Stellungnahme von Jirka Kende zum Bibliotheksskandal

Stellungnahme des stellvertretenden Leiters der Universitätsbibliothek, Jirka Kende, zum Bibliotheksskandal. Die Zitate auf die Herr Kende sich bezieht, wurden mit den entsprechenden FUwatch-Beiträgen verlinkt.

Liebe Blog-LeserInnen,

verzeihen Sie bitte den etwas länglichen Beitrag, aber der Sachverhalt ist zu komplex, um ihn nur mit zwei Sätzen kommentieren.

Der sog. „Bibliotheksskandal“ beruht auf Falsch- bzw. Desinformation, nicht nur durch Weglassen von Informationen, sondern vor allem durch die im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stehenden Zahlen. Wer behauptet, dass von den 1.1 Mio. Titeln der sozialwissenschaftlichen Bibliotheken 500.000 oder 600.000 ausgesondert werden sollten, weiß entweder nicht, wovon er redet, oder sagt bewusst die Unwahrheit. Dass die „…anwesenden MitarbeiterInnen der PolSoz-Bib (dies) bestätigten…“, vermag ich nicht zu glauben. Hier wird offensichtlich mit unseriösen Zahlen Stimmung gemacht, aus welchen Beweggründen auch immer.

Tatsache ist, dass im Rahmen der Überlegungen zur Verbesserung der Studiensituation und zur Schaffung von zukunftsfähigen Bibliotheksstrukturen im Bereich der Garystrasse in einem Szenario die Integration der sozialwissenschaftlichen Bibliotheken in die UB erwogen wurde.

Neben Schaffung von 500 modern ausgestatteten Arbeitsplätzen und Gruppenarbeitsräumen sah das Konzept vor, die neuere sozialwissenschaftliche Literatur in einem großzügig ausgebauten Freihandbereich der UB aufzustellen und durch ausgedehnte Öffnungszeiten entsprechend den Bedürfnissen der Studierenden zugänglich zu machen und so auch im Bereich der Garystrasse die Bedingungen für die Literaturversorgung dauerhaft zu optimieren.

Im Rahmen dieser Überlegungen wurde aufgrund von begründeten Schätzungen ermittelt, dass es rd. 350.000 – 400.000 ältere Titel gibt, die innerhalb der sozialwissenschaftlichen Bibliotheken und/oder mit dem Bestand der räumlich benachbarten UB dublett sind. Gleichzeitig zeigte sich, dass rd. 40 % dieser zwischen der UB und den sozialwissenschaftlichen Bibliotheken *dubletten* älteren Bestände innerhalb der letzten 10 Jahre weder in der UB noch in den Fachbibliotheken ein einziges Mal genutzt wurden. Deshalb wurde begründet angenommen, dass die Aussonderung von schätzungsweise 140.000 *dubletten* Titeln nicht die geringste Beeinträchtigung der Benutzung zur Folge haben würde.

Die relativ hohe Anzahl der Dubletten war nicht überraschend und ist darauf zurückzuführen, dass die UB seit eh und je einen sozialwissenschaftlichen Sammelschwerpunkt hatte, weshalb sich die Bestände bei einer Integration auch gut ergänzen würden. Und dass die Sozialwissenschaftler schon immer intensiv die UB genutzt haben, zeigt auch die Tatsache, dass von den überhaupt genutzten dubletten Beständen rd. 24 % in beiden Bereichen, rd. 12 % in den sozial-wissenschaftlichen Bibliotheken, aber fast 22 % nur in der UB genutzt wurden.

Beide Bereiche haben in den früheren Jahren sehr viele identische Titel erworben. Das war auch gut so, denn Mehrfachexemplare wurden in diesen Massenfächern natürlich gebraucht, die „1-Buch-Ideologie“ war schon früher und ist auch noch heute noch bei 30.000 Studierenden unsinnig und wurde weder von der UB noch von sonst irgendeinem Bibliothekar an der FU jemals vertreten. Vielgefragte neue Literatur sollte vielmehr sooft wie nötig vorhanden sein, sei es als Einzelexemplare in mehreren Bibliotheken, sei es als Mehrfachexemplare in der Lehrbuchsammlung.

