Illuminaten ohne Durchblick

Das hat gesessen: Die zu den Favoriten gezählte Humboldt-Uni flog schon in der Vorrunde aus dem „Wettbewerb Exzellenzinitiative“ raus, während die beiden Außenseiter FU-Berlin und Uni-Bremen es unter die letzten 10 schafften – ausgerechnet zwei ehedem rote Hochburgen, zumindest ihrem alten Dünkel nach „anti-elitär“.

Totgesagte leben länger, wobei hier wohl eher von „Totgeschriebenen“ die Rede sein muss, bedenkt man, welchen Unis im Vorfeld die Chancenlosigkeit bescheinigt wurde. Mit Hilfe einer hübschen Grafik der Illuminate Consulting Group (ICG) verdeutlichte etwa der Tagesspiegel, dass neben einer guten Positionierung durch wissenschaftliche Qualität die politische Unterstützung für die Universität genauso wichtig ist. Laut ICG-Prognose war die FU daher ohne Chance unter die Top10 zu kommen, da ihr angeblich der politische Rückhalt fehlte:

„Entscheidend für den Ausgang des Wettbewerbs von Bund und Ländern, in dem die Vorentscheidung am 20. Januar fällt, ist aus Sicht von ICG-Geschäftsführer Daniel J. Guhr nicht so sehr die Qualität einer Bewerbung, sondern die Unterstützung durch Politiker: ‚Die Politik wird sich hinter bestimmte Hochschulen stellen‘, sagte Guhr dem Tagesspiegel im Interview. Davon profitiere in Berlin allein die Humboldt-Universität (HU), hinter die sich der Bund stellen werde. Ansonsten sei das rot-rot regierte Berlin politisch isoliert. Deshalb werde die Freie Universität Berlin (FU) nicht unter den Siegern sein, obwohl sie ‚zu den besten zehn Unis in Deutschland‘ gehöre. Die FU stehe dann ‚am Anfang ihres Endes‘: Der Berliner Senat werde fortan allein auf die HU setzen und der FU ’noch mehr Geld‘ abziehen, ‚was einen Spiralprozess nach unten in Gang bringen wird‘, sagte Guhr.“ (Tagesspiegel, 09.01.06)

Während fünf der von der ICG ins Abseits gestellten Unis den Sprung in die nächste Runde geschafft haben (Freiburg, FU Berlin, Bremen, Tübingen und Würzburg), waren fünf von ihr zu Favoriten erklärten nicht dabei (Bonn, Darmstadt, Dresden, Göttingen, HU Berlin). Was eine ziemlich miese Quote ist, wenn man sich vor Augen führt, mit welcher Sicherheit Guhr und sein Team den vermeintlichen Ausgang postulierten.

Natürlich könnte die ICG doch noch recht behalten, wenn Freiburg, FU Berlin, Bremen, Tübingen und Würzburg in der nächsten Runde rausfliegen. Als Sieger ständen unter dieser Konstellation dann LMU München, TU München, Heidelberg, Aaachen und Karlsruhe fest (erst im Herbst werden die vier oder fünf Siegerhochschulen feststehen). Selbst dann hätten allerdings drei der ICG-Top7, Bonn, Darmstadt und HU Berlin den Sprung nicht geschafft.

Die vorliegenden „Analysen“ in den Medien, warum es Nicht-Favoriten wie Bremen geschafft haben (Forschungsleistungen, Drittmittelerfolge) und Favoriten wie die HU nicht (mangelhafte Qualität des Bewerbungsantrags, ungünstiger Zeitpunkt für den Wechsel der Führung) scheinen mir immer noch recht schwach. Die viel interessantere Frage, warum Unternehmen wie die „Illuminate Consulting Group“ trotz ihres selbsterklärten Expertenstatus‘ so einen Nonsense über das „Politische Standing“ von Universitäten produzieren und dieser dann von einem renommierten Blatt wie dem Tagesspiegel unreflektiert breitgetreten wird, wird gar nicht erst gestellt.

