Re: Meine Armut kotzt mich an

Auf Spiegel Online erschien gestern ein Artikel in dem die FU-Kommilitonin „Julia“ exemplarisch beschreibt, wie das prekäre, studentische Leben in Berlin aussieht.

Bedrückender als die Tatsache, dass Studierende wie Julia irgendwo am Existenzminimum leben müssen, erschien mir dabei, dass sie sich für ihre Armut so sehr schämt; dass sie sich ihrem Freundeskreis nicht offenbaren kann, weil dieser für ihre Situation wenig oder gar kein Verständnis aufbringen kann, sondern lieber „Unterschichtenwitze“ reißt.

Hier wäre meine Frage: Was für Leute nennt Julia eigentlich ihre Freunde? Ich persönlich kenne einige KommilitonInnen und auch AbsolventInnen, die in prekären Verhältnissen leben. Die haben kein Problem damit offen auszusprechen, dass ihre finanzielle Situation es nicht zulässt, dieser oder jener Freizeitaktivität nachzugehen. Dann macht man eben etwas anderes, es muss ja nicht gleich eine Location sein, wo allein der Eintritt 20 Euro kostet und die Julia unbedingt besuchen will, nur um ihre Freundin „richtig“ einladen zu können.

Wenn „Julia“ tatsächlich an der FU studiert, sollte sie vielleicht mal Lehrveranstaltungen von z.B. Irmtraud Schlosser oder Rolf-Dieter Hepp besuchen, dort würde sie dann auch schnell auf Studierende treffen, bei denen prekäre Lebensverhältnisse nicht tabuisiert, sondern diskutiert werden und wo sie als selbst Betroffene statt Ausgrenzung Solidarität erfahren würde.

Sie würde dann unter Umständen auch erkennen, dass sie die Aggressionen die durch ihre persönliche Situation bedingt sind (so suggeriert es der Artikel) auch anders abbauen kann, als durch joggen. Zum Beispiel könnte sie sich in Initiativen engagieren, die sich gesellschaftspolitisch genau gegen eben jene Verhältnisse richten, die sie so runterziehen.

Selbst wenn sich dadurch nicht unmittelbar etwas an Julias persönlicher Situation ändert, würde sie vermutlich feststellen, dass ein solches Engagement zusammen mit Gleichgesinnten etwas sehr Befreiendes haben kann, etwas was ihrer Wut ein konstruktiveres Ventil verschafft, als drei Mal um den Block zu rennen.

Natürlich geht das nicht, ohne dass Julia dabei auch versucht, über ihr eigenes Verhalten zu reflektieren. Sie selbst benennt teilweise die Widersprüche nach denen sie lebt: „Obwohl ich gern Adidas, Bench und Diesel bei mir im Schrank hängen hätte, rege ich mich oft über andere auf, die kleidungstechnisch aus diversen hippen Modezeitschriften stammen könnten.“

Dieser sehr materialistisch orientierte Lebenswandel als Ziel (Markenklamotten tragen wollen, Besuch von vermeintlich hippen und teuren Szeneclubs, usw.) schimmert bedauerlicherweise an etlichen Stellen im Artikel durch. Hier sollte sich Julia dann schon mal die Frage stellen, ob das wirklich die richtigen „Idealvorstellungen“ sind, denen sie nachtrauert.

Zusammenfassend: Wenn Julias Freunde sich wirklich so verhalten, wie sie sie beschreibt, wäre ihr zu wünschen, dass sie sich neue sucht. Statt mit aller Macht geheim zu halten, in was für einer finanziell angespannten Situation sie lebt, sollte sie damit offensiver umgehen und sich mit Mitmenschen (darunter auch KommilitonInnen) in ähnlicher Lage oder zumindest mit mehr Verständnis für eine solche Lage zusammenschließen. Sie sollte ferner ihre Wertevorstellungen kritisch hinterfragen, wenn diese Markenklamotten, Wellness-Urlaub und teure Szeneclubs als ein absolutes Muss vorsehen.

