Schavan versucht offenbar Studiengebühren-Studie zu deckeln

Wie zahlreiche Medien mit dem Verweis auf eine Meldung der Nachrichtenagentur dpa schreiben (etwa SPON, Telepolis, ZEIT, Tagesspiegel, taz), hält das Bundesbildungsministerium bereits seit Wochen das Ergebnis einer selbst beim Hochschul-Informations-System (HIS) in Auftrag gegebenen Studie unter Verschluss.

Brisantes Ergebnis der Studie: Allein im Jahr 2006 haben 18.000 Abiturienten wegen der eingeführten Studiengebühren kein Studium aufgenommen. Die taz spannt den Bogen noch etwas weiter und macht den „Schockeffekt“ deutlich:

„Der Blick auf die Studentenzahlen zeigt, wie gravierend der Schockeffekt sein muss. 2003 war mit 377.500 Neueinschreibungen ein Anfängerrekord erzielt worden. 2007 waren es mit 358.670 Studienanfängern knapp 19.000 Neueinschreibungen weniger – obwohl im gleichen Zeitraum die Zahl der Studienberechtigten um mehr als 63.000 gestiegen ist. Seit etwa zwei Jahren rätseln Experten, warum die Anfängerzahlen schrumpfen. HIS scheint herausgefunden haben, warum dies so ist. Das Papier stützt sich auf die Befragung von 5.240 repräsentativ ausgewählten Studienberechtigten des Jahrgangs 2006 sowie auf die regelmäßige Abiturienten-Untersuchungen des HIS.“ („Studiengebühren schrecken Schüler“, taz, 20.10.08)

Als besonders fatal erweist sich zudem die Erkenntnis, wer von den Studiengebühren am meisten abgeschreckt wird:

„Demnach sind es insbesondere Frauen und junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern, die wegen der Gebühren häufiger auf das Studium verzichten. Die Gebührendebatte habe unter Abiturienten und jungen Menschen mit Fachhochschulreife zu ‚erheblicher Verunsicherung‘ beigetragen – auch in Ländern, die noch keine Gebühren verlangen.“ („Studiengebühren schrecken junge Menschen ab“, Spiegel Online, 20.10.08)

Damit ist der Mythos von „sozialverträglichen Studiengebühren“ vermutlich endgültig widerlegt. UnterstützerInnen von Studiengebühren erweisen sich dennoch als unbelehrbar, so argumentiert der Wissenschaftsminister von NRW, Andreas Pinkwart (FDP), laut SPON in eine Richtung, die unterstellt, nicht die Gebühren sondern die GebührenkritikerInnen sein das Problem, da sie die Verunsicherung erst herbeireden.

Das Bildungsministerium bestreitet natürlich, dass die Ergebnisse absichtlich unter Verschluss gehalten werden. Viel mehr wolle man die Resultate einer zweiten HIS-Studie abwarten, bei der es um die Reaktionen von StudienanfängerInnen im Wintersemester 2007/2008 auf die Gebühren geht. Beide Studien sollen dann in spätestens einem Monat gleichzeitig vorgestellt werden. Selbst diese beiden Studien würden dann aber nicht ausreichen, um „endgültige Schlüsse“ über Studiengebühren zu ziehen (SPON).

Insbesondere im Kontext des für Mittwoch geplanten und von Bundeskanzlerin Merkel initiierten Bildungsgipfels in Dresden, bietet diese Enthüllung einigen Sprengstoff. Die Vorsitzende des Bundestags-Bildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), sagte, die Ergebnisse der HIS Studie dürften vor dem Gipfel „nicht vertuscht werden“ (ebd.). Selbst wenn Schavan sich aber weiterhin weigern sollte, die Studie noch vor Mittwoch offenzulegen, ist bereits jetzt so viel durchgesickert, dass die Ergebnisse der Erhebung von den GipfelteilnehmerInnen vermutlich nur noch schwer ignoriert werden können.

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5 Antworten to “Schavan versucht offenbar Studiengebühren-Studie zu deckeln”

  1. Patachon Says:

    Die Studie, die Schavan nicht passt, besagt, dass 18000 Schulabgänger wg. Studiengebühren nicht studieren. Schavan behauptet, dass für 91 % die Gebühren keine erhebliche Rolle spielten. Umkehrschluss: Für 9% spielen die Studiengebühren also eine erhebliche Rolle bei der Entscheidung, ob sie studieren wollen oder nicht. 9% sind aber knapp 39000 Schulabgänger, die Zahl ist also noch negativer. Weiß diese Frau eigentlich, was sie sagt ??

  2. Korrektur Says:

    Das ist ungenau, Patachon. Die Studie besagt, dass 91% der STUDIERENDEN die Gebühren als abschreckend empfinden. Für Hochschulzugangsberechtigte allgemein wird diese Zahl also deutlich höher sein.

    Die andere Zahl ist, dass, wie Niklas oben schon anführte, 19.000 (oder 18.000, wie andere Medien sagen) weniger Neueinschreibungen festzustellen sind trotz deutlich gestiegener Zahlen an Studienberechtigten. Wie hoch also tatsächlich der abschreckende Faktor der Studiengebühren ist, bleibt so unklar, er wird aber ebenfalls deutlich höher sein als die genannten 18 oder 19.000.

  3. Patachon Says:

    Nein, ungenau ist Frau Schavan. Ich zitiere die „Süddeutsche“, die wie alle mir bekannten Quellen ausführt : „Sie wisse, dass für 91 Prozent der jungen Menschen Gebühren bei der Studienentscheidung keine entscheidende Rolle spielten, sagte die CDU-Politikerin in Berlin.“ Ob da nun Studierende oder „Hochschulzugangsberechtigte“ gemeint sind, erschließt sich niemandem. Auf jeden Fall „junge Menschen“. Und was ist mit der zunehmenden Zahl von älteren Studierwilligen ? Wir wollen es nicht weitertreiben. Wenn „Korrektur“ im Besitz der Studie ist, hat er/sie mir auf jeden Fall etwas voraus.

  4. Patachon Says:

    Ich nochmal. Welche Studie meint Korrektur eigentlich. Ich habe nirgends etwas von seiner Behauptung gelesen, „dass 91% der STUDIERENDEN die Gebühren als abschreckend empfinden.“ Das hat nun wirklich niemand behauptet. Korrektur sollte korrekt Korrektur lesen…

  5. Korrektur Says:

    hab mich auf ne zweifelhafte quelle gestützt und nun einige andere medien gegengelesen. du hast recht, sorry.

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