15 – 20 Jahre später stellt sich aber die Frage anders – braucht man heute noch z.B. die „Einführung in die bibliothekarische Datenverarbeitung aus den 70er Jahren in 18 Exemplaren, wie noch heute in den Magazinen der FU-Bibliotheken vorhanden? Damals war es sicher richtig und wichtig – würde aber heute nicht 1 Archivexemplar genügen?

Um es noch einmal klarzustellen: das Szenario sah vor, dass 1. jeder Titel mindestens einmal erhalten bleibt, d.h. die Titelvielfalt um keinen einzigen Titel verringert wird, 2. nur ältere und nicht mehr genutzte *und gleichzeitig mehrfach vorhandene* Titel ausgesondert werden, 3. Klassiker, wichtige fachrelevante Autoren, Nachschlagewerke etc. selbstverständlich von der Aussonderung ausgenommen bleiben und gleichzeitig 4. viel gefragte Titel in Mehrfachexemplaren in der Lehrbuchsammlung der UB bereitgestellt werden (wie z.B. für Jura, wo manche Titel mit bis zu Hundert Exemplaren den Studierenden zur Verfügung stehen).

Die Aussonderung von mehrfach vorhandener, älterer und nicht oder kaum genutzter Literatur ist keineswegs ein „Bibliotheksskandal“, sondern ein normaler bibliothekarische Vorgang, der nicht nur an der FU, sondern in allen Bibliotheken weltweit laufend geschieht und bei Integration von größeren Beständen natürlich quantitativ vermehrt auftritt. In manchen Bundesländern gibt es sogar verpflichtende Regeln, nach den einzelne Schwerpunktbibliotheken mit verteilten Zuständigkeiten ältere Literatur bestimmter Fächer für die Region archivieren und die der Fächer außerhalb ihrer Zuständigkeit laufend aussondern müssen. Die einzige Alternative ist ein laufender Ausbau von Bibliotheksflächen, der auf Dauer – außer bei den Staats- bzw. Nationalbibliotheken – nicht zu finanzieren ist.

Auch an der FU werden die finanziellen Mittel immer knapper, daher der laufende Konzentrationsprozess im Bibliotheksbereich. Nicht nur im Hinblick auf die Baukosten, sondern vor allem auch im Hinblick auf den laufenden Betrieb können mit dem Ausbau von wenigeren, dafür aber gut ausgestatteten Standorten mit langen Öffnungszeiten starke Synergieeffekte erzielt werden. Dass diese Strategie am ehesten die Gewähr bietet, langfristig auch unter erschwerten Rahmenbedingungen optimale bibliothekarische Dienstleistungen anzubieten, dürfte jedem einleuchten.

Die Leiterin des Bibliotheksbereichs, Frau Zehrer, hat sich mit allen Kräften wie kaum ein anderer Bibliotheksleiter für den Ausbau ihres Bereichs eingesetzt, insbesondere im Rahmen der laufenden Integration von immer weiteren Fachbibliotheken in die beschränkten Räume des Fachbereichs. Die Vorwürfe von Gero Neugebauer gegen sie sind daher gelinde gesagt schäbig, der sog. „Ausraster“ von Herrn Naumann gut nachvollziehbar.

Auch die Behauptungen von Gero Neugebauer, „Hier ist die Integration in die UB beabsichtigt, die zum Nachweis ihrer Größe und Bedeutung dringend eine Erweiterung ihres Unterbaus benötigt, weil sonst ihr Stellenplan (Stellenkegel / Beförderungsstellen) gefährdet ist“, ist blanker Unsinn.

