Archive for September 2006

Die Uni-Leitungen träumen weiter von der einzig wahren Elite

September 29, 2006

SEMTIX macht auf einen gestrigen Tagesspiegel-Artikel aufmerksam, demnach die die Berliner Universitäten eine Verfassungsbeschwerde planen. Der Grund: eine Änderung des Hochschulgesetzes durch den Senat, die sicherstellen soll, dass der BA-Abschluss die einzige Zugangsvoraussetzung für einen MA-Studiengang ist:

„Worum geht es? Die Regierungskoalition aus SPD und Linkspartei wünschte sich weit offene Türen zum Master. Deshalb änderte sie das Hochschulgesetz: Der Bachelorabschluss soll die einzige Zugangsvoraussetzung für solche Masterstudiengänge sein, die nicht direkt auf einen bestimmten Bachelorstudiengang aufbauen (’nicht-konsekutive Master‘). Das heißt, solange es freie Plätze gibt, müssen die Hochschulen auch Bachelor-Absolventen aufnehmen, die sie für ungeeignet halten. Erst wenn mehr Studierende sich bewerben als Plätze frei sind, dürfen die Hochschulen sich Bewerber nach den im Hochschulzulassungsgesetz festgelegten Bestimmungen aussuchen. […] Aus Sicht der Hochschulen zwingt sie das Gesetz zu einem ‚extrem niedrigen Niveau‘, da sie die Bewerber nicht auswählen dürften. Zu befürchten sei auch, dass die zwangsweise aufgenommenen, aber ungeeigneten Studierenden abbrechen oder die Regelstudienzeit überschreiten.“ (Tagesspiegel, 28.09.06)

Ja, das wäre auch zu ärgerlich, wenn „ungeeignete Studierende“ ihr Studium abbrechen oder die Regelstudienzeit überschreiten. Wie will man denn eine echte Elite heranbilden, wenn man solche „Subjekte“ in den eigenen Reihen weiß. Mal abgesehen davon, dass das „elitäre Image“ der Uni darunter womöglich stark leiden würde. Das geht natürlich nicht, also immer feste druff mit dem Knüppel. Statt sich darüber Gedanken zu machen, warum so viele Studierende nicht innerhalb der Regelstudienzeit studieren (und ob das überhaupt erstrebenswert ist) oder ihr Studium abbrechen, und was man dagegen tun kann, versucht man lieber gleich präventiv auszusieben.

Einerseits ist der Bachelor kein dem alten Diplom entsprechender Abschluss, andererseits soll aber nach dem Willen der Hochschulen auch nicht jedem/r BA-AbsolventIn die Möglichkeit geboten werden einen MA zu machen – selbst wenn dafür noch Studienplätze frei wären. Wenn die Hochschulen damit durchkommen, wäre der Selektionsgrad einmal mehr deutlich erhöht worden.

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FU BEST Program und Ekkehard Klausa

September 25, 2006

Das FU-BEST Program (kurz für Berlin European Studies) richtet sich in erster Linie an Studierende aus dem Ausland. Es möchte ihnen Europa, Deutschland, Berlin und die Deutsche Sprache näherbringen. Natürlich nicht ganz kostenlos:

„Tuition: 3,000 Euro per semester for the Fall and Spring semesters, 500 Euro for the German-style Sommersemster; Program Fee: 2,900 Euro per semester when housing in a single-occupancy, fully furnished studio apartment is selected; 3,200 Euro per semester when a homestay (incl. breakfast and dinner) is selected“ („Financial and housing information…“)

Ob es für Kaviar und Hummer einen Aufpreis gibt, war leider nicht zu erfahren. Immerhin ist aber eine nette Villa als Lehrräumlichkeit samt Weihnachtsbaum und devoter Gedenktafel inklusive.

In ihrer unendlichen Großzügigkeit erlauben die Macher des BEST Programs „im Prinzip“ auch 2 bis 3 FU-Studierenden pro Kurs die Teilnahme. So auch für eine Veranstaltung „The Human Condition and the Totalitarian Experience“ die am OSI und IfS als Proseminar anerkannt wird. Zu den „Teilnahmevoraussetzungen“ zählt unter anderem eine…

„Zulassungsbescheinigung durch den Academic Director des FU-BEST Programms. Pro FU-BEST Kurs stehen regulären FU Studierenden im Prinzip 2 oder 3 Plätze zur Verfügung. Die Auswahl von FU Teilnehmer/innen macht aber letztendlich das FU-BEST Programm selbst.“ (Einladung des FU-BEST Programs)

Zahlen müssen FU-Studierende bis auf die normalen „Studiengebühren“ (?) allerdings nichts.

