung, die auch an der Uni immer deutlicher zu spüren ist. Immer mehr Räumlichkeiten werden videoüberwacht, personenbezogenen Daten gespeichert und verkettet, der verstärkte Einsatz von Chipkarten immer wieder diskutiert, usw.

Zuletzt bestätigte sich dieser Trend an der FU durch die Datenerfassung im Vorfeld der früher mal wirklich öffentlichen Immatrikulationsfeier sowie durch Werbe-Emails an ausgewählte Studierende durch die FU im Auftrag von Unternehmen. In der Einladung des AStAs heißt es:

„Vielfältige Bestimmungen des Datenschutzrechts und in der technischen Umsetzung sind dabei im Interesse der Betroffenen zu beachten. Datenschutz ist deshalb ein wichtiges Thema an Hochschulen und somit natürlich auch für Studierende. Darum wollen wir uns (…) treffen um mit euch über Datenschutz in den verschiedenen Bereichen zu sprechen und diskutieren. Zudem wollen wir uns über das weitere Vorgehen und mögliche Aktionen unterhalten.“ („Einladung zum ersten Treffen des AK(ArbeitsKreis) Datenschutz“, AStA FU Blog, 15.11.08)

Tatsächlich lässt sich das in vielen Bereichen der Gesellschaft zunehmend auftretende „Phänomen“ der Überwachung und der entweder missbräuchlichen oder zumindest doch fragwürdigen Erhebung und Verwendung personenbezogener Daten auch immer öfter an der Uni erkennen. Die Gründung eines solchen Arbeistkreises erscheint daher sinnvoll.

StuPa verbannt Thor Steinar

November 18, 2008

Wie der LHG Blog berichtet hat das StuPa der FU Berlin in der Sitzung vom 12.11. eine Resolution verabschiedet, welche Kleidung der Marke Thor Steinar aus Veranstaltungen der Studierendenschaft verbannt:

„Ab sofort wird Personen, die Kleidung und Accessoires der Firma ‚Thor Steinar‘ tragen, der Zugang zu Räumen, Veranstaltungn und Versammlungen der Studierendenschaft der Freien Universität Berlin verwehrt“ (Resolution des StuPa FU vom 12.11.08)

Unklar bleibt, wer diese Regel im Ernstfall eigentlich physisch durchsetzen soll. Der FU Sicherheitsdienst? Die herbeigeholte Polizei? Die anwesenden Studierenden? Auch bei der rechtlichen Verbindlichkeit wäre ich mir nicht sicher, ob das so funktioniert. Wenn jemand an der FU immatrikuliert ist und das Recht auf eine Teilnahme an einer studentischen Vollversammlung wahrnehmen möchte, kann ihm dies tatsächlich nur auf Basis einer solchen Resolution verweigert werden?

Wichtig wäre in jedem Fall, was in der Resolution auch gefordert wird: Dass die FU eine solche Regelung für die gesamte FU (also alle Räumlichkeiten) erlässt. Als „Hausherr“ hat sie hier rein rechtlich sicherlich mehr Handhabe. Mal abgesehen davon, dass das Verbot allgemein deutlich mehr Wirkung zeigt, wenn es nicht auf die verhältnismässig überschaubare Anzahl von Veranstaltungen der Studierendenschaft beschränkt bleibt.

Nach Einschätzung des Brandenburger Verfassungsschutz ist die Marke Thor Steinar „unter Rechtsextremisten beliebt und gilt als szenetypisches Erkennungs- sowie Abgrenzungsmerkmal“ (zitiert nach: „Hausverbot im Bundestag“, Tagesspiegel, 16.03.08). Und der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy wird im selben Artikel wie folgt zitiert: „Wer Thor Steinar trägt, will in aller Regel eine antidemokratische Haltung zum Ausdruck bringen“ (ebd.).

Konsequenterweise ist das Tragen von „Thor Steinar“ bereits im Deutschen Bundestag, im Landtag Mecklenburg-Vorpommern, in zahlreichen Fußballstadien und Schulen untersagt. Auch Berliner PolizistInnen ist es nicht gestattet Kleidungsstücke von rechten Marken wie Thor Steinar zu tragen, wie der Polizeipräsident in einem Interview in der heutigen taz noch einmal klarstellte („‚Die Antifa soll sich melden'“, taz, 18.11.08).

„Thor Steinar“ aus den Hörsälen der FU zu verbannen erscheint unter diesen Gegebenheiten mehr als überfällig.

