E-Learning kostet an der FU jährlich 400.000 Euro

Der Kommilitone Fabian Reinbold hat nachgelegt und seine Berichterstattung über die Web-2.0-Ambitionen der FU (siehe „Re: Hier bloggt die Uni“) ausgebaut. Im gestrigen Tagesspiegel erschien ein ausführlicher Artikel von ihm zum „E-Learning 2.0“-Projekt an der FU:

„Dahinter verbirgt sich der Einsatz von Kommunikationsmitteln wie Blogs, Wikis oder Podcasts in der Lehre. Diese haben das Internet in den letzten Jahren zum Web 2.0 weiterentwickelt, in dem ehemals passive Nutzer nun eigene Inhalte erstellen (wie im Online-Lexikon Wikipedia) und sich in Netzwerken wie der Videoplattform YouTube austauschen. Genau das soll nun im E-Learning passieren: Studierende erarbeiten gemeinsam Wissen und tauschen sich darüber aus. Nicht länger soll der Professor allein das Material bereitstellen.“ (tagesspiegel, 05.07.07)

Fabian verweist zurecht darauf, dass das zur Zeit noch lange nicht die Realität ist. Dass die Verwendung von virtuellen Lernplattformen (bei uns das Blackboard) nur eine Komponente von vielen ist, um E-Learning zu praktizieren. Andererseits bietet Blackboard ja durchaus bereits jetzt diverse Funktionen, die über das einfache bereitstellen von Material hinausgehen. Studis können sich im jeweiligen Kurs mit ihren KommilitonInnen und dem/der Dozierenden austauschen, etwa in einem Chat oder in einem Forum. Der entscheidende Punkt ist nur: Sie tun es nicht.

Wenn man bedenkt, wie lange das Blackboard jetzt schon in Betrieb ist und wie wenig seiner Funktionalität ausgeschöpft wird, lässt dies für die Zukunft nichts Gutes erahnen. CeDiS macht hier nur quantitative, nicht qualitative Fortschritte. D.h., Blackboard wird zwar in immer mehr Lehrveranstaltungen benutzt, doch i.d.R. nur mit seinen Grundfunktionen (dem Austausch von Lehrmaterial und für organisatorische Ankündigungen).

„Grune [vom MLZ der HU; Anm. FUwatch] sieht den Pluspunkt darin, ‚dass die Dozenten nicht länger Alleinunterhalter sind‘. Doch es bleibt ein didaktischer Schritt, die Studierenden zu aktiver Teilnahme und Austausch zu motivieren.“ Sehr richtig, nur waren die Dozierenden ja nie „Alleinunterhalter“, im Gegenteil wird ja ein Großteil der Lehrveranstaltungen (in Seminaren natürlich mehr als in Vorlesungen) seit jeher durch Studierende gestaltet. Trotzdem scheinen diese nicht übermäßig motiviert, z.B. eine im Seminar wegen Zeitmangels abgebrochene Diskussion in der virtuellen Sphäre fortzusetzen.

Und auch wie das mit dem begleitenden Einsatz von Blogs bei Lehrveranstaltung ablaufen soll, bleibt noch dunkel. Fabian stellt heraus:

„E-Learning 2.0 als Wundermittel gegen die Anonymität der Berliner Massenuniversitäten? So einfach ist es wohl nicht. Ein typisches Lernszenario aus der 2.0-Welt – Studierende dokumentieren ihren Lernfortschritt in einem Blog und bekommen regelmäßig Feedback vom Dozenten – lässt sich schwer auf die Berliner Unirealität übertragen. In den Geisteswissenschaften etwa muss ein Professor nicht selten 100 Teilnehmer im Seminar betreuen. Er käme mit dem Bloggen wohl nicht mehr hinterher.“ (tagesspiegel, 05.07.07)

Zudem weniger web-affine Zeitgenossen sicherlich argumentieren würden, dass es die Anonymität eher noch verstärkt, wenn Studierende untereinander oder mit Dozierenden abstrakt im virtuellen Raum kommunizieren. Der Erfolg von Blogs im Lehreinsatz bleibt jedenfalls zweifelhaft.

