Das große Nachdenken

Wie angekündigt kam es am gestrigen Mittwoch zum universitäts-internen Showdown in der „Scharenberg-Affäre“. Die FSI Students’ Board hatte ins JFKI eingeladen, um zu diskutieren, warum zwei dringend benötigte Juniorprofessuren immer noch unbesetzt sind und warum Dr. Albert Scharenberg trotz einhelliger Empfehlung durch die Fachgremien vom FU Präsidium als Bewerber für eine der besagten Juniorprofessuren abgelehnt wurde.

Wie nicht anders zu erwarten erschien der eingeladene FU-Präsident Dieter Lenzen nicht und auch die ebenfalls eingeladene erste Vizepräsidentin Prof. Ursula Lehmkuhl sagte zunächst ihr Kommen wegen anderer Termine kurzfristig wieder ab – erschien dann aber zum Glück doch noch.

Prof. Lehmkuhl als Repräsentantin des Präsidiums saßen Dr. Scharenberg und dessen Doktorvater Prof. em. Wolf-Dieter Narr gegenüber. Moderiert wurde die Veranstaltung von Yuca Meubrink und Sarah Hostmann, zwei Kommilitoninnen aus der FSI Students‘ Board. Weitere erwähnenswerte Akteure mit zentralen Auftritten in der Diskussion waren Prof. Hajo Funke (OSI) und Prof. Harald Wenzel (JFKI). Ebenfalls anwesend aber verhältnismäßig ruhig: Prof. em. Peter Grottian. Sowie zahlreiche weitere Studierende und Dozierende die den Raum 324 im JFKI gut füllten.

Qualifikation und Alter

Herr Scharenberg begann seinen Vortrag damit, dass er sich nicht über seine eigene Qualifikation auslassen wolle, Fakt sei aber, dass ihn die Berufungskommission auf die erste Stelle der Liste gesetzt habe und dieser Vorschlag sei sowohl durch den Fachbereichsrat (FBR) PolSoz als auch durch den JFK-Institutsrat inzwischen jeweils zwei Mal bestätigt worden.

Er würde sich zudem die Frage stellen, wieso das Präsidium eigentlich glaube, besser als die Fachgremien zu wissen, wer für eine Stelle qualifiziert sei und wer nicht. Wozu, so Herr Scharenberg weiter, gäbe es dann die langwierige Berufungsprozedur überhaupt? Dann könne man es doch gleich lassen und das Präsidium die Stellen besetzen lassen. Das, ergänzte Prof. Grottian daraufhin sarkastisch, würde früher oder später sicherlich auch so kommen.

Auch sein zu „hohes Alter“ wollte Dr. Scharenberg als Einwand nicht gelten lassen, schließlich gäbe es an der FU Juniorprofessoren die bei ihrer Ernennung sogar noch älter als er gewesen sein. Herr Funke verwies zudem darauf, dass das Alter grundsätzlich kein Kriterium für eine Absage sein könne, dies verstieße gegen das Antidiskriminierungsgesetz.

Für Prof. Funke ist die Begründung Herr Scharenberg sei zu alt und nicht ausreichend genug qualifiziert allein schon deshalb willkürlich, weil nicht weiter konkretisiert wurde, worauf genau diese Einschätzung eigentlich beruht.

Zu Beginn der Diskussionsrunde sah es so aus, als wolle Frau Lehmkuhl das Problem auf ihren Vorgänger im Vizeamt, Prof. Klaus Hempfer, abwälzen, auf den der ablehnende Brief wegen Herrn Scharenbergs Alter-Qualifikation-Kombination zurückging. Trotz konkreter Nachfrage, wollte Prof. Lehmkuhl aber bis zuletzt nicht verraten, ob sie nun zu der Einschätzung von Herrn Hempfer auf Distanz geht oder nicht.

Dennoch versuchte sie natürlich, die Position des Präsidiums halbwegs zu verteidigen. Man habe sich einfach Herrn Scharenbergs wissenschaftlichen Output im Verhältnis zu seinem Alter angesehen und sei dabei zu der Feststellung gekommen, dass das für die Stelle nicht reiche. Für höhnisches Gelächter im Auditorium sorgt dann Prof. Lehmkuhls Bekenntnis, man sei dabei rein quantitativ vorgegangen, indem man die Anzahl von Herrn Scharenbergs Publikationen gezählt hätte. Und grundsätzlich, so Frau Lehmkuhl weiter, gelte die Faustregel, dass ein Bewerber für eine Juniorprofessur nicht älter als 35 sein sollte.

Befangenheit

Ein weiterer Vorwurf der in der Scharenberg-Affäre eine zentrale Rolle spielt ist der der Befangenheit. Konkret richtet sich dieser Vorwurf gegen die Vorsitzende der Berufungskommission, Prof. Margit Mayer, und den externen Gutachter Prof. Christoph Scherrer.

