Wieder ein Internet-Seminar weniger am OSI

Das seit mehreren Semestern bestehende Hauptseminar „Politische Analyse der Internet-Öffentlichkeit in Deutschland“ wird ab dem kommenden Sommersemester nicht mehr angeboten. Diese Entscheidung fiel am verganenen Donnerstag und überraschte sowohl die Seminar-Veranstalter, die fest von einer Fortsetzung im kommenden Semester ausgegangen waren, als auch Prof. Mengel in dessen Bereich das ins Aufbaumodul „Politische Systeme“ zählende Seminar gehörte.

Das Seminar wird von Dr. Richard Herding und weiteren MitarbeiterInnen des „Informationsdienstes für kritische Medienpraxis“ geleitet. Die Dozierenden engagieren sich „ehrenamtlich“, bekommen also ihren Lehreinsatz nicht vergütet. Umso unverständlicher erscheint die Streichung der Veranstaltung, denn das Seminar verursachte keine Kosten. Besser gesagt, fast keine, offenbar war der Verwaltungsaufwand dann doch zu hoch. Jedenfalls gibt es ein „Kapazitätslimit“ und das Internet-Seminar liegt wohl jenseits dieses Limits (die genaue Begründung war am letzten Donnerstag noch unklar).

Anders als viele andere Internet-Seminare litt dieses auch nicht an zu wenig TeilnehmerInnen, gut 35 EmpfängerInnen zählt die Mailingliste. Dazu trägt nicht zuletzt sicherlich auch der Praxisbezug bei: Die zu diskutierenden Websiten können während des Seminars direkt angesuft werden, da das Seminar im PC-Saal stattfindet (der ansonsten wenig für Lehrveranstaltungen genutzt wird). Kritisiert wurde im letzten Semester in den Kommentaren bei FUwatch allerdings auch das „lehrveranstaltungs-ferne“ Websurfen von einigen TeilnehmerInnen (siehe etwa hier und hier). Richtig ist sicherlich, dass viele TeilnehmerInnen nebenher auch noch ihre Mails abrufen oder sich ein wenig „subversiv“ betätigen. Das eine schließt das andere jedoch nicht aus, wie bereits im letzten Semester festgehalten, wird in dem Seminar durchaus ernsthaft und produktiv gearbeitet.

Das Wegfallen des Seminars ab dem kommenden Semester ist umso bitterer, da es ohnehin wenig Lehrveranstaltungen für die Schnittmenge „Politik und Internet“ gibt, obgleich es ja nicht an Themen in diesem Bereich mangelt. Seit dem letzten Semester werden einige Internet-Seminare von Dr. Heinz Gralki auch für OSIaner angeboten (sonst hauptsächlich für Soziologie-Studierende). Dr. Werner Breede, der bis zum SS 2005 auch in jedem zweiten Semester ein internet-nahes Seminar (im Bereich BS) am OSI angeboten hat, scheint auch ausgebootet worden zu sein. Im SS 2006 fiel seine ursprünglich angesetzte Lehrveranstaltung aus, vielleicht gibt es im SS 2007 wieder eine. Außerdem veranstaltet Prof. Funke in unregelmäßigen Abständen ein Seminar zum Thema „Internet und Rechtsextremismus“.

Ansonsten gibt es i.d.R. nur „einmalige“ Lehrveranstaltungen, also Pro- und Hauptseminare die dann einmal und nie wieder stattfinden, da der Bereich „Internet“ nicht Schwerpunkt in der Forschung des jeweiligen Dozierenden ist oder der Dozierende nicht am Institut tätig ist. Schade also, wenn jetzt jene letzten Internet-Lehrveranstaltungen mit etwas mehr Kontinuität aus dem Vorlesungsverzeichnis genommen werden.

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2 Antworten to “Wieder ein Internet-Seminar weniger am OSI”

