Kritik am SFB 700 nimmt zu

Am kommenden Sonntag (26.10.) findet im Mehringhof (Gneisenaustr. 2a) der unter anderem von Libertad! und der ALB organsierte lange Tag des Antimilitarismus statt. Um 18:30 Uhr ist dabei auch eine Diskussionsrunde zum Sonderforschungsbereich Governance (SFB 700) vorgesehen. Im Programm heißt es:

„Gespräch: ‚Neue Formen des Regierens‘. Was macht der Sonderforschungsbereich 700 (SFB 700), oder: die Strategie bewaffneter Sozialarbeit.

Nur die Armeen in ‚zerfallende Staaten‘ zu schicken, nur ‚Shock-and-Awe‘-Kriegsführung, reicht nicht. Neue Strategien, um nachhaltig in die Gesellschaften der ‚Räume begrenzter Staatlichkeit‘ einzudringen, sie zu kontrollieren sie zu beherrschen, müssen her. Nach den ‚eingebetteten Journalisten‘, kommen nun die ‚embedded scientists‘, die ins Militär eingebetteten Anthropologen.

Das ist der wesentliche Grund für die Einrichtung des SFB 700, der Anfang 2007 in einer feierlichen Konferenz als auf 12 Jahre angelegtes und finanziertes Vorhaben aus der Taufe gehoben wurde. Beteiligt sind das BMZ, die FU-Berlin, die Uni Potsdam, das Wissenschaftszentrum Berlin, die Hertie-School of Gouvernance, die Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) sowie das Europäische Hochschulinstitut Florenz.

Wir erzählen, was wir bislang herausgefunden haben, und diskutieren mit euch darüber.“ (Programm des Antimilitarismus-Tages)

Leider macht das Programm des Antimilitarismus-Tages nicht den Eindruck, dass bei dieser Diskussiosnrunde auch einE VertreterIn des SFB anwesend sein wird.

Bereits zum Weltfriedenstag / Antikriegstag am 01.09.08 hatten AntimilitaristInnen unter dem Motto „Keine Diskussion mit Kriegerintellektuellen und Kriegstreibern – Governance ist Krieg“ den Eingang des DGB-Gebäudes in Berlin blockiert, weil dort der „Afghanistan-Referatsleiter“ vom Auswärtigen Amt und Jan Koehler vom SFB 700 einen Vortrag halten wollten („Berlin: Kriegerintellektuelle ausgesperrt“, Indymedia, 01.09.08).

Gerade eine Erwiderung von SFB-BefürworterInnen auf die Kritik wäre jedoch vielleicht mal ganz interessant zu hören. Für eine Diskussion wie jetzt beim Antimilitarismus-Tag hätte man dann echte Gegenpole. Wenn die AntimilitaristInnen wie zu vermuten steht dagegen lieber weitgehend unter sich bleiben, fehlt vermutlich eine deutliche Gegenposition zu dem Vorgebrachten, was die Möglichkeiten einer wirklich kontroversen Debatte dann doch recht weit einschränkt.

Dennoch bietet diese Gesprächsrunde durch die vorgebrachten Informationen vielleicht zumindest eine Grundlage, die Kritik auch an die FU selbst zu tragen. Denn hier findet eine kritische Auseinandersetzung mit dem SFB bisher so gut wie gar nicht statt.

Am Donnerstag den 13.11.08 gibt es dann ebenfalls um 18:30 Uhr eine weitere themennahe Veranstaltung im Universitätsgebäude am Hegelplatz der HU (Dorotheenstr. 24), Raum 1.201.

In dieser gemeinsamen Veranstaltung vom Referat für Internationalismus des
RefRats der HU und der Hellen Panke geht es um das Thema „Imperialismus in der Wissenschaft – Die Theorie der ’neuen Kriege‘ als intellektuelle Brandstiftung?“.

Einer der Vortragenden ist Jürgen Wagner von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) der „über die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten des Sonderforschungsbereichs 700 an der FU Berlin und der Theorie Herfried Münklers als ‚intellektuelle Brandstiftung‘ für globale Kriege“ referieren wird.

Auch diese Veranstaltung bietet möglicherweise neue Erkenntnisse die dazu beitragen könnten, eine kritische Auseinandersetzung mit dem SFB an der FU selbst voranzutreiben.