Faire Computerbeschaffung jetzt mit Affengriff und Filmabend

November 17, 2008

Engagierte KommilitonInnen sind nach wie vor bemüht an den Berliner Universitäten das WEED-Projekt „PC global“ hochzuziehen, welches sich für eine faire Computerbeschaffung an den Unis einsetzt (siehe „Kampagne für faire Computerbeschaffung läuft an“).

Als Logo hat man sich jetzt für den so genannten „Affengriff“ entschieden, also für die Tastenkombination „Strg+Alt+Entf“, die bei der Kampagne symbolisch für einen Neustart stehen soll. Wobei in der Ankündigung von „Alt Gr“ statt von „Alt“ die Rede ist, was auf neueren Tastaturen zwar auch geht, aber eben nicht die klassische Variante wäre.

Am 15.12. kommt eine Speakers‘ Tour nach Berlin bei der zwei chinesische ArbeitsrechtsaktivistInnen über die Zustände in chinesischen Hardware-Herstellungs-Sweatshops berichten. Die Veranstaltung findet Mittags an der TU Berlin und Abends voraussichtlich im IG Metall-Haus statt. Die genaue Uhrzeit ist noch nicht bekannt, Interessierte sollten den Termin aber schon mal vormerken. Die Beteiligten der Kampagne für faire Computerbeschaffung wollen sich hier einbringen und diese Veranstaltung bewerben. Sie hoffen hier auch neue MitstreiterInnen zu finden.

Auch ein Filmabend ist in Planung, auf dem Dokumentationen wie „Digitale Handarbeit“ und „China Blue“ gezeigt werden sollen. Dieser soll entweder im „Aufsturz“ oder an der Uni (HU oder TU) stattfinden. Die Terminfindung läuft über Doodle. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen vorbeizuschauen.

Doch die AktivistInnen wollen nicht nur Filme sehen, sondern in naher Zukunft auch selber einen produzieren. Zumindest ein kurzes, 3 bis 4 minütiges „Aufklärungsvideo“, welches im Stil von „The Story of Stuff“ die sozialen und ökologischen Probleme der Computerproduktion und die Möglichkeiten der fairen öffentlichen Beschaffung dokumentieren soll. Dieses Video wäre dann auch frei übers Web erhältlich.

Da es der Kampagne immer noch an weiteren UnterstützerInnen fehlt, planen die schon Beteiligten ihr Projekt stärker als bisher an den Unis zu bewerben.

Update 21.11.08

Der oben erwähnte Filmabend mit anschließender Diskussion zum Thema Anti-Sweatshop-Strategien findet am 01.12. (ein Montag) um 18:30 Uhr im „Aufsturz“ statt.

Anti-SFB-Protest am OSI

November 14, 2008

Am letzten Mittwoch (12.11.) gab es am OSI eine „antimilitaristische Entbettungsaktion“, um gegen den Sonderforschungsbereich Governance (SFB 700) zu protestieren, der wie berichtet zunehmend in der Kritik steht.

„‚Wer sich einbettet muss Federn lassen‘ stand auf einem Transparent, das im 1. Stock aus dem Fenster gehangen wurde. ‚Kriegsforschung stoppen‘ stand auf einem anderen Transpi vor dem Eingang. Mit entsprechender Symbolik wurden blutige Kissen an die Türen der Büros verantwortlicher ForscherInnen des SFB 700 genagelt.

Eine Papp-Figur mit dem Gesicht von Thomas Risse, Sprecher des SFB 700, fand zwischen tarnfarbigen Kissen eingebettet Platz im Eingangsbereich des OSI-Gebäudes – Federn lassend. Studierende und Beschäftigte wurden mit Flugis und Redebeiträgen informiert wie die ForscherInnen des SFB 700 Funktionen übernehmen für die neuen aggressiven Militärstrategien.“ („SFB 700: Söldnerintellektuelle stoppen“, Indymedia, 12.11.08)

Wer es verpasst hat, findet hier eine ausführliche Fotostrecke.

Mit Symbolik ist das immer so eine Sache. Das Blut auf dem an der Bürotür befestigten Kissen soll offenbar suggerieren, dass der jeweilige Wissenschaftler durch seine „eingebettete“ Forschungsarbeit selbst Blut an den Händen hat bzw. dass er Mitschuld am Blutvergießen trägt. Die Symbolik könnte aber auch leicht dahingehend missverstanden werden, dass es sich um das Blut des Wissenschaftlers selbst handelt, wodurch er diese „Botschaft“ dann vielleicht als eine gegen seine Person gerichtete Drohung auffassen würde. Auch wenn letzteres sicherlich nicht gemeint war, eine solche vielseitig interpretierbare Symbolik hat zumindest auch immer einen faden Beigeschmack.