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9 Antworten to “Re: Meine Armut kotzt mich an”

  1. Totalität Says:

    Ich finde Deine Kritik ehrlich gesagt etwas harsch. Im Grunde schlägst Du ihr vor ihre alten Freunde zu verlassen (wahrscheinlich pöse BWL’er) und sich mal im Schlosser-Seminar nach neuen umzusehen. Praktischerweise ist ja auch Engagement billiger als in teuren Clubs zu feiern. Außerdem soll sie endlich ihre überkommenen materiellen Wertvorstellungen über Bord werfen, weil die sowieso nicht glücklich machen.

    Diese „Ich weiß besser, was gut für Dich ist“ Attitüde find ich sehr daneben. Andererseits forderst Du ja auch irgendwie, dass sich Julia halt besser in ihrer Misere einrichten soll. Da sind Markenklamotten und Wellness-Urlaub nicht mehr drin. Gute alte linke Verzichtsromantik. Was ist denn aus dem „Alles für alle!“ geworden? Müssen wir wohl mal Irmtraut fragen…

  2. Niklas Says:

    || Im Grunde schlägst Du ihr vor
    || ihre alten Freunde zu verlassen
    || (wahrscheinlich pöse BWL’er) und
    || sich mal im Schlosser-Seminar
    || nach neuen umzusehen.

    Warum denn nicht? Wenn sie vor ihren Freunden nicht ihre schwierige finanzielle Situation offen legen kann, weil diese so oberflächlich sind, dass sie sie dann schneiden, bemitleiden oder auslachen, dann finde ich es keineswegs überheblich ihr zu raten, sich neue Freunde zu suchen. Oder möchtest du vielleicht Freunde haben, die so drauf sind, wie sie es in dem Artikel beschreibt?

    || Praktischerweise ist ja auch
    || Engagement billiger als in
    || teuren Clubs zu feiern.

    Sie würde durch das Engagement sicherlich Solidarität erfahren, wie sie sie bisher nicht kannte, darum ging es mir. Ihrem Artikel entnehme ich, dass sie sich nicht viel mit Personen (darunter auch Studierende) austauscht, die sich in einer ähnlichen Lage wie sie befinden. Sie wäre vermutlich glücklicher als bei ihren Freunden im teuren Club, wo sie immer im Hinterkopf hat, was diese von ihr denken und ob sie sich dies oder jenes überhaupt leisten kann.

    Ferner scheint es ihr bisher doch nicht wirklich um das Umwälzen eines ungerechten Gesellschaftssystem zu gehen, nein, sie wäre nur ganz einfach selbst weiter oben in dem System, zumindest da wo ihre „Freunde“ jetzt sind (und würde dann vermutlich genauso wie diese auf andere runtergucken). Was ich bedauerlich finde, denn durch das „Engagement“ würde sich diese etwas begrenzte Einstellung vielleicht ändern.

    || Diese „Ich weiß besser, was gut
    || für Dich ist“ Attitüde find ich
    || sehr daneben.

    Kann schon sein, dass das arrogant wirkt. Aber ich denke wirklich, dass ihr ein anderes Umfeld gut tun würde, ihre „Freunde“ kommen jedenfalls in ihrer Beschreibung nicht gut weg.

    Und statt wie ihre finanziell etwas besser dastehenden „Freunde“ das goldende Kalb anbeten zu wollen, könnte sie alternativ doch wenigstens mal kurz darüber nachdenken, ob es überhaupt wirklich das Maß aller Dinge im Leben ist, das goldende Kalb anzubeten. Ist das wirklich zu viel verlangt?

    || Andererseits forderst Du ja auch
    || irgendwie, dass sich Julia halt
    || besser in ihrer Misere einrichten
    || soll. Da sind Markenklamotten und
    || Wellness-Urlaub nicht mehr drin.
    || Gute alte linke Verzichtsromantik.
    || Was ist denn aus dem „Alles für
    || alle!“ geworden?