Von mehreren Beteiligten wurde an Prof. Lehmkuhl aber zunächst die Frage gerichtet, warum der Befangenheits-Vorwurf erst jetzt vorgebracht wurde, während es zunächst ja nur um das angeblich zu hohe Alter und die angeblich zu geringe Qualifikation von Dr. Scharenberg ging. Frau Lehmkuhl konnte das nicht wirklich beantworten, sie deutete nur an, dass der Befangenheits-Vorwurf nicht schon damals als Begründung herangezogen worden sei, weil man die Exzellenz-Bemühungen in denen das JFKI in jener Zeit steckte, nicht durch Negativ-Publicity gefährden wollte. Intern sei die Befangenheits-Thematik schon länger diskutiert worden.

Anschließend entbrannte dann ein hitziger Streit darüber, ob Prof. Mayer und Prof. Scherrer tatsächlich befangen waren oder nicht. Frau Lehmkuhl verwies darauf, dass auf der Website des JFKI nachzulesen gewesen sei, dass Herr Scharenberg bei Prof. Mayer habilitiere. In einer schriftlichen Stellungnahme die verlesen wird machte Frau Mayer jedoch deutlich, dass dies ein Irrtum sei. Herr Scharenberg habe urspünglich die Habilitation angestrebt, das Vorhaben dann aber aufgegeben, da eine Habilitation durch die Einführung der Juniorproffesur nicht mehr von nöten war. Herr Scharenberg sei zudem zu keinem Zeitpunkt ihr (Mayers) Mitarbeiter gewesen. Dr. Scharenberg bestätigt diese Angaben, er würde nicht mit Frau Mayer zusammenarbeiten und natürlich sei er bei seiner Vorbereitung auf die Bewerbung nicht von Prof. Mayer beraten worden.

Daraufhin entwickelte sich eine bizarre Diskussion darüber, ob eine Website als aussagefähige Informationsquelle dienen kann oder nicht. Frau Lehmkuhl vertrat hier die Position, es sei immerhin eine offizielle FU-Website und der Hinweis auf Dr. Scharenbergs Habilitation sei erst entfernt worden, nachdem sie Prof. Mayer daraufhin angesprochen habe.

Zum endgültigen Eklat kam es dann, als die angebliche Befangenheit Scherrers diskutiert wurde. Herr Scharenberg verwies darauf, dass er Prof. Scherrer kaum kenne, er würde ihn nur alle drei Jahre auf einer Tagung sehen und da beschränke sich ihr Kontakt auf ein „Guten Tag“. Und als Herr Scherrer in den 90ern am JFKI tätig war, war er (Scharenberg) dort noch nicht.

Als Prof. Lehmkuhl dann von Herrn Scharenberg wissen wollte, wie viele Publikationen er zusammen mit Prof. Scherrer veröffentlich hat, betonte Dr. Scharenberg noch einmal, keine einzige Publikation mit Herrn Scherrer herausgebracht zu haben, da er ihn wie gesagt kaum kenne. Frau Lehmkuhl erwiderte, dass dies einfach nicht stimme, woraufhin Herr Scharenberg ihr aufgebracht entgegnete, sie solle ihm doch einfach mal eine Publikation nennen, die er angeblich zusammen mit Prof. Scherrer veröffentlicht habe.

Daraufhin verließ Prof. Lehmkuhl für 15 Minuten den Raum, um telefonisch zu recherchieren, welche Arbeiten Herr Scherrer und Herr Scharenberg angeblich zusammen herausgebracht haben sollen. Das Auditorium höhnte, sie solle ihren „Telefon-Joker“ ruhig nutzen, sich dann aber entschuldigen, wenn sie ihre Behauptung nicht belegen könne. Frau Lehmkuhl kehrte zwar zurück, löste den Fall aber nicht auf.

Pikant ist ein weiteres Detail: Prof. Lehmkuhl sah sich selbst offenbar schon einmal dem Vorwurf der Befangenheit ausgesetzt, als sie Vorsitzende der Berufungskommission für eine Juniorprofessur im Bereich „Geschichte“ am JFKI war. In diesem Fall ließ das Präsidium die Liste zurückgehen, Frau Lehmkuhl trat als Vorsitzende der Berufungskommission zurück und die Kandidatin konnte so doch noch angenommen werden. Der entscheidende Punkt: Hier gab es offenbar wirklich eine Kommunikation zwischen Präsidium und Kommission, die eine Lösung des Problems möglich machte. Im Fall von Herrn Scharenberg lehnte das Präsidium den Kandidaten dagegen knallhart ab, eine Kommunikation zum FBR oder der Kommission fand nicht statt bzw. wurde stark verzögert. Der Vorwurf der daraus an das Präsidium abgeleitet wird ist also, mit zweierlei Maß zu messen.

Hajo Funke und das große Nachdenken

Frau Lehmkuhl war gegen Ende der Veranstaltung stark angeschlagen, durch ihr Auftreten konnte sie den Verdacht, bei der Ablehnung von Herrn Scharenberg sei etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen, nicht entkräften. Im Gegenteil hatte sich der Eindruck verstärkt, das Präsidium müsse politische Gründe für das Rauskanten von Dr. Scharenberg gehabt haben.

