Humboldt-Viadrina School of Governance

Wie der Tagesspiegel gestern berichtete, hat sich die neue „Humboldt-Viadrina School of Governance“ (HVSG) in die frühere Berliner Landesvertreung in der Wilhelmstraße eingemietet. Ursprünglich noch unter Diepgen erworben, versuchte das Land Berlin seit drei Jahren vergeblich das leerstehende Gebäude in bester Lage zu vermieten. Nun wird dort die HVSG einziehen und Werner van Bebber frotzelt im Tagesspiegel im Hinblick auf die unmittelbare Vorgeschichte des Gebäudes: „Wer hier regieren lernt, wird die Anschaffung überflüssiger Gebäude instinktiv vermeiden“.

Das 1500 qm große, ehemalige Charité-Gebäude war in den 1870er Jahren nach den Entwürfen von Paul Emmanuel Spieker gebaut worden. Ende der 1990er Jahre wurde es für 3,3 Millionen Euro saniert, diente der Berliner Landesvertretung aber nur drei Jahre als Unterkunft, danach zog diese ins Rote Rathaus um. Nach weiteren drei Jahren findet es nun endlich wieder einen Mieter, im August zieht zunächst die Gründungsgesellschaft der HVSG ein. Wann der Lehrbetrieb aufgenommen werden kann ist aber noch unklar, wie der Tagesspiegel weiter berichtet. Die HVSG soll aber bis zu 200 Studierende aufnehmen können.

Allerdings dürfte das nicht ganz billig werden, wie Koh Ho Mowlogi in der HUch!-Ausgabe Nr. 43 berichtet. Demnach muss man für ein Studium an der HVSG ca. 17.000 Euro berappen. Mowlogi schreibt weiter:

„Im Umfeld der Governance School soll ein Think Tank für Politikentwicklung und Entscheidungsplanung entstehen. Motiv für die Gründung sei der wachsende Reformbedarf in Europa. Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan erläuterte dazu: ‚Der Sozialstaat muss umgebaut, die Verwaltung professionalisiert, der gemeinnützige Sektor ausgebaut werden.‘ Das klingt irgendwie nach Agenda 2010 und Hartz – und dieser Eindruck täuscht auch nicht, ist doch die Kandidatin der SPD für das Bundespräsidentinnenamt, Gesine Schwan, dem rechten Parteiflügel zuzuordnen. Stephan Gutzeit, ein ehemaliger McKinsey-Kader und bereits Gründer und Kanzler des European College of Liberal Arts (ECLA), einer weiteren privaten Berliner Hochschule für spätere Führungskräfte, leitet die Governance School in Gründung. Mit dieser Wahl begibt sich die Humboldt-Universität ein weiteres Mal in die beratenden Hände des McKinsey-Klüngels.“

Der Artikel ist schon etwas älter, datiert auf April/Mai 2004, dennoch haben Mowlogis Bedenken auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Merkwürdig ist insbesondere die Art und Weise wie diese Institution ins Leben gerufen wurde. Das Co-Projekt der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) und der Humboldt-Universität zu Berlin tauchte im November 2003 erstmals in Pressemeldungen auf. Mowlogi kommentiert: „[…] in der Humboldt-Universität wusste zu diesem Zeitpunk außer dem Präsidenten wohl kaum jemand davon, zumindest zeigte sich der Akademische Senat erstaunt darüber, was da ohne sein Wissen geschehen war“.

Anders als bei der Hertie School of Governance (HSG) sieht das Konzept der HVSG offenbar vor, dass sich die Dozentenschaft aus Lehrkräften der Humboldt- und der Viadrina-Uni rekrutiert, die Dozierenden müssen ihre Lehre folglich teilen (Lehrveranstaltungen an der jeweiligen „Heimat-Uni“ und an der HVSG). Die Gefahr bei einer solchen Konstruktion besteht natürlich darin, dass bei der Aufteilung des Zeitpensums im Zweifelsfall der viel zahlenden Studentenschaft an der HVSG der Vorzug gegeben wird.

Ob das Angebot der HVSG maßgeblich von dem der HSG abweichen wird, kann erst beurteilt werden, wenn die HVSG ihren Betrieb aufnimmt. Aber selbst wenn die Angebote sich unterscheiden, bleibt trotzdem noch die grundsätzliche Frage, ob die deutsche Hochschullandschaft solche „Governance Schools“ überhaupt braucht oder ob das Engagement nicht lieber in bereits bestehende Fachbereiche und Institute investiert werden sollte.

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