Studierende antworten auf Immafeier-Sicherheitswahn mit Alternativveranstaltung

Es gibt – mal wieder – Zoff um die Immatrikulationsfeier. Anlass sind diesmal die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen, die damit begründet werden, dass der Gastredner kein geringerer als Bundespräsident Horst Köhler ist.

Obwohl sich die Immatrikulationsfeier natürlich schon immer primär an die Erstsemester gerichtet hat, schafften es bisher auch immer noch Studierende die bereits länger dabei sind in die Veranstaltung. Dies soll in diesem Semester jedoch ausgeschlossen werden.

Wesentlich schwerwiegender ist allerdings eine weitere Einschränkung: Teilnahmewillige Erstis müssen ihre Personalien im Vorfeld vom Bundespräsidialamt überprüfen lassen. Zu diesen persönlichen Angaben gehören auch die Emailadressen und die privaten Telefonnummern der Geladenen. Wozu diese das Bundespräsidialamt braucht ist ebenso unklar, wie die Antwort auf die Frage, was mit den eingesammelten Daten nach der Veranstaltung passiert. Wo und wie lange werden sie gespeichert?

Nicht nur viele Studierende finden diesen Sicherheitswahn übertrieben, auch die Datenschutzbeauftragte der FU, Frau Pahlen-Brandt, sieht laut AStA in diesem Vorgehen „mehrere rechtlich bedenkliche Fehler, die noch geprüft werden müssen“ („Vielfältige Proteste und Horst Köhler werden erwartet“, AStA FU, 15.10.08). Der AStA fasst zusammen:

„Die Immatrikulationsfeier war seit Jahrzehnten eine öffentliche Veranstaltung an der alle Studierenden teilnehmen konnten. Ab diesem Jahr wird sie zu einer geschlossenen Feier, an der nur geladene Gäste nach eingehender Überprüfung teilnehmen dürfen. Somit wird hier ein öffentlicher Raum durch einen autoritären Akt der Zensur vernichtet.“ („Vielfältige Proteste und Horst Köhler werden erwartet“, AStA FU, 15.10.08)

Dem AStA (und nicht nur dem) drängt sich der Verdacht auf, diese neuen Maßnahmen könnten auch damit etwas zu tun haben, dass die Immafeiern in der Vergangenheit immer wieder durch einige Studierende „gestört“ wurden, die der aalglatten Selbstbeweihräucherung der FU etwas entgegensetzen wollten. So war es im letzten Jahr der inzwischen legendäre „Dieter Lenzen Fanclub“ (DLFC) der die Feier sprengte und dafür sorgte, dass Lenzen entnervt den Henry Ford Bau verließ (siehe „Lenzen Fans sprengen Immatrikulationsfeier“).

Dass diese massiven Sicherheitsmaßnahmen ihren Ursprung in Wahrheit im FU-Präsidium hatten, scheint indes etwas weit hergeholt. Vermutlich hat die FU durch das Bundespräsidialamt Sicherheits-Auflagen erhalten, die als Bedingung für einen Auftritt Köhlers gelten. Um das zu verifizieren müsste man sich ansehen, ob es ein solches Trara wirklich überall gibt, wo Köhler einen Auftritt vor einem etwas größeren Publikum hat.

Die ausdrückliche Beschränkung auf Erstsemester kann dagegen wirklich nur so erklärt werden, dass man von Studierenden höheren Semesters eher – ungefährliche aber als despektierlich betrachtete – „Störaktionen“ erwartet. Die Vorstellung, dass selbst der Bundespräsident an der FU nicht zu Wort kommen könnte, da es zu viele Zwischenrufe oder andere Aktionen gibt, hat den Verantwortlichen in der FU-Administration vermutlich den Angstsschweiß aus den Poren getrieben.

Ob nun die Initiative für diese neuen, restriktiven Zugangsbeschränkungen von der FU selbst ausging oder sie sich einfach nur dem Diktat des Bundespräsidialamtes beugen musste (um Köhler als Redner zu gewinnen) – ungelegen kam das Ganze dem auf Schöner-Schein bedachten FU Präsidium jedenfalls wohl kaum.

Einige KommilitonInnen wollen sich das nicht gefallen lassen. Während der AStA rechtliche Schritte gegen das Sicherheits- und Datenerhebungs-Prozedere prüft, rufen sie schon mal zu einer Alternativveranstaltung auf:

„Wozu es Informationen gibt, sind Protestaktionen: Studierende höherer Semester und ‚Erstis‘, die keine Lust auf bespitzelt-werden hatten, haben eine Alternativveranstaltung angemeldet. Die Polizei verlegte die Kundgebung zwar vom gewünschten Platz vor dem Denkmal an die Ecke Garystraße/Boltzmannstraße; doch auch hier können wir zeigen, dass wir lieber unsere eigene Imma-Feier veranstalten, als Lenzens Selbstbeweihräucherung zuzuhören und uns vom BKA ausspähen zu lassen.“ („Ein wenig Werbung…“, FSI OSI Blog, 29.10.08)

Diese „alternative Immafeier“ soll parallel zu der „echten“ stattfinden. Interessierte sollten sich daher am nächsten Mittwoch (05.11.) ab 9 Uhr an der Kreuzung Garystraße / Boltzmannstraße (zwischen Henry-Ford-Bau und wirtschaftswissenschaftlicher Fakultät) einfinden. Mit Musik, Redebeiträgen, Getränken und vielleicht auch VoKü soll dort ein Zeichen gesetzt werden, „dass dies auch unsere Uni ist“ (ebd.).

