Hurra, wir kriegen „Lecturer“

Nachdem bereits die Studentenschaft republikweit mit dem Bachelor als abgespeckten Hochschulabschluss beglückt wurde, sind demnächst die Dozierenden dran: Sie werden „Lecturer“ (angeblich ohne s im Plural). Wikipedia lehrt uns:

„Im englischen Sprachraum (aber nicht in den USA) gebräuchliche Bezeichnung für Hochschullehrer und Professoren. Unterschieden werden dabei die Ränge des Lecturer, Senior Lecturer und Principal Lecturer oder Reader. Dabei entsprechen die Ränge ungefähr den in Deutschland üblichen Privat Dozenten/Juniorprofessoren (Lecturer, in den USA: Assistant Professor), außerordentlicher Professor (Senior Lecturer, in den USA: Associate Professor) und dem ordentlichen Professor (Principal Lecturer oder Reader, in den USA: Full Professor).“

Tja, für den Eintrag wird wohl eine Überarbeitung fällig, denn in Deutschland meint „Lecturer“ zukünftig in erster Linie: „Lecturer sind Dozenten für die Lehre“ (Tagesspiegel, 06.09.06). Quasi akademische Ausputzer, die leisten müssen, für was sich der Herr Professor von Welt zu fein ist: die Lehre. Angeblich keine Billiglöhner:

„Im ‚Hochschulpakt‘ von Bund und Ländern, der im Dezember geschlossen werden soll, ist eine Anschubfinanzierung für 3000 Lecturer geplant, damit die Unis der neuen Studentenwelle begegnen können. ‚Wir wollen weder den billigen Lehrknecht noch ein künftiges Lehrproletariat heranziehen‘, sagte Bernhard Kempen, der Präsident des DHV. […] Bezahlt werden soll der ‚Lecturer‘ wie wissenschaftliche Mitarbeiter.“ (ebd.)

Die Lehrverpflichtung soll zwischen 12 und 15 Semesterwochenstunden betragen (bei einem Uni-Prof beträgt sie 9, bei einem FH-Prof 18 Wochenstunden, Tagesspiegel, 05.09.06). Den Lecturer soll es sowohl als Angestellten (befristet und unbefristet) wie auch als Beamten geben. Ferner sollen Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen (z.B. Habilitation). Unterschieden wird in Junior-Lecturer (Promotion mit Prädikat) und Senior-Lecturer (erfolgreich absolvierte Juniorprofessur oder Habilitation) (Tagesspiegel, 06.09.06)

Fragt sich nur, wie der „Lecturer“ von diesen Möglichkeiten gebrauch machen soll, wenn er eigentlich nur für die Lehre eingestellt wird. Worin sonst soll der Unterschied zum wissenschaftlichen Mitarbeiter bestehen? Vielleicht doch in der Bezahlung? Aber nein, das wird ja angeblich ausgeschlossen… Vielleicht in der deutlicheren Befristung seiner Tätigkeit? Aber nein, es soll ja auch unbefristete Lecturer geben… usw. usf.

Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen wird man einfach das Gefühl nicht los, dass hier eben doch eine neue „akademische Kaste“ von lohnniedrigen „Lehrknechten“ erschaffen werden soll, denn sonst könnte man die bestehenden und zukünftigen Lücken doch genauso gut mit wissenschaftlichen Mitarbeitern / PrivatdozentInnen füllen.

Für die Studierenden ist das vielleicht nicht schlecht, wenn ihnen zukünftig DozentInnen gegenüberstehen, die auf die Lehre spezialisiert sind. Andererseits birgt das natürlich die Gefahr, dass die Qualität leidet (unter der theoretischen Annahme, dass ein Prof auch immer aktuelle Ergebnisse seiner Forschung in die Lehre einbindet). Für den/die DozentIn selbst bedeutet die „Lecturerisierung“ vermutlich genauso wenig Gutes wie für den/die StudentIn die „Bachelorisierung“. Abschließend wird man dies jedoch erst beurteilen können, wenn die Konditionen zu denen die „Lecturer“ antreten müssen endgültig feststehen.

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3 Antworten to “Hurra, wir kriegen „Lecturer“”

  1. Wolf Dermann Says:

    Der „Lecturer“ wie er neudeutsch heisst ist in Berlin gar nicht neu: Schon in der Lehrverpflichtungsverordnung (LVVO) von 1993 (vielleicht auch in früheren entspechenden Verordnungen) ist ein entsprechender Stundensatz für solche Kräfte festgesetzt:
    „8. Lehrkräfte für besondere Aufgaben
    a) mit Lehraufgaben in wissenschaftlichen Fächern: 16 LVS“
    Es soll auch schon lange Lehrkräfte mit einer solchen Sonderfunktion bei uns geben.

    Für den NC ist die Einstellung solcher Lehrkräfte übrigens durchaus positiv: Die mindestens zuzulassende Studierendenzahl steigt pro „Lecturer“ in etwa in der Höhe, als wenn man eine zusätzliche Professur mit 2 WiMis eingeplant hätte. Allerdings werden halt in diesem Modell die 8 Doppelstunden nicht von Forschern, zur Hälfte gar einem Professor, sondern durch eine (hoffentlich wenigstens promovierte) Hauptlehrkraft gegeben. Diese könnte sich zwar durch besonders gute methodisch-didatische Qualifikation auszeichnen – im bekannten Uni-Klüngel muss das aber nicht sein.

  2. LiLo - das liberale Weblog an der Uni Erlangen-Nürnberg Says:

    Hochschulpakt für die bayerische Staatsregierung

    Die Wissenschaftsminister von Bund und Ländern haben sich am Montag auf einen “Hochschulpakt 2020″ geeinigt, der zunächst die bundesweit bis 2010 geplante, besser gesagt, vom Bund im Gegenzug geforderte, Steigerung um 90.000 Studi…

  3. Studiengebühren für identitätsstiftende USB-Sticks « FUwatch Says:

    […] Die Konsequenz wäre von den Gebühren (wenn überhaupt) dann wirklich nur noch Dozierende einzustellen, die ausschließlich in der Lehre tätig sind. Gerade diese Tendenz reine “Lehrknechte” einzustellen wird aber eben auch zunehmend kritisch gesehen (siehe “Hurra, wir kriegen ‘Lecturer’”). […]

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