Der Präsident und seine Paradetruppe vom Tagesspiegel

Lenzens Wasserträger in der Tagesspiegel-Redaktion haben es am Montag mal wieder krachen lassen und ihn anläßlich seiner bevorstehenden Wiederwahl am heutigen Mittwoch aufs Podest gehoben. Ein paar Auszüge:

  • „Aber Lenzen ist ein begabter Kommunikator, der, wenn er will, auch einen Saal aufgebrachter Studierender auf seine Seite ziehen kann.“
  • „Der Aufschwung begann unter Lenzens Vorgängern Gerlach und Gaehtgens.“ (*rofl*)
  • „In der Amtszeit des jetzigen Präsidenten hat die Uni den ‚bisherigen Höchststand ihrer Leistungen‘ erreicht, wie Lenzen gerade dem Akademischen Senat in einem Rechenschaftsbericht darlegen konnte.“
  • „Überproportional gestiegene Drittmitteleinwerbungen, immer mehr Abschlüsse und Promotionen pro Professor…“
  • „Spricht man die Frauenbeauftragte auf den Präsidenten an, lächelt sie zufrieden.“
  • „Im Akademischen Senat der Uni herrscht meist eine harmonische Stimmung. Debatten über den Antrag im Elitewettbewerb sind an der FU anders als an der HU nicht zu hören.“
  • „Verärgerte Vertreter abgewickelter ‚Kleiner Fächer‘ werden den Präsidenten bei den Wahlen wohl kaum in ernsthafte Bedrängnis bringen, sie stehen sowieso einsam da.“
  • „Vielleicht bekommt Lenzen bei der Wahl einen Denkzettel. Seine Position gefährden dürfte das aber nicht. In den Augen so manchen Vertreters anderer Statusgruppen im Akademischen Senat handelt es sich bei den Rangeleien der Professoren ohnehin nur um einen Sturm im Wasserglas. Eine Lenzen-Anhängerin, die den Präsidenten am Mittwoch wählen wird, sagt: ‚Gegen ihn sind die alle Zwerge.'“ (Tagesspiegel, 19.02.07)

Der gesamte Artikel ist eine einzige Lobhudelei wie sie die FU-Pressestelle nicht besser hätte fomulieren können. Erbost schreibt Mathias Bartelt, studentischer Vertreter im Institutsrat Philosophie der FU, in einem auch auf Email-Verteilern veröffentlichten Leserbrief an den Tagesspiegel:

„… Es scheint, als hätten Sie regen Anteil am Machtdenken Dieter Lenzens. Sie wollen kein mehr oder weniger objektives Portrait Lenzens und seiner (Hochschul-) Politik zeichnen, darüber kann die Pseudodifferenziertheit nicht hinweg täuschen. Es ist nichts weiter als dreiste Wahlwerbung und awissenschaftlicher Personenkult. Unter dem Anschein journalistischer Distanz, das versteht sich.

Was sonst taugt als ideologische Grundlage für das an der FU mit solcher Selbstverständlichkeit durchgesetzte Führerprinzip, als ein solcher Personenkult? Er steht im Mittelpunkt, das Wirken aller Anderen an der FU wird einfach unter den Tisch gekehrt. So auch die verantwortungslose Zerstörung vielen kreativen Potentials, die Bevormundung, die Niederhaltung von Handlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten. Eine demokratisch von außen legitimierte und medial gesegnete Diktatur. Das kolportierte Bild Lenzens entspricht auch dem Schein, den der platonische Sokrates zu Recht so geißelt. Den aphilosophisch hybriden Dieter Lenzen hätte er nicht zu Unrecht einen Sophisten genannt…

All Ihre Verlogenheit, im Tagesspiegel nicht anders zu erwarten, ist, abschließend, hinnehmbar. Es ist hinnehmbar, daß Sie immer wieder behaupten, es gäbe zwar viel Murren, aber im Großen und Ganzen würden Alle Lenzens Kurs für das Richtige halten. Dies Zugeständnis, gefolgt von einem permanenten solchen Aber, ist keines. Es ist pseudodifferenziert, um Kritik und Umseitigkeit zu heucheln. Es ist eine Alibi-hafte Quotenkritik. Es ist Vereinnahmung.

Alles das ist hinnehmbar. Doch Ihre dreiste Vereinnahmung der Studierenden – ist nicht hinnehmbar.“

Glücklicherweise betreiben nicht alle Berliner Tageszeitungen einen derartigen Personenkult um Dieter Lenzen. Der Kommilitone Martin Kaul schlägt in der heutigen taz-Ausgabe einen ganz anderen Tonfall an:

„… Die rigorose Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen innerhalb kürzester Zeit und ein computergesteuertes Studierendenverwaltungssystem, das leistungsschwache Studierende automatisch exmatrikulieren kann – das sind Projekte, für die Dieter Lenzen steht. Selbst professorale Senatsmitglieder warnen inzwischen vor ‚undemokratischen Tendenzen‘ bei der Verwaltungshierarchisierung. Lenzen hat ein anderes Wort dafür: ‚Autonomie‘.

