Gott sei Dank, die FU ist gescheitert

„Auch das Zukunftskonzept der Freien Universität Berlin, die ‚International Network University‘, wurde sehr positiv bewertet und wird weiter im Wettbewerb bleiben. Damit hat der Weg der kontinuierlichen Internationalisierung der Universität im Zeichen der Globalisierung eine große Bestätigung gefunden. Die hervorragende Bewertung dieses Konzepts durch die internationale Gutachterkommission unterstreicht, dass die Orientierung der Freien Universität im Hinblick auf Weltoffenheit und Exzellenz breite Anerkennung gefunden hat.“ (FU-Pressemitteilung Nr. 210, 2006)

*lol* Nein, die FU ist in Wahrheit im „Elite“-Wettbewerb überhaupt nicht gescheitert, alles ist bestens, wir sind die Gewinner, niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen, 640 KB reichen völlig aus und die CDU ist nach fünf Jahren wieder da. Schon klar.

Tatsächlich ist das Ergebnis für die FU ein Desaster (legt man ihre eigene Zielsetzung zu grunde), daran ändert auch die Tatsache nichts, dass vorher kaum jemand geglaubt hatte, dass sie überhaupt die Vorrunde überstehen und sogar die HU ausstechen würde. Durch die durch diesen ersten Teilerfolg geweckten Hoffnungen und die immer wieder suggerierte Position, der FU sei jetzt der „Elite“-Status so gut wie sicher, musste das Ergebnis am Freitag entsprechend bitter aufstoßen. Dass sich die FU nicht durchsetzen konnte, ist ein herber Rückschlag für Lenzens Vision einer neuen „Netzwerk Universität“, auch wenn der Kommilitone Martin Kaul in einem Kommentar in der taz richtig ausführt:

„Der [Lenzen, Anm. FUwatch], selbst engagiert in der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, sucht die einst ‚Freie‘ Universität zu einem Dienstleistungsunternehmen für Wissenschaftsproduktion zu machen. Freilich: Die Entscheidung gegen die FU ist noch keine Absage an sein Modell. Aber sie bietet den Studierenden Raum, auf das eigentlich Fatale – eine völlig fehl laufende Hochschulpolitik – aufmerksam zu machen.“ (taz, 14.10.06)

Richtig, das Scheitern der FU ist noch keine Absage an Lenzens Modell, macht aber dennoch deutlich, dass die neoliberale Deformation der FU ihm nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat. Die Frage ist, was daraus folgt: Es vielleicht mal ganz anders versuchen und sich dem ganzen Exzellenz-Gedöns verweigern oder die Deformation zum „Dienstleistungsunternehmen für Wissenschaftsproduktion“ noch weiter voranzutreiben. Natürlich steht zu befürchten, dass es eher zu letzterem kommen wird.

Martins These, dass das Scheitern der FU in der Exzellenzinitiative gut für die Studierenden sei, mag natürlich auf manche Zeitgenossen provokant wirken, insbesondere wenn man nur auf die vermeintlichen Vorzüge des plötzlichen Geldregens schielt. Tatsächlich bringt es Martin aber auf den Punkt, wenn er schreibt:

„Was für die Uni schlecht ist, ist in diesem Fall für die Studierenden gut. Die zweistelligen Millionenbeträge, die der FU nun durch die Lappen gehen, wären ihnen ohnehin bestenfalls im Imagegewinn ihrer FU-T-Shirts begegnet. Denn – das wird in der Debatte um Exzellenz und Elite vergessen oder verschwiegen – die Exzellenzinitiative fördert Forschung und nicht Lehre. Sie hat kaum einen Effekt auf die nach wie vor miserablen Studienbedingungen und deren soziale Selektionsmechanismen.“ (taz, 14.10.06)

Der Geldregen und der angebliche Image-Gewinn bringen auch nichts, wenn man dann wieder mit 70 Leuten in einem Seminar sitzt oder wenn der/die ProfessorIn keine Zeit hat, weil er/sie bei seiner/ihrer Fixierung auf die Forschung seine/ihre Lehre vernachlässigt. Natürlich kann man dem entgegenstellen, dass eine Verbesserung der Forschung letztlich auch immer zu einer Verbesserung der Lehre führt. Diese These ist jedoch gewagt und empirisch kaum zu halten. Intensivere Forschung meint eben nicht zwangsläufig auch bessere Lehre, sondern nicht selten sogar eine gegenteilige Entwicklung: Wegen der immer stärkeren Fokussierung auf die Forschung, rückt die Lehre immer stärker in den Hintergrund (siehe dazu auch die Zusammenfassung des Hartmann Vortrags).