Auch die Symbolik mit der Risse-Pappfigur ließ sich gar nicht so leicht dechiffrieren (klar war nur, dass es eine Anti-SFB-Message war), weil das große „Wer sich einbettet muss Federn lassen“ Transpi am späten Nachmittag zumindest nicht mehr da war. Ich dachte daher zuerst, die Szenerie würde das während eines Kriegseinsatzes verwüstete Feldbett von Risse zeigen, dieser wäre somit höchstselbst nach Afghanistan eingezogen worden, um am eigenen Leib zu erfahren, was die Akteure dort durchmachen müssen.

Allerdings ist dieses stutzig werden wohl auch intendiert. Die KommilitonInnen sollen ja stehenbleiben und überlegen, um was es hier eigentlich geht. Zudem es wie berichtet offenbar auch Flyer und Redebeiträge gab, die noch einmal untermauerten, wogegen sich der Protest richtete. Vielleicht gab es zumindest ein paar Studierende, die so auf ein Thema aufmerksam wurden, das sie bis dato noch nicht auf ihrem Radar hatten.

Zöllner weiter auf Werbe-Tour für „seine“ Einstein-Stiftung

November 13, 2008

Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner ist nach wie vor auf „Werbe-Tour“, um sein Lieblingsprodukt, die Einstein-Stiftung, anzupreisen und die weiterhin starken Bedenken zu zerstreuen mit denen er sich immer noch konfrontiert sieht (siehe „Akademischer Senat in Warum-Phase eingetreten“).

Gestern hat er sich im Akademischen Senat der TU nach eigenem Bekunden „aus dem Fenster gehängt“, wie der Tagesspiegel in seiner heutigen Ausgabe zu berichten weiß. Zöllner mache „sein politisches Schicksal von einer deutlich höheren Grundfinanzierung für die Berliner Universitäten abhängig“ („‚Ich hänge mich aus dem Fenster'“, Tagesspiegel, 13.11.08). Der immer wieder vorgebrachten Forderung, man wolle erst über die in den folgenden Jahr stark zunehmende Grundfinanzierung reden, bevor man sich auf die Einstein-Stiftung einlasse, setzte Zöllner entgegen:

„Sie mögen glauben, Ihre Chancen beim kostenbewussten Finanzsenator sind besser, wenn sie das Geld für die Stiftung erst ausschlagen und über die Grundfinanzierung reden. Aber denken Sie im Ernst, Sie können dann nach erfolgreichen Verhandlungen noch das Geld für die Stiftung zusätzlich bekommen? Das sackt er doch ein!“ (zitiert nach: „‚Ich hänge mich aus dem Fenster'“, Tagesspiegel, 13.11.08)

Nun, die Sorge ist wohl primär nicht das Geld für die Stiftung zusätzlich zu bekommen, sondern dass das Geld für die Stiftung fließt, während zeitgleich die Grundfinanzierung nicht steht. Die neue Einstein-Stiftung dann also in Wahrheit vorwiegend deshalb glänzt und strahlt, damit der Berliner Senat besser denn je von zusätzlichen Einsparungen an den Unis ablenken kann.

Nach Auslegung des Tagesspiegels „gelang es Zöllner offenbar, die Mitglieder des AS für seine Stiftung zu erwärmen“ (ebd.). Gleichzeitig macht der Artikel aber auch deutlich, dass es weiterhin Vorbehalte oder zumindest eine Grundskepsis gegenüber Zöllners Einstein Vision gibt.

Ganz andere Töne schlug der Senator noch Anfang des Monats an, als er während einer Diskussionsrunde in Adlershof einem Bericht der taz zufolge damit drohte, Mittel sogar zu kürzen, wenn die Berliner Unis nicht endgültig auf seinen Kurs umschwenken würden:

„Wie aber soll eine Uni, die nicht in der Lage ist, die Tarifangleichungen für ihre Angestellten zu bezahlen, Ressourcen für die Teilnahme an einem neuen Netzwerk freimachen? Das fragte der sichtlich aufgebrachte FU-Kanzler Peter Lange. Der Erfolg im Elite-Wettbewerb mache die Unis ‚kaputt‘, warnte auch TU-Vize Johann Köppel. Ohne eine ’sinnvolle Verknüpfung von Spitzen- und Basisförderung‘ könne man ein weiteres Projekt wie die Einstein-Stiftung nicht schultern.

