Warum StudiVZ auch diesmal unbeschadet davonkommen wird

Es ist so ziemlich genau ein Jahr her, da brannte Deutschlands beliebteste Studierenden-Plattform StudiVZ das erste Mal lichterloh. Zuerst waren es Nazisymbolik und Fotos von der Party-Toilette („chick auf mitte party // WC“) beim Plattform-Gründer selbst (siehe „StudiVZ in der Kritik“), dann die Cyberstalker-Affäre und fast täglich neue Sicherheitslücken in der Software („StudiVZ gruschelt sich immer tiefer in den Sumpf“). Auf dem Höhepunkt der Krise musste StudiVZ wegen der Sicherheitslücken sogar für einige Zeit aus dem Netz genommen werden. StudiVZ schien am Ende.

Doch dann passierte etwas für viele Beobachter Unerwartetes. Die Skandalserie führte nicht etwa dazu, dass die schon lange Zeit im Umlauf befindlichen Übernahmegerüchte ein negatives Ende fanden. Im Gegenteil, am Ende blätterte der Holtzbrinck-Konzern zwischen 50 und 100 Millionen Euro für das Portal auf den Tisch (die exakte Summe ist bis heute nicht bekannt) und konnte damit den Axel-Springer-Verlag ausstechen, der kurz vor Vertragsabschluss sogar 120 Millionen Euro geboten haben sollen (siehe: „Das teuerste Plagiat der Welt?“).

Ja, diese Kapitalisten, völlig bekloppt. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht hatte Holtzbrinck einfach nur erkannt, dass StudiVZ alles andere als am Ende war, dass da immer noch viel Geld drinsteckt. Ob es wirklich so viel Geld ist, dass die in den Kauf investierten 100 Millionen sich jemals rentieren werden, wird sich noch zeigen (ich behaupte immer noch: Nein). Auf jeden Fall ist StudiVZ aber in der Studierendenschaft beliebt wie eh und je, als hätte es die Skandalserie Ende 2006 nie gegeben.

Um sich dessen zu vergegenwärtigen braucht man nur mal in irgend einen Uni-PC-Pool gehen (sofern noch vorhanden) und sich ansehen, was die Leute jenseits der akademischen Recherche da so treiben. Oder aber, man unterhält sich einfach mal mit ein paar KommilitonInnen wo im Web sie zur Zeit aktiv sind. Neben Emails abrufen und im Messenger chatten scheint die halbe Studierendenwelt in StudiVZ rumzuhängen.

Was bei der Betrachtung der „Causa StudiVZ“ häufig übersehen wird ist, dass der größere Skandal nicht darin besteht, dass die Verantwortlichen bei StudiVZ die Probleme nicht unter Kontrolle kriegen (können oder wollen) bzw. weiterhin eine fragwürdige Geschäftspolitik betreiben. Nein, der größere Skandal besteht eher darin, wie wenig das die große Masse der StudiVZ-NutzerInnen eigentlich interessiert.

StudiVZ ist in erster Linie ein aalglattes Hedonistenforum, für Studierenden mit emanzipatorischem Anspruch ein Graus, für die große Mehrheit der auf Trivialkommunikation, Networking (hier wohl eher „Dating“) und Party-machen fixierten Studierenden jedoch der perfekte Tummelplatz.

Und vor diesem Hintergrund erscheint es doch höchst unwahrscheinlich, dass der neuste Skandal um StudiVZ die Beliebtheit des Portals wirklich nachhaltig schmälern kann.

Doch der Reihe nach. Hintergrund war diesmal die Ankündigung von StudiVZ zukünftig personalisierte Werbung einzusetzen. Dabei wertet der Betreiber (in diesem Fall StudiVZ) Informationen die er über die NutzerInnen hat systematisch aus, um dann dem/der jeweiligen NutzerIn individualisierte Werbung einblenden bzw. zustellen zu können.

Das Ganze setzt also voraus, dass die privaten Daten des Nutzers / der Nutzerin in welcher Form auch immer weiterverarbeitet werden. Das allein machte nun noch nicht den Skandal aus, es ging auch darum wie StudiVZ das durchsetzen wollte: Wer den neuen Geschäftsbindungen inklusive dem Einverständnis zur „Selbstentblößung“ nicht zustimmen wollte, sollte ausgeschlossen werden. Die taz fasste das (vermutlich nicht als erste) auch unter Anspielung auf die vergangenen Skandale unter dem Titel „Vom StalkerVZ zum StasiVZ“ zusammen.

