Zur Entwendung von Anwesenheitslisten

Wie Ronny im LHG OSI Blog berichtet, haben es die OSI-Listenclowns mit ihrem Anwesenheitslisten-Entwendungs-Schabernack bis in einen Spiegel Online Artikel geschafft. Doch nicht nur in Berlin am OSI gab es Listenclowns die Anwesenheitslisten stibitzten, auch in Dresden, Chemnitz, Hamburg, Hannover und Jena gab es ähnliche Aktionen (wenn auch nicht in allen Fällen durch spektakuläre „Clown-Aktionen“). Sogar ein Video von Indymedia (das unter einer CC-Lizenz steht) fügt Spiegel Online dem Artikel bei. Zur Motivation der Aktivisten heißt es:

„Mit dem Listenklau fordern die Studenten die Abschaffung der Anwesenheitspflicht. Ihre kleine Rebellion speist sich vor allem aus einem diffusen Unbehagen gegen die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master. Dabei setzen die Hochschulen auf eine straffere Studienorganisation – was die Listenklauer als ‚Verschulung‘ buchstabieren. Und die von den Unis forcierte größere Praxisnähe der Studieninhalte begreifen sie als Unterwerfung vor der Wirtschaft. Doch das begründen die Stör-Studenten eher wirr. Sie fordern zwar eine ‚Diskussion über die Anwesenheitspflicht‘. Aber aus der Anonymität trauen sie sich nicht.“

Eine in sich widersprüchliche Aussage. Das „diffuse Unbehagen“ kann so „diffus“ ja nicht sein, wenn die klare Aussage hinter der Aktion jene ist, dass man sich gegen die zunehmende Verschulung (und zu jener ist die Anwesenheitspflicht zweifellos zu zählen) und für eine verstärkte Reflektion über die Anwesenheitspflicht durch KommilitonInnen einsetzt.

Wie an anderer Stelle schon angeschnitten besteht der eigentliche Skandal denn auch nicht darin, dass hier ein paar verkleidete Studierende Anwesenheitslisten entwenden, nein, skandalös ist vielmehr die Tatsache, dass die Masse der Studierenden erst durch solche Aktionen überhaupt mal auf die Idee kommt, über Sinn und Zweck von Anwesenheitslisten nachzudenken bzw. dass man sich diesem Kontrollinstrument auch durch subversives Verhalten entziehen könnte. Immer stärker verteidigen Studierende aber inzwischen auch die Notwendigkeit von Anwesenheitslisten (dazu später mehr).

Der Autor moniert, dass die Aktivisten nicht aus ihrer Anonymität heraustreten, nur um dann in seinem Artikel indirekt selbst auszuführen, warum sie das besser nicht sollten. Denn die Verantwortlichen in den Universitäten sprechen von „Anstiftung zum Urkundendiebstahl“, was eine Straftat sei; die Dozierenden drohen den Aktivisten unverhohlen mit Konsequenzen und versuchen ihre KommilitonInnen damit unter Druck zu setzen, dass sie am Ende des Semesters einfach keine Scheine ausgestellt bekämen, wenn die Anwesenheitslisten fehlen würden.

Früher, in den Zeiten der guten alten Ordinarienuniversitäten, gab es ja schon einmal Anwesenheitspflicht. Abgeschafft wurde sie durch die 68er. Und wie haben unsere Eltern das gemacht? Nun, es ist einfach keine Anwesenheitsliste mehr vorne angekommen (so schilderte es jedenfalls unlängst ein Prof im Seminar; man korrigiere die Geschichte wenn es doch nur Folklore sein sollte). Eigentlich ein recht simples Prinzip, in dem Moment wo die Listen nicht nur sporadisch sondern konsequent entwendet werden, sinken die Möglichkeiten der anderen Seite dieses Verhalten erfolgreich zu sanktionieren erheblich (was wollen sie denn machen, überhaupt niemandem mehr einen Schein ausstellen?).

Dass es zu solchen Massen-Entwendungen von Anwesenheitslisten kommen wird, brauchen die Verantwortlichen in den Uni-Verwaltungen dennoch nicht zu befürchten. Ein Blick in das dem Artikel angeschlossene Forum zeigt nachdrücklich was auch schon im Artikel selbst anklang: Viele Studierende haben weniger ein Problem mit Anwesenheitslisten, als mit den Listenclowns.

Ein Student aus der Schweiz teilt seinen Lesern z.B. mit, dass er in der Schweiz studiert, wo Anwesenheit selbstverständlich sei und er solche Aktionen einfach nur nervig findet. Allerdings sind dort auch nur 20 Personen im Seminar, was eine aktive Teilnahme von allen unbedingt erfoderlich machen würde. Nun, vielleicht sollte man ihn einfach mal in ein OSI-Kernhauptseminar einladen, wo er dann mit 80 KommilitonInnen seine Zeit absitzen kann. Vielleicht würde ihm das helfen zu verstehen, dass es besonders unter weniger betuchten Studienbedingungen absurd ist, auf einer Anwesenheitspflicht zu bestehen.

Natürlich finden sich im Forum auch Gegenstimmen. Trotzdem fällt auf, dass erstaunlich viele DiskussionsteilnehmerInnen (die meisten Studierende) sich für Anwesenheitspflicht aussprechen oder zumindest eindeutig gegen das Entwenden von Listen.

Die Grundsatzidee eines „selbestbestimmten Studiums“ in dem die Studierenden für sich selbst herausfinden wie viel Seminarpräszenz sie brauchen, zählt offenbar nicht mehr viel. Auch dass viele KommilitonInnen bedingt durch notwendige Jobs oft gar nicht anders können, interessiert einfach nicht. Stattdessen wird die Anwesenheitskontrolle als etwas völlig Selbstverständliches hingenommen, das man nicht in Abrede stellen sollte.

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2 Antworten to “Zur Entwendung von Anwesenheitslisten”

  1. stm Says:

    Um was für Veranstaltungen geht es denn eigentlich? Vorlesungen (also reine Wissensvermittlung) oder um Seminare etc, wo auch das Anwenden gelernt werden soll?

    Immerhin heißt es in der Satzung für Prüfungsangelegenheiten:

    „Eine regelmäßige Teilnahme liegt vor,
    wenn mindestens 85 % der in den Lehr- und Lernformen eines
    Moduls vorgesehenen Präsenzstudienzeit besucht wurden. Dies
    gilt nicht
    für Vorlesungen und entsprechende Veranstaltungsformen.
    In der jeweiligen Prüfungsordnung oder durch
    Fachbereichsrats- bzw. Zentralinstitutsratsbeschluss [oder durch
    Entscheidung der verantwortlichen Lehrkraft]* kann abweichend
    hiervon eine Präsenzpflicht auch für Vorlesungen und entsprechende
    Veranstaltungsformen vorgesehen werden …“

    * ist soweit ich mich erinnere mit der letzten Novelle rausgeflogen

  2. Niklas Says:

    Es geht um alle Typen von Lehrveranstaltungen, also auch die ganz normalen Seminare für die die 85%-Regel gilt.

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