Ansonsten wurden in jüngster Vergangenheit auch einige Artikel veröffentlicht, die deutlich machen, dass der SFB 700 und sein Vorgehen von etlichen Beobachtern zunehmend kritisch gesehen wird (siehe auch „SFB Governance in der Kritik“). Zuletzt erschien ein längerer Artikel von Peer Heinelt in der jungen Welt zum Thema („Herrschaftswissen“, junge Welt, 15.09.08).

Etwas mehr in die Tiefe geht z.B. Detlef Hartmann vom Redaktionskollektiv „Materialien für einen neuen Antiimperialismus“ in seinem Beitrag „‚Die Knarre in der einen Hand, den Bleistift in der anderen.‘ – Forschen für die neuen Kriege im SFB 700 der FU Berlin“.

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9 Antworten to “Kritik am SFB 700 nimmt zu”

  1. Yo Says:

    Die veranstaltung am sonntag war echt interessant.
    Mit so einigen zitaten aus den veröffentlichungen des sfb, die wohl größtenteils oder sogar alle im internet abrufbar sind.
    Zwei beispiele:
    Die pseudo-stabilitäts-fanatiker (ein soziales system, dass sich auf die irrationale dynamik des kapitalismus stützt, kann nicht lange stabil sein – und selbst temporär nicht ohne tote, ausgrenzende ideologien etc.) vom sfb ordnen ja ne menge länder in verschiedene verlässlichkeitsstufen ein. Zu den schlecht abschneidenden (instabil und so) werden angeblich an einer stelle auch die pariser banlieues und ein teil von neukölln gezählt! Bald werden vielleicht auch einzelne straßenzüge, uni-fakultäten, parks etc. nach asozialem gesocks und politischen störenfrieden charakterisiert und umfassend erfasst.

    Und zur aufrechterhaltung der ordnung in den prekären staatengebilden sollen ja bekanntlich alle beitragen, die nur irgendwie da unterwegs sind: NGO’s, privatwirtschaft und sonstige, die ruhe garantieren können (also ein immenses gewaltpotential haben).
    — Einschub: Einen sehr guten text zum beispiel afghanistan findet ihr in der neuen ausgabe der zeitschrift graswurzelrevolution, die im roten cafe eingesehen werden kann (vielleicht ist der text auch bald online: http://www.graswurzel.net). Dort werden auch die afghanischen wirtschaftsförderungsmaßnahmen für das globale ausland erwähnt, die da laufen. Da wird schon klar, warum absolute (oberflächliche) stabilität/sicherheit jetzt schon so wichtig ist.–

    Jedenfalls soll chojnacki zu diesem thema geschrieben haben, dass sich in der figur des warlords geradezu die ökonomischen, politischen und militärischen Logiken vereinen, die in dem ganzen kontext (aufrechterhaltung der jetzigen politischen ordnung) generell wünschenswert sind (meine formulierung)!

    Diese leute sind ziemlich zynisch! Ich kann doch wohl – eigentlich – erwarten, dass die elite-politikwissenschaft über den tellerrand des kapitalistischen parlamentarismus hinausdenken kann und nicht über leichen und andere schweinereien geht, nur um einen staat mehr im globalen netz der verwertungsmaschinerie begrüßen zu können!

    Das ist neokolonialismus – und deswegen könnt ihr sicher sein, dass der sfb weiterhin und mehr als bisher öffentliches thema sein wird.

  2. einer, der nicht mehr am sfb ist Says:

    Ich bin seit einiger Zeit nicht mehr in Berlin, wo ich früher auch den sfb von innen kannte. Während ich es völlig legitim und richtig finde, das wissenschaftliche und implizite politische Programm des sfb kritisch zu diskutieren, so erscheint mir die in der Regel völlig unfundierte Kritik, wie sie beispielsweise von Yo oder auch in dem junge Welt Artikel zum Ausdruck kommt, als haaresträubend (wenn meine Haare nicht sowieso verwuschelt wären). Ich würde dazu vorschlagen, sich einmal die Mühe zu machen, a) die verschiedenen Einzelprojekte des sfb anzugucken, um die erhebliche Varianz der Herangehensweisen zu sehen, und b) die Veröffentlichungen der kritisierten sfb-mitarbeiter wirklich zu lesen. Dann ist man nämlich auch in der Lage, keine vorher bereits feststehenden publizistischen Schnellschüsse abzufeuern, sondern eine fundierte Kritik der impliziten Annahmen und der möglichen Folgen solcher Forschung vorzunehmen. Und selbst dann: im Sinne von Pluralität und Toleranz mündet selbst entsprechende scharfe Kritik nicht in der auf persönlichen Angriff zielende Dämonisierung, sondern auf die Forderung nach Ergänzung durch kritischere wissenschaftliche Perspektiven – im besten Fall unter dem selben Dach wie der sfb.
    Also quatscht keine Kritik von Leuten nach, die es nicht wissen, sondern lest die Sachen selbst.