Es formierte sich Widerstand, der Skandal schwappte in die Mainstreammedien und StudiVZ trat den geordneten Rückzug an. Zumindest teilweise. Zwar bleibt es bei der personalisierten Werbung, anders als urspürnglich vorgesehen gibt es die jetzt jedoch nicht als SMS aufs Handy (was wirklich eine Art „Tabubruch“ gewesen wäre, Spam auf dem Handy ist noch sehr viel ärgerlicher als Email-Spam). Jedoch gilt grundsätzlich immer noch: „Die Nutzer müssen zustimmen, dass StudiVZ ihre persönlichen Daten auswertet, um ‚gezielt personalisierte Werbung‘ zu ‚präsentieren bzw. präsentieren zu lassen‘ [sic!]“ („Keine SMS- und Chat-Werbung“, Spiegel Online, 15.12.07).

Die nach neuen AGBs ursprünglich mögliche Weitergabe der persönlichen Daten an Dritte (ein weiterer zentraler Kritikpunkt) soll nun unterbleiben, an Behörden werden sie aber übermittelt – wenn auch nur unter „normalen“ Bedingungen. Die weichen Formulierungen ließen ursprünglich die Möglichkeit offen, dass Daten auch ohne gerichtlichen Beschluss an Staatsanwälte und Copyright-Inhaber weitergeleitet werden könnten; die erneut reformulierten AGBs schließen das jetzt angeblich aus („Daten gibt StudiVZ nur an Behörden weiter“, Spiegel Online, 15.12.07).

Zu einem späteren Zeitpunkt soll es die Möglichkeit geben, die personalisierte Werbung zu deaktivieren, dennoch muss man erst einmal pauschal den neuen ABGs samt fragwürdigen Passagen zustimmen: „Die Nutzer müssen erstmal StudiVZ alles erlauben, um dann später, wenn die neuen Regeln gelten, die Erlaubnis für Schnüffel-Werbung zurücknehmen zu dürfen“ („Zwangszustimmung bleibt“, Spiegel Online, 15.12.07).

Durch dieses zumindest teilweise Zurückrudern was die Einführung der neuen ABGs angeht war die Sache aber für StudiVZ noch nicht ausgestanden. „Obwohl der Betreiber seine AGB-Änderung zur Werbe-Personalisierung entschärft hat, gehen Studenten auf die Barrikaden. Sie säubern ihre Profile, löschen Fotos und schreiben kriegerische Parolen auf ihre Pinnwände.“ („Studenten demonstrieren gegen das SchnüffelVZ“, Spiegel Online, 18.12.07).

Was Spiegel Online zu erwähnen „vergisst“ ist der Ursprung der „Stasi 2.0“-Kampagne samt der im Artikel erwähnten Schäuble-Schablonen, die man jetzt auch bei StudiVZ auf den Profilen der Protestierenden findet. Diese junge Protestbewegung hat ihre Wurzeln im Widerstand gegen Schäubles Innenpolitik, im Netz aber insbesondere im Kampf gegen die Vorratsdatenspeicherung und inzwischen auch im Protest gegen die geplanten Online-Durchsuchungen. StudiVZ hat damit im engeren Sinn eigentlich nicht viel zu tun, allerdings zeigt das Beispiel, dass „Stasi 2.0“ inzwischen offenbar auch auf nicht-staatliche Bespitzelung und Bedrohungen des Datenschutzes bezogen wird.

Es bleibt die zentrale Fage: Wird dieser Protest auf StudiVZ wirklich dazu führen, dass es zum Massenboykott kommt, der StudiVZ untergehen lässt (bzw. die Verantwortlichen zur endgültigen Aufgabe der neuen AGBs zwingt) oder ist das nur ein Sturm im Wasserglas, eine kleine Minderheit der eine weitgehend gleichgültige Mehrheit gegenübersteht, welche die neuen ABGs vielleicht auch nicht mag, deshalb aber noch lange nicht das Portal boykottieren wird?

Keine Frage, StudiVZ hat ein massives Imageproblem. Doch dieses Problem hatte es schon immer ohne dass man gesehen hätte, dass es zu nennenswerten Abwanderungen von NutzerInnen zu vergleichbaren Konkurrenzangeboten gegeben hätte. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Masse der Studierenden langfristig gesehen unbeeindruckt von den Fehltritten des StudiVZ-Managements bleibt.

6 Antworten to “Warum StudiVZ auch diesmal unbeschadet davonkommen wird”

  1. ugugu Says:

    Durchstreichen, weiter gehn…
    Wer immer noch zu blöd ist, seine Daten in diesem Saftladen zu hinterlassen ist selber schuld.