Ohne ‚freudige Zusage von Spitzenforschungsgeldern‘ gebe es aber auch keine Chance auf Breitenförderung, konterte der Senator. Im Klartext: Ohne Einstein-Stiftung kein Geld. Der Streit hat erst begonnen.“ („Einstein oder kein Geld“, taz, 05.11.08)

Zöllner pendelt also zur Zeit etwas zwischen Zuckerbrot und Peitsche, versucht auszuloten, wo er sich entgegenkommend zeigen soll, und wo eher offensiv.

Wie nicht anders zu erwarten schlagen Zöllners Pläne indessen auch im Abgeordnetenhaus höhere Wellen. Streitpunkt zwischen dem Senat und der Opposition war hier inbesondere die Frage, wer wieviel in der neuen Stiftung zu sagen hat. KritikerInnen monieren, der Aufbau der Doppel-Stiftung würde darauf hinauslaufen, dass am Ende einzig allein der Senat entscheiden könne, welche Projekte von der Stiftung profitieren und welche nicht.

„Nicolas Zimmer (CDU) nannte die von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner geplante Konstruktion im Wissenschaftsausschuss am Mittwoch eine ‚Nebelkerze‘: ‚Sie wollen verschleiern, dass allein der Senat in der Stiftung die Entscheidungen trifft‘, warf er Zöllner vor. Anja Schillhaneck (Grüne) sagte, sie sei aufgrund der Erfahrungen anderer Wissenschaftsstifungen ’sehr skeptisch‘, dass es zu den erhofften Privatspenden komme. Zöllner hielt der Opposition entgegen, sie würde ‚die Realität verkennen‘. Die gewählte Konstruktion (…) sei optimal, um eine nachhaltige, wissenschaftsgeleitete Förderung der Spitzenforschung in Berlin zu gewährleisten.“ („Wer bestimmt in der Einstein-Stiftung?“, Tagesspiegel, 06.11.08)

Der Widerstand an den Berliner Unis bereitet Zöllner allerdings vermutlich ingesamt mehr Sorgen, als jener im Abgeordnetenhaus von der Opposition. Wie Zöllners Erfolgschancen an den Unis stehen ist schwer zu beurteilen, da er neben Widerstand auch zunehmend auf Zuspruch in den Gremien zu stoßen scheint. Dieser Zuspruch könnte allerdings auch nur Fassade sein, damit die Unis nicht als Totalbremser dastehen.

Zur Not könnte Zöllner die Stiftung theoretisch natürlich auch gegen den Willen der Universitäten gründen („Nichts zu lachen für Einstein“, taz, 28.10.08). Allerdings wäre dann der Ruf der neuen Stiftung wohl von Anfang an stark ramponiert – und damit auch der von Zöllner selbst.

AStA-Veranstaltung zum FU-Jubiläum

November 12, 2008

Am Donnerstag den 20.11. läd der AStA FU um 16 Uhr in die Silberlaube (Hörsaal 2) zur Auftaktveranstaltung seiner Ringvorlesung ein.

Unter dem Motto „Immer nur Dagegen – Zukunft von Anfang an“ wird die Redaktion des AStA-Magazins „FU60: Gegendarstellungen“ eine Diskussion „zur bewegten Geschichte der FU Berlin“ veranstalten. Hintergrund ist das 60. Jubiläum der FU Berlin in diesem Dezember („AStA bringt Jubiläums-Zeitung raus“).

„Anläßlich des 60. Gründungstages der FU haben haben wir Aktive verschiedener Protest-Generationen der eingeladen, die mit uns als Zeitzeugen und immer noch Teilnehmende über Kämpfe und Bewegungen an der FU von 1967 bis heute diskutieren wollen. Was ging damals, was ging heute, können wir aus Fehlern lernen, oder müssen wir sie alle selber machen? Ist heute weniger los, wenn ja, warum?“ („Immer nur Dagegen – Zukunft von Anfang an“, Einladung, AStA FU Blog, 10.11.08)

Auf dem Podium diskutieren dazu Gerhard Baader (Medizinhistoriker, FU Berlin), Morus Markard (Psychologe, FU Berlin) und Jenny Simon (Studentin am OSI) gemeinsam mit dem Auditorium.

Die Veranstaltung könnte sehr interessant werden, solange sie nicht zu einem reinen „Nostalgiker-Treffen“ mutiert.

FU leitet McKinsey-Werbung an ausgewählte Studis weiter

November 8, 2008

Die taz deckt in ihrer heutigen Ausgabe auf, dass die FU für die Unternehmensberater McKinsey und Boston Consulting Bewerbungseinladungen an „Elite“-Studis versendet hat. Ein Vorgang, für den sich inzwischen auch der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix interessiert.

