Das „Handbuch Lehre“ bietet wenig Neues und leistet der Verschulung Vorschub

Manchmal, wenn ich in der OSI Zeitung blättere (gemeint ist die 1. Ausgabe, die 2. habe ich noch nicht gesehen) oder wie jetzt das „Handbuch Lehre“ studiere, frage ich mich, wo eigentlich die FSI OSI abgeblieben ist. Ich kann mich natürlich täuschen, aber ich glaube, dass man einigen dieser neuen „AG-Projekte“ dort kritisch oder zumindest distanziert gegenübersteht. Nur ich kann nirgends erkennen, dass die FSIler gegen diesen neuen Trend seichter und nur bedingt kritischer Publikationen am OSI aufbegehren. Aber wie gesagt, vielleicht täusche ich mich ja auch und das „Schweigen“ bedeutet, dass man diesen neuen „Pragmatismus“ auch in der FSI begrüßt. Außerdem gehört Pia von der FSI heute Abend ja auch zu den Diskutanten.

Es war die FSI, die damals an vorderster Front gegen die Einführung von BA und MA am OSI mobil machte. Man denke nur an die aggressiven und harten Harakiri-Kurzmagazine, in denen man sich nicht zuletzt auch vehement gegen die zunehmende Verschulung der Lehre am OSI aussprach. Heute dagegen wird das hochschulpolitische Engagement am OSI im wesentlichen von Arbeitsgruppen getragen, die sich am Institutstag gebildet haben. Und diese produzieren dann z.B. bundespräsidiale Adlon-Leitsätze wie den folgenden:

„Denn grundsätzlich gilt für Referate, wie für vieles andere auch: von nichts kommt nichts. Wenn sich niemand mehr Mühe macht, wird sich am oft erbärmlichen Referats-Alltag nicht ändern.“ (Handbuch Lehre, S. 11)

Von nichts kommt nichts und wer Arbeit will, der findet auch welche, etc. Statt den Leistungsethos als solchen in Frage zu stellen, wird hier fleißig daran gebastelt, wie man ihm am besten entsprechen kann. An anderer Stelle (S. 13) wird zwar auch darauf verwiesen, dass Leistungsanforderungen nicht Selbstzweck sein können, kein Wort aber dazu, wie mit Dozierenden umzugehen ist, die sich dieser Erkenntnis verweigern.

„Die Dozierenden (…) sind häufig in der Vorbereitung zwar bereit zur Betreuung, aber verpflichten nicht dazu.“ (S. 10) (…)

„Nur mit einer zentralen Fragestellung und These gewinnen die in einem Referat vorgetragenen Sachverhalte an Kontur und werden kritisierbar. Deswegen sollte beides von Dozierenden im Vorfeld der Sitzung eingefordert werden.“ (S. 11)

Ja, da ist er wieder der Schrei nach der Autoritätsperson, die festzulegen hat, was sein soll und was nicht. Die Studierenden sollten selber in der Lage sein zu erkennen, dass eine Fragestellung und These essentielle Bestandteile eines Referats sind, sie brauchen dafür nicht eine Forderung vom Dozierenden. Ferner wäre es wirklich zu begrüßen, wenn Dozierende eine Betreuuung im Vorfeld der Referatserstellung anbieten würden, aber sollten sie deswegen die Referentinnen zur Teilnahme an einer solchen Betreuung verpflichten?

Wie war das noch mal vor einem Jahr mit den Forderungen? Ein „freies, selbstbestimmtes, emanzipatorisches Studium“? Daran gemessen ist dieses Papier das de facto auf noch mehr Regularien und Entmündigung der Studierenden hinausläuft ein echter Rückschritt.

