Macht keinen Unfug, ihr macht zu viel Unfug!

„Now, let me make one thing crystal clear: I don’t like kids that screw around! You screw around in shop class, you can lose a hand or an eye. (…) Hey! Don’t screw around! You screw around too much! (…) I told you not to screw around with the belt sander, didn’t I?“ (Mr. Adler in: Tweek vs. Craig, South Park, Episode 304)

In der deutschen Synchronisation der zitierten Folge wurde „screw around“ mit „Unfug machen“ übersetzt (was es zumindest im Kontext der Episode auch ganz gut trifft, gleichwohl das Wortspiel natürlich nicht transportiert wird) und so versucht der Lehrer Mr. Adler fortlaufend mit seinen mit nölender Stimme vorgetragenen Unfug-Warnungen („Macht keinen Unfug, ihr macht zu viel Unfug!“) die Schüler im gefährlichen Werkunterricht zur Räson zu bringen.

Erst kürzlich musste ich wieder an Mr. Adler denken, als ich einen Artikel im Tagesspiegel von George Turner mit dem Titel „Unfug macht nicht exzellent“ las. Turner, Jahrgang 1935 (sic!), war unter Eberhard Diepgen von 1986 bis 1989 Wissenschaftssenator (danach folgte bekanntlich Mompers kurzes Intermezzo).

In Turners kurze Amtsperiode fiel demnach auch der letzte wirklich „große“ Streik an der FU im Wintersemester 88/89. Unter linken FU-Studis wird kolportiert, Turner habe diese komplette Lahmlegung der Uni für ein volles Semester nie verwunden (der Widerstand war seiner Zeit wirklich massiv). Was – neben anderen Faktoren – dazu führen würde, dass er sich bis heute in regelmässigen Abständen über linke Hochschulpolitik auslässt.

Sein neustes Ziel sind die – bisher immer wieder verschobenen – Pläne des rotroten Senats die Viertelparität einzuführen. Für Turner ist das einfach nur „Unfug“, „ein Moment der Ungewissheit und Labilität“, der die Exzellenzaussichten der Berliner Unis zu schmälern droht:

„(…) Nur eines ist ebenso sicher: Wackelige Professorenmehrheiten, womöglich sogar die ansonsten überall als Ladenhüter abgelegte Viertelparität, stellen ein Moment der Ungewissheit und Labilität dar. Außer bei einigen unverbesserlichen Mitgliedern im Lager der jetzigen Regierungskoalition hat man das überall begriffen. Es ist ja nicht überraschend, dass Baden-Württemberg und Bayern in dem Wettbewerb die Nase vorn haben und ihn fast dominieren. Drei Universitäten aus diesen Ländern sind bereits ausgewählt. Von den jetzt im Rennen befindlichen acht sind weitere drei aus dem Südwesten. Das liegt nicht nur an der besseren Ausstattung, sondern auch daran, dass dort mancher Unfug unterblieben ist, der anderswo Langzeitschäden erbracht hat.

Es ist zu hoffen, dass es bei der Absage von Wowereit an die Viertelparität bleibt und Zöllner die Befürworter des Kreuzwahlrechts in der SPD mit seiner fachlichen Autorität in die Schranken weist. Die Linkspartei ist in der Hochschulpolitik ohnehin nicht ernst zu nehmen. Flierl lässt grüßen.“ (tagesspiegel, 02.07.07)

Die KommilitonInnen vom SEMTIX-Blog haben ihm dafür zurecht die Pflaume des Monats verliehen: „Eingeschränkte demokratische Mitspracherechte werden von Turner durch das angebliche Bedürfnis nach Stabilität legitimiert.“ Tatsächlich würde die Viertelparität einen kleinen Quantensprung in Sachen Demokratisierung der Hochschule bedeuten und jemand der sich dem entgegenstellt bezieht dann eben eine dezidiert anti-demokratische Position.

Fraglich ist dagegen, ob die Einführung der Viertelparität wirklich zu den von Turner befürchteten instabilen Zuständen führen würde. Der Veweis, die Viertelparität sei überall ein „Ladenhüter“ ist jedenfalls kein brauchbares Argument.

Doch selbst wenn er recht hätte, stellt sich die Frage ob wir wirklich „süddeutsche Verhältnisse“ wollen. Klar, die Unis liegen beim Exzellenz-Gedöns, in Rankings, etc. weit vorn. Wenn der Preis dafür jedoch tatsächlich ist, dass die jeweilige Bildungsinstitution autoritär von einer strikten Top-Down-Führung geleitet wird, mit keinen oder nur sehr geringen Mitbestimmungsmöglichkeiten für Mittelbau und Studierendenschaft, dann ist er einfach zu hoch.

Denn bei den ganzen Lobgesängen auf den Süden bleibt die Kehrseite der Medaille außen vor. Dass es dort z.B. bereits seit den 1970ern keine verfassten Studierendenschaften mehr gibt, die Studierenden somit noch weniger Mitsprache haben als im Norden, wird nicht großartig thematisiert. Und in Turners Logik ist dies ja auch keine Kehrseite, sondern im Gegenteil eine wichtige Voraussetzung für den wissenschaftlichen Aufstieg der Süd-Unis.

Das Präsidium bzw. Rektorat legt den Kurs fest, feiert seine Exzellenzerfolge, treibt systematisch die Ökonomisierung der Hochschule voran und wird dabei nicht ausgebremst, weil Personenkreise die damit nicht einverstanden sind nicht in den inneruniversitären Entscheidungsprozess einbezogen werden. So stellen Lenzen und Turner sich das idealtypisch vor. Die selbsterklärten Alphamännchen und Experten ziehen ihr Ding durch und der Rest darf die Fresse halten.

Auch in der Redaktion des Tagesspiegels lösen derlei autoritäre und anti-demokratische Kolumnen wie die von Turner offenbar keinerlei Befremden aus. Kein Wunder, ist Turner doch unter anderem auch als Berater für Holtzbrinck tätig und daher im Tagesspiegel gern gesehener Gastkolumnist.

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