Einige angeschriebene Studierende hatten wohl den Verdacht, die FU habe ihre Daten an die Unternehmensberater vertickt. Ganz so krass liegt der Fall jedoch zum Glück nicht: Die FU hat „nur“ Einladungen an Studierende die bestimmte „Elitekriterien“ erfüllten im Namen der Beraterfirmen versendet. McKinsey und Boston Consulting haben also nicht selbst die Daten zu gesicht bekommen, die FU hat ihre Bewerbungseinladungen einfach weitergeleitet.

„Post von McKinsey bekam, wer das Vordiplom nicht schlechter als mit der Note 2,3 machte und nicht länger als 11 Semester studiert. Boston Consulting gab keine Note vor, sondern wollte die besten 10 bis 15 Prozent erreichen.“ („McKinsey hat den Hut auf“, taz, 08.11.08)

Die FU erhielt als Gegenleistung angeblich nur 280 Euro, die der Fachbereich Wiwiss 2007 für die Portokosten und den zusätzlichen Aufwand zugestanden bekam. Die Unternehmensberater ersparen sich so zumindest einen Teil ihres komplexen Auswahlverfahrens, den Studierenden wird gemeinsam mit der FU beim Berufseinstieg geholfen. Der Landesdatenschutzbeauftragte hat aber trotzdem Bedenken:

„Die Auswahl der Universität verletze die ’schutzwürdigen Belange‘ jener Studierenden, die keine Einladung erhalten, heißt es in einem Vermerk des zuständigen Mitarbeiters. Das Prinzip der Chancengleichheit sei damit von Anfang an verletzt. Es gebe keine eindeutige Rechtsgrundlage, die der Universität die Vorauswahl erlaube. Zulässig sei die Werbepost nur dann, wenn alle Studierenden angeschrieben werden, die ein Fach seit einer bestimmten Zahl von Semestern studieren.“ (ebd.)

Die FU war gegenüber der taz zu keiner Stellungnahme bereit, man prüfe den Vorgang noch.

Mit diesem selektiven Verfahren werden also die Chancen einer „elitären“ Minderheit erhöht, die vom Rest geschmälert. Selbst wenn man zur Grundlage nimmt, dass Unternehmen wie McKinsey und Boston Consulting ohnehin nur „die besten“ eines jeden Jahrgangs einstellt, ist es doch nicht die Aufgabe der FU hier den „Elite-Vermittler“ zu spielen. Anzunehmen ist, dass diese Vorgehensweise die Bewerbungschancen von Studierenden mit weniger guten Noten zusätzlich mindert, da sie nun bereits schon an der Uni direkt aussortiert werden.

Das wirklich erschreckende an dem Vorgang ist aber sicherlich, dass hier ein weiterer Schritt zur Verwischung der Grenze zwischen Universität und Wirtschaft vollzogen wurde. Eine Entwicklung, an deren Ende die Uni nur noch ausführendes Organ der Unternehmen ist und eine akademische Bildung jenseits der „ökonomischen Verwertbarkeit“ nicht mehr stattfindet. Heute verschickt man Post für McKinsey, morgen lässt man sich von ihnen erklären, was gelehrt wird und was nicht (wobei dieser Zustand zumindest bei den Wirtschaftswissenschaften vermutlich längst erreicht ist…).

Empörung über Festnahmen während der Immafeier

November 7, 2008

Gestern lief über den Newsticker in der U-Bahn ein Hinweis auf einen Artikel in der B.Z., wonach ein 23jähriger auf der Immatrikulationsfeier am Mittwoch den Bundespräsidenten angegriffen habe. Ich habe unter Qualen versucht diesen Artikel im B.Z.-Archiv zu finden, bin aber an der Archivsuche-Funktion gescheitert. Vielleicht war das auch besser so.

Vermutlich ist damit jener Kommilitone gemeint, der den Bundespräsidenten beleidigt haben soll. Das war dann eine von fünf Festnahmen (darunter angeblich auch zwei Erstsemester), die es vorgestern an der FU gegeben hat. In einem über Mailinglisten verbreiteten Aufruf heißt es:

„Was dann geschah, ist ein für die letzten Jahre außergewöhnlicher Vorgang. Protestierende Studierende sahen sich auf dem Unigelände massiver Polizeirepression gegenüber. Zunächst wurden massenhaft Platzverweise gegen Einzelpersonen ausgesprochen, weil diese vor dem Eingang des Henry-Ford-Baus Plakate hielten.

Unter Androhung einer Strafanzeige wurde das mit dem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz begründet. Diese Platzverweise wirkten anfangs noch bizarr, da sie sogar verschiedene Universitätsgebäude mit einschlossen.

