Die Scharenberg-Affäre war kein Einzelfall

Thorsten Stegemann hat mit dem Bildungsjournalisten Karl-Heinz Heinemann ein Telepolis-Interview geführt, in dem – erneut – deutlich wird, dass die Scharenberg-Affäre kein Einzelfall gewesen ist. Sicherlich nichts fundamental Neues, aber trotzdem lesenswert:

„(…) Telepolis: Weltweit haben mehr als 100 ProfessorInnen in einem offenen Brief gegen die Nicht-Berufung von Albert Scharenberg protestiert. War – damit verglichen – der Widerspruch innerhalb Deutschlands nicht recht überschaubar?

Karl-Heinz Heinemann: Das war auch mein Eindruck. Hier haben die Ereignisse nicht besonders viel Aufmerksamkeit erregt.

Telepolis: Worauf führen Sie das zurück?

Karl-Heinz Heinemann: Im Rahmen des Bologna-Prozesses ist eben jeder mit sich selbst beschäftigt. Die meisten Wissenschaftler haben genug damit zu tun, ihre eigenen Angelegenheiten zu sortieren oder ins rechte Licht zu rücken. Da fällt kaum auf, wo noch überall gekürzt und gestrichen wird.

Telepolis: Dabei war Scharenberg kein Einzelfall, wie Sie sagen. Könnten Sie einige weitere Beispiele nennen?

Karl-Heinz Heinemann: Als es in Frankfurt vor einiger Zeit um die Berufung von Alex Demirovic ging, der erklärtermaßen die Kritische Theorie vertrat, hat sich der jetzige Präsident Rudolf Steinberg öffentlich damit gebrüstet, dass er seine Anstellung durch entsprechende Gutachten verhindern konnte. In Bremen werden die international sehr renommierten Lehrstühle für Behindertenpädagogik von vier auf zwei reduziert. Hier hatten Georg Feuser und Wolfgang Jantzen einen innovativen Ansatz vertreten, der gegen die Aussonderung und Stigmatisierung von Behinderten gerichtet war.

In Marburg wird die Nachfolge des Politikwissenschaftlers Frank Deppe blockiert. Deppe galt als letzter Vertreter der von Wolfgang Abendroth begründeten Schule marxistischer Politikwissenschaft. Als sein Schüler Dieter Plehwe auf der Berufungsliste auftauchte, zog es der Marburger Präsident Volker Nienhaus vor, den Lehrstuhl ganz zu streichen.

Telepolis: Sehen Sie darin wirklich eine gezielte Aktion gegen kritische oder gar ‚linke‘ Wissenschaftler? Die Entscheidungsträger sind doch immer andere, oder verkörpern die Unipräsidenten mittlerweile mehrheitlich den gleichen Unternehmertypus?

Karl-Heinz Heinemann: Hier wirken zwei Aspekte zusammen und verstärken sich gegenseitig. Einerseits geht es sicher um politische Disziplinierung, andererseits um die stromlinienförmige Ausrichtung auf den Bologna-Prozess, der auf keinen Fall gestört oder verzögert werden soll. Was die Unipräsidenten angeht, würde ich natürlich kein pauschales Urteil fällen. Allerdings kann man sagen, dass der Unternehmer bei den sogenannten Reformkräften ein gefragter Typ ist – und zwar bundesweit. Unabhängig davon verstehen sich manche Präsidenten – wie etwa Rudolf Steinberg in Frankfurt oder Dieter Lenzen von der FU Berlin – ganz explizit als Vorstandsvorsitzende eines Hochschulunternehmens (…)“

aus: „Kritische Wissenschaft unerwünscht“, Telepolis, 02.01.08

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