Fünfte OZ-Ausgabe die bisher deutlich beste

Wie berichtet, ist im Dezember die lang erwartete fünfte Ausgabe der OSI-Zeitung (OZ) erschienen.

Und wie gleich bei der Veröffentlichung vermutet, ist sie tatsächlich die bisher beste. Die Artikel sind solide recherchiert und aufgebaut. Die quantitative Ausdehnung von 16 auf 20 Seiten geht mit einer qualitativen einher und erscheint daher angebracht.

Mein Lieblingsartikel ist Stefan Hernádis Abrechnung mit dem „Prinzip Bolle“. Bolle und seiner Truppe obliegt seit dem Ausscheiden Altvaters die unumstrittene Oberhoheit über die Bereiche „Internationale Politische Ökonomie“ und „Politische Ökonomie“. Die gruseligen Konsequenzen kann man bei Stefan gut nachlesen. Etwas zu kurz kommen vielleicht die persönlichen Defizite Bolles, nur am Ende schimmert anhand eines Beispiels sein immer mal wieder durchbrechender Machismo durch.

Hervorhebenswert ist auch die Titelgeschichte von Christa Roth und Laurence Thio. Systematisch gelingt es den beiden AutorInnen den Mythos zu demontieren, es ginge bei den Zielvereinbarungen zwischen Präsidium und OSI nicht um die Struktur des Instituts. Denn natürlich ist die Struktur erheblich von den Zielvereinberungen betroffen. Auch ihren zweiten zentralen Punkt, dass die dog-eat-dog Kämpfe innerhalb des OSIs bzw. innerhalb des FBs letztlich nur zu einer Schwächung der eigenen Position gegenüber dem Präsidium führen, können sie deutlich aufzeigen.

Der dritte Artikel der mir wirklich gut gefallen hat, war der von Richard Oelmann zur „Exzellenzalternative“ (mit zwei wunderschön passenden Fotos von Valentin). Natürlich beschreibt er nichts fundamental Neues, wenn er feststellt: „Bestimmte Zweige der Lehre und Forschung werden mit der Rechtfertigung einer klaren Profilbildung zwangsläufig verdorren. Dieses Verfahren ignoriert die unterschiedlichen Motivationen der Studierenden. Im Grunde ist es ein Raussschmiss“. Aber manchmal tut es auch gut einen schon bekannten Gedankengang so auf den Punkt gebracht vorzufinden, wie hier. Der Artikel ist eine sehr deutliche Absage an eine Hochschulpolitik der Ökonomisierung, Entmündigung und Verschulung. Als Alternativen nennt Richard konsequenterweise Ansätze von Schülern und Studierenden sich ihr Wissen selbst und gegenseitig beizubringen. Daneben scheint z.B. auch noch die Wissensallmende durch.

Interessant wenn auch nicht ganz so überzeugend ist Richards zweiter Artikel, in dem er aus der Praxis als Deeskalationstrainer im Nahen Osten berichtet. Die beiden Fraktionen sind sich so spinnefeind, dass ein gemeinsames Forum (was offenbar die Kernidee war) nicht zu stande kam und jede Seite stattdessen nur für sich trainierte. Richard resümiert: „Vom Sinn des Projekts war keine Seite zu überzeugen“. Anschließend führt er im letzten Absatz jedoch aus, wie hilfreich das im Studium erworbene theoretisch Wissen war. So konnte er das „Geschehen besser einordnen“, „seine Schlüsse ziehen“, seine „eigene Rolle reflektieren“ und „Verbesserungsvorschläge“ einbringen. Nur das Abschmieren des Projekts konnte er trotz dieser Kenntnisse offenbar nicht verhindern. Was sicherlich verständlich in so einer verfahrenen Lage ist, aber eben trotzdem etwas seinem Ansatz am Ende des Artikels widerspricht, die Wichtigkeit der theoretischen Kenntnisse zur Einflussnahme auf die Praxis hervorzuheben.

Die beiden Interviews mit Prof. Schreurs und dem Dieter Lenzen Fanclub (DLFC) waren nicht unbedingt bahnbrechend, allerdings doch informativ (was Schreurs angeht) bzw. unterhaltsam (was den DLFC). Das Interview mit dem DLFC legitmiert sich allein durch die zunehmende öffentliche Präsenz, die dieser neue „Fanclub“ durch seine Aktionen sicherstellt. Schreurs biedert sich für meinen Geschmack etwas zu stark an, wenn sie das Potential der Studierenden lobt, welches ihrer Meinung dazu führen wird, dass die FU in 5 bis 10 Jahren mit Harvard in einer Liga spielt, selbst wenn die finanzielle Kluft immer noch immens ist. Das nackte Potential der Studierenden soll also finanzielle Defizite ausgleichen und die FU in die Harvard-Liga kicken. Sicherlich haben FU-Studierende Potential, nur hat das Erlangen einer Reputation wie sie heute Harvard vorweisen kann nicht unbedingt etwas mit dem Potential der Studierenden zu tun. Es geht doch bei Harvard gerade darum, dass man es geschafft hat, wenn man dort einen Abschluss hat, egal wie und egal ob man Potential hat oder nicht.