  3. Mathias Bartelt Says:

    Lieber „einer“,

    um Deine Kritik an der Kritik am SFB 700 ebenfalls zu fundieren, wäre es doch wünschenswert, wenn Du selbst einzelne Beispiele – die auch Du nur sehr allgemein anreißt – näher zu betrachten und an Hand dessen zu belegen, daß die Kritik am SFB 700 nicht oder nur bedingt legitim sei.

    Dämonisierung: Hier wäre es wünschenswert, den politisch-medial gern dämonisierten Widerstand in Afghanistan mit zu nennen. Denn die Bezeichnung „Terrorist/innen“, „Taliban“ oder „al-Quaeda“ für diesen ist mindestens genau so pauschal und einseitig, wie das, was Du von der Kritik am SFB 700 wahr zu nehmen meinst.
    Willst Du eine moralische Legitimität Deiner Kritik beweisen, müßtest Du diese politisch-mediale Doktrin mit hinterfragen.
    Du müßtest die Frage nach einem Internationalen Gerichtshof stellen, dem die USA und Andere sich nicht unterordnen wollen. Und Vieles mehr. Jede einzelne bombardierte Hochzeit [ich weiß, das(!) ist jetzt sehr zugespitzt] müßte gerichtlich hinterfragt werden.

    Hinzu kommt: Ist die Anwesenheit in Afghanistan überhaupt legitim? Und sollten Beschäftigte des SFB 700 in diesem Zusammenhang überhaupt einen Fuß auf afghanisches Territorium setzen? Im Schutze einer Besatzung, die sich – vom Angriff auf Afghanistan überhaupt zu schweigen – von Tag zu Tag selbst mehr delegitimiert? Wenn sie denn je legitim war?

    Ich spitze es noch weiter zu: Was würdest Du tun, wenn Deine Familie vor Deinen Augen bombardiert wird? Wenn Du täglich so etwas mit ansehen würdest und dann in der veröffentlichten Meinung mindestens zweierlei Maß sehen würdest? Kritisiere das doch mal. Dann kommen wir dem Kern näher.

    Dies hier nur kurz angerissen. Geh selbst ein Mal in die Diskussion, anstatt die Kritik am SFB 700 als solche nur delegitimieren zu wollen. Das ist Dein Recht – Du sprichst ja auch von Toleranz. Nur wirktest Du um so glaubhafter, wenn Du Deine Kritik mehr begründetest.

    Im Übrigen hat nicht nur die „jungeWelt“ zum SFB 700 etwas veröffentlicht.

    Schöne Grüße

    Mathias

  4. Yo Says:

    Kleine replik (dahinter noch ein verweis auf einen artikel, um zu veranschaulichen, wie der deutsche außenpolitik-hase allgemein läuft):

    Ich habe in meinem kommentar nicht gesagt, dass ich die inhaltliche arbeit des sfb kenne. Kenne die allermeisten leute dort gar nicht und war auch noch nie in lehrveranstaltungen aus der ecke.

    Hab mich nur auf kolportierte aussagen gestützt. Sind die unwahr?

    Wirklich bekannt sind doch vom sfb die aussagen zur legitimation des militär-einsatzes in afghanistan, die risse vor ein paar monaten in die überregionale presse brachten.

    Ich wüsste nicht, warum ich tolerant gegenüber diesen leuten sein sollte, ihnen nicht persönliche vorwürfe machen sollte und sie gar weiterwurschteln lassen und ihnen nur kritischere ansätze zur seite stellen sollte!

    Es ist ja wohl kein voreiliger schluss, vom gebaren der chefs – v.a. risse, aber börzel z.B. ist ja wohl politisch auch einschlägig, oder? – auf die arbeit aller beteiligten zu schließen. Es wird kolportiert, dass risse in der berufungssache zur ideengeschichtsprofessur dem juniorprof ladwig, der in der berufungskommission saß, druck gemacht habe, er solle ja aufpassen, wie er stimme, um sich nicht die karriere zu versauen. Da wird er ja wohl nicht in seinem versuchten EXZELLENZ-projekt leute mit kapitalismuskritischen ansichten zu wort kommen lassen.

