Der Lehrbeauftragte, ein „verwahrlostes Kind“ der neuen Uniwelt

Die FU-Soziologen Irmtraud Schlosser und Wolfgang Clemens haben in einer Studie eruiert, dass die Lehrtätigkeit für 46% der an den Berliner Universitäten und Fachhochschulen tätigen Lehrbeauftragten die Haupterwerbsquelle darstellt – obwohl diese äußerst knapp bemessen ist. 60% gaben an, nur über ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1.000 Euro zu verfügen, wie die taz mit Bezug auf die Studie berichtet. Zwar haben sich nur 100 der 800 angefragten Lehrbeauftragten an der Studie beteiligt – was angesichts von 4.000 Lehrbauftragten in Berlin wenig ist – die Ergebnisse sind den Autoren zufolge dennoch aufschlußreich. In der taz heißt es weiter:

„Andererseits antworteten 73 Prozent der Befragten, dass sie Pflicht- oder Wahlpflichtveranstaltungen anbieten – Veranstaltungen also, die in den Kernbereich der Hochschullehre fallen. ‚Lehrbeauftragte sichern in größer werdendem Umfang die Aufrechterhaltung des Studienangebots‘, kommentiert die Soziologin Irmtraud Schlosser diese Zahlen. (…) Rund 10 Prozent der sogenannten Regellehre wird an den Berliner Hochschulen von wissenschaftlichem Personal mit einem befristeten Lehrauftrag durchgeführt. Pro Lehrveranstaltungsstunde werden in der Regel zwischen 21,40 und 30 Euro gezahlt – die Vor- und Nachbereitungszeit, die meist ein Vielfaches beträgt, bleibt unbezahlt. Zudem verfügen die Dozenten über keinerlei Planungssicherheit. Sie müssen sich semesterweise von Lehrauftrag zu Lehrauftrag hangeln. Volker von Prittwitz, Politikwissenschaftler an der FU, bezeichnet diese prekarisierte Berufsgruppe darum als ‚Betteldozenten‘.“ (Markus Wanzeck, taz, 02.12.06)

Dabei dient die unbezahlte Lehrtätigkeit keineswegs mehr als Karrieresprungbrett für eine akademische Laufbahn samt Festanstellung. Werden die Lehraufträge trotzdem angenommen, dann laut Schlosser zunehmend auch aus einem anderen Grund: Alternativlosigkeit.

In einem Kommentar merkt Christian Füller zudem an, dass die Frage, was für eine Art von Lehrenden in Zukunft an der Uni dominieren soll (teure Professoren, studentische Tutoren oder billige Lecturer) de facto schon längst entschieden sei:

„Die Denkarbeit ist vorgespielt, das Gejammer können sich die Unileitungen sparen. Sie haben sich längst eine neue Fachkraft herangezüchtet: den Lehrbeauftragten. Dieser 30-Euro-Jobber hat viele Vorteile. Er ist so versiert wie der Lecturer, der viel lehren und gar nicht forschen soll. Nur ist er günstiger zu haben. Und obendrein brauchen die Unichefs die bei promoviertem Personal so verbreitete Kritikasterei nicht zu fürchten. Wissensproletarier erlauben sich kein Genörgel – sonst brauchen sie sich für den Anschlussvertrag gar nicht erst anzustellen.

Der Lehrbeauftragte ist das erste Kind der neuen Uniwelt. Es ist ein verwahrlostes Kind, das in einer widersprüchlichen, um nicht zu sagen schizophrenen akademischen Welt zu leben lernen muss. Hier bewerben sich Humboldt-Uni wie Freie Universität um die Elitemillionen – mit all dem Gewese, das darum gemacht wird. Dort erwehren sich dieselben Unis des staatlichen Spardrucks, indem sie ihn kurzerhand nach unten weitergeben. Die Uni, die nach unten tritt – und so das gänzlich unelitäre Umfeld im Schatten ihrer Leuchttürme schafft.“ (Christian Füller, taz, 02.12.06; Hervorhebung durch FUwatch)

Die taz-Berichterstattung geht vermutlich auf eine Informations- und Diskussionsveranstaltung der GEW am 30.11. zurück, auf der die Ergebnisse der Studie vorgestellt wurden. Komplett ist sie leider zur Zeit nicht online verfügbar, taucht aber vielleicht noch als Download auf der GEW-Seite auf. Update: Wolf hat in den Kommentare darauf hingewiesen, dass die Studie doch schon online ist. Ich hatte auf der Download-Übersichts-Seite nicht bis ganz nach unten gescrollt, da das Listing eigentlich die neusten Veröffentlichungen zu oberst ausgibt.

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Eine Antwort to “Der Lehrbeauftragte, ein „verwahrlostes Kind“ der neuen Uniwelt”

  1. Wolf Dermann Says:

    Tatsächlich findet sich die angesprochene Dokumentation jetzt auf den GEW-Downloadseiten. Der direkte Link:
    http://gew-berlin.de/documents_public/061130_Lehrbeauftragte_Dokumentation_Umfrage.pdf

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