Die „Causa Klausa“

Geleitet wird dieses Seminar von Dr. Ekkehard Klausa, den die „AG Kritikal“ besonders innig in ihr Herz geschlossen hat:

„In der Folgezeit offenbarte sich, was für ein Anhänger von nationalem Pathos unser Dozent ist und was alles an Menschenverachtung, Borniertheit, Rassismus und Antisemitismus herauskommt, wenn ein Mensch einfach nicht seine deutschnationale Brille abnehmen kann und also ständig Gegensätze wie („autochthon“) Deutsche/Fremde und Deutsche/Jüdinnen und Juden aufmacht. […] Im Anschluss an dieses Referat folgte dann der bisherige Höhepunkt, als es eine Diskussion darüber gab, ob die Menschen generell in Rassen einzuteilen sind. Dabei warf Klausa einer Studentin Besessenheit vor, weil sie sich gegen den Begriff der Rasse und die Behauptung, Rassismus sei nur die wertende Kategorisierung von Menschen in Rassen, sperrte.“ (AG Kritikal am Institut für Soziologie: „Ein interessantes Seminar…“ in: AStA-Info Nr. 7, Januar 2005)

Klausa hat unter anderem in der Zeitschrift „MUT“ veröffentlicht („Leitkultur – ein globales Problem und eine sehr deutsche Debatte“, MUT, Nr. 423), die eine sehr „bewegte“ Vergangenheit hat: Mitte der 1960er gegründet, hatte das Blatt zunächst eine klar rechtsextreme Position (laut Verfassungsschutz). Anfang der 1980er schaffte es die Wende und gewann Autoren wie Dahrendorf und Giordano. Zu den Herausgebern zählt heute unter anderem Peter Steinbach. Doch „einige Kritiker zweifeln an der Wandlungsthese und wollen weiterhin einen neurechten Kern erkennen“ (Wikipedia).

Die AG Kritikal widmete Klausa sogar eine ganze Broschüre, „Die Causa Klausa“, welche in digitaler Form leider nicht verfügbar zu sein scheint. Dieses Papier dokumentiert angeblich ausführlich Klausas wandeln auf Walsers Wegen.

Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘

September 21, 2006

Wie der Deutschlandfunk gestern berichtete, gibt es an der Uni Hamburg ein neues ungewöhnliches Bündnis: Um die durch Studiengebühren bedingten Mehreinnahmen von jährlich etwa 30 Millionen Euro besser verteilen zu können, haben der neue AStA und der Präsident der Uni Hamburg ein Bündnis geschlossen.

„Die Studiengebühren von 1.000 Euro im Jahr müssen ausschließlich und unmittelbar dafür eingesetzt werden, um die Studien- und Lehrbedingungen an der Uni Hamburg zu verbessern, sind sich Uni-Leitung und Asta einig. Deshalb haben sie gestern ein ungewöhnliches Bündnis geschmiedet und eine gemeinsame Vereinbarung unterschrieben.“ (ebd.)

So wurde unter www.campus-hamburg.de ein neues Portal eingerichtet, auf dem die Studierenden mitteilen können, „welche Seminare überfüllt sind, wo welche Bücher fehlen oder welche Änderungsvorschläge sie sonst haben“ (Deutschlandfunk). Statt wie bisher eine „Fundamentalopposition“ (ebd.) zu betreiben, hat der neue AStA also einen Deal mit dem Präsidenten ausgehandelt, in der Hoffnung so den Offensiven des Wissenschaftssenators besser Widerstand leisten zu können:

„Den Gedankenspielen des Hamburger Wissenschaftssenators Jörg Dräger, mit den Studiengebühren zusätzliche Studienplätze zu finanzieren, erteilte Uni-Präsident Jürgen Lüthje eine klare Absage. (…) Und was tun, wenn der Wissenschaftssenator mit Blick auf die Studiengebühren den Hochschuletat kürzt? Dann schlagen wir Alarm, sagt Uni-Präsident Lüthje.“ (ebd.)

Präsidium und AStA Seit‘ an Seit‘ gegen den Hamburger Senat? Kann das wirklich funktionieren? Und das auch noch mit einer Absage, mehr Abiturienten einen Zugang zur Uni zu gewähren.