  2. StudiVz und die Studis « Ickkieckwatickwill Says:

    […] Die meisten Nutzer interessiert es offensichtlich nur periphär, egal wie hoch die Medienwellen auch geschlagen […]

  3. creativesideburner1 Says:

    Sehr ausführlich – genau das Richtige für Weihnachten ;)

  4. Blubber Says:

    Hier steht mit Bildern, wie man die personalisierte Werbung ausschalten kann:
    http://www.netzwerk-des-wissens.de/ArtikelZusammenstellen_DB.php?artikel_id=27

  5. OSI Gruppen im StudiVZ « FUwatch Says:

    […] Gruppen im StudiVZ Nachdem StudiVZ fortlaufend negativ auffällt (siehe zuletzt “Warum StudiVZ auch diesmal unbeschadet davonkommen wird”), war es dann doch mal an der Zeit sich etwas genauer anzusehen, was eigentlich in Sachen OSI in […]

  6. Gebinsel Says:

    Tja. Bei der Sache mit der Werbung gucken schon viele recht dumm. Genauso wie viele recht dumm bei einem Zaubertrick ins Dekolleté der Assistentin gucken. Ablenkung nennt man so etwas. Die PR-Abteilung des Studi-VZ hat vorbildliche Arbeit geleistet. Was nur viele in dem ganzen Trara um die personalisierte Werbung im Studi-VZ übersehen ist der letzte Paragraph der neuen AGB, in der sich der Studi-vz Konzern ein Administrativrecht zur Einleitung strafrechtlicher Verfolgung gewähren lässt.

    So heißt es etwa, dass die Daten nicht zu kommerziellen Zwecken an dritte weitergegeben werden; was die Einbeziehung von Dritten zu anderen Zwecken betrifft, bleibt im dunkeln. Doch schon alleine §7 spricht für sich und ich weis nicht wie sich die Visionäre des Studi-VZ die Verrichtung einer solchen Aufgabe vorstellen. Was zählt als Straftat? Wer bestimmt was zur Anzeige gebracht wird und was nicht? Werden Filterprogramme die Profilseiten der Nutzer nach bedrohlichen Wörtern wie „Amoklauf“, „Widerstand“ oder „Kiffen“ durchforsten? Oder gibt es hier gar neue Arbeitsplätze in Form einer Abteilung, welche die Seiten der Nutzer nach gewünschter linientreue und unerwünschten Elementen durchstöbert?

    Selbst wenn keine bedrohliche Zukunftswelt entstehen sollte, und es derzeiten Bemühungen gibt, dergleichen AGB-Bedingungen einen Anstrich selbstverständlicher Gängigkeit zu verpassen, geht mir das hier und jetzt, in der Gegenwart, schon deutlich zu weit.

    Mit der Einwilligung zur neuen AGB bringt sich die akademische Gemeinschaft um ein gewaltiges Potential, welches im offenen und toleranten Umgang miteinander besteht. Vieles was in der breiten Masse verboten werden muss, da die nötige Reife und Mündigkeit der Akteure nicht einfach vorausgesetzt werden kann, funktioniert in der akademischen Gemeinschaft jedoch recht gut, ohne dass ein Schaden für Irgendjemanden entsteht. Man könnte dieses Vermögen, also die Möglichkeit des Menschen seinen Alltag ohne die Inanspruchnahme des Rechtsstaates bestreiten zu können, als soziale Intelligenz bezeichnen. Und jene ist in der Zielgruppe des Studi-VZ meist doch recht ausgeprägt. Davon profitieren nicht nur die Studenten, sondern auch die Gesellschaft im Allgemeinen. Der Campus ist ein experimenteller Nährboden, für Problemlösungsstrategien im Alltag und damit auch für sinnvolle, künftige Reformen.

    StudiVZ hat sich nun mal eine schwer zu bedienende, kritische Zielgruppe ausgesucht, und wer noch nicht hirngewaschen und nachplappernd genug ist, wird stutzig. Auch die Geschäftspolitik, bis März nur noch Usern den Zugang zum Netzwerk zu gewähren, welche den neue AGB bereits zugestimmt haben, mag kritische Stimmen innerhalb des Studi-VZ mundtot machen und separiert sie von jenen Nutzer, die sich noch kein Urteil gebildet haben, jedoch flacht gleichzeitig auch intern das Niveau und die Tiefe im Meinungsbild der zurückgebliebenen User ab. Es wird uninteressant. Studi-VZ buddelt sich fröhlich sein eigenes Grab. Ich kann nicht sagen, ob eine anspruchsvolle, intelligente, soziale Nische dergleichen mit sich machen lässt… Ich kann nur für meinen Teil sprechen.. und ich bin draußen.

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