Weder ist Stellenkegel der UB gefährdet noch braucht die UB die Sozialwissenschaften zum Nachweis ihrer Größe und Bedeutung. Die UB ist auch ohne der Sozialwissenschaften mit ihren über 2,5 Mio. Büchern nicht nur die mit Abstand größte Bibliothek der FU und wickelt nach wie vor knapp die Hälfte der konventionellen Benutzung des gesamten Bibliothekssystems ab; ihre Bedeutung liegt darüber hinaus vor allem in der Bereitstellung von elektronischen Medien mit rd. 500 Online-Datenbanken, 16.000 elektronischen Zeitschriften und Tausenden von E-Books und im Angebot zentraler Dienstleistungen, sei es des integrierten Bibliothekssystems Aleph mit Onlinekatalog für alle FU-Bibliotheken, sei es der Digitalen Bibliothek mit dem Volltext-Linkingsystem SFX, dem Dokumentenserver oder der Universitätsbibliographie u.a.m. Ohne die UB ist keine einzige FU-Bibliothek in der Lage, auch nur einen einzigen Tag zu arbeiten und ihre Dienstleistungen anzubieten. Soviel nur zur Bedeutung der UB.

Die Integration der sozialwissenschaftlichen Bibliotheken hätte auch für die UB einen enormen Aufwand bedeutet. Aber im Hinblick auf die Schaffung von zukunftsträchtigen Bibliotheksstrukturen im Bereich der Garystrasse und im Interesse der hier arbeitenden Studierenden, haben wir uns für das Szenario begeistern können. Es versprach, trotz der ab 2009 absehbar noch engeren finanziellen Rahmenbedingungen auch für die Studierenden an diesem Standort optimale Arbeits- und Benutzungsbedingungen zu schaffen und gute bibliothekarische Dienstleistungen auf Dauer zu erhalten.

Alles in allem hatten die o.g. Überlegungen zum Ziel, im Bereich der Garystrasse ähnliche attraktive Arbeitsbedingungen für die Studierenden zu schaffen, wie sie zurzeit auf dem Obstbaugelände entstehen bzw. bereits entstanden sind.

Dass dies manch einem oder einer aufgrund partikularer Interessen nicht so wichtig erscheint, kann ich noch verstehen. Dass die Studierenden dem Angebot einer Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen nichts abgewinnen können und dies gar als „Bibliotheksskandal“ brandmarken, verstehe ich allerdings nicht.

Aus meiner Studentenzeit weiß ich, dass man manchmal ein Thema braucht, wo man richtig draufhauen kann, um zu zeigen, dass man noch da ist und ein Wörtchen mitreden will. Ich meine aber, dass man sich mit dem sog. Bibliotheksskandal ein falsches Thema ausgesucht hat.

Jirka Kende

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9 Antworten to “Stellungnahme von Jirka Kende zum Bibliotheksskandal”

  1. yohannes Says:

    wunderbar. das sind klärende und wichtige informationen zu diesem thema. danke.

  2. Yo Says:

    Sicherlich sind technokraten nicht per se schlechte menschen. Aber halt technokraten.
    Dass den studis bessere bedingungen geschaffen werden SOLLEN, glaub ich gern. Auch, dass das hier vorgestellte konzept auf eine art gut durchdacht ist.

    Es fehlt aber die politische komponente der argumentation. Dominant ist schliesslich immer noch das sachzwangargument, die berufung auf leere und in zukunft leerer werdende kassen. D.h. irgendwann kann alles legitimiert werden, selbst dinge, die hier (in der stellungnahme) und heute noch abgelehnt werden.

    Z.B. hat kende nix zu dem druck auf die ihne 21 zu sagen, wo, wie in alle anderen fu-gebäude, reingepfercht wird, was geht, um kosten zu senken. Synergieeffekte halt.

    Was die studis (und uni-fremde!) von grossen zentralen multi-bibliotheken haben, konnten wir ja erst vor kurzem erleben, als in der philolog. bib in der silberlaube ausweiskontrollen wegen überfüllung der arbeitsplätze durchgeführt wurden.

    Von den wieder einmal offensichtlich gewordenen und bereits angesprochenen entscheidungsmechanismen und herrschaftsverhältnissen an fu und fb will ich gar nicht weiter reden.

    Liebe realpolitikfans, liebe technokratie – es gibt genug zu kritisieren!

  3. Niklas Says:

    Hinweis: Weitere Kommentare / Diskussionsbeiträge können im Protest-Wiki nachgelesen werden, dort ist „streikzentrale“ in die Debatte eingestiegen.

  4. Walter Meier Says:

    …die Beiträge von „Streikzentrale“ alias Ana Panek sind in der Regel wirres Zeug ohne inneren Zusammenhang. Ich empfehle andere Quellen zu diesem wichtigen Thema.

