Der Präsident ist ins Internet verzogen

Pünktlich um 12 war ich in der Arnimallee 22 um der Einladung des FU-Präsidenten Dieter Lenzen zu folgen, der sich – nach massivem Druck durch die Protestierenden – endlich zu einem Gespräch über die in der VV-Resolution verabschiedeten Forderungen bereit erklärt hatte. Doch zu früh gefreut, Lenzen hatte die Informations- und Diskussionsveranstaltung kurz zuvor abgesagt, angeblich wegen konkreten Hinweisen die nahelegten, dass die Sicherheit der Veranstaltung nicht mehr zu gewährleisten sei. In einem Rundbrief an alle Studierende schreibt er weiter:

„Wir alle hätten Ihnen gern in dieser Veranstaltung die Auffassung des Präsidiums und der Dekanate zu den Fragen und Gesichtspunkten dargelegt, die die am 08.12.05 versammelten Studierenden erörtert haben. Wir werden dieses nun kürzestfristig schriftlich via Internet tun.“

Statt einer echten Diskussion soll es also nur eine kurze Info-Mail geben, in welcher Präsidium und Dekanate dann ihre Position zu der VV-Resolution vom 08.12. darlegen. Desweiteren: „Um die Kommunikation fortzusetzen, werden wir alternative Wege finden.“ Zu deutsch, wenn es nach Lenzen geht, gibt es keine Diskussion mit ihm.

Demo zum Präsidialamt

Nun waren die Studierenden aber schon in der Arnimallee und weil der Präsident nicht kam, machte man sich auf, ihn zu suchen. Die Vermutung lag nahe, dass er sich in seinem Sitz, dem Präsidialamt in der Kaiserswerther Straße verschanzt hatte. Es machten sich daher etwa 250 Studierende die Arnimallee hinunter zur Fabeckstraße auf, durchkreuzten den Rostlauben-Campus und kamen an der Habelschwerdter Allee wieder heraus. Diese wurde in Richtung „Unter den Eichen“ kurzerhand okkupiert, bis man schließlich nach rechts in die Kaiserswerther abbog [Video: Demo von der Arnimallee zum Präsidialamt].

Das Präsidialamt wirkte wie ein Festungsbau: Die Fenster im Parterre entweder vergittert oder mit Rolläden versiegelt und auf dem Balkon direkt über der schweren Eingangstür zwei Security-Leute, die die Lage sondierten. Ganz oben schielten aus der Dachschräge ein paar schaulustige MitarbeiterInnen, in der ersten Etage waren hinter den Fenstern ein paar Schatten zu erkennen.

Zunächst machte sich allgemeine Verwunderung breit: „Wir sind vor der Polizei hier?!“. Dann wurde klar, warum keine Polizei da war, der Präsident hatte samt Personenschutz das Gebäude angeblich längst verlassen. Die Studierenden kauften diese Nachricht dem Mitarbeiter im Präsidium natürlich nicht so ohne weiteres ab, hängten ein Transparent auf, verlasen via Megafon die Resolution und versuchten sie an die Tür zu schlagen. Nach vergeblichen „Lenzen-komm-raus“-Rufen wurde schließlich beschlossen, den Demozug fortzusetzen.

Die Besetzung der Kreuzung Habelschwerdter Ecke Thielallee

Nachdem Lenzen sich entweder nicht sehen ließ oder wirklich nicht da war, setzte sich der Demozug auf der Thielallee zurück in Richtung Rostlaube in Bewegung. Direkt vor der Rostlaube wurde beschlossen, die Kreuzung Habelschwerdter Ecke Thielallee zu besetzen, bis Lenzen einen alternativen Gesprächstermin bekannt gibt. Daraufhin kam es zu einem nicht unerheblichen Rückstau, einige Autos versuchten immer wieder die Blockade durch Hupkonzerte aufzubrechen [Video: Interview mit Streikenden während der Kreuzungsbesetzung].

Ein Saab-Fahrer auf der Habelschwerdter war hier besonders aggressiv, er forderte eine vor ihm stehene Frau auf mit ihrem Kastenwagen einfach im Schrittempo weiterzufahren, die unmittelbar vor ihr stehenden Studierenden sozusagen beiseite zu schieben (ich konnte nicht hören was sie redeten, doch der Ablauf sprach für sich). Die Frau war sichtlich verunsichert, ließ auf Druck des Saab-Fahrers immer wieder ihren Motor an und versuchte anzufahren, doch die Protestierenden wichen nicht. Der Saab-Fahrer diskutierte wild mit den Besetzenden, doch es half ihm alles nichts. Auf der anderen Fahrbahnseite war man weniger pingelig, als ein Student einem Kleinwagen nicht weichen wollte und der Wagen trotzdem weiterfuhr, setzte sich der Student einfach auf die Haube des Wagens und wurde von diesem ein Stück mitgenommen (ohne das weiter was passiert wäre).

