Archive for Dezember 2005

Der Präsident ist ins Internet verzogen

Dezember 12, 2005

Pünktlich um 12 war ich in der Arnimallee 22 um der Einladung des FU-Präsidenten Dieter Lenzen zu folgen, der sich – nach massivem Druck durch die Protestierenden – endlich zu einem Gespräch über die in der VV-Resolution verabschiedeten Forderungen bereit erklärt hatte. Doch zu früh gefreut, Lenzen hatte die Informations- und Diskussionsveranstaltung kurz zuvor abgesagt, angeblich wegen konkreten Hinweisen die nahelegten, dass die Sicherheit der Veranstaltung nicht mehr zu gewährleisten sei. In einem Rundbrief an alle Studierende schreibt er weiter:

„Wir alle hätten Ihnen gern in dieser Veranstaltung die Auffassung des Präsidiums und der Dekanate zu den Fragen und Gesichtspunkten dargelegt, die die am 08.12.05 versammelten Studierenden erörtert haben. Wir werden dieses nun kürzestfristig schriftlich via Internet tun.“

Statt einer echten Diskussion soll es also nur eine kurze Info-Mail geben, in welcher Präsidium und Dekanate dann ihre Position zu der VV-Resolution vom 08.12. darlegen. Desweiteren: „Um die Kommunikation fortzusetzen, werden wir alternative Wege finden.“ Zu deutsch, wenn es nach Lenzen geht, gibt es keine Diskussion mit ihm.

Demo zum Präsidialamt

Nun waren die Studierenden aber schon in der Arnimallee und weil der Präsident nicht kam, machte man sich auf, ihn zu suchen. Die Vermutung lag nahe, dass er sich in seinem Sitz, dem Präsidialamt in der Kaiserswerther Straße verschanzt hatte. Es machten sich daher etwa 250 Studierende die Arnimallee hinunter zur Fabeckstraße auf, durchkreuzten den Rostlauben-Campus und kamen an der Habelschwerdter Allee wieder heraus. Diese wurde in Richtung „Unter den Eichen“ kurzerhand okkupiert, bis man schließlich nach rechts in die Kaiserswerther abbog [Video: Demo von der Arnimallee zum Präsidialamt].

Das Präsidialamt wirkte wie ein Festungsbau: Die Fenster im Parterre entweder vergittert oder mit Rolläden versiegelt und auf dem Balkon direkt über der schweren Eingangstür zwei Security-Leute, die die Lage sondierten. Ganz oben schielten aus der Dachschräge ein paar schaulustige MitarbeiterInnen, in der ersten Etage waren hinter den Fenstern ein paar Schatten zu erkennen.

Zunächst machte sich allgemeine Verwunderung breit: „Wir sind vor der Polizei hier?!“. Dann wurde klar, warum keine Polizei da war, der Präsident hatte samt Personenschutz das Gebäude angeblich längst verlassen. Die Studierenden kauften diese Nachricht dem Mitarbeiter im Präsidium natürlich nicht so ohne weiteres ab, hängten ein Transparent auf, verlasen via Megafon die Resolution und versuchten sie an die Tür zu schlagen. Nach vergeblichen „Lenzen-komm-raus“-Rufen wurde schließlich beschlossen, den Demozug fortzusetzen.

Die Besetzung der Kreuzung Habelschwerdter Ecke Thielallee

Nachdem Lenzen sich entweder nicht sehen ließ oder wirklich nicht da war, setzte sich der Demozug auf der Thielallee zurück in Richtung Rostlaube in Bewegung. Direkt vor der Rostlaube wurde beschlossen, die Kreuzung Habelschwerdter Ecke Thielallee zu besetzen, bis Lenzen einen alternativen Gesprächstermin bekannt gibt. Daraufhin kam es zu einem nicht unerheblichen Rückstau, einige Autos versuchten immer wieder die Blockade durch Hupkonzerte aufzubrechen [Video: Interview mit Streikenden während der Kreuzungsbesetzung].

Ein Saab-Fahrer auf der Habelschwerdter war hier besonders aggressiv, er forderte eine vor ihm stehene Frau auf mit ihrem Kastenwagen einfach im Schrittempo weiterzufahren, die unmittelbar vor ihr stehenden Studierenden sozusagen beiseite zu schieben (ich konnte nicht hören was sie redeten, doch der Ablauf sprach für sich). Die Frau war sichtlich verunsichert, ließ auf Druck des Saab-Fahrers immer wieder ihren Motor an und versuchte anzufahren, doch die Protestierenden wichen nicht. Der Saab-Fahrer diskutierte wild mit den Besetzenden, doch es half ihm alles nichts. Auf der anderen Fahrbahnseite war man weniger pingelig, als ein Student einem Kleinwagen nicht weichen wollte und der Wagen trotzdem weiterfuhr, setzte sich der Student einfach auf die Haube des Wagens und wurde von diesem ein Stück mitgenommen (ohne das weiter was passiert wäre).

Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis ein erster Polizeiwagen eintraf, keine Wanne, sondern nur ein kleiner Opel Astra. Der Saab-Fahrer war wieder voll bei der Sache, er redete auf einen Beamten ein, vermutlich, dass die Polizei doch endlich die Kreuzung räumen möge. Doch das Polizeifahrzeug entschied sich für den taktischen Rückzug, es fuhr mit Höchstgeschwindigkeit im Rückwärtsgang die Habelschwerdter Allee hinunter.

Bevor Team Green in Mannschaftsstärke zurückkehren konnte, wurde von den Protestierenden diskutiert, welches Ziel als nächstes angelaufen werden sollte. Im Gespräch war das Hauptquartier der „Campus Manager“ in der Grunewaldstraße, doch dafür fand sich keine Mehrheit. Vermutlich wäre es in der Grunewaldstraße zu einer Eskalation gekommen, denn dort stand tatsächlich eine Wanne auf Höhe des Instituts für Theaterwissenschaft, wie ich später feststellte. Und wo eine Wanne steht, ist die nächste meist nicht weit.

Demozug durch Hörsäle, Mensa und ZEDAT Dependance

Stattdessen entschieden sich die Protestierenden in der Rost- und Silberlaube für ihr Anliegen unter den Studierenden zu werben. Man wanderte durch die großen Hörsäle 1a, 1b und 2, doch diese waren entweder nur von wenigen streikunwilligen KommilitonInnen besucht oder gleich ganz leer [Video: Mobilisierungsversuch im Hörsaal 1a]. Ein ähnlich ernüchterndes Ergebnis erzielte ein Umzug quer durch die große Mensa, viele KommilitonInnen standen zwar wie lautstark gefordert auf und verließen die Mensa – allerdings ohne sich dem Protest in nennenswerter Zahl anzuschließen.

Zwischendurch mussten wie schon bei der Demo nach der ersten VV etliche kommerzielle Flyer an den diversen Plakatwänden dran glauben. Ein spontaner Versuch die neue Philologische Bibliothek in der Rostlaube zu besetzen schlug fehl, da diese vorher abgeriegelt wurde. Bei der ZEDAT, die neuerdings ja eine größere Dependance in der Silberlaube hat, war man weniger schnell. Hier konnten die Protestierenden, die dem örtlichen Campus Management Büro einen Besuch abstatten wollten, nicht rechtzeitig ausgeschlossen werden.

Gelangt man in den neuen ZEDAT-Bereich, kommt man sich ein wenig vor wie in einem Zoo oder Aquarium. Die Räume sind alle einsehbar, hinter dicken Glasscheiben kann man seine KommilitonInnen an den Computern sitzen sehen. Der Korridor ist eng, die Luft stickig. Auch hier stieß der Versuch, die Anwesenden zum Anschluss an den Protestzug zu motivieren auf wenig Gegenliebe [Video: Interview mit Nicht-Streikenden in der ZEDAT]. Als sich der Bereich schließlich deutlich füllte und die ProtestlerInnen anfingen Gitarre und Bongo zu spielen, reagierte der ZEDAT-Verantwortliche. Sein famoser Plan: Nur noch Personen heraus lassen, keine neuen mehr hinein. Was bei jenen KommilitonInnen vor dem ZEDAT-Bereich auf Unmut stieß, die wirklich nur rein an die Computer wollten.

Vor dem ZEDAT-Bereich ist die Luft kaum besser, keine Ahnung ob dies so etwas wie ein Raucherbereich ist, jedenfalls schien dort jedeR einen Glimmstengel in der Hand zu haben. Ermüdet und hungrig verlasse ich den Zug, während ein harter Kern aus 30 oder 40 Personen noch eine Weile in der ZEDAT Dependance verweilt und das Campus Management Büro besucht.

Letzter Warnstreik-Tag

Dezember 9, 2005

Heute endet der einwöchige Warnstreik an der FU. Um 11 Uhr wird sich eine Demo vom Silberlauben-Mensa-Foyer zum FU-Präsidialamt in Bewegung setzen. Dort soll die gestern verabschiedete VV-Resolution „angeschlagen“ bzw. dem FU-Präsidenten übergeben werden. Um 12 Uhr gibt es noch einen abschließenden Workshop in der Ihne21/B zum Thema „Bilanz und Perspektiven des Streiks“.