Denn auffällig ist natürlich, dass dieselbe „Illuminate Consulting Group“ die HU bei ihrem Antrag beraten hatte. Wenn die Group nun im Vorfeld aus einer vermeintlich neutralen Position meint festzustellen, dass die HU die Nase weit vorn hat, während die FU ohne Chance ist, wirft das natürlich ein düsteres Licht. So hat die HU sich dann auch lieber gleich deutlich distanziert:

„Sie [die HU] muss sich auch gegen den Bärendienst verwahren, den die Illuminate Consulting Group (ICG) aus San Diego ihr selbst erwiesen hat. Denn drei Monate vor dem Amtsantritt Markschies‘ hatte sich die HU noch (wie andere Hochschulen auch) von jener Firma beraten lassen. Dabei ging es darum, wie man Anträge zum Exzellenz-Wettbewerb stellt. Nun zieht diese Beraterfirma politische Schlussfolgerungen, die auf den ersten Blick ganz im Interesse der Humboldt-Universität zu liegen scheinen. Aber völlig nach hinten losgehen.“ (Berliner Zeitung, 10.01.06)

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3 Antworten to “Illuminaten ohne Durchblick”

  1. 21 Millionen für überbezahlte Profs « FUwatch Says:

    […] Sollte es die FU am Ende tatsächlich schaffen sich in der Exzellenzinitiative durchzusetzen, winken ihr rund 21 Millionen Euro pro Jahr (für einen Zeitraum von fünf Jahren). Setzt man diese Summe in Relation zu den 291 Millionen Euro die die FU jährlich vom Land Berlin bekommt, wirkt sie wie ein Tropfen auf den heißen Stein, selbst wenn FU-Präsident Lenzen betont, für eine deutsche Uni sein die 21 Millionen viel Geld (siehe: Tagesspiegel, 22.01.06). Auch das ganze Trara in der Öffentlichkeit wegen des Wettbewerbs wirkt bei solchen Summen überzogen. […]

  2. OSI am Freitag besetzt « FUwatch Says:

    […] Studierende der FU Berlin haben am gestrigen Freitag das Otto-Suhr-Institut besetzt. In einer Pressemitteilung heißt es, der Protest richte sich gegen die “Exzellenz-Initiative” (siehe hier und hier) an der FU: “Sie [die Studierenden] sehen den Wettbewerb um Elite-Universitäten und die damit in Aussicht stehende Förderung im Einklang mit Flächen deckenden Kürzungen, fortgeführter sozialer Selektion und wissenschaftlicher Verknappung im gesamten Hochschulbereich.” […]

  3. Gott sei Dank, die FU ist gescheitert « FUwatch Says:

    […] Tatsächlich ist das Ergebnis für die FU ein Desaster (legt man ihre eigene Zielsetzung zu grunde), daran ändert auch die Tatsache nichts, dass vorher kaum jemand geglaubt hatte, dass sie überhaupt die Vorrunde überstehen und sogar die HU ausstechen würde. Durch die durch diesen ersten Teilerfolg geweckten Hoffnungen und die immer wieder suggerierte Position, der FU sei jetzt der “Elite”-Status so gut wie sicher, musste das Ergebnis am Freitag entsprechend bitter aufstoßen. Dass sich die FU nicht durchsetzen konnte, ist ein herber Rückschlag für Lenzens Vision einer neuen “Netzwerk Universität”, auch wenn der Kommilitone Martin Kaul in einem Kommentar in der taz richtig ausführt: “Der [Lenzen, Anm. FUwatch], selbst engagiert in der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, sucht die einst ‘Freie’ Universität zu einem Dienstleistungsunternehmen für Wissenschaftsproduktion zu machen. Freilich: Die Entscheidung gegen die FU ist noch keine Absage an sein Modell. Aber sie bietet den Studierenden Raum, auf das eigentlich Fatale – eine völlig fehl laufende Hochschulpolitik – aufmerksam zu machen.” (taz, 14.10.06) […]

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