Hintergrund für die Wende in der Politik des AStAs ist seine neue Zusammensetzung, die unter anderem aus Juristen, Medizinern, Wirtschaftswissenschaftlern, Jusos und Liberalen besteht („Die neue Koalition“). Offenbar hat sich dieser neue AStA mit dem Status quo abgefunden: statt sich für die Abschaffung der neuen Studiengebürhen einzusetzen, sucht man mit dem Präsidenten zusammen nach einer bestmöglichen Verteilung der Studiengebühren.

Neben der grundsätzlichen Frage, ob diese Hinwendung zu mehr „Realpolitik“ der richtige Weg sein kann, stellt sich auch die Frage, inwieweit das pragmatische Kalkül des neuen AStAs überhaupt aufgeht. Selbst wenn nun jeder Studierende über ein Internetportal seinen Unmut über Mißstände zum Ausdruck bringen kann, bedeutet dies ja nicht zwangsläufig, dass auf der anderen Seite aus dieser Kritik wirklich Konsequenzen gezogen werden. Zwar kommen alle Beschwerden und Anregungen bei einer studentischen Arbeitsgruppe an, doch was davon dann umgesetzt / verbessert werden kann, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Zumindest beim Deutschlandfunk war nichts über in der Vereinbarung festgelegte Verbindlichkeiten des Präsidenten gegenüber der Studentenschaft zu lesen.

Harte Auseinandersetzungen auf der Schülerdemo

September 16, 2006

Wie der AStA FU gestern in einer Presseeklärung bekannt gab, war die Schülerstreikdemo am vergangenen Mittwoch ein großer Erfolg: zumindest „zeitweise“ sollen sich bis zu 10.000 Menschen an der Demo beteiligt haben – darunter natürlich auch Studierende.

Negativ aufgefallen ist das Verhalten der Polizei. Der AStA zitiert eine Pressemitteilung der Polizei (!), dernach es Anzeigen gegen PolizistInnen wegen Körperverletzung und sexueller Belästigung gegeben hat. Tobias Becker vom ReferentInnenrat der HU wird mit den Worten „Es war absolut unverantwortlich die 23. Einsatzhundertschaft auf eine friedliche SchülerInnendemo loszulassen; viele der Anwesenden waren das erste mal auf einer Demonstration. Es ist leider kein bisschen überraschend, dass eine Veranstaltung so endet, auf der die für ihre Prügelexzesse bekannte Truppe eingesetzt wird“ zitiert.

Der AStA führt weiter aus, dass die in Berlin vor kurzem eingeführte Kennzeichnungspflicht für Bereitschaftspolizeikräfte offensichtlich nicht ausreiche, da damit nur eine „Gruppe“, bestehend aus bis zu acht BeamtInnen, durch Nummern erkennbar ist.

Vom „Pisa-“ zum „OECD-Schock“

September 14, 2006

Nach Pisa kommt mit der neuen OECD-Studie „Education at a Glance 2006 (Bildung auf einen Blick 2006)“ (Zusammenfassung der OECD, 8 Seiten; Zusammenfassung von BMBF/KMK, 23 Seiten) nur erneut ein böses Erwachen. Während deutsche Schulen im Jahr 2001 „noch“ Mittelmaß waren, zeigt nun diese neue Studie, dass die Defizite im Hochschulbereich noch gravierender sind. Bei der Ausbildung von AkademikerInnen ist Deutschland im internationalen Vergleich noch weiter zurückfallen – trotz aller Versuche den Trend umzukehren. Der Tagesspiegel fasst zusammen:

„Der Anteil von Hochschul- und Fachhochschulabsolventen steige zu langsam, um den Fachkräftemangel aufzufangen. Im 30 Staaten umfassenden OECD-Raum bilden nur die Tschechische Republik, Österreich und die Türkei weniger Akademiker aus als Deutschland. So absolvieren nur 20,6 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium – gegenüber dem Jahr 2000 lediglich eine Steigerung von 1,3 Prozent. Andere Länder verbesserten ihre Absolventenquote weitaus stärker: In der Schweiz stieg sie um 15,5 Prozent, in Italien fast um das Doppelte. Im OECD-Durchschnitt absolvieren 34,8 Prozent eines Jahrgangs ein Studium.“ (Tagesspiegel, 13.09.06)

Im UniSpiegel heiß es zum Thema:

„Deutschland gleicht laut OECD die Rückstände in der Hochschulausbildung nur langsam aus. Dies zeige sich auch an den gestiegenen Zahlen von Studienanfängern. Das Potenzial an Studenten sei zudem weitgehend ausgeschöpft, da nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Schüler die Hochschulreife erwerbe. Als positiv bewertet die OECD die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen. (UniSpiegel, 12.09.06)

Ausgerechnet die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen wird also als eines der wenigen positiven Maßnahmen gewertet. Eine äußerst fragwürdige Deutung.