Dann kam es aber zu fünf Festnahmen. Mit zum Teil heftiger Gewalt wurden Studierende unmittelbar auf dem Gelände ihrer Universität festgenommen und das wegen an den Haaren herbeigezogener Vorwürfe wie dem der Bundespräsidentenbeleidigung. Der Skandal daran ist vor allem, dass es nicht mal mehr erlaubt ist, dass wir Studierende an unserer Uni friedlich unsere Meinung äußern.

Wenn ein Universitätspräsidium, das sich selbst gerne mit den Bekenntnissen zu Freiheit und Demokratie schmückt, derart repressive Zustände zulässt, sollte das wirklich zu denken geben. Wenn man noch nicht mal mehr als Einzelperson an der eigenen Uni seine Gedanken äußern darf, dann gelten hier elementare Grundsätze der Meinungsfreiheit nicht mehr.“ („Wenn Studierende an ihrer Universität festgenommen werden“, Flyer, 06.11.08)

Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, „Präsidentenbeleidigung“, Verteilen von Flyern ohne V.i.S.d.P., etc., pp. Hier wurde wirklich mit allen Mitteln versucht, eine freie Meinungsäußerung zu unterbinden.

Neben dem gestern schon zitierten Artikel im Tagesspiegel, gibt es inzwischen auch in der taz und auf Indymedia je einen Beitrag zum Sachverhalt. Hier wird vor allem Unverständnis von Anwesenden für die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen insbesondere für die Datenerfassung durch das BKA (inklusive Telefonnummer und Emailadresse) deutlich. In der Nachbetrachtung rücken nun aber zunehmend auch die Festnahmen in den Mittelpunkt der Kritik.

Im oben bereits zitierten Flyer heißt es daher weiter, es sei wichtig „diesen Vorfall nicht einfach so geschehen zu lassen. Man muss deutlich machen, dass hier eine Grenze überschritten wurde. Daher achtet auf Ankündigungen, bzw. kündigt selbst etwas an!“

Nicht alle Studierenden teilen jedoch die Kritik an den beschriebenen Vorfällen rund um die Immafeier. Sie kritisieren umgekehrt viel mehr die Protestierenden für ihr Verhalten. So heißt es in einem eher sarkastisch gehaltenen Beitrag im LHG Blog:

„Da stößt es bei der friedlichen Fensterklopfergemeinde natürlich auf Unverständnis, dass so etwas wie das Hausrecht des Landes Berlin angewendet wird. Schließlich haben sich alle stillschweigend und kopfnickend dem selbstgerechten Moralmonopolismus des linken Weltverbesserungstums zu unterwerfen. Wem nicht mitmacht wird eben mal ‚ans Fenster geklopft‘.“ („Studierende und ‚ihre‘ Uni“, LHG Blog, 06.11.08)

Das Monopol liegt – zumindest was den Mainstream angeht – zur Zeit wohl eher noch beim Neoliberalismus, denn beim „linken Weltverbesserungstum“. Und würden Protagonisten wie Lenzen oder Köhler bei Veranstaltungen wie der Immafeier tatsächlich auch abweichende Meinung zulassen, sich auf eine Diskussion einlassen, anstatt möglichst viele potentielle KritikerInnen im Vorfeld auszugrenzen, die Protestierenden könnten wohl aufs „Fensterklopfen“ verzichten.

Protest auf Immafeier trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen

November 6, 2008

Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen und aufwendiger Personalien-Erfassung (siehe „Studierende antworten auf Immafeier-Sicherheitswahn mit Alternativveranstaltung“) ist es der FU-Administration nicht gelungen, protestierende Studierende von der gestrigen Immatrikulationsfeier auszuschließen.

Während Gastredner Horst Köhler nach Angaben des Tagesspiegels den Sicherheitsdienst sogar anwies, ein entrolltes Protest-Transparent mit dem Titel „Die Krise heißt Kapitalismus“ nicht runterzureißen und darüber sprach, dass „die Irrtümer und Exzesse, die wir jetzt in der Welt der Finanzmärkte festgestellt haben“ korrigiert werden müssten, übte sich FU-Präsident Dieter Lenzen einmal mehr in altbackenem Antikommunismus und feierte die FU-Gründung als Gegenpol zur HU in Ost-Berlin („‚Renaissance der Demokratie'“, Tagesspiegel, 06.11.08).

Gleichzeitig betonte Köhler jedoch auch die Erfolgsgeschichte der sozialen Marktwirtschaft in der BRD und zeigte sich zuversichtlich, dass der zukünftige, frisch gewählte US-Präsident Barack Obama ebenfalls ein solches Konzept verfolgen würde.