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7 Antworten to “Studierende antworten auf Immafeier-Sicherheitswahn mit Alternativveranstaltung”

  1. Mathias Bartelt Says:

    Wie es anders geht, wird unter Anderem hier deutlich:

    „Erstsemester, seid Ihr alle wach?“ – TU feiert die Studienanfänger
    Wissenschaftsshow für Studierende: Rapper unterhalten das Publikum, Forscher erklären launig ihre Erkenntnisse“: http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/TU-Berlin;art304,2648358

    Die dortige Formulierung: „Forscher stellen ihre Entdeckungen vor, Studenten präsentieren Projekte.“
    zeigt dabei nicht zuletzt ein Maß gebendes Prinzip der Orientierungswoche(n) an den einzelnen (FU-) Instituten:

    Insbesondere ältere(!) Studierende, aber auch Lehrende stellen sich dort schon ein Mal vor. Und nicht, im Vergleich zum FU-Präsidium auf der Gesamt-Immafeier, nur der Geschäfte führende Direktor und ein nach seinem Gusto willkürlich auserkorener Gast.

    Wer auch immer vorrangig diese Sicherheitsvorkehrungen vertritt – Fakt ist doch, daß diese Art Gäste ein Markenzeichen unseres verehrten FU-Präsidiums sind. Das selbe Prinzip, das sich bei manchen Ehrendoktorwürden (auch im FB PhilGeist) nieder schlägt: Vermeintliche „Granden“, die vor Allem eines auszeichnet: Bekanntheit bzw. Berühmtheit (und nicht unbedingt Ehrwürdigkeit), werden an die eben so vermeintlich bekannte (und vermeintlich öffentlich geschätz… pardon: „exzellente“) FU eingeladen, um die eigene Bekanntheit noch zu erhöhen. Win-Win oder so nennt sich das. (Oberflächliches) Image ist Alles und wird an Stelle wirklicher Wissenschaftlichkeit immer mehr in den Vordergrund gedrängt. Egal, welche zweifelhaften Gäste dazu eingeladen werden und mal eben mit der Ehrendoktorwürde oder bspw. einer Honorarprofessur: http://www.fu-berlin.de/presse/fup/2008/fup_08_321/index.html bedacht werden müssen.

    Zu den FU-O-Wochen siehe u.A. hier: http://fachschaftsinitiativen.wordpress.com/2008/10/06/erstsemesterhefte-erstsemesterinfos-im-internet/

    Schöne Grüße

    Mathias Bartelt

  2. Mathias Bartelt Says:

    Im Übrigen sollte mensch spaßeshalber ein Mal auflisten, welche (Art), vor Allem bekannten, Gäste insbesondere in den letzten Jahren sich zur Immafeier an die FU eingeladen haben bzw. eingeladen wurden.

    Mit 2007/08 Huber und nun 2008/09 Köhler scheint sich das FU-Präsidium in Bezug die „Art“ der Gäste und die Unverfrorenheit in Bezug auf deren „Ehrwürdigkeit“ bzw. politisch-religiöse Leitlinien (auch des FU-Präsidiums) zu steigern. Wir werden sehen, ob das anhält. Nicht zuletzt zuzüglich der jetzigen Bestellung von Annette Schavan.

    Dieses Jahr 2008 also: Bundespräsident Horst-Köhler, seines Zeichens politischer Präsident der CDU und nur schwerlich versucht, „neutral“ zu sein oder Kompetenz zu spielen (Kabarettist/innen haben dies frühzeitig erkannt). Vormals zudem Vorsitzender des IWF (eine der Hauptkritiken von Studierenden an der diesjährigen Einladung).

    Letztes Jahr 2007, wie oben durch Niklas aufgeführt: Bischof Huber (*hüstl*).

    2006/07 Sandra Maischberger: http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/maischberger/index.html

    2005/06 Christian Bode als Direktor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD): http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/bode/index.html

    2005 Christoph Gottschalk als „erster Deutscher im französischen Kabinett“: http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/gottschalk/index.html

    2004/05 „Deutschlands bekanntester[!] Schiedsrichter“ Markus Merk: http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/merk/index.html

    2004 Hildegard Hamm-Brücher (ehemals FDP), über die zumindest noch diskutiert werden kann: http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/hammbruecher/

    Alle vorherigen – siehe hier: http://www.fu-berlin.de/veranstaltungen/immafeier/ustinov/index.html

  3. Offene Imma-Feier! « die fachschaftsinitiativen Says:

    […] Bericht bei FUwatch […]

  4. rudi der ewige fän Says:

    …die TU hatte ja auch mal Sigmund Jähn als gast, den ersten Ossi im Kosmos!

    Das war eine Veranstaltung, da kann der dämliche Bundeshorst nicht gegen an.

  5. * Silberlaube.de - Inoffizielles Hauptgebäude der Freien Universität Berlin * Says:

    […] zur Ausweiskontrolle bei der Immatrikulationsfeier mit Horst Köhler hat die Freie Universität Berlin, in […]

  6. Protest auf Immafeier trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen « FUwatch Says:

    […] Trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen und aufwendiger Personalien-Erfassung (siehe “Studierende antworten auf Immafeier-Sicherheitswahn mit Alternativveranstaltung”) ist es der FU-Administration nicht gelungen, protestierende Studierende von der gestrigen […]

  7. Erstes Treffen des Arbeitskreis Datenschutz « FUwatch Says:

    […] Chipkarten immer wieder diskutiert, usw. Zuletzt bestätigte sich dieser Trend an der FU durch die Datenerfassung im Vorfeld der früher mal wirklich öffentlichen Immatrikulationsfeier sowie durch Werbe-Emails an […]

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