Ferner verwies SEMTIX bereits vorgestern auf einen weiteren UniSpiegel-Artikel, in dem es um die hohe, durch Studiengebühren bedingte Schuldenlast von AbsolventInnen us-amerikanischer Unis geht:

„Für manche deutschen Bildungspolitiker sind die USA ein leuchtendes Vorbild. Doch dort steigen die Studiengebühren und schrumpfen die Stipendien, junge Akademiker häufen horrende Schulden an. Viele wohnen aus Not wieder bei den Eltern – und ein Zahnarztbesuch ist Luxus. […] Auch wer nach dem Studium einen gut bezahlte Stelle bekommt, spürt die finanzielle Belastung […] vielen Berufsanfängern fehle Geld für das Nötigste.“ (UniSpiegel, 11.09.06)

Einerseits mangelt es also laut OECD in Deutschland an HochschulabsolventInnen und es erhalten zu wenige eines Jahrgangs eine Hochschulzugangsberechtigung. Andererseits werden die ohnehin zu wenigen jetzt noch zusätzlich durch Studiengebühren abeschreckt, welche sich wie das Beispiel USA zeigt äußerst negativ auswirken. Natürlich sind die in Deutschland eingeführten Gebühren bei weitem noch nicht so hoch wie in den USA, doch bereits 500 bis 1.000 Euro haben eine abschreckende Wirkung.

Vize-Präsidentin der HU zurückgetreten

September 13, 2006

Wie der Tagesspiegel in seiner gestrigen Ausgabe berichtete, hat Susanne Baer, Vizepräsidentin für Studium und Internationales an der HU, ihren Rücktritt angekündigt. Die genauen Gründe sind bisher nicht bekannt, weder Susanne Baer noch HU-Präsident Christoph Markschies haben sich bisher zu dem Rücktritt geäußert. In der Erklärung von Baers sein von ’nicht aufzulösende Differenzen in der Leitung der Universität‘ die Rede. Im Tagesspiegel heißt es weiter:

„Baers Rücktritt sei ‚ein GAU‘ und für die HU ‚ausgesprochen schädlich‘, sagte ein Professor, der namentlich nicht genannt sein will, dem Tagesspiegel […] Ein weiterer Professor, der anonym bleiben will, gibt die Schuld für das Zerwürfnis dem Präsidenten: Er sei kein Professor des 21. Jahrhunderts, sondern des 19. Jahrhunderts. Daran sei Baer gescheitert. […] Kritik am Präsidenten äußerten auch Studenten. Zwischen Markschies und den beiden anderen Vizepräsidenten gebe es ebenfalls Spannungen, weil er Ressortgrenzen ‚willkürlich überschreite‘. Auch habe Markschies mehrfach die Kompetenzen seiner Stellvertreter bei Gremiensitzungen öffentlich infrage gestellt, ohne dass ein Anlass erkennbar gewesen sei.“ (ebd.)

[via IB Weblog und FSI GS]

Grottian vs. Wolf

September 11, 2006

Die von Peter Grottian im März ins Leben gerufene „Kampagne gegen Zwangsumzüge“ ist am vergangenen Freitag erstmals verstärkt öffentlichkeitswirksam in Erscheinung getreten. „Herr Reil (43)“ und „Frau Matuscheck (47)“ vom „Außendienstes des Jobcenters“ besuchten Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS) um festzustellen, ob er nicht in einer Bedarfsgemeinschaft lebt. Begleitet wurden die beiden „Außendienstmitarbeiter“ dabei von den berüchtigten „Überflüssigen“, die sich aber recht wortkarg gaben. In der taz lassen sich die Hintergründe der Protestaktion nachlesen:

„‚Was demnächst schon tausenden von Berliner drohen kann, wollten wir ein prominentes Mitglied des für diese Politik mitverantwortlichen Senats am eigenen Leib spüren lassen‘, begründete Mitinitiator Peter Grottian, Politikprofessor an der Freien Universität, die Aktion. ‚Gerade Wolf gibt sich immer supersozial, um dann doch die Grausamkeiten von Hartz IV fast bruchlos zu vollziehen.‘

