CeDiS streicht Zensurpassus aus den Nutzungsbedingungen

Andrew Welsh-Huggins und Jochen Leffers schreiben in einem Spiegel-Online Artikel über Blog-Systeme an us-amerikanischen Universitäten und dass dort StudentInnen teilweise sogar fürs bloggen bezahlt werden – selbst dann wenn sie sich negativ über die eigene Uni äußern und Missstände anprangern.

Die Uni-Administration betrachtet dies laut den Autoren als Werbung für die „MySpace-Generation“, die bevor sie sich an der Universität bewirbt schon mal einen ungefilterten Blick auf den Campus-Alltag werfen kann. Anders als konventionelle Werbe-Broschüren wirken die Blogs authentischer, weil hier eben nicht nur „Heile-Welt-Darstellungen“ zu lesen sind. Würde man dagegen versuchen, die Blog-Postings in eine rein positive Richtung zu drücken, würde dies spätestens auffliegen, wenn die Differenzen zu Äußerungen auf externen Portalen (MySpace, Facebook, etc.) deutlich werden.

Ob das wirklich so abläuft wie geschildert, sei mal dahin gestellt (die Aufmachung der Blogs wirkt jedenfalls auffällig glatt). Die Artikel-Autoren verweisen aber auch auf den Umstand, dass die deutschen Universitäten noch weit davon entfernt sind, den Web-2.0-Technologien einen ähnlichen Stellenwert einzuräumen. Und wie könnte es anders sein, fällt der Blick hier natürlich auf das neue Weblog-System der FU.

„Noch ist das Web-2.0-Projekt der FU eher öde Begleitmusik zur Lehre und Forschung und ganz weit weg von der stark studentischen Bloggerszene. Es müsste kräftig wachsen und neue, weniger staubige Wege einschlagen, damit sich Studenten dort tatsächlich beteiligen und vernetzen. Dann erst würde sich auch entscheiden, was die Meinungsfreiheit, auf die Blogger große Stücke halten, an der Freien Universität wirklich wert ist.

So hieß es zunächst in den Nutzungsbedingungen: „Eine missbräuchliche Nutzung liegt insbesondere vor, wenn über das Blog (…) das Ansehen der Freien Universität Berlin geschädigt wird oder die Nutzung ihren Interessen entgegensteht.“ Das kann vieles bedeuten – in seinem Blog „FUwatch“ kommentierte Niklas Fichtenberg diesen Passus als ‚Steilvorlage für Zensur‘. Prompt wurden die Nutzungsbedingungen renoviert; nun geht es bei der „missbräuchlichen Nutzung“ nur noch um mögliche Rechtsverstöße wie Pornographie, verfassungswidrige Propaganda, Beleidigung oder Verleumdung.“ („Bloggen für eine Handvoll Dollar“, Spiegel Online, 24.06.07)

Und tatsächlich, ein Blick in die Nutzungsbedingungen (wahlweise hier oder hier) zeigt, dass CeDiS den besagten Zensurpassus still und heimlich entfernt hat (auf dem Admin/Support-Blog ist die Änderung jedenfalls nicht angekündigt, obwohl dies laut §9 Absatz 3 ja eigentlich passieren sollte). Offenbar hat man also doch ein Einsehen gehabt, dass eine solch restriktive Formulierung in den Nutzungsbedingungen der Idee hinter dem Blogging zuwider läuft.

Was Leffers in seinem Artikel vernachlässigt ist sicherlich der Umstand, dass Deutschland blog- bzw. Web-2.0-technisch den USA generell hinterhinkt. Exemplarisch kann man dies am Blog-Einsatz im Wahlkampf verdeutlichen. Der deutschen Blogosphäre kommt hier immer noch nicht der gleiche Stellenwert im deutschen Wahlkampf zu, wie der us-amerikanischen Blogosphäre im US-Wahlkampf. Zwar gibt es auch hier in Deutschland zunehmend den Versuch Blogs, Wikis, etc. in Kampagnen mit einzubeziehen (vgl. z.B. Falk Lüke), doch reicht der mediale Einfluss deutscher Blogger bei weitem noch nicht an den medialen Einfluss us-amerikanischer Blogger heran.

Dies lässt sich nun auf andere Bereiche übertragen, die die Blogosphäre tangiert, so eben auch der Einsatz im Kontext von Lehre und Forschung. Selbst wenn die FU nun also in Sachen Blogs „weniger staubige Wege einschlagen“ würde (wie es etwas nebulös im Artikel heißt), wird sie damit nicht weit kommen, wenn die Studierendenschaft selbst noch etwas „staubig“ ist. Der grundsätzliche Irrtum liegt in der Annahme, die „jungen Leute von heute“ sein per se alle neuen Medien, Techniken und Kommunikationsformen aufgeschlossen (was ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrung in Abrede stelle). Die viel beschworene „MySpace-Generation“ ist eben im deutschen Sprachraum noch nicht ähnlich dominant wie im angelsächsischen Raum.

Die Entschärfung der Nutzungsbedingungen seitens der FU war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung. Die grundsätzliche Problematik, dass Blogs in der Lehre nicht so viel Sinn machen bzw. von der Studierendenschaft nur schleppend angenommen werden, löst das noch nicht. Allerdings erhöht eine Betonung / Sicherstellung von Meinungsfreiheit zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass einige ohnehin blog-affine Studierende auch an der Uni einen persönlichen Blog starten.

Die zentrale Frage ist dann, ob man darauf setzt, dass Blogs auch unter deutschen Studierenden zunehmend auf Interesse stoßen werden, die Investition in ein uni-eigenes Blog-System sich also lohnt, oder ob die Anzahl tatsächlich regelmässig bloggender Studierender konstant niedrig bleibt. Im letzteren Fall stellt sich dann die Frage, ob die Mittel nicht anderswo besser eingesetzt wären. Selbst am MIT erfreuen sich die hauseigenen Blogs laut Artikel einerseits zwar großer Beliebtheit, andererseits bloggen aber insgesamt nur 15 Studierende.

Hinweis: Eine Übersicht mit allen den “CeDiS-Blackboard-Komplex” betreffenden Einträgen in diesem Blog findet sich hier.

2 Antworten to “CeDiS streicht Zensurpassus aus den Nutzungsbedingungen”

  1. Überblicksseite zum “CeDiS-Blackboard-Komplex” « FUwatch Says:

    […] 25.06.07: CeDiS streicht Zensurpassus aus den… […]

  2. Andreas Says:

    Die „Myspace Generation“ bloggt nicht auf eigenen Seiten sondern sie verewigt sich auf myspace.
    Sonst hätten wir ja auf einen Schlag 180 Millionen Blogs mehr, bloß das nicht.
    Und 2 Millionen Studenten in Deutschland füllen auf StudiVZ ihr Profil und ihre Pinnwände und das ist auch gut so, die wollen keine Blogs machen und allzu interessant wäre das auch nicht.
    Es ist sehr schön das es Blogs wie diesen hier gibt, wäre natürlich auch interessant wenn es mehr von dieser Quantität/Qualität/vielleicht auch mit konträren Positionen in Bezug auf das Geschehen in der FU geben würde aber das die FU da jetzt versucht auf den vermeintlichen „Zeitgeist“ mit aufzuspringen versucht ist peinlich und das Projekt wird in etwa so viel Erfolg haben wie die Zedat E-Mail Adresse. Nutzt auch keiner.
    Naja, wobei den Zedat E-Mail Account werden definitv noch mehr nutzen als einen eigenen FU Blog.

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