ZEIT Campus Forum offenbart wenig Neues

Am gestrigen Mittwochabend fand das „Campus Forum“ der ZEIT im Henry-Ford-Bau statt. Thema der Diskussionsrunde: „Schnelles Studium oder voller Lebenslauf – Was zählt beim Berufseinstieg?“.

In der von ZEIT-Campus Redakteur Jan-Martin Wiarda moderierten Veranstaltung stellten sich je einE VertreterIn von Shell Deutschland, Deutscher Bahn AG und DIS AG (ein Personaldienstleister im Bereich Zeitarbeit) den Fragen des Auditoriums, das mehrheitlich aus Studierenden der Wirtschaftswissenschaften bestand (es waren allerdings auch einige Sozial-, Geistes- und NaturwissenschaftlerInnen anwesend).

Diskutiert wurde wie der Titel schon suggeriert das Problem zweier sich scheinbar ausschließender Ideale „modernen Studierens“, wie sie von Wirtschaftsvertretern gefordert werden: Zum einen sollen die Studierenden ihr Studium möglichst zügig abschließen, andererseits sollen sie aber beim Abschluss ihres Studiums schon diverse Auslandserfahrungen, Praktika, etc. vorweisen können, also über einen „dicken“ Lebenslauf verfügen.

Nachdem die drei VertreterInnen aus der Wirtschaft reichlich Werbung für ihr jeweiliges Unternehmen gemacht hatten (was sich dann im Laufe der Veranstaltung immer wiederholte) offenbarten sie den Anwesenden Erstaunliches: einen Widerspruch gäbe es nicht wirklich, man könne schnell studieren und währenddessen durchaus noch Erfahrungen in der Praxis sammeln.

Im Zweifelsfall sei aber natürlich schon die Erfahrungen die man z.B. im Ausland gemacht hat wichtiger, als dass man schon mit 22 oder 23 das Studium fertig habe. „Wir stellen niemanden ein, nur weil er 22 ist“ war ein Satz den man oft hörte. Andererseits räumte man offen ein, dass die Wirtschaft darauf gedrängt habe, dass die AbsolventInnen jünger sein sollen und nicht erst mit Ende 20 oder noch später ihren ersten festen Job annehmen.

Das sei aus Gründen der internationalen Vergleichbarkeit auch für die Studierenden wichtig, wenn früher einE deutscheR StudentIn mit dem Studium in Deutschland fertig geworden sei, habe einE AkademikerIn im selben Alter im Ausland schon 5 Jahre Berufserfahrung gehabt. Wolle der/die deutsche AbsolventIn dann ins Ausland, sei er/sie im Nachteil (bzw. müsse sich dann ggf. damit abfinden, für jemanden zu arbeiten, der gleich alt oder sogar noch ein deutliches Stück jünger sei, was nicht jedermanns Fall sei). Auch sei es aus finanziellen Gründen von Vorteil, möglichst früh voll ins Berufsleben einzusteigen, die Uni also möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Ansonsten fielen den drei VertreterInnen keine plausiblen Gründe auf die direkte Frage eines Kommilitonen ein, warum er denn überhaupt schnell studieren solle, außer, dass es natürlich auch aus volkswirtschaftlichen Gründen besser sei, wenn einE AkademikerIn früher von der Uni komme und früher anfange einer Vollzeittätigkeit nachzugehen. Inwiefern aber die Arbeitgeber davon profitieren, wenn die Beurfseinsteiger nicht mehr 28 oder 29 sondern 22 oder 23 sind, blieb völlig im Dunkeln.

Die drei VertreterInnen, die in ihrem jeweiligen Unternehmen alle auf „Recruiting“ spezialisiert sind, gaben dann einen kleinen und leider nur recht oberflächlichen Einblick in ihre Auswahlstrategien.

Während der Vertreter der Deutschen Bahn ganz nach seinem Chef geraten zu sein schien und in Brachialrhetorik bekannte, sein Unternehmen wolle nur die besten und das erste Auswahlkriterium sein nun mal die Noten im Studium, ging die Shell-Repräsentantin deutlich subtiler vor und gerierte sich in Marketing-Geschwurbel, dass es primär nicht darum ginge, die besten zu bekommen, sondern jene die zum Unternehmen passen und zu denen umgekehrt auch das Unternehmen passt, und man in seinen Lebenslauf alles reinschreiben solle, was man so gemacht hat, da z.B. auch soziales Engagement sehr wichtig sei.

Selbst jemand der vielleicht nicht das beste Abschlusszeugnis vorzuweisen habe, würde sicherlich bei der Deutschen Bahn in die engere Wahl kommen, wenn er z.B. vorher bei der DB ein Praktikum gemacht habe, ergänzte der DB-Vertreter. Insgesamt müsse sich aber keiner der Anwesenden Sorgen machen, keine Arbeit zu bekommen, da die „Ressource Mensch knapp sei“. In diesem Punkt waren sich alle drei auf dem Podium einig.

Mit dem Bachelor habe man bisher wenig Erfahrung gesammelt, allerdings würde jedeR seine/ihre Chance bekommen, wenn er/sie die entsprechenden Qualifikationen vorweisen könne, egal ob Bachelor oder Diplom, ob Wirtschaftswissenschaftler oder Geisteswissenschaftler, Uni- oder FH-Absolvent. Der Message war klar: Auch Quereinsteiger oder AbsolventInnen mit BA würden natürlich Möglichkeiten geboten bekommen – wenn, ja wenn sie nur in das gewünschte Profil passten.

Wichtig sei auch, dass die AbsolventInnen wissen was sie eigentlich wollen, idealerweise schon vor dem Studium spätestens aber währenddessen.

Ingesamt handelte es sich bei dieser Veranstaltung mehr um eine Art „Bewerbungsberatung“, viele der Anwesenden die mit ihrem Studium gerade fertig waren oder dabei sind fertig zu werden, konnten im anschließenden „Get together“ noch detailliertere Fragen stellen und/oder Kontakte knüpfen.

Die eigentliche Frage der Diskussionsrunde wurde aber natürlich nicht hinreichend erörtert. Im Zweifelsfall geht Praxiserfahrung, nach Möglichkeit auch im Ausland, eben doch über ein in Regelstudienzeit abgeschlossenes Studium (wobei es natürlich auch auf die Art der Praxiserfahrung ankommt). Das lässt sich soweit festhalten, war aber auch keine bahnbrechend neue Erkenntnis. Etwas mehr Diskussionstiefe wäre wünschenswert gewesen, war aber sicherlich bei einer solchen Veranstaltung auch nicht zu erwarten.

AktivistInnen des Protestsemesters hätten vielleicht für etwas Abwechslung sorgen können, waren aber trotz vollmundiger Plakatüberkleber nicht präsent. Zumindest nicht merklich.

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