    Nein, sie sollte nicht verzichten müssen, aber sie muss es ja momentan zwangsläufig. Daher sollte sie auch mehr machen als Frust-Artikel über ihre Situation auf Spiegel-Online schreiben. Ich meine, sie lässt ja an keiner Stelle erkennen, dass sie sich wirklich gegen diese Verhältnisse auflehnt, sich gegen die beschriebenen Missstände engagiert.

    Darüber hinaus glaube ich aber tatsächlich, dass man z.B. in einem Club der 5 Euro Eintritt kostet genauso viel Spaß haben kann, wie in einem Club in dem der Eintritt 20 Euro kostet. Und selbst WENN man die 20 Euro hat, warum sie für so etwas rausschmeißen?

    Sie setzt den Grad an Spaß den man bei Freizeitaktivitäten haben kann ja systematisch gleich mit der Menge an Geld die einem zur Verfügung steht. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Zusammenhang wohl auch nicht, trotzdem übertreibt sie an dieser Stelle einfach.

    Und dann die Markenklamotten. Es geht doch nicht um „Verzichtsromantik“, sondern darum, dass man sich selbst oder andere nicht danach beurteilen sollte, ob man sich solche Markenklamotten leisten kann. Sie will offenbar Markenklamotten, weil sie damit Status, ein Image verbindet und dazu gehören möchte (warum sonst legt jemand ausdrücklich wert auf Markenkleidung?). Und da stimmt m.E. einfach etwas in ihrem persönlichen Wertesystem nicht.

  3. Totalität Says:

    Ich glaube Du missverstehst mich etwas. Ich kann Deine Kritik an Julia inhaltlich nachvollziehen. Du fragst mich, ob ich Freunde wie ihre haben will und ich antworte natürlich nicht*. Zwar halte ich Deine Konsumkritik für etwas altbacken (wahrscheinlich, weil ich selber gerne Markenklamotten trage), aber geschenkt. Auch da hast Du einen Punkt.

    Was mich stört, ist die Attitüde anderen Leuten vorschreiben zu wollen wie sie ihr Leben zu gestalten haben. Diese Attitüde ist mit „mag arrogant wirken“ nicht getroffen. Um mal philosophisch zu werden: Du sprichst ihr die Autonomie ab und den gegebenen Umständen ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig hält und missachtest sie so als moralische Person. Die Frage ist: Hättest Du ihr Deine Kritik auch ins Gesicht gesagt? Ich hoffe nicht, denn jemandem zu sagen, dass nicht nur seine Freunde, sondern sein ganzer Lebensstil scheiße ist, ist im höchsten Maße verletzend.

    Statt dessen propagierst Du einen „linken Lebensweg“, der aber nicht für alle offen steht. Du kritisierst, dass Julia nur „nach oben“ will und kein Interesse hat etwas an den Verhältnissen zu ändern. Aber ist ihr das wirklich vorzuwerfen? Was kann denn Julia für die beschissenen Verhältnisse? Und was ist die Alternative? Es sich im Prekariat gemütlich machen, etwas Gesellschaftskritik betreiben, aber ein Leben lang auf Dinge verzichten zu müssen, die sich andere leisten können? Das mag ein Weg für Dich sein, aber wie kommst Du darauf, dass es ein Weg für alle ist?

  4. Niklas Says:

    Zu meinem Bedauern gilt es immer noch als Tabubruch in der (emanzipatorischen) Linken auch Proletarier oder heute eben „Prekarier“ ggf. harsch zu kritisieren, sie als Teil des Problems zu betrachten.

    Ich glaube, dass man es sich nicht immer aber doch manchmal zu einfach macht, wenn man sagt „Er/sie ist Opfer des kapitalistischen Systems“, „Er/sie ist ja nur Produkt seiner/ihrer Sozialisation, der Verhältnisse in die er/sie grpresst wurde“, „Er/sie hat ja keine Alternative“.

    Irgendwann ist man dann einem Punkt, an dem man jedes Fehlverhalten jeder Person systematisch relativieren kann, sobald sie unterhalb einer bestimmten Einkommenshöhe liegt, einen bestimmten Bildungsgrad nicht überschritten hat, etc.

