Zum Stand der Dinge im Bibliotheksskandal

Der Kommilitone Günter Bartsch hat im Tagesspiegel bereits im Dezember letzten Jahres (12.12.07) und jetzt erneut am 13.05.08 je einen Artikel zum Bibliotheksskandal verfasst, die zusammen einen guten Überblick über die bisherige Entwicklung geben.

Auf Basis dieser beiden Artikel und anderer Quellen (etwa Kendes Stellungnahme) soll im folgenden noch einmal der gegenwärtige Stand in der Debatte um eine mögliche Integration der PolSoz Bibliothek in die Universitätsbibliothek (UB) skizziert werden.

Die Aussonderungspläne waren schon sehr früh sehr konkret

Die Gegner der Fusionspläne werfen den Befürworten vor, diese hätten die Integration der PolSoz-Bib in die UB vorangetrieben ohne die dafür zuständigen Gremien (etwa Fachbereichsrat und OSI-Institutsrat) darüber in Kenntnis zu setzen.

Das Präsidium begegnete dieser Kritik im letzten Jahr mit dem Hinweis, bisher liege nur eine „Machbarkeitsstudie“ vor, die Gremien hätten also gar nicht früher informiert werden müssen. Zeitgleich wurde aber bereits damals der Personalrat schon gebeten, „seine Zustimmung für neue Stellen zu geben – zum Aussortieren der Bücher“ („Ist die OSI-Bibliothek bedroht?“, Tagesspiegel, 12.12.07).

Dieser Bitte ist der Personalrat dann zwar vorerst nicht nachgekommen, dennoch macht dies zusammen mit der Tatsache, dass die ausgesonderten Dubletten wie berichtet an die Europäische Humanistischen Universität in Vilnius gehen sollten, deutlich, dass die Bücher-Aussonderungspläne eben doch sehr früh sehr konkret waren, es ergo durchaus angemessen gewesen wäre die entsprechenden Gremien innerhalb des FB PolSoz zu informieren.

Aussonderbar wurden die Bücher erst mit den Integrationsplänen

Mit den Plänen die Bücher auszusondern, geht natürlich auch der Plan einher, die PolSoz-Bib in die UB zu integrieren. Das eine lässt sich nicht losgelöst vom anderen betrachten. Auch wenn Fusionsbefürworter wie der stellvertretende UB-Leiter Jiri „Jirka“ Kende betonen, dass das Aussondern ein völlig normaler Vorgang ist, der nicht zwangsläufig immer etwas mit der Fusion von Bibliotheken zu tun hat:

„Die Aussonderung von mehrfach vorhandener, älterer und nicht oder kaum genutzter Literatur ist keineswegs ein ‚Bibliotheksskandal‘, sondern ein normaler bibliothekarische Vorgang, der nicht nur an der FU, sondern in allen Bibliotheken weltweit laufend geschieht und bei Integration von größeren Beständen natürlich quantitativ vermehrt auftritt.“ („Stellungnahme von Jirka Kende zum Bibliotheksskandal“, 27.04.08)

Einerseits betont Kende, dass eine Aussoderung von mehrfach vorhandener älterer und nicht oder kaum genutzter Literatur etwas normales ist, andererseits kann er aber natürlich auch nicht bestreiten, dass die aktuellen Aussonderungs-Pläne in einem kausalen Zusammenhang mit den Integrationsplänen stehen.

Wenn man just in dem Moment „plötzlich“ 200.000 oder 500.000 Bücher als aussonderbar einstuft, in dem es darum geht, eine Bibliothekszusammenlegung samt „Synergieeffekten“ einzuleiten, ist doch klar, dass der häßliche Verdacht entstehen muss, die Bücher würden in Wahrheit nicht deshalb ausgesondert, weil sie keiner mehr braucht, sondern weil sie in der frisch fusionierten Bibliothek ganz einfach keinen Platz mehr haben.

Die Aussonderungskriterien

Kende präzisiert die Aussonderungskriterien wie folgt:

„Um es noch einmal klarzustellen: das Szenario sah vor, dass 1. jeder Titel mindestens einmal erhalten bleibt, d.h. die Titelvielfalt um keinen einzigen Titel verringert wird, 2. nur ältere und nicht mehr genutzte *und gleichzeitig mehrfach vorhandene* Titel ausgesondert werden, 3. Klassiker, wichtige fachrelevante Autoren, Nachschlagewerke etc. selbstverständlich von der Aussonderung ausgenommen bleiben und gleichzeitig 4. viel gefragte Titel in Mehrfachexemplaren in der Lehrbuchsammlung der UB bereitgestellt werden (wie z.B. für Jura, wo manche Titel mit bis zu Hundert Exemplaren den Studierenden zur Verfügung stehen).“ („Stellungnahme von Jirka Kende zum Bibliotheksskandal“, 27.04.08)

Sicherlich lassen sich wie von Kende leicht Werke heranziehen wie die „Einführung in die bibliothekarische Datenverarbeitung“ aus den 1970er Jahren, die heute vermutlich wirklich keine Bibliothek mehr in 18facher Ausführung braucht.