Betont wird im Artikel auch die Notwendigkeit eines Mischsystems aus Präsenzveranstaltungen und virtuellen Möglichkeiten. Auch das ist ein inzwischen alter Hut, der unter dem Begriff „Blended Learning“ subsumiert wird.

Die interessanteste Information die man aus dem Artikel ziehen kann ist sicherlich die, dass der ganze Spaß die FU jährlich 400.000 Euro kostet. Eine Summe die in keinerlei Verhältnis zudem steht, was die FU tatsächlich in Sachen E-Learning auf die Reihe kriegt. Was für ein Irrsinn, besonders wenn man sich überlegt, was die Summe an anderer Stelle in der Uni vielleicht positiv bewirken könnte.

Die Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass die E-Learning-Angebote an der FU nur so schleppend angenommen werden ist natürlich nicht, dass der Bedarf an E-Learning vielleicht einfach nicht so groß ist oder dass die CeDiS nicht besonders erfolgreich ist beim Versuch ihre Dienstleistungen und Produkte den Studierenden und Dozierenden näherzubringen. Nein, die Schlussfolgerung ist, dass man einfach so weiter macht wie bisher, seine Bemühungen vielleicht sogar intensiviert (= noch mehr Geld verheizt), aber eben keinesfalls, dass man ernsthaft darüber reflektieren sollte, warum es so offenbar einfach nicht funktioniert.

Zumindest FU-Präsident Lenzen scheint dieses fortlaufende Pushen von Bloatware die eigentlich keiner braucht positiv zu finden: Nach Informationen von FUwatch möchte er den CeDiS-Leiter Dr. Nicolas Apostolopoulos angeblich zum Ehrenprofessor ernennen – und zwar im Bereich Erziehungswissenschaft. Natürlich, was liegt auch näher, wo Apostolopoulos doch so bahnbrechende Erfolge im Bereich E-Learning gefeiert hat…

Hinweis: Eine Übersicht mit allen den “CeDiS-Blackboard-Komplex” betreffenden Einträgen in diesem Blog findet sich hier.

3 Antworten to “E-Learning kostet an der FU jährlich 400.000 Euro”

  1. Überblicksseite zum “CeDiS-Blackboard-Komplex” « FUwatch Says:

    […] 06.07.07: E-Learning kostet an der FU jährlich 400.000 Euro […]

  2. Bruce Spear Says:

    400K? That figure barely scratches the surface, right you are! Let’s do the math.

    To this you’d want to add the 600,000 each year of the (three year) BMBF-sponsored project FUeL, the estimated 30-50,000 EUR the FU pays to the Blackboard Corporation and the Carlyle Group for the application license, at least 240,000 for at least 4 positions at CeDiS running the application, the help desk, and a fair amount of other management and staff time, plus I’d guess at least 200,000 for “FU e-learning” support financed by the Presidium directly through the Fachbereich, and if the 300 instructors who answered recent surveys each spent 20 hours in a year learning the application and working with it, and assuming that most of them are mittelbau or professors with an average cost of 50EUR per hour or so, that’s another 500,000+ EUR …

    We’re talking, then, easily, close to 2,000,000 EUR for so-called “FU e-learning” per year. Where do we start calculating the benefits? Well, as about 16,000 students are signed on to Blackboard, that means about 27,000 are not, and since just about everything having to do with “FU e-learning” is supposed to be put on is the Blackboard Corporation and the Carlyle Group’s applicatin, that means about two-thirds of the FU’s students gain nothing at all from it at all. So, for that lucky 16,000 the cost is a nice, cool, 1,250 EUR each.

    For that kind of money I think we could deliver most students their course texts by taxi and on silver platters, or?

  3. Bruce Spear Says:

    Sorry, my math is flawed, and I eat humble pie: the estimate should read: 124 EUR per student per year. And instead of sarcasm I should simply state plainly: what we do not get from CeDiS is evidence that any of this huge sum translates to things that ought to matter to students, such as higher grades, better understanding of concepts, mastery of relevant disciplinary skills, qualitative improvements in seminars and academic life more generally, etc. To see how real universities do this, my favorite example these days is the evaluation of the iCampus project at MIT, where one finds discussion of how e-learning is used to improve student conceptual understanding in physics and assist in the mastery of specific writing skills: http://icampus.mit.edu/. One would think that „excellence“ might involve include such things.

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