    Natürlich sollte man auch nicht ins andere, neoliberale Extrem verfallen (also klassisch: „Jeder findet einen Job, wenn er nur will“, „Jeder kann den sozialen Aufstieg schaffen, wenn er nur ehrgeizig genug ist“, bla).

    Aber man sollte doch wenigstens zugestehen, dass auch jemand der „unten“ ist zumindest in bestimmten Situationen durchaus noch die Möglichkeit hat, Dinge in seinem Leben, anders, besser zu machen. Insbesondere dann, wenn er wie Julia eine akademische Ausbildung durchläuft und die (äußeren) Prozesse die seine/ihre Situation bedingen, analytisch anpacken kann, sie kritisch hinterfragen kann.

    Julia KÖNNTE wenn sie es wollte sich andere Freunde suchen, die mehr Verständnis für ihre Situation aufbringen und sie würde dadurch Solidarität erfahren, die ihr bisher offenbar fehlt. Sie KÖNNTE nicht nur danach streben, ihre persönliche Situation verbessern zu wollen, sondern auch darüber reflektieren, was im System generell falsch läuft, und sich dann in Projekten engagieren, die versuchen diese Prozesse für die Betroffenen zumindest abzufedern. Aber sie tut es nicht.

    Unbestritten, die Distanzierung von einem Leben das stark materialistisch, konsumistisch geprägt ist, wird nicht alle ihre Probleme lösen. Die 400 Euro für eine Zahnkrone bleiben, sie verschwinden auch nicht durch gesellschaftskritische Diskussionen in vertrauter Runde. Und dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass ihr Leben insgesamt glücklicher wäre, der Frustlevel nicht mehr ganz so hoch wäre, würde sie nur ein paar Punkte ihres bisherigen Verhaltens kritisch hinterfragen und sich ändern.

    Okay, dein Argument ist, ich verkläre meine Ansichten zu allgemein gültigen, nach denen am besten gleich jeder leben sollte. Aber mal ehrlich, denkst du nicht auch, dass sich zumindest einige der von ihr beschriebenen Probleme lösen ließen, wenn sie einige ihrer Einstellungen überdenken würde?

    Wenn sie kein Problem mehr damit hätte, dass sie nicht in den teuersten Club kann, weil sie erkannt hätte, dass man auch Spaß in weniger teuren Clubs haben kann? Wenn sie kein Problem mehr damit hätte, ihren Freunden offen zu sagen, dass sie dies oder jenes am Wochenende aus finanziellen Gründen nicht machen kann, weil sie neue Freunde hat, die dafür Verständnis haben? Dass sie sich besser fühlen würde, einfach nur weil sie sich mit anderen ausgetauscht hat, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, ihnen bei einem Problem sogar vielleicht helfen konnte?

  5. Totalität Says:

    Du sagst es wäre in der Linken ein Tabubruch Menschen aus dem Prekariat zu kritisieren.*
    Ganz im Gegenteil: die Rede vom „falschen Bewusstsein“ gehört von Anfang an zu Kernbestandteil linken Denkens, genau so wie es heute die Kritik an den Lebensentwürfen von BWL und Jura studierender KommilitonInnen ist.

    Das hat natürlich seinen Grund. Mit Menschen, die das Wettrennen Kapitalismus unhinterfragt mitmachen ist keine Revolution zu machen. Der dahinter steckende Gedanke, dass man Menschen von einem politischen Projekt überzeugen muss, wenn man Erfolg haben will, ist eigentlich unproblematisch.

    Das Problem ist, dass die Idee, dass alle anderen außer einem selbst ein falsches Bewusstsein haben, sich verselbstständigt hat. Ich finde es immer erstaunlich wie wenig Menschen, die sich Toleranz und Autonomie auf die Fahnen schreiben, diese anderen erweisen bzw. bei anderen respektieren. Um mal ein (altbekanntes) Beispiel zu nennen. Das Rote Cafe ist ein autonomer Raum, für eine kleine Anzahl von Menschen an unserem Institut. Wer bestimmte Codes nicht einhält, dem wird wenig Toleranz entgegengebracht.