  5. Carsten Says:

    Volle Zustimmung. „Diskussionsbeiträge“ kann man das jedenfalls nicht nennen, was er da schreibt…

    Interessant wäre jetzt herauszufinden, wer in den widersprüchlichen Punkten recht hat. Vielleicht sollten die beiden Parteien sich doch mal auf einer Art Info-Veranstaltung begegnen?

  6. Niklas Says:

    || … die Beiträge von „Streikzentrale“ alias
    || Ana Panek sind in der Regel wirres Zeug
    || ohne inneren Zusammenhang. Ich empfehle
    || andere Quellen zu diesem wichtigen Thema.

    Nun, Anna ist offenbar in eine Diskussion mit Kende getreten (der natürlich keine Chance hat und wie jedeR andere zwangsläufig in ihrem Synthax/Semantik-Hackepeter untergehen muss). Aber man kann dieser Debatte dennoch durchaus noch Informationen abgewinnen. Annas Schreibstil ist zwar wüst, aber keineswegs ohne Inhalt.

    Hinzu kommt, dass Annas Vorgehen vermutlich direkt oder indirekt vom Kern der Protestierende akzeptiert wenn nicht gar legitimiert ist, die offizielle Website (uniprotest.de) verweist auf das Protest-Wiki („Plan B“) auf wiki.bildung-schadet-nicht.de, welches sie nun mal zur Zeit betreut.

    Natürlich könnten sich auch weitere Studierende ins Wiki einbringen, macht nur eben gerade keiner. Alternativ bleibt sonst nur der Aktionsblog (aktionstag.blogsport.de), der zum Protestsemester-Blog mutiert ist, in dem aber kaum etwas erscheint.

    Und da es auch keine offiziellen Pressemitteilungen oder ähnliches der Protestierenden gibt, kommt Anna und ihrer Aktivität im Wiki offenbar zumindest im Moment die Position des „Sprachrohrs“ zu.

    Die gesamte „offizielle“ Internet-Veröffentlichung von Prozessen, Diskussionen, Protokollen, etc. liegt doch zur Zeit faktisch in ihren Händen. Schon allein deshalb wäre es schlicht weg nicht praktikabel, ihre Elaborate gänzlich zu ignorieren.

  7. dennis Says:

    Neben den Punkten, die „Yo“ schon angesprochen hat, darf mensch ja v.a. eines nicht vergessen: die Bücher sollen mehrheitlich in einen Präsenzbestand überführt werden, d.h. mit Ausleihen ist es Essig. Das ist für Leute ohne Laptop, die nicht in der Bibliothek nebenher an ihren Arbeiten schreiben können, ein riesiger Nachteil. Im Endeffekt werden damit finanzielle Belastungen auf die Studierenden umgelegt, Kopien oder die eigene Anschaffung benötigter Bücher zahlen wir schließlich selbst. Ausserdem fehlt eine schlüssige Erklärung für das Bestreben, zuerst die WiWiss- und dann die Jura-Bibliothek in die UB einzugliedern, und sich erst nach deren Weigerung auf den FB PolSoz zu konzentrieren. Hier wurde offensichtlich auf die innere Zerstrittenheit und das Duckmäusertum dieses FBs gesetzt.
    Ich glaube auch, dass das Präsidium es „gut“ meint (auch wenn Kommunikation und Transparenz sehr zu wünschen übrig lassen), aber der Weg zur Hölle ist ja bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert ;-)

  8. Wolf Dermann Says:

    die Bücher sollen mehrheitlich in einen Präsenzbestand überführt werden

    Nach Aussage der Bibliotheksleitungen UB soll im Gegenteil fast alles in ein (normal ausleihbares) Freihandmagazin kommen, vieles also sogar raus aus den Katakomben des Magazins. Die Situation würde sich für uns also verbessern statt verschlechtern.

  9. Zum Stand der Dinge im Bibliotheksskandal « FUwatch Says:

    […] und bei Integration von größeren Beständen natürlich quantitativ vermehrt auftritt.” (“Stellungnahme von Jirka Kende zum Bibliotheksskandal”, […]

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