Auf der anschließenden Pressekonferenz stellte Grottian zusammen mit Wolfgang Kaleck vom Republikanischen AnwältInnenverein (RAV) und Uschi Volz-Walk vom Berliner Sozialforum die Kampagne vor. Volz-Walk rechnet damit, dass die Job-Center in den kommenden Wochen BezieherInnen von ALG II über Hausbesuche massiv unter Druck setzen werden, eine billigere Wohnung zu beziehen. Schwerpunkt der Überprüfungen seien Spandau, Pankow und Friedrichshain-Kreuzberg. 80 bis 100 Kontrolleure seien dort unterwegs.“ (taz, 09.09.06)

Auf Indymedia kann man sich eine Video-Dokumentation der Aktion ansehen. Für einen Fake ist das schon ganz gut gemacht (so bleibt zum Beispiel m.E. unklar, ob der befragte Nachbar von Wolf wirklich einer ist oder auch nur Teil der Inszenierung; man sieht ihn auf dem Tape jedenfalls nicht ins Haus gehen).

Von einem drohenden Zwangsumzug Betroffene können sich kostenlos an das Notruftelefon der Kampagne wenden: 0800 / 2727278

Hurra, wir kriegen „Lecturer“

September 6, 2006

Nachdem bereits die Studentenschaft republikweit mit dem Bachelor als abgespeckten Hochschulabschluss beglückt wurde, sind demnächst die Dozierenden dran: Sie werden „Lecturer“ (angeblich ohne s im Plural). Wikipedia lehrt uns:

„Im englischen Sprachraum (aber nicht in den USA) gebräuchliche Bezeichnung für Hochschullehrer und Professoren. Unterschieden werden dabei die Ränge des Lecturer, Senior Lecturer und Principal Lecturer oder Reader. Dabei entsprechen die Ränge ungefähr den in Deutschland üblichen Privat Dozenten/Juniorprofessoren (Lecturer, in den USA: Assistant Professor), außerordentlicher Professor (Senior Lecturer, in den USA: Associate Professor) und dem ordentlichen Professor (Principal Lecturer oder Reader, in den USA: Full Professor).“

Tja, für den Eintrag wird wohl eine Überarbeitung fällig, denn in Deutschland meint „Lecturer“ zukünftig in erster Linie: „Lecturer sind Dozenten für die Lehre“ (Tagesspiegel, 06.09.06). Quasi akademische Ausputzer, die leisten müssen, für was sich der Herr Professor von Welt zu fein ist: die Lehre. Angeblich keine Billiglöhner:

„Im ‚Hochschulpakt‘ von Bund und Ländern, der im Dezember geschlossen werden soll, ist eine Anschubfinanzierung für 3000 Lecturer geplant, damit die Unis der neuen Studentenwelle begegnen können. ‚Wir wollen weder den billigen Lehrknecht noch ein künftiges Lehrproletariat heranziehen‘, sagte Bernhard Kempen, der Präsident des DHV. […] Bezahlt werden soll der ‚Lecturer‘ wie wissenschaftliche Mitarbeiter.“ (ebd.)

Die Lehrverpflichtung soll zwischen 12 und 15 Semesterwochenstunden betragen (bei einem Uni-Prof beträgt sie 9, bei einem FH-Prof 18 Wochenstunden, Tagesspiegel, 05.09.06). Den Lecturer soll es sowohl als Angestellten (befristet und unbefristet) wie auch als Beamten geben. Ferner sollen Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen (z.B. Habilitation). Unterschieden wird in Junior-Lecturer (Promotion mit Prädikat) und Senior-Lecturer (erfolgreich absolvierte Juniorprofessur oder Habilitation) (Tagesspiegel, 06.09.06)

Fragt sich nur, wie der „Lecturer“ von diesen Möglichkeiten gebrauch machen soll, wenn er eigentlich nur für die Lehre eingestellt wird. Worin sonst soll der Unterschied zum wissenschaftlichen Mitarbeiter bestehen? Vielleicht doch in der Bezahlung? Aber nein, das wird ja angeblich ausgeschlossen… Vielleicht in der deutlicheren Befristung seiner Tätigkeit? Aber nein, es soll ja auch unbefristete Lecturer geben… usw. usf.

Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen wird man einfach das Gefühl nicht los, dass hier eben doch eine neue „akademische Kaste“ von lohnniedrigen „Lehrknechten“ erschaffen werden soll, denn sonst könnte man die bestehenden und zukünftigen Lücken doch genauso gut mit wissenschaftlichen Mitarbeitern / PrivatdozentInnen füllen.