    Diese Vorwürfe sind hinreichend bekannt -wenn Du willst, genauso altbacken, wie Deine Konsumkritik – und am OSI immer Kern von Konflikten, z.B. jetzt wieder bei der Vorbereitung zum Protestsemester.
    Der Unterschied zwischen mir und den Leuten von der LHG ist, dass ich (auch wenn es sich anders anhört) hier kein generelles „Linken-Bashing“ betreiben möchte. Ich, der ich mich (immer noch) als Linker bezeichnen würde, sehe den Kern linker Idee einfach nicht in der Kritik der Lebenspläne von Mitmenschen. Der Kern liegt vielmehr in der Kritik „objektiv falscher“ Verhältnisse, als in der Kritik „subjektiv falschen“ Bewusstseins.

    Vielleicht würdest Du mir da sogar zustimmen. Aber warum beginnst Du dann Deinen Artikel mit den Worten: „Bedrückender als die Tatsache, dass Studierende wie Julia irgendwo am Existenzminimum leben müssen, erschien mir dabei, dass sie sich für ihre Armut so sehr schämt“? Kaum ein Wort, dass Julias Kritik berechtigt ist, egal, was sie für ein Leben führt. Plump gesagt: statt Kritik an den Verhältnissen, Kritik am (einzelnen) Menschen. Was an der Kritik am Menschen falsch ist, habe ich bereits versucht zu erklären. Sie nimmt ihn/sie einfach nicht als autonomes Wesen für voll, dass auch unter den Bedingungen des Kapitalismus autonom Entscheidungen treffen kann, die von anderen zu respektieren sind.

    Dies war auch der Grund warum ich zu aller erst einen Kommentar zu Deinem Artikel verfasst habe. Dein Beitrag ist für mich symptomatisch für Dinge, die mich an der Linken nerven, spätestens seit ich (vor vielen, vielen Jahren) ans OSI gekommen bin. Ich glaube diese Probleme sind grundsätzlich schon in linker Theorie angelegt, etwa in der vorschnellen Ablehnung des angeblich „bürgerlichen“ Rechtsbegriffs. Und es sind Probleme, der sich die Linke ständig stellen muss und die sie (ironischerweise) auch selbst behindern. Die ständige Zersplitterung in linke Sekten und die Unfähigkeit Bündnisse einzugehen, haben hier ihren Ursprung.

    *BTW: Gibt es hier eine Möglichkeit direkt zu zitieren, wenn man nicht angemeldet ist?

  6. Niklas Says:

    || Der Kern liegt vielmehr in der Kritik
    || „objektiv falscher“ Verhältnisse, als
    || in der Kritik „subjektiv falschen“
    || Bewusstseins.

    Aber das eine hängt doch mit dem anderen zusammen. Wie willst du denn an falschen Verhältnissen etwas ändern können, wenn du nicht auch bereit bist, das falsche Bewusstsein von Individuen innerhalb dieser Verhältnisse zu hinterfragen und zu kritisieren. Und wieso ist das eine zwangsläufig „objektiv“ und das andere „subjektiv“?

    Reine „Frustbekenntnisse“ wie Julia sie in ihrem Artikel von sich gibt, sind einfach wenig konstruktiv und zu kurz gedacht. Statt das System als solches zu hinterfragen, läuft sie seinen Normen hinter her.

    Abstrakt das „System“ oder die „Verhältnisse“ zu kritisieren reicht einfach nicht, man muss sich auch kritisch mit den Verhaltensmustern einzelner Akteure auseinandersetzen, selbst wenn diese eher auf der „Schattenseite“ leben müssen.