Auf der Rückseite des Handbuchs kann man nachlesen, was die Autoren erreichen wollen:

„Unser Anliegen ist es eine Öffentlichkeit zu schaffen und Diskussionen über Lehre am OSI anzustoßen – wir möchten dafür den Ideenpool von Studierenden und Dozierenden zugänglich und so nutzbar machen. Dafür haben wir diese Broschüre geschrieben, die statt immer nur schlechte Lehre anzuprangern, positive Anregungen zu ihrer Verbesserung geben möchte. Durch eine große Verbreitung soll sie zu einer Diskussionsgrundlage werden. Dadurch möchten wir die Frage der guten Lehre als gemeinsame Aufgabe von Studierenden und Dozierenden etablieren.“

Okay, ihr habt also eine Broschüre geschrieben die vorhandene Probleme in der Lehre beschreibt und Ideen zu ihrer Verbesserung bereit hält. Hier wäre meine Frage: Was ist daran neu? Eigentlich sind das alles Binsenweisheiten. Sowohl die Probleme, als auch die Ideen wie man es besser machen könnte, sind ja schon länger bekannt. Ihr habt sie nun in einer Broschüre zusammengefaßt, gut soweit. Aber was jetzt?

Jetzt wird diskutiert. Genau, und was wird am Ende dabei herauskommen? Ich habe da so eine Ahnung. Der Teil der Dozentenschaft, der aufgrund eigener Erfahrungswerte bisher darauf verzichtet hat, eine Literaturliste, einen Seminarplan oder einen Reader bereit zu stellen, wird dies auch in Zukunft nicht tun. Der Teil der Dozentenschaft, der sich nicht übermäßig für einen alternativen Aufbau von Referats-Organisation interessiert hat, wird dies auch weiterhin nicht tun, usw.

Dieser gesamte Ansatz ist doch schon allein deshalb zum Scheitern verurteilt, weil er die Prämisse setzt, dass Studierende und besonders Dozierende, die sich bisher wenig bis gar nicht für „Best Practice“ Vorschläge interessiert haben, dies aufgrund dieses Handbuchs und der dazugehörigen Diskussionsveranstaltung nun auf einmal tun werden.

Meine These wäre also: Das Problem ist nicht eine mangelnde Erkenntnis, dass es in der Lehre Defizite gibt oder wie diese idealtypisch zu beseitigen wären. Das Problem liegt darin, diese Ideale dann im Lehralltag auch überall durchzusetzen. Es gibt Dozierende / Studierende die ohnehin offen für solche Veränderungen sind und sie auch ohne Handbuch ganz allein versuchen umzusetzen. Und es gibt andere Dozierende / Studierende, die sind weniger offen und werden sich auch nicht durch so ein Handbuch umstimmen lassen – teilweise auch aus gutem Grund, wie ich weiter oben versucht habe aufzuzeigen.

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2 Antworten to “Das „Handbuch Lehre“ bietet wenig Neues und leistet der Verschulung Vorschub”

  1. J. Says:

    Wie bei allen gutgemeinten, normativen Papierwerke kann man hoffen, dass es zumindest eine unmittelbare Wirkung hat: Zwar wird nicht auf Grund der Existenz des Handbuchs plötzlich die Qualität der Lehre und Referate drastisch zunehmen, ABER es kann zum einem Studis und Dozentinnen Inspiration geben, wie Seminare und Referate anders gestaltet werden könnten und auch zu einer Reflexion des Seminarsalltags führen. (Vielleicht in Analogie zu Menschenrechtserklärungen, die erstmal nichts ändern, aber ein kritisches Potential mit sich bringen?)
    Und ja, klar, es ist nichts neues. Handbücher zu Wie Kann Ich Eine Gute Studentin Sein gibt es wahrscheinlich haufenweise. Bloss die liegen nicht kurz und knapp und kostenlos im OSI-Foyer rum und haben dadurch noch weniger Wirkung.
    Die Schlussfolgerung deiner Analyse, übertragen auf politisches Handeln, wäre immobilisierend: Menschen sind so wie sie sind, und sie werden ihr Verhalten nicht ändern, egal was. Heißt: dann akzeptieren wir das?
    Ich glaube nicht, dass du das sagen wolltest…

    Was dem Entmündigungspotential im Handbuch angeht… Wunderbar analytisch-kritisch ist es zwar nicht. Ich finde aber deine Einwände ein bisschen übertrieben. Ohne eine protestantische Arbeitsethik vertreten zu wollen – ist doch klar, dass ein Referat gründlich vorzubereiten ist, wenn es gut sein soll. Und das Dozenten Leitlinien und Feedback geben sollten.