Für die Studierenden ist das vielleicht nicht schlecht, wenn ihnen zukünftig DozentInnen gegenüberstehen, die auf die Lehre spezialisiert sind. Andererseits birgt das natürlich die Gefahr, dass die Qualität leidet (unter der theoretischen Annahme, dass ein Prof auch immer aktuelle Ergebnisse seiner Forschung in die Lehre einbindet). Für den/die DozentIn selbst bedeutet die „Lecturerisierung“ vermutlich genauso wenig Gutes wie für den/die StudentIn die „Bachelorisierung“. Abschließend wird man dies jedoch erst beurteilen können, wenn die Konditionen zu denen die „Lecturer“ antreten müssen endgültig feststehen.

Catch the orange, Don Flierl

September 5, 2006

Leider werden in das Online-Archiv des Tagesspiegels nicht die Bilder der Print-Ausgabe übernommen. Das Foto von Frank Ossenbrink, das dem heutigen Artikel über Wissenschaftssenator Flierl von Tsp-Redakteurin Anja Kühne angefügt ist, ist einfach zu schön: Flierl im Vordergrund, ganz in schwarz gekleidet, hinter ihm Wowereit auch ganz in schwarz (bis auf eine dunkelrote Krawatte) und mit Sonnenbrille. Vermutlich wurde das Bild anläßlich einer Beerdigung oder während einer Gedenkfeier aufgenommen, jedenfalls wirkt es so, als hätte man zwei Mitglieder der „ehrenwerten Gesellschaft“ vor sich – auch wegen der Gesichtsmimik, beide wirken ziemlich düster. Don Flierl und sein Bodyguard Wowi.

Die tatsächliche Rollenverteilung war natürlich eine andere, wie Kühne ganz richtig schreibt: Wowereit hat Flierl immer mal wieder abgewatscht; Flierl, „ein Mann der sich regelmäßig für öffentliche Rügen empfiehlt“ (ebd.). SPD und PDS sind sich demnach einig, dass „Flierl zwar eine interessante Persönlichkeit, aber kein Politiker sei“, wie Kühne ein ungenanntes SPD-Fraktionsmitglied zitiert. Mit 97%iger Wahrscheinlichkeit wird Flierl angeblich seinen Stuhl nach der Wahl für einen Genossen / eine Genossin räumen müssen.

Den Studierenden ist Flierl in seiner Eigenschaft als Wissenschaftssenator sicherlich in erster Linie wegen seiner häßlichen Forderung nach Studienkonten in Erinnerung, die seiner Zeit nur durch die PDS-Basis verhindert werden konnte. Die Hochschulleiter in Berlin können nicht unzufrieden mit ihm sein, er gewährte ihnen die erwünschte Autonomie und hielt sie „an der langen Leine“ (ebd.). Kühne schreibt weiter:

„Wenn Flierl dafür plädiert, weit mehr Mittel als bislang zwischen den Hochschulen nach Leistung zu verteilen, im Wettbewerb also, klingt er nicht anders als die marktliberalen Experten vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).“

Für einen PDS-Politiker natürlich ein vernichtendes Urteil. Im Wesentlichen skizziert Kühne Flierl als jemanden, der in den Zwischenwänden herumkraucht, er pendelt mal in die eine, mal in die andere Richtung („Flierl verärgerte Wowereit, als er wütenden Studenten während des großen Streiks 2003/2004 opportunistisch erklärte, nicht er, sondern Finanzsenator Sarrazin habe die Einschnitte zu verantworten.“). Ein durchaus zutreffendes Porträt. Aber auch der Hinweis, Flierl habe „auch nicht weniger vorzuweisen, als der Rest des Berliner Senats“, ist durchaus angebracht. Wesentlich besser oder schlechter als seine SenatskollegInnen war er wirklich nicht.

Zu den progressiveren Vorhaben von Flierl gehört die Ankündigung, er werde „Präsidialregime“ an den Unis nicht dulden. Jetzt soll sie endlich kommen, die lang versprochene Viertelparität – so er denn wieder Wissenschaftssenator wird. Aber mal ehrlich, wer nimmt ihm das jetzt noch ab? Da stünden die Umsetzungs-Chancen unter einer/m anderen WissenschaftssenatorIn vermutlich besser. Die Sache könnte aber natürlich auch in die andere Richtung gehen, mit einer/m WissenschaftssenatorIn der/die noch mehr vor den Präsidialregimen buckelt.