Der Rahmen, aus dem der Erziehungswissenschaftler Wissen herleitet, heißt Wettbewerb. Konkurrenz ist sein Prinzip. Deswegen ist er Botschafter für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einem neoliberalen Thinktank. Deswegen gilt er in der Republik als Wegbereiter eines universitären Zukunftsmodels. Für ihn heißt das Elite-Uni, für ihn heißt das Selektion. Deswegen reist er durch die Republik und vertritt ‚Eckpunkte einer grundlegenden Reform des Bildungswesens‘. Mit Konkurrenz ab der ersten Klasse.

… Er wird auch wiedergewählt werden, weil große Gruppen seiner Uni im Akademischen Senat zwar formal eine Stimme haben, damit gegen die Professorenschaft aber nicht ankommt: das Personal, die Studierenden. ‚Er war erst einmal auf einer Personalversammlung. Aber nur, um die Exzellenzinitiative vorzustellen. Eine Identifikation mit ihm ist in weiten Teilen des Personals nicht vorhanden‘, heißt es aus Reihen des Personalrats. Auf Veranstaltungen, auf denen auch Studierende anwesend sind, lässt Lenzen sich nicht blicken. Er weiß: Sie könnten platzen. Als Anfang Februar Studierende wenige Minuten vor Beginn seiner Buchvorstellung (‚Bildung neu denken!‘) Transparente hochhielten, machte er auf halber Strecke kehrt.

Lenzen führt andere Debatten. Er ist der personifizierte Leuchtturm in einem marktgesteuerten Wissenskampf um Rankings, Titel und Profile. Er wird auch weiterhin leuchten. Andere sagen: blenden.“ („Die Wiederwahl des Leuchtturmwärters“, taz, 21.02.07)

Tatsächlich wird Lenzen heute nur mit wenig Widerstand rechnen müssen, dies als Beleg für eine positive Umgestaltung der FU durch seine Hand zu werten, wäre allerdings verfehlt.

Update 22.02.07

Wie erwartet wurde Lenzen mit einer klaren Mehrheit von 42 zu 11 Stimmen wiedergewählt. Mehr Infos gibt es im DEFO-Blog und im LHG-Blog.

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6 Antworten to “Der Präsident und seine Paradetruppe vom Tagesspiegel”

  1. besorgt Says:

    „immer mehr Abschlüsse und Promotionen pro Professor“ – ist ja wohl klar, wenn man die Professorenstellen regelmäßig kürzt. Und dann damit auch noch prahlen?!

  2. DEFO-Blog - Demokratisches Forum an der FU e.V. Says:

    Kurzbericht aus dem AS (Folge 641) – Habemus Papam!

    OK, die berschrift ist etwas berzogen, aber die FU hat einen neuen Vorstandsvorsitzenden h Prsidenten:

    (Wie erwartet) wurde vom erweiterten Akademischen Senat (eAS) der einzige Kandidat Prof. Lenzen wiedergewhlt!

    Aber chronologisch:Zuerst disku

  3. Studiengebühren für Imagebroschüren « FUwatch Says:

    […] Hochschulwesen, Organisation Gestern für seine allzu Lenzen-freundliche Berichterstattung gescholten, muss man dem Tagesspiegel heute zugute halten, dass er zumindest was die Zweckentfremdung von […]

  4. Falk Lüke Says:

    War das auf den FU-Seiten im Tagesspiegel? Die werden afaik von der Pressestelle der FU geschrieben.

  5. Niklas Says:

    @Falk

    Ja, die werden von der FU-Pressestelle (und FU-DozentInnen) geschrieben (siehe dazu auch hier).

    Bei diesem Artikel hier handelt es sich allerdings um einen ganz regulären von Anja Kühne, der Wissenschafts- / Bildungsredakteurin des Tsp. Er liest sich nur so, als sei er von der FU-Pressestelle verfasst.

  6. Eklat im Akademischen Senat der FU « die fachschaftsinitiativen Says:

    […] zu geben: den FU-Pressedienst und den Tagesspiegel, der bekannt dafür ist, daß er oft genug unverhohlen einseitig zu Gunsten des Präsidiums „berichtet“ hat, so wie dazu nach Diktion, Inhalt und Wortlaut mehrfach Meldungen des […]

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