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis ein erster Polizeiwagen eintraf, keine Wanne, sondern nur ein kleiner Opel Astra. Der Saab-Fahrer war wieder voll bei der Sache, er redete auf einen Beamten ein, vermutlich, dass die Polizei doch endlich die Kreuzung räumen möge. Doch das Polizeifahrzeug entschied sich für den taktischen Rückzug, es fuhr mit Höchstgeschwindigkeit im Rückwärtsgang die Habelschwerdter Allee hinunter.

Bevor Team Green in Mannschaftsstärke zurückkehren konnte, wurde von den Protestierenden diskutiert, welches Ziel als nächstes angelaufen werden sollte. Im Gespräch war das Hauptquartier der „Campus Manager“ in der Grunewaldstraße, doch dafür fand sich keine Mehrheit. Vermutlich wäre es in der Grunewaldstraße zu einer Eskalation gekommen, denn dort stand tatsächlich eine Wanne auf Höhe des Instituts für Theaterwissenschaft, wie ich später feststellte. Und wo eine Wanne steht, ist die nächste meist nicht weit.

Demozug durch Hörsäle, Mensa und ZEDAT Dependance

Stattdessen entschieden sich die Protestierenden in der Rost- und Silberlaube für ihr Anliegen unter den Studierenden zu werben. Man wanderte durch die großen Hörsäle 1a, 1b und 2, doch diese waren entweder nur von wenigen streikunwilligen KommilitonInnen besucht oder gleich ganz leer [Video: Mobilisierungsversuch im Hörsaal 1a]. Ein ähnlich ernüchterndes Ergebnis erzielte ein Umzug quer durch die große Mensa, viele KommilitonInnen standen zwar wie lautstark gefordert auf und verließen die Mensa – allerdings ohne sich dem Protest in nennenswerter Zahl anzuschließen.

Zwischendurch mussten wie schon bei der Demo nach der ersten VV etliche kommerzielle Flyer an den diversen Plakatwänden dran glauben. Ein spontaner Versuch die neue Philologische Bibliothek in der Rostlaube zu besetzen schlug fehl, da diese vorher abgeriegelt wurde. Bei der ZEDAT, die neuerdings ja eine größere Dependance in der Silberlaube hat, war man weniger schnell. Hier konnten die Protestierenden, die dem örtlichen Campus Management Büro einen Besuch abstatten wollten, nicht rechtzeitig ausgeschlossen werden.

Gelangt man in den neuen ZEDAT-Bereich, kommt man sich ein wenig vor wie in einem Zoo oder Aquarium. Die Räume sind alle einsehbar, hinter dicken Glasscheiben kann man seine KommilitonInnen an den Computern sitzen sehen. Der Korridor ist eng, die Luft stickig. Auch hier stieß der Versuch, die Anwesenden zum Anschluss an den Protestzug zu motivieren auf wenig Gegenliebe [Video: Interview mit Nicht-Streikenden in der ZEDAT]. Als sich der Bereich schließlich deutlich füllte und die ProtestlerInnen anfingen Gitarre und Bongo zu spielen, reagierte der ZEDAT-Verantwortliche. Sein famoser Plan: Nur noch Personen heraus lassen, keine neuen mehr hinein. Was bei jenen KommilitonInnen vor dem ZEDAT-Bereich auf Unmut stieß, die wirklich nur rein an die Computer wollten.

Vor dem ZEDAT-Bereich ist die Luft kaum besser, keine Ahnung ob dies so etwas wie ein Raucherbereich ist, jedenfalls schien dort jedeR einen Glimmstengel in der Hand zu haben. Ermüdet und hungrig verlasse ich den Zug, während ein harter Kern aus 30 oder 40 Personen noch eine Weile in der ZEDAT Dependance verweilt und das Campus Management Büro besucht.

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5 Antworten to “Der Präsident ist ins Internet verzogen”

  1. Anonymous Says:

    Sehr schön :)

  2. Juergen Says:

    Finde deine Berichte hier im Blog für mich als Nicht-FUler sehr informativ und bei aller Betroffenheit sehr sachlich.
    Meine Meinung steht im eigenen Blog:
    http://blog.juergen-luebeck.de/archives/2005/12/unfreiheiten_in.html

  3. Niklas Says:

    Weitere Kommentare unter http://artalk.de/news13.html, darunter auch die Feststellung, dass es sich bei der Trommel nicht um Bongos, sondern um eine „DABUCA“ gehandelt hat (wobei die korrekte Schreibweise m.E. „Darbuka“ ist, also mit „k“ und „r“).

  4. Datenschutzpanne als Chance? « FUwatch Says:

    […] Und da Dieter Lenzen es ja ohnehin vorzieht, virtuell zu informieren, statt sich einer Realworld-Diskussion zu stellen, könnte man es ihm doch dann gleichtun und eine Gegenposition in die virtuellen Briefkästen der Studentenschaft versenden. […]

  5. Die Scharenberg-Affäre « FUwatch Says:

    […] ins JFKI am Mittwoch folgt, ist eher unwahrscheinlich (wir erinnern uns ja noch gut an den Dezember 2005). Vielleicht erscheint aber wenigstens Vizepräsidentin Ursula Lehmkuhl um mit Scharenberg und den […]

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