Den Auftritt einer afrikanischen Trommler- und Tänzerinnengruppe nahm er zum Anlass die Studierenden davor zu warnen, ihr „Verständnis afrikanischer Kultur auf diese folkloristische Darbietung zu reduzieren“ (ebd.). Eine kleine Kolonialismus-Schelte vom Bundespräsidenten an die linke Studierendenschaft, das hat man auch nicht alle Tage. Der Schönheitsfehler bestand allerdings vermutlich darin, dass die Trommler- und Tänzerinnengruppe wirklich aus AfrikanerInnen bestand.

Lenzens Rede wurde von „dumpfen Schläge gegen die Fenster“ (ebd.) gestört, die er geflissentlich zu ignorieren versuchte, während die „Störer“ draußen von der Polizei vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden. Eine Darstellung des Ablaufs durch anwesend gewesene Studierende liegt derzeit leider noch nicht vor.

Für den AStA sprach Sebastian Schneider, der Köhler und Lenzen gleichermaßen als „Repräsentanten der neoliberalen Ideologie“ kritisierte. Ferner ging er auf die negativen Entwicklungen an der FU im Zuge des Bologna Prozesses und der Exzellenzinitiative ein.

Draußen fand indessen wie angekündigt eine alternative Immatrikulationsfeier statt, zu der nach Einschätzung des Tagesspiegels rund 60 Studis gekommen waren, um gegen den Sicherheitswahn im Vorfeld der offiziellen Immafeier zu protestierten und dabei unüberhörbar Musik zu spielen.

Buch über transdisziplinäre Governanceforschung

November 5, 2008

Am Donnerstag (06.11.) stellen Sybille de la Rosa, Ulrike Höppner und
Matthias Kötter um 18 Uhr im Hörsaal A der Ihne21 ihr neues Buch „Transdisziplinäre Governance-Forschung – Gemeinsam hinter den Staat blicken“ vor.

Diskutiert werden soll dabei nicht nur „über die Möglichkeiten und Grenzen einer transdisziplinären Governanceforschung“, sondern auch „über die Forschungsarbeiten der Teilprojekte am SFB 700“. Ulrich K. Preuß wird ein paar einleitende Worte beitragen, Marianne Braig die Moderation übernehmen.

Der Inhalt des Buches wird wie folgt zusammengefasst:

„Das Buch fragt nach der Bedeutung von Governance und der Governanceforschung für die Sozialwissenschaften: Welche Strukturen, Prozesse und Ziele beschreibt Governance? Wie lassen sich gewachsene Ausprägungen von Governance vergleichen? Und lässt sich Governance ohne den Staat denken?

(…) Die Beiträge veranschaulichen die Möglichkeiten und Grenzen der Governanceforschung an theoretischen und empirischen Fragen aus dem Berliner DFG-Sonderforschungsbereich (SFB) 700 ‚Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit: Neue Formen des Regierens?‘, an dem die Autor/innen arbeiten und forschen.“ („Transdisziplinäre Governanceforschung. Gemeinsam hinter den Staat blicken“, SFB 700 Website)

Höppner und de la Rosa waren am Teilprojekt „Weiche Steuerung“ von Gerhard Göhler beteiligt. Dieses Teilprojekt wird sich beim nächsten SFB-Antrag angeblich nicht mehr einbringen, was bei manchen Studierenden die Hoffnung nährt, bei dieser Diskussionsveranstaltung zur Abwechslung mal eine unverblümte, kritische Einschätzung des SFB-Innenlebens auch von Insidern zu erhalten. Allerdings wird es wohl kaum so etwas wie eine „Generalabrechnung“ der Beteiligten geben.

Campus.Leben

November 4, 2008

Vier Jahre nachdem die „FU-Nachrichten“ (FUN) eingestellt wurden (die noch existierende Website legt zumindest den Schluss nahe, dass es nach 2004 keine weiteren Ausgaben gab) hat sich die FU nun entschlosssen, eine neue Haus-und-Hof Postille mit dem Namen „campus.leben“ (CL) ins Leben zu rufen. Diesmal allerdings als reines Online-Magazin.

Ansonsten hat sich nicht viel geändert, ähnlich wie die FUN ist auch CL ein reines PR-Magazin, das der FU zur Selbstbeweihräucherung dient. Redaktionell produziert wird es von der berüchtigten „Kommunikations- und Informationsstelle“ (siehe „Tagesspiegel-Beilagen“). Man bekommt also nettes Infotainment und erfährt was an der FU für tolle Sachen geleisten werden, kritische Worte z.B. über vorhandene Missstände sucht man dagegen natürlich vergebens. Aalglatt wie das im inzwischen allseits bewährten „Corporate Design“ gehaltene Layout fügt sich auch der Inhalt in Dieter Lenzens exzellente Bolognawelt voller Milch und Honig ein.