    Ich bleibe dabei, die wollen alles stabilen märkten unterordnen. Kann mir ne bessere politikwissenschaft vorstellen.

    Wenn ich nen linktipp krieg, dass die forschung im rahmen des sfb auch ausführlich auf solche alternativen zum staat eingeht, wo kooperativen, basisgruppen etc. in kooperation mit der dem „allgemeinwohl“ verpflichteten bürokratie den ganzen laden schmeißen sollen, weil dem staat die mittel ausgehen, dann les ich mir das gerne durch.

    Ansonsten kann mir das ganze projekt gestohlen bleiben.

    Artikel auf german-foreign-policy.com, 08.10.2008:

    „GÜTERSLOH/CARACAS (Eigener Bericht) – Die Bertelsmann-Stiftung fordert eine „harte Anpassung“ der Wirtschafts- und Sozialpolitik Venezuelas und verlangt dafür „externe Unterstützung“ durch die USA und die Europäische Union. Die „dezidiert antimarktwirtschaftliche“ Politik des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez bedrohe nicht nur die „Stabilität“ Lateinamerikas, erklärt der einflussreiche Thinktank und Mehrheitseigner des Bertelsmann-Medienkonzerns; sie schüre auch in anderen Armutsregionen …“

    Vollständig unter: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57359

  5. Niklas Says:

    @einer:

    Ich teile Deine Einschätzung, dass die Kritik am SFB bis dato leider an vielen Stellen nicht sonderlich fundiert ist, wie ich auch an anderer Stelle am Beispiel eines auf Telepolis veröffentlichten Artikels schon deutlich gemacht habe („SFB Governance in der Kritik“).

    Neben dem von Dir erwähnten jW-Artikel ist aber oben im letzten Absatz des Blogeintrags auch ein Beitrag von Detlef Hartmann verlinkt, der die zentrale Kritik am SFB m.E. schon sehr deutlich macht („‚Die Knarre in der einen Hand, den Bleistift in der anderen.‘ – Forschen für die neuen Kriege im SFB 700 der FU Berlin“). Die Kritik entwickelt sich erst langsam, wird dabei aber hoffentlich auch zunehmend fundierter.

    Ferner arbeiten tatsächlich sehr viele Wissenschaftler am SFB, die durchaus unterschiedliche Ansätze verfolgen. Sicherlich würde nicht jedeR SFB-MitarbeiterIn blind die Forschungsergebnisse eines jeden SFB-Kollegen unterschreiben. Nur er/sie muss sich dann schon die Frage stellen lassen, inwiefern er/sie es für sich verantworten kann, an einem Sonderforschungsbereich tätig zu sein, an dem auch Wissenschaftler arbeiten, die z.B. mit fragwürdigen Ansätzen den Kriegseinsatz in Afghanistan zu legitimieren versuchen.

    Und was personalisierte Kritik angeht: Gerade wenn man wie von Dir eingefordert von einer Kollektivverurteilung des SFB wegkommen möchte, muss man doch dann nach Personen und ihren Forschungsergebnissen differenzieren, also auch die Forscher namentlich klar benennen und hinterfragen, die kritikwürdige Forschungsergebnisse produzieren.

  6. Anti-SFB-Protest am OSI « FUwatch Says:

    […] um gegen den Sonderforschungsbereich Governance (SFB 700) zu protestieren, der wie berichtet zunehmend in der Kritik steht. “‘Wer sich einbettet muss Federn lassen’ stand auf […]

  7. Veranstaltungshinweis: Who the Fuck is SFB 700? « die fachschaftsinitiativen Says:

    […] Überbllick über bisherige Veranstaltungen zum SFB 700 auf fuwatch: Kritik am SFB 700 nimmt zu. […]

  8. Diskussionsveranstaltung zum SFB 700 « FUwatch Says:

    […] einer verstärkten Kritik wegen seiner “Kriegsforschung” ausgesetzt (siehe “Kritik am SFB 700 nimmt zu” und “Anti-SFB-Protest am […]

  9. Partielle Zusammenfassung der SFB-Diskussionsveranstaltung « FUwatch Says:

    […] ist nach dem der Sachverhalt auf dem so genannten “Antimilitarismus-Tag” (siehe “Kritik am SFB 700 nimmt zu”) thematisiert wurde aus dem Netz verschwunden und kursiert nur noch als pdf-Cache auf Indymedia. […]

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