Nicht zu übersehen ist auch die besondere Betonung auf naturwissenschaftliche und technische Fächer / Einrichtungen / Forschungsschwerpunkt. Der Schwerpunkt in der Ausrichtung der drei Sieger, LMU München, TU München und TU Karlsruhe spricht hier Bände. Aus Sicht eines Studierenden einer sozial- oder geisteswisschenschaftlichen Fachrichtung macht es daher erst recht keinen Sinn, einer solchen „Exzellenzinitiative“ positiv gegenüberzustehen. Das hier implizierte Weltbild, in dem er als Philosoph oder Soziologe nur noch als eine Art Nachgeburt vorkommt, wird ihm natürlich wenig zusagen.

Auch dass nun ausgerechnet drei Universitäten zu Siegern gekürt worden sind, die im „reichen Süden“ sitzen und daher ohnehin schon besser ausgestattet sind, als Universitäten im Norden, missfällt. Aber genau das war ja durch die Initiative durchaus gewollt: Universitäten die über mehr Mittel als andere verfügen (die ihnen ja erst die vielbeschworene „internationale Sichtbarkeit“ ermöglichen), sollen noch einmal zusätzlich welche bekommen, um endgültig „Elite“ werden zu können und um sich vom Mittelfeld absetzen zu können. Eine solche Hochschulpolitik, die systematisch ein Zwei-Klassen-System in der deutschen Hochschullandschaft einführt, kann nicht die Lösung der Probleme sein und wird folglich auch von vielen Studierenden abgelehnt. Konsequenterweise werden diese Studierenden es dann als positiv erachten, wenn ihre Universität nicht zur „Elite“ gekürt wird.

Was nicht heißen soll, dass das Scheitern der FU bei allen Studierenden als positiv erachtet wird. Im Gegenteil, viele sind offenbar traurig, nicht an einer Uni studieren zu dürfen, die sich „Elite“ schimpfen kann. So kann man im Tagesspiegel nachlesen:

„Auf dem Dahlemer Campus sprach sich schnell herum, dass die FU in der Königsdisziplin ausgeschieden ist. Studierende reagierten enttäuscht. ‚Es wäre schön gewesen, einen Abschluss von einer Eliteuniversität zu präsentieren‘, sagte Maximilian Zieringer, 25, Promotionsstudent in der Chemie.“ (Tagesspiegel, 14.10.06)

Ein verräterisches Statement, zeigt es doch um was es hier wirklich geht: Dem zukünftigen Arbeitergeber einen Universitäts-Abschluss von einer vermeintlichen „Elite“-Uni vorlegen zu können und damit bessere Chancen auf eine Stelle zu haben. Es geht also um das „Image“, eine „Elite“-Uni zu sein. Ob man diesem Anspruch dann tatsächlich gerecht wird, ob sich hinter dem glänzenden Label „Elite“ dann auch tatsächlich etwas qualitativ Hochwertiges verbirgt, ist hingegen weitgehend irrelevant. Auch bei den us-amerikanischen „Elite“-Universitäten lässt sich ablesen, dass es oft nur noch um den Namen geht. Wenn auf dem Abschlusszeugnis erstmal „Harvard“ oder „Stanford“ steht, ist alles andere eigentlich nachrangig (siehe auch dazu die Zusammenfassung des Hartmann Vortrags). Brauchen wir solche „Label-Fakes“ wirklich auch in Deutschland? Hoffentlich nicht.

Wenn man sich genauer ansieht, was sich hinter der „Exzellenzinitiative“ verbirgt, braucht es die FU-Studentenschaft also nicht grämen, dass ihre Uni den begehrten „Elite“-Stempel nicht erhalten hat. Sie sollte lieber froh darüber sein, nicht Teil dieser selbsternannten „Elite“ zu sein.

Siehe auch:

osiwelt: „Heute gab es ein großes Interview mit Dieter Lenzen in der Berliner Zeitung. Rubrik: Feuilleton. Da gehörte es auch hin. Der Onkel erzählte unter anderem von folgenden märchenhaften Zuständen…“

SEMTIX: „Bleibt nur zu hoffen, dass der von Präsident Lenzen forcierte Kurs, die FU schrittweise in ein reines Forschungs- und Ideenzentum für die deutsche Wirtschaft umzubauen einen Dämpfer erhalten hat.“

osiwelt: „Was man sich bei den Herren und Damen verantwortlichen offenbar so richtig gar nicht vorstellen kann: dass das Projekt ‚Governance in a Globalized World‘ einfach so richtiger Elfenbeinturmbullshit sein könnte“

LHG News: „Herzlichen Glückwunsch München und Karlsruhe! Gottseidank fließt nun endlich Geld dahin, wo es vorher noch nicht gewesen ist, in benachteiligte Regionen der Republick wo man von ganzem Herzen exzellent ist und Elite geschätzt wird.“

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Eine Antwort to “Gott sei Dank, die FU ist gescheitert”

  1. FU Berlin schafft knapp den Sprung zur “Eliteuni” « FUwatch Says:

    […] den Argumenten die gegen die Exzellenzinitiative sprechen, hat sich seit dem letzten Jahr nichts geändert. Die beiden Hauptkritikpunkte bleiben, dass auf diesem Weg eine Zwei-Klassen-Hochschullandschaft in […]

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