Die Frage ist nur, ob sich das so verallgemeinern lässt, oder ob es nicht auch Werke gibt, die „mehrfach vorhanden“, „älter“ und „kaum oder gar nicht ausgeliehen“ sind und dennoch auch in Zukunft mehr als einmal im Archiv bleiben sollten.

Kende schreibt hier von „Klassikern“ die dann ausgenommen sein sollen, doch wer definiert was ein Klassiker ist? Wie definiert sich „alt“ und „nicht mehr genutzt“? Auf der berüchtigten 1. OSI/PuK-VV wurde z.B. argumentiert, es gäbe auch Themen die würden nach einer längeren Ruhephase neu entdeckt und die entsprechenden, eingestaubten Bücher dann auch wieder stärker nachgefragt.

Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang sicherlich eine Aufstellung aller Bücher, die ausgesondert werden sollen. Eine solche Liste wäre zwar nicht eben kurz, würde jedoch die erforderliche Transparenz schaffen. JedeR Interessierte könnte sich dann selbst einen Überblick verschaffen, welche Bücher konkret ausgesondert werden sollen.

Die Anzahl der auszusondernden Bücher

Voraussetzung dafür wäre zunächst, dass man sich endlich mal darüber klar würde, wie viele Bücher nun tatsächlich ausgesondert werden sollen. Günter schreibt im Dezember:

„Doch solche ‚Dubletten‘ sollen nun ausgesondert werden – Bibliotheksmitarbeiter rechnen mit rund 500 000 Exemplaren. UB-Leiter Ulrich Naumann nennt eine deutlich niedrigere Zahl: Danach müssen im Idealfall nur 200 000 doppelte Bände ausgesondert werden – und lediglich solche, die kaum nachgefragt werden. Im August-Papier der UB ist noch von 300 000 bis 350 000 Bänden allein aus den Fachbibliotheken die Rede. Die Zahl hänge von den Möglichkeiten des Umbaus ab, so Naumann.“ („Ist die OSI-Bibliothek bedroht?“, Tagesspiegel, 12.12.07)

Auch hier wird deutlich: Die Anzahl der Bücher die ausgesondert werden sollen hängt davon ab, wie viele in die umgebaute UB passen. Inzwischen ist man bei „nur noch“ 130.000 angekommen. Doch falls der Umbau doch nicht groß genug wird, werden sicherlich notfalls noch mal 100.000 Bücher mehr als entbehrlich erklärt. Dem Aussonderungsprozess wohnt allein schon dadurch eine Beliebigkeit inne, als dass sein quantitatives Ausmaß letztlich allein von den Räumlichkeiten der dann umgebauten UB abhängt.

Der Autonomieverlust des Fachbereichs

Im Mittelpunkt des Skandals stand neben der Problematik der auszusortierenden Bücher auch immer der drohende Verlust der Autonomie, den der Fachbereich PolSoz (und hier insbesondere das OSI) erleiden würde, wenn er über keine „hauseigene“ Fachbibliothek mehr verfügen würde.

„Das traditionsreiche Otto-Suhr-Institut ohne eigene Bibliothek? Der Politologe Siegfried Mielke will sich das nicht vorstellen: ‚Das größte Institut für Politikwissenschaft darf keine Untergliederung der Universitätsbibliothek werden.'“ („Die Konzentration der Bücher“, Tagesspiegel, 13.05.08)

Tatsächlich ist stark umstritten, welchen Einfluss der Fachbereich nach einem Umzug dann noch auf die Bibliothek hätte. Die eine Seite betont, auch nach einer Integration behielte der FB PolSoz die Kontrolle über die Bibliothek (Neuanschaffungen, Aussonderungen, etc.), die Kritiker sind skeptischer und befürchten bei einem Umzug einen deutlichen Verlust des Einflusses des Fachbereichs auf „seine“ Bibliothek.