    Wie ich dich verstehe richtet sich aber deine Kritik im Grundegenommen nicht aufs Handbuch, sondern eher auf die langweilig-pragmatische, systemkonforme Richtung, die von einem Teil der neuen Generation von sich-am-OSI-engagierenden Studiereden gewählt wird. Tja – die unutopistischen Studis werden es wohl bleiben, die utopistischen (im positiven Sinne der Utopie als inspirierende, anziehende Alternativweltvorstellung) auch. Aber vielleicht könnte man ein Handbuch für ein anregendes Engagement am OSI schreiben. ;)

  2. Niklas Says:

    || Die Schlussfolgerung deiner Analyse, übertragen auf
    || politisches Handeln, wäre immobilisierend: Menschen
    || sind so wie sie sind, und sie werden ihr Verhalten
    || nicht ändern, egal was. Heißt: dann akzeptieren wir
    || das? Ich glaube nicht, dass du das sagen wolltest…

    Was mir an diesem „Handbuch“ fehlt, sind Ansätze wie man mit Dozierenden umgehen könnte, die sich diesen Verbesserungs-Vorschlägen nicht beugen wollen, die einfach so weiter machen wie bisher. Ich bin hier sehr skeptisch was diese „Wir-setzen-uns-alle-an-einen-Tisch“-Lösungen angeht.

    Der Handlungsansatz müsste viel mehr Radikalisierung heißen. Man kommt nach Diskussionen zu dem Ergebnis, dass Dozierender „XYZ“ von seiner Position, seinem Auftreten, seinem Verhalten dem widerspricht, was sich die Mehrheit der Studentenschaft unter einem „lehr- und studentInnen-freundlichen“ Dozierenden vorstellt und beschließt dem betroffenen Dozierenden näherzubringen, dass eine andere Universität für ihn vielleicht besser geeignet wäre. Dies könnte man z.B. mit Boykott-Aufrufen für die Lehrveranstaltungen des Dozierenden erreichen. Der Fall Rabehl hat doch gezeigt, dass das durchaus funktionieren kann (der ist zwar nicht weg, aber zumindest völlig isoliert).

    Natürlich war Rabehl durch seinen Rechtsdrall eine Ausnahme. Bei anderen Professoren wäre es bedeutend schwieriger einen solchen Lehrveranstaltungs-Boykott durchzusetzen, insbesondere dann wenn es nicht genügend alternative Lehrveranstaltungen gibt. Völlig undurchführbar ist es dennoch nicht. Zumindest würde man die betroffenen Dozierenden allein durch den Aufruf zum Boykott nachhaltig wissen lassen, dass sie nicht besonders beliebt sind. Das kratzt sie zunächst vielleicht wenig, wäre aber trotzdem der erste Schritt. Der erste Schritt in Richtung einer notwendigen Polarisierung, die auf Dauer unbeliebte DozentInnen mürbe machen könnte.

    Aber damit fängt es doch schon an, es ist niemand mehr bereit einen echten Eklat zu provozieren, eine Polarisierung zwischen unterschiedlichen Positionen am OSI herbeizuführen. Denn „Polarisierung“ ist negativ konnotiert, gilt nicht als erstrebenswert. Stattdessen wird Konsens angestrebt, lädt man alle zu einer Diskussionsrunde bei der am Ende dann alle ihre Meinung verdeutlicht haben, glücklich nach Hause gehen – und es doch beim Status quo bleibt.

    Ein Handbuch zum Thema „Lehre“ sollte auch die bestehende Machthierarchie zwischen Studierenden und Dozierenden thematisieren und versuchen Wege aufzeigen, diese aufzubrechen. Während man an anderer Stelle z.B. daran arbeitet, autonome Seminare zu entwickeln, geht es in diesem Handbuch de facto doch nur darum, wie die Studierenden den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft und der Dozentenschaft gerecht werden können. Das ganze Gedöns von „Seminar-Abkommen“ und dergleichen hat doch eher eine reine Placebo-Funktion, die bestehende Machtverhältnisse kaschiert, indem suggeriert wird, Studierende und Dozierende seien so etwas wie gleichberechtige Partner, die einen Vertrag abschließen.

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