Mit Dagobert Zöllner ins Land von Milch und Honig

Keine Frage, Jürgen Zöllner, Berlins „Supersenator“ (lesenswertes Porträt siehe OoD Nr. 6, Seite 58), war unter Zugzwang. Nachdem man sich so viel von ihm erwartet hatte (was genau blieb immer unklar, aber innovativ und unkonventionell sollte es schon sein), musste er endlich mal eine Bombe platzen lassen, um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

Bis 2011 sollen die Berliner Unis unter dem Motto „Wissen schafft Berlins Zukunft“ 300 Millionen Euro bekommen (oder „nur“ 285 Millionen, die Angaben schwanken). Bitte was? Nach Jahren des Streichens und Kürzens, des Abbauens und Plattmachens, fallen jetzt auf einmal 300 Millionen vom Himmel? Der Tagesspiegel rechnet vor:

„185 Millionen kommen vom Land selbst, zusätzlich will Berlin zehn Millionen für 1000 neue Studienanfängerplätze im Rahmen des Hochschulpakts vorschießen. Mindestens 115 Millionen Euro erwartet Berlin vom Bund. Fest steht bereits, dass das Land 63 Millionen aus dem Hochschulpakt für Verwaltungs- und Laborkosten für DFG-Projekte erhält (Overheadkosten). 22,6 Millionen fließen für Studienplätze aus dem Hochschulpakt nach Berlin. Die große Unbekannte ist allerdings die Summe, die Berliner Unis im Elitewettbewerb gewinnen werden, über den die Entscheidung im Oktober fällt. Hier rechnet der Senat offenbar mit mindestens 30 Millionen Euro – das entspricht etwa zwei Eliteuniversitäten oder einer Eliteuniversität und etwa zwei Clustern.“ (tagesspiegel, 26.06.07)

„30 Millionen Euro – das entspricht etwa zwei Eliteuniversitäten oder einer Eliteuniversität und etwa zwei Clustern“, herrlich, wir haben eine neue Maßeinheit! Demnach könnte man – rein theoretisch – mit den 300 Millionen die es insgesamt geben soll also 20 Eliteuniversitäten oder 40 Cluster in Berlin aufbauen!

„Aus den 185 Millionen, die das Land Berlin zusätzlich aufbringt, sollen bis 2011 insgesamt 150 Millionen Euro in exzellente Forschung fließen. 18 Millionen werden höchstens als Gegenfinanzierung des Landes für erfolgreiche Projekte im Elitewettbewerb fällig. Außerdem werden in den Jahren 2008 und 2009 je 35 Millionen, 2010 und 2011 je 40 Millionen Euro für Forschung ausgegeben. Damit sollen unter anderem knapp gescheiterte Vorhaben aus dem Elitewettbewerb von Bund und Ländern realisiert werden. Darüber hinaus werden Anschubfinanzierungen für geplante Sonderforschungsbereiche oder sonstige große Forschungsvorhaben von Unis und außeruniversitären Instituten finanziert.“ (tagesspiegel, 26.06.07)

Ja so ist das im neuen Berlin, die Forschung droht regelrecht in Geld zu ersaufen. Doch wo bleibt die Lehre? Keine Sorge, auch daran hat man ja gedacht:

„Die angekündigte ‚Ausbildungsoffensive‘ sieht vor, dass an den Berliner Hochschulen etwa 1000 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden – aufbauend auf dem Hochschulpakt. Statt der mit Bund und Ländern ausgehandelten 19.500 Studienanfängerplätze wolle Berlin nun 20.500 bereitstellen. Damit sei ’nach Jahren des Studienplatzabbaus die Trendumkehr geschafft‘, hieß es. Die Kosten von zusätzlichen zehn Millionen Euro werde das Land vorfinanzieren, sagte Wowereit, denn im Hochschulpakt werde erst 2011 abgerechnet.

Mit den für die Ausbildungsoffensive eingeplanten Mitteln von insgesamt 35 Millionen Euro soll auch ein zentrales Institut für Hochschuldidaktik gegründet werden, das ‚Berlin Institute of Professional Teaching in Higher Education‘. Dort sollen Hochschullehrer ’systematisch ihre Lehrkompetenz verbessern können‘. Außerdem will der Senat Juniorprofessuren mit Schwerpunkt Lehre einrichten, Nachfolgeberufungen vorziehen und zusätzliche Tutoren beschäftigen. Auf Seniorprofessuren sollen ‚bewährte Professoren‘ weiterbeschäftigt werden.“ (tagesspiegel, 26.06.07)

Neben der „Berlin Research University“ für die fusionierte Exzellenzforschung jetzt also das „Berlin Institute of Professional Teaching in Higher Education“, wo Dozierende „systematisch ihre Lehrkompetenz verbessern können“. Wie hat man sich das konkret vorzustellen? Bekommt dann ein Dozierender über den sich zu viele Studierende beschweren den freundlichen Hinweis, er solle doch mal überlegen, ob er nicht einen Kurs für „Professional Teaching in Higher Education“ besuchen wolle?

Die Idee Dozierende nur für die Lehre anzuwerben (sog. „Lehrknechte“) steht ja schon länger im Raum und ist nicht unumstritten (siehe „Hurra, wir kriegen Lecturer“). Relativ neu ist dagegen die Idee, neben Junior- nun auch Seniorprofessuren einzurichten. Die Emeritierung eigentlich schon fest im Blick, müssen die alten Recken also in Zukunft Bonusrunden drehen.

Bei allen Frotzeleien muss man jedoch anerkennen, dass dieser Masterplan nach Jahren des kontinuierlichen Bildungs-Abbaus wieder ein Schritt in die richtige Richtung zu sein scheint. Wenn es denn wirklich so kommt, wie hier skizziert.

Kritische Stimmen wenden ein, dass von diesen zugesagten 300 Millionen am Ende nicht viel übrig bleiben wird. Und die Summen, die dann tatsächlich fließen werden, werden vermutlich so verteilt, dass die Elitenförderung weiter vorangetrieben und das Zwei-Klassen-System in der deutschen Hochschullandschaft fest verankert wird.

Und dennoch, wenn man bedenkt, dass man von Zöllner ursprünglich befürchtete, er würde in Berlin die Studienkonten einführen, ist es doch eine angenehme Kehrtwende nun mit Millionen bedacht zu werden. Denn jetzt, wo das Spice wieder fließt, scheinen Studiengebühren / Studienkontenmodelle ja endlich vom Tisch zu sein. Oder, Jürgen?

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Eine Antwort to “Mit Dagobert Zöllner ins Land von Milch und Honig”

  1. Dahlem Research School « FUwatch Says:

    […] Hochschulwesen, FU, Organisation Vom Produzenten von “Berlin Research University” und “Berlin Institute of Professional Teaching in Higher Education”, jetzt ganz neu: “Dahlem Research […]

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