FBR & IRs vs. FB Dekanat & Präsidium

Viel diskutiert wird auch wer schuld daran hat, dass die Fronten zwischen den Gremien am Fachbereich PolSoz auf der einen Seite und dem Dekanat des Fachbereichs PolSoz sowie dem Präsidium auf der anderen Seite inzwischen so verhärtet sind.

„Die Kritik am Präsidium erklärt sich Lehmkuhl mit ‚der Wahrnehmung eines vermeintlichen Kommunikationsmangels‘. Die Idee sei zunächst dem Dekanat des Fachbereichs Politik und der Leitung des ebenfalls betroffenen Osteuropa-Instituts (OEI) vorgestellt worden – es habe aber von Anfang an das Angebot gegeben, die Pläne im Fachbereichsrat und im OEI-Institutsrat zu diskutieren.“ („Die Konzentration der Bücher“, Tagesspiegel, 13.05.08)

Aus dieser Idee, den Fachbereichsrat (FBR) und die Institutsräte (OSI, OEI, etc.) mit einzubeziehen ist bekanntlich damals nichts geworden. Viel mehr erfuhren der FBR und IRs erst verspätet, dass die Aussonderungs- und Integrations-Pläne schon relativ weit fortgeschritten waren.

Ob die Idee, es sei wohl besser den Fachbereichsrat und die Institutsräte erst mal im Dunkeln zu lassen, nun vom Dekanat des FB PolSoz oder dem FU Präsidium ausging, ist bis heute nicht endgültig geklärt. FU-Vizepräsidentin Lehmkuhls Position ist ja offenbar, es hätte vom Präsidium entsprechende Angebote gegeben die Gremien breit zu informieren. Wenn das Dekanat diese Angebote dann nicht an den FBR und die IRs weitergeleitet habe, sei das nicht das Problem des Präsidiums („Nur noch neun Bibliotheken an der FU – Bericht aus dem Kuratorium“, FSI Blog, 23.04.08).

In jedem Fall muss den Verantwortlichen doch irgendwo klar gewesen sein, dass eine Konfliktsituation eintritt, wenn die Gremien am FB den nicht ganz unbegründeten Eindruck bekommen, hier würde versucht etwas an ihnen vorbei in die Wege zu leiten bzw. schon mal vollendete Tatsachen zu schaffen, bevor sie dann verspätet informiert würden.

Plan B

Der FBR wird am Ende über die Integration entscheiden. Eingesetzt wurde dafür eine Bibliothekskommission, an deren Empfehlung sich der FBR halten soll, aber nicht muss. Sollte der FBR den Integrationsplänen eine Absage erteilen, hat FB Dekanin Riedmüller natürlich auch schon einen Plan B vorbereitet: „Wir arbeiten am jetzigen Standort an einer attraktiven Lösung, die auch überlebensfähig ist, wenn es nicht zum Umzug kommt“ (zitiert in: „Die Konzentration der Bücher“, Tagesspiegel, 13.05.08).

Falls die PolSoz-Bib bleibt wo sie ist, braucht man dafür also erst noch eine „überlebensfähige Lösung“. Allein die Wortwahl suggeriert hier natürlich, dass es ein größeres Unglück wäre, wenn es nicht zur Integration in die UB kommen würde.

Philologische Bibliothek reloaded

Während Befürworter des Konzepts die vermeintlichen Vorteile preisen, die sich für die Studierenden aus der Zusammenlegung vieler kleinerer Bibliotheken zu einigen wenigen Zentralbibliotheken ergeben würden, verweisen die Kritiker auf das Fallbeispiel der Philologischen Bibliothek.

Diese ist inzwischen zum Sinnbild für das Scheitern des Konzepts der „dezentralen Zentralisierung auf mittlerer Ebene“ geworden, da fachbereichsfremde Studierende bei Überfüllung zu Prüfungszeiten nicht in die Bibliothek dürfen („Neue Benutzungsordnung der Philologischen Bibliothek“).

Denkbar wäre ein solches Szenario dann theoretisch sicherlich auch für die neue UB/PolSoz-Bibliothek, in der dann Studierende aus beiden ehedem getrennten Bereichen zusammenkommen und um die knappen Lesesaalplätze und Bücher ringen würden. Sehr zum Nachteil von Studierenden, die nicht im FB PolSoz eingeschrieben sind und die man dann falls es zu voll wird, auch einfach ausschließt.

Denn selbst wenn die UB die UB bleibt, könnte man argumentieren, dass sie jetzt ja einen (noch) stärkeren sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt habe, die Studierenden aus dieser Fachrichtung bei Engpässen gegenüber fachbereichsfremden Studierenden also zu bevorzugen sind.

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