Herr Funke und Herr Wenzel waren daraufhin bedacht, der eskalierenden Diskussion wieder einen Drift zu geben, der in eine konstruktivere Richtung führen würde. Schließlich sei man ja zusammenkommen, um eine Lösung für das Problem zu finden. Herr Funke hielt noch einmal fest, dass der Befangenheits-Vorwurf unhaltbar sei und machte den Vorschlag, dass man nun die Kommission austauschen und das Verfahren wiederholen sollte, um das Problem zu lösen. Herr Wenzel brachte dagegen eine W2-Stelle als Alternative zur Juniorprofessur ins Spiel.

Schließlich einigte man sich mit Prof. Lehmkuhl darauf, gemeinsam noch mal über die ganze Angelegenheit „nachzudenken“. Herr Funke bezeichnete diese Übereinkunft als echten Fortschritt, was zunächst sarkastisch klang, von ihm aber ernst gemeint war, wie sich dann herausstellte. In vier Wochen will man sich am JFKI erneut zusammenfinden, um eine Lösung zu finden. Bis dahin soll die Kommunikation zwischen den Akteuren verbessert werden.

Wirklich zufrieden schienen die anwesenden Studierenden aber nicht zu sein, sie hatten immer wieder betont, wie sehr man die Stelle für die Lehre benötigen würde und nachgefragt, ob noch die Möglichkeit bestünde, dass die Professur noch in diesem Semester besetzt würde. Einerseits ist diese Sorge verständlich, andererseits zeugt dieses Auftreten aber auch von einer gewissen Hemdsärmlichkeit. Ein Großteil der anwesenden JFKI-Studierenden war offenbar sehr stark darauf fixiert, dass die Lehre in diesem Semester gewährleistet sein müsse und die Stelle besetzt werden müsste (egal wie und durch wen), der eigentliche, viel weiterreichende Skandal der im äußerst undemokratischen Vorgehen des Präsidiums besteht, spielte für sie offenbar nur eine eher untergeordnete Rolle.

Fazit

Trotz mehrfacher Nachfrage hat sich Frau Lehmkuhl nicht dazu geäußert, welche der Vorwürfe gegenüber Herrn Scharenberg das Präsidium jetzt eigentlich noch aufrecht erhalten möchte. Und das obwohl die Diskussion deutlich gezeigt hat, dass alles was sich das Präsidium an Argumenten zurecht gelegt hat, einer genaueren Überprüfung nicht standhält.

In der vielleicht etwas naiven Vorstellung, das Präsidium unter Lenzen sei rationalen Argumenten zugänglich (die ganze Affäre beweist eigentlich, dass das nicht der Fall ist), haben Herr Funke und Herr Wenzel die aus dem ruderlaufende Diskussion wieder eingefangen und Prof. Lehmkuhl mit der „Nachdenken“-Option den Rettungsstrohhalm gereicht, den sie am Ende so dringend benötigte. Wann immer zum Schluss noch eine konkrete Frage an Frau Lehmkuhl gerichtet wurde, brauchte diese einfach nur sagen, „Das klären wir nach dem ‚Nachdenken'“ oder „Darüber wollen wir ja jetzt erst einmal nachdenken“.

Die Frage ist: Wie kommt das bei Lenzen an? Nun, er hat einmal mehr gesehen, dass er die Dinge aussitzen kann, dass er einfach nur Zeit schinden braucht, dass sich seine inneruniversitären Opponenten im Zweifelsfall immer wieder vertrösten lassen. Aber nun gut, wir werden ja sehen, was dann in vier Wochen tatsächlich passiert. Meine Prognose: Man wird sich erneut vertagen. Der mediale Hype um die Affäre, den man jetzt vielleicht noch nutzen könnte, wird dann in jedem Fall aber längst abgeklungen sein.

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3 Antworten to “Das große Nachdenken”

  1. Lenzen-Fanclub sprengt die Bühne | Fachschaftsini Geschichte FU Says:

    […] FU-Präsidium am liebsten vor aller Welt verbergen würde: autoritäre Strukturen an der FU, den Scharenberg-Berufungsskandal und zusätzlich die absurd hohen Abbrecherquoten in den neuen BA-Studiengängen. Hier blieb das […]

  2. Fünfte OZ-Ausgabe die bisher deutlich beste « FUwatch Says:

    […] Jahr eine Zwischenausgabe im Februar geben wird. Themen gäbe es zumindest mehr als genug: Die Affäre Scharenberg, der Bibliotheksskandal (in Nummer 5 nur leicht angeschnitten), die […]

  3. Neues in der Scharenberg-Affäre « FUwatch Says:

    […] Auf einer Diskussionsveranstaltung zum Thema nahm neben Scharenberg unter anderem auch die FU Vizepräsidentin Prof. Lehmkuhl teil, die zusicherte es werde ein klärendes Gespräch geben und der Sachverhalt müsse überdacht werden (siehe “Das große Nachdenken”). […]

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