    Also bei „Akteuren“ z.B. nicht nur die Bild-Redaktion (bzw. ASV) kritisch angehen, sondern auch die 3,4 Millionen die sich dieses Blatt täglich holen und sich von ihm beeinflussen lassen. Und ich denke nach wie vor, dass das zumindest in bestimmten Teilen der OSI-Linken strikt abgelehnt wird. Der Bild-Leser ist Produkt seiner Verhältnisse und kann damit schon mal per se nicht Teil des Problems sein.

    Julia scheint offenbar unglücklich über ihr Leben zu sein, ich habe versucht so etwas wie „praktische Tipps“ zu formulieren, die sie (oder Studierende in ähnlicher Lage) zwar nicht aus ihren prekären Verhältnissen befreien können, ihr m.E. aber durchaus zu etwas mehr Zufriedenheit verhelfen könnten (weniger Konsumorientierung, andere Freunde, etc.). Dafür war es allerdings unumgänglich, ihren bisherigen Lebenswandel kritisch zu hinterfragen.

    Was wäre denn dein konkreter Alternativvorschlag, der vielleicht teilweise Julias persönliche Lage verbessern könnte? Sie für ihren Artikel einfach nur belobigen oder sie für ihre Situation bemitleiden? Sich vielleicht einfach gar nicht dazu äußern?

  7. anticapitalista Says:

    >Was wäre denn dein konkreter Alternativvorschlag, der vielleicht teilweise Julias persönliche Lage verbessern könnte? Sie für ihren Artikel einfach nur belobigen oder sie für ihre Situation bemitleiden? Sich vielleicht einfach gar nicht dazu äußern?

    Sie (und Dich) darauf hinzuweisen, dass ihre lage *objektiv* betrachtet eine folge der derzeit hier herrschenden neoliberalen form des kapitalismus ist und dass man besser deshalb gemeinsam etwas unternehmen sollte, um etwas an diesen ökonomischen strukturen zu ändern, anstatt bloß subjektiv zu jammern, ganz zu schweigen, oder anderen ihr jammern vorzuhalten?

  8. Niklas Says:

    || und dass man besser deshalb
    || gemeinsam etwas unternehmen
    || sollte, um etwas an diesen
    || ökonomischen strukturen zu
    || ändern, anstatt bloß sub-
    || jektiv zu jammern, ganz zu
    || schweigen, oder anderen ihr
    || jammern vorzuhalten?

    Nun, ich bin bereit an einer Änderung mitzuwirken, Du bist bereit, „Totalität“ ist vermutlich auch bereit. Aber ist Julia es auch? Ihren Aussagen zufolge offenbar eher nicht. In meiner Kritik an ihrem Verhalten (welches sie in ihrem Artikel skizziert) ging es mir doch wie ausgeführt gerade darum sie (und andere in ähnlicher Lage) auch (nicht nur) zu dem zu animieren, was Du „gemeinsam etwas gegen die ökonomischen strukturen unternehmen“ nennst.

    Zusammen mit Julia wären wir wieder einer mehr. Nur wie soll das gehen, wenn es automatisch als arrogant und despektierlich ausgelegt wird, Julia (und andere in ähnlicher Lage) auf die Notwendigkeit hinzuweisen, dass sie zunächst mal etwas an ihrem Verhalten ändern muss, damit sie anschließend daran mitwirken kann, dass sich etwas an den Verhältnissen ändert.

    Ihre konsumistisch, materialistische Lebensausrichtung kann jedenfalls wohl kaum in irgend einer Form dazu beitragen, dass sich etwas an den Verhältnissen ändert, die sie ja selbst durchaus kritisch betrachtet.

  9. chiara Says:

    Der TE hat Recht mit seinem Kommentar.
    Dieses weinerliche Getue dieser „Julia“ hat bei mir den ganzen Tag für Lachtränen gesorgt. Wenn eine Studentin sich einbildet, ein Recht auf Markenklamotten und luxuriösen Wellness-Urlaub zu haben und nicht einsieht, dass ein Mensch auch mit weniger zufrieden sein KANN (abgesehen davon, dass sie es muss), sage ich nur: „Armes“ Deutschland“.

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