Dem Namen des Magazins entsprechend ist man natürlich bemüht zumindest den Anschein zu wahren, der/die LeserIn könne durch die Lektüre Einblicke in das tatsächliche „Campusleben“ an der FU erhaschen. So erfährt man dann z.B. wie ehrgeizige Jura-StudentInnen versuchen eine „Erstsemester-Rallye“ zu gewinnen („Ich wollte in Berlin bleiben und dort an einer exzellenten Universität studieren“) oder wer der neue Gewinner des LorBären am OSI ist („Walter singt in einem klassischen Oratorienchor, hat eine Schwäche für moderne Belletristik, und außerdem segelt er gerne auf den Seen rund um Berlin“).

Um auf diese Propaganda-Perlen zu kommen, muss man allerdings schon ein bisschen rumklicken. Die Artikel auf der Startseite lesen sich noch mehr wie reine Ergänzungen zu den offiziellen FU Pressemitteilungen.

Marx-Offensive des SDS

November 3, 2008

Der „neue“ SDS („Die Linke.SDS“) hat in diesem Wintersemester Marx-Lesekreise an 31 Hochschule ins Leben gerufen und es mit dieser Aktion – nicht zuletzt Dank der Finanzkrise – immerhin auch bis zu einem Artikel auf Spiegel Online geschafft („Die kleine Oktoberrevolution“, SPON, 31.10.08).

In der Eigendarstellung des SDS heißt es: „Die Linke.SDS möchte mit dem Projekt ‚Das Kapital lesen!‘ Marx zurück an die Uni und an die Fachhochschule bringen, um kritische Wissenschaften und gesellschaftskritisches Denken zu revitalisieren“ („Kapital-Lesekreis an der FU“, SDS/Die Linke.FU, 30.10.08).

Unter den besagten Hochschulen ist natürlich auch die FU und ähnlich wie an anderen Unis soll das erste Feedback auch hier durchaus sehenswert gewesen sein. So waren nach Angaben des SDS.FU immerhin 110 Personen (hauptsächlich vermutlich Studierende) bei der Auftaktveranstaltung in der Silberlaube zugegen („110 Personen bei der Auftaktveranstaltung“, SDS/Die Linke.FU, 30.10.08). Der Vortrag von Prof. Dr. Klaus Peter Kisker samt der anschließenden Diskussion kann als mp3 heruntergeladen werden und beim Tagesspiegel gibt es sogar ein kurzes Video von der Veranstaltung.

Ob die Lesekreise wirklich Erfolg haben werden, die Interessierten also dauerhaft bei der Stange bleiben und Marx am Ende wirklich „revitalisiert“ werden kann, wird sich natürlich erst noch herausstellen. Jeder Lesekreis hat laut SPON „Kapital-Teamer“, die vorher extra für ihre Aufgaben „gecoacht“ wurden. Wie allerdings das Niveau in diesen Lesekreisen ist, ob die „Kapital-Teamer“ wirklich Ahnung von der Materie haben oder nur glauben sie zu haben, lässt sich jetzt sicherlich noch nicht sagen. Zumindest an der FU gab es auch in jüngerer Vergangenheit schon vor dieser SDS-Kampagne verschiedene Kapital-Lesekreise. Es wäre interessant zu sehen, wie diese die aktuelle Kampagne einschätzen.

Im nächsten Sommer, also zur Wahlkampfzeit wie SPON dezent anmerkt, plant Die Linke.SDS im Anschluss an die Kampagne eine internationale Auswertungskonferenz „zum Bündeln der Ideen“. Geht es also wirklich um eine „Revitalisierung“ von Marx oder nicht vielleicht doch eher um eine getarnte, langfristig angelegte Wahlkampf-Veranstaltung der Linken? Mündet hier die Analyse von Marx‘ Werk früher oder später in der vermeintlich zentralen Erkenntnis, dass die Linke als Partei am ehesten die in den Lesekreisen zusammengetragenen „Ideen“ umsetzen kann?

Um darauf eine Antwort zu erhalten, sollte sich Interessierte selbst ein Bild machen. Der Kapital-Lesekreis trifft sich das erste Mal am kommenden Freitag (07.11.) um 16 Uhr im Raum L113 im Seminarzentrum der Silberlaube. Auf dieser Sitzung wollen sich die TeilnehmerInnen dann auch über einen wöchentlichen, festen Termin und über den zukünftigen Treffpunkt einigen.