Gerrit vereint in seinem Artikel über den schwierigen Umgang der FU mit der eigenen Geschichte gleiche mehrere Konflikte in der jüngeren Vergangenheit. Der ewige Namenstreit um den Henry-Ford-Bau, Lenzens „Freiheitsdenkmal“ und die zu schwache Auseinandersetzung mit dem ehemaligen „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ im Kontext der FU-Dauerausstellung „Zukunft von Anfang an“. Natürlich hätte man jedem dieser Konfliktpunkte auch einen eigenen Artikel widmen können, doch das hätte man sicherlich nicht in einer Ausgabe unterbringen können. Insofern ist der Artikel positiv, weil es Gerrit durch eine Zusammenfassung dieser Konflikte gelingt sichtbar zu machen, dass sich die FU offenbar nicht vereinzelt sondern ganz generell schwer damit tut, die dunklen Seiten ihrer eigenen Geschichte (oder die ihrer Gebäude) aufzuarbeiten.

Die beiden schwächsten Artikel in der Ausgabe sind dagegen m.E. die beiden über Sciences Po. Christa Roth kritisiert die Kommunikationsdefizite hinsichtlich der Neuordnung des Verhältnisses zwischen OSI und Sciences Po. Im wesentlichen geht es bei ihrer Kritik darum, dass eine FU-Website die aktuell sein sollte, dies nicht ist. Bedauerlich, aber nicht unbedingt der zentrale Kritikpunkt an dem man so einen Artikel aufmachen sollte. Christa hätte auch tiefer ansetzen können und z.B. die Frage aufwerfen können, ob es nicht sinnvoll wäre die Kooperation mit dem Sciences Po generell in Frage zu stellen. Rein theoretisch wäre es doch auch denkbar stattdessen z.B. mit der „Université Paris I Panthéon-Sorbonne“ zu kooperieren, oder nicht?

Besonders auch vor dem Hintergrund des zweiten Artikels, einem Erfahrungsbericht über das Sciences Po von Florian Schatz und Stefan Beutelsbacher. Auf schockierende Weise machen diese deutlich, was für eine eklig elitär-reaktionäre Institution Sciences Po ist, in der „Form vor Inhalt geht“. Sie verraten dem Leser allerdings nicht, ob die positiven Eindrücke (die es sicherlich auch gab) nicht trotz dieser Widrigkeiten und dem exorbitanten Leistungsniveau überwiegen. Der Artikel wirkt abschreckend was einen möglichen Auslandsaufenthalt am Sciences Po angeht. Trotzdem sagen die Autoren aber ja nicht explizit „Tut es nicht“ oder bringen Alternativen ins Spiel. Beide Artikel leiden jedenfalls darunter, dass weder der elitäre Habitus des Sciences Po noch die Kooperation mit einem solchen Institut offen in Frage gestellt werden. Selbst wenn ein Erasmus-Aufenthalt und ein Doppel-Abschluss nicht dasselbe sind, hätte man doch wenigstens bei einem der beiden Artikel etwas weiter ausholen können.

Dieser Kritik ungeachtet bleibt dennoch festzuhalten, dass sich die aktuelle OZ-Ausgabe besser liest und informativer ist, als die vier Ausgaben zuvor. Die Steigerung von einer Ausgabe zur nächsten bleibt also erhalten; zu hoffen bleibt daher, dass Nummer 6 nicht erst wieder im Juli erscheint, sondern es wie im letzten Jahr eine Zwischenausgabe im Februar geben wird. Themen gäbe es zumindest mehr als genug: Die Affäre Scharenberg, der Bibliotheksskandal (in Nummer 5 nur leicht angeschnitten), die „Frühjahrsoffensive“ (alias der „Aktionstag“), der Skandal um den „Studienerfolgsbericht“, usw.

2 Antworten to “Fünfte OZ-Ausgabe die bisher deutlich beste”

  1. christa Says:

    Danke, Herr Niklas, für die stets ehrliche Kritik!

    Dass es im Artikel Kommunikationsstörung nicht einfach nur um eine überholte Website, sondern auch den falschen Ansatz in der Informationspolitik am OSI, speziell bei diesem Studienprogramm geht, unterschlägst du leider. Auch welcher Art der Artikel ist… Aber das hier soll keine Rechtfertigung werden.

    Voll Vorfreude auf den nächsten Kommentar,
    Christa

  2. Niklas Says:

    || Dass es im Artikel Kommunikationsstörung
    || nicht einfach nur um eine überholte Website,
    || sondern auch den falschen Ansatz in der
    || Informationspolitik am OSI, speziell bei
    || diesem Studienprogramm geht, unterschlägst
    || du leider

    Die beschriebene „Kommunikationsstörung“ lässt sich aber doch soweit zusammenfassen, dass man die gesuchten Informationen nur bei Dr. von Oppeln im Büro bekommt, nicht aber auf der Website, wo sie eigentlich auch zu finden sein müssten. Was in der Tat ein kritikwürdiges Defizit in der Informationspolitik ist, wenn auch vielleicht nicht so groß darum einen ganzen Artikel herum aufzubauen.

    Meine eigentliche Kritik war nun, dass weder Du noch Stefan / Florian in dem anderen Artikel über Sciences Po mal generell hinterfagen, ob die Kooperation mit so einem elitär-reaktionären Institut wie dem Sciences Po überhaupt etwas Positives und Erhaltenswertes ist, oder ob nicht eine Kooperation mit z.B. der Sorbonne viel eher zum OSI und seiner politischen wie „kulturellen“ Tradition passen würde.

    Das zu hinterfragen war nicht der Ansatz deines Artikel, okay. Aber genau das kritisiere ich ja. Du leitest Deinen Artikel mit dem Hinweis ein, es sei eine „gute Nachricht“, dass die Kooperation zwischen OSI und Sciences Po bestehen bleibt. Gerade vor dem Hintergrund des anderen Artikels von Stefan und Florian bin ich mir nicht so sicher, ob das wirklich so „gut“ ist. Man hätte es zumindest thematisieren können, wenn man so ein Double-Feature zum Sciences Po herausbringt.

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