  1. Werner Breede Says:

    Dear FUwatchers,
    ich bin vor kurzem auf Ihre Beobachtungen hinsichtlich der Lehrveranstaltungs-Entwicklung „Internet am OSI“ gestoßen. Eine erfreuliche, sehr wichtige Aktivität; sachlich-engagiert und zum Teil sympathisch-spekulativ: Warum „scheint“ Dr. Werner Breede „ausgebootet worden zu sein“ ?
    Die Antwort ist banal, deswegen aber nicht weniger erhellend. Dazu ein Rückblick und drei schlichte Fragen am Ende, die externen Lehrkräfte betreffend.
    Von 1984 bis 2005 habe ich kontinuierlich unter der Erkennungsmelodie NEUE WELT-TELEKONTINENTE-ORDNUNG bei den FU-Publizisten und hauptsächlich im Schwerpunkt ´Berufsfeldorientierung` am OSI gearbeitet. Das vorerst letzte Angebot machte ich unter dem Subtitel „Von der demokratischen Wahrnehmung der ´öffentlichen Aufgabe` der Medien zur popmodernen Multimediakratie ?“ Zudem bin ich 12 Jahre als Prüfer am OSI tätig gewesen: Betreuung von Diplomarbeiten und Beisitzer (meist für zwei Fächer) im mündlichen Examen.
    Relativ früh war ich nur dann zur Durchführung von Seminaren bereit, wenn ich einen bezahlten Lehrauftrag erhalten würde, genauer: ein kleines Taschengeld. Über die etwa 30 Semesterwochenstunden pro Veranstaltung hinaus habe ich nicht selten mehr als 100 (!) unentgeltliche Stunden drangehängt: Vorbereitung und Durchführung von Exkursionen, Einladung von Experten in das jeweilige Seminar, Auf-und Ausbau einer Website (userpage.fu-berlin.de/~wbreede), E-mail Kontakte mit den Studierenden, Korrektur der Hausarbeiten einschließlich schriftlicher Stellungnahmen, Vermittlung von Praktikantenstellen etc.etc.
    Seit ein paar Semestern ist die OSI-Verwaltung nicht mehr in der Lage, das Taschengeld für meinen Einsatz zu bezahlen. So I had to quit !
    Nun die Fragen:
    ? Wieviele externe DozentInnen mögen ´freiwillig-ehrenamtlich` ohne jedes Entgelt von Semester zu Semester am OSI tätig zu sein ?
    ? Kann das OSI vielleicht nur auf den Schultern dieser oft sehr versierten und engagierten ´science slaves` das umfangreiche Angebot aufrechterhalten ?
    Um kein Mißverständnis entstehen zu lassen: die Begriffswahl ´science slaves` heißt nicht, daß deren miese finanzielle Situation im Lehrbetrieb nicht bewußt von einzelnen Betroffenen genutzt werden kann. Ganz im Gegenteil, denn in ihr ist immer zugleich ein nicht zu vernachlässigender ´Rest` enthalten; etwa im Hinblick auf die Entfaltung einer besonnenen, nachhallenden wissenschaftlich-praktischen Kunst des (auch und gerade) politisch Möglichen (Ethik).
    ? Findet spätestens seit Einführung des Bachelor-Studienganges eine Verschiebung statt, und das nicht nur im Bereich „Neue Medien und Technologien“: von ´beschaulichen` und ´attraktiven` Inhalten sowie nachhaltiger praxisbezogener Arbeit zu ´quick content` und ´Soft OSI- Architektur` ? Schlüsselwörter: technokratisch, dissoziiert-modular, verschult, exzellenzfixiert, letztlich vom popmodernen Rausch der Differenz erfaßt und oft weit entfernt von kritischer politikwissenschaftlicher Analyse und Politikvermittlung – von Politikberatung ganz zu schweigen.

    Fast ein nicht vorgesehener E-letter, nevertheless:
    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und auch ´ne Menge Spaß beim weiteren FUwatch-Engagement, das hoffentlich nicht nur l`art pour l`art betrieben wird (werden kann).
    Yours teacherman
    Werner Breede

  2. Ronny Says:

    Also ich habe keine genauen Zahlen, aber es ist wohl recht eindeutig, dass das breite Lehrangebot des OSI nur dadurch möglich ist, dass viele Externe ihre Arbeitskraft freiwillig anbieten. Wie Sie auch richtig schreiben, zum Teil durchaus freiwillig im Sinne des Wortes, aber mit nicht unbedeutendem Vorbereitungs- und Verwaltungsaufwand. Sagten von heute auf morgen alle „freiwillig“ Lehrenden ab, würde das KVV des kommenden Semesters sehr übersichtlich werden…

    Was die Frage zu den Inhalten angeht, wäre ich etwas zurückhaltender. Es ist zwar durch neue Professuren und Dozent/inn/en zu einer Verschiebung in Richtung des Mode-Wortes „Governance“ gekommen und durch die neue Studienordnung sind auch mehr „Praxis“-Seminare aus dem Boden gesprossen, aber der sinnvollen Mix (mit Raum zur individuellen Auswahl) und ein angenehmer Fokus auf wissenschaftliche Themen kann man dem OSI doch nicht absprechen.

    Anschließen möchte ich mich dem Lob an Niklas: Dieser Blog ist eine relativ angenehme Erscheinung – nicht „neutral“ aber mit einer angemessenen Distanz und einem kritischen Geist, was ich in dieser Kombination vielerorts an dieser Uni vermisse!

    Grüße,

    Ronny

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