Waren zur zweiten VV am Montag (05.12.) noch 1500 Studierende erschienen, so waren es am Donnerstag (08.12.) nur noch 700. Das entspricht in etwa der Anzahl der Anwesenden auf der ersten Streik-VV vom 29.11. Am kommenden Mittwoch (14.12.) soll es noch eine vierte VV geben, meine Prognose lautet hier: nur noch 400 bis 500 Leute – wenn überhaupt. Nun geht es natürlich nicht nur darum wie viel Studierende auf VVs erscheinen, aber ihre abnehmende Anzahl kann schon als deutliches Indiz dafür gewertet werden, dass die allgemeine Proteststimmung genau wie 2003 den Jahreswechsel nicht überleben wird. Es wird wenn dann an einer Minderheit besonders engagierter Studis liegen, doch noch etwas zu bewegen.

Abschließend habe ich hier noch mal die wichtigsten Dokumente thematisch geordnet zum Download gelistet. Darunter auch Papiere, die sich nicht auf der Website der Streikzentrale finden:

Der 48 Stunden Streik

Dezember 8, 2005

Mit „Ruhe nach dem Sturm“ überschreibt der Tagesspiegel seinen heutigen Artikel über den Streik-Stand an der FU. Der Streik würde sich im Wesentlichen nur noch aufs OSI konzentrieren und sei insgesamt in eine Ruhephase eingetreten. In der taz ein ähnliches Meinungsbild, jenseits vom OSI läuft der Streik an den Studierenden vorbei. Man kann dieser Darstellung nur schwerlich widersprechen.

Tatsächlich findet ein Großteil der Protestaktivität nur noch in den Streik-Seminaren und -Workshops am OSI statt. Unabhängig von den dort erarbeiteten Strategien und Perspektiven tendiert die unmittelbare Außenwirkung des Protests bereits am dritten Streiktag gegen Null. Wie elektrisiert wirkten die Studierenden auf der VV am Montag, wie erhofft reichte ein Hörsaal nicht aus, so stark war der Andrang und das Interesse am Widerstand. Am Dienstag setzte sich das fort, mit Diskussionen auf der OSI-VV, der Besetzung des FU-Präsidums und der anschließenden Aussprache mit dem FU-Kanzler Peter Lange und dem FU-Vize-Präsidenten Werner Väth (siehe gestriger Eintrag). Allein tatsächliche Fortschritte waren nicht erkennbar, das Gespräch wirkte eher ernüchternd.

Am Mittwochmorgen dann der Streik-Kater. Der Bus brechend voll mit Studierenden, die U3 ebenso. Den Gesprächsfetzen ist zu entnehmen, dass der Protest durchaus Thema ist, dass aber kaum jemand ernsthaft erwägt sich zu beteiligen. Seminar im Henry-Ford-Bau, die Zahl der Anwesenden entspricht der, der Vorwoche. Von Streiklust keine Spur. Schließlich kommt doch noch eine Diskussion über den Streik zustande, die sich aber im wesentlichen auf eine „Informationsrunde“ beschränkt, danach wird mit dem normalen Seminarstoff weitergemacht. Wenn das repräsentativ für die Streikposition der Mehrheit der Studierenden an der „Rebellenhochburg“ OSI sein sollte, wie streikunwillig muss dann erst der Rest der Uni sein?

Über den Emailverteiler flattert ein Hilferuf herein, heute (Donnerstag) sei doch schon die nächste VV, dafür sei noch gar nichts vorbereitet. Eine weitere VV am Donnerstag? Richtig, die wurde ja wirklich angesetzt, taucht aber nicht mal mehr im AVV der OSI-Warnstreikenden auf (die vom Montag schon). Auch sonst weiß kaum jemand davon oder hat es verdrängt, die Mobilisierung mit Plakaten erfolgt auf den letzten Drücker heute Vormittag.

Keine Frage, der Protest hatte seinen Zenit bereits mit der Besetzung des Präsidiums am Dienstag erreicht und war damit eher ein 48-Stunden- als ein 5-Tage-Streik.

FU-Präsidium besetzt

Dezember 7, 2005

Gegen 14 Uhr gelang es gestern einer Gruppe von etwa 15 FU-Studierenden das Präsidium der FU Berlin zu besetzen, während sie lautstarke Unterstützung von mehreren hundert KommilitonInnen vor dem Gebäude erhielten. Das Präsidium rief sofort die Polizei, die dann zusammen mit dem Sicherheitsdienst der FU das Eindringen weiterer StudentInnen in das Gebäude unterbinden konnte. Im Zuge dieser Maßnahme gab es dann eine Rangelei zwischen der Polizei und den StudentInnen, vier Personen wurden vorläufig festgenommen und die Polizei erstattete Anzeige wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt (Tagesspiegel, 07.12.).

Erst nachdem einer der Vizepräsidenten der FU, Werner Väth, den Forderungskatalog der Studierenden unterzeichnet hatte, waren diese gegen 16 Uhr bereit das Gebäude wieder zu verlassen. Auch gelang es Väth und den Kanzler der FU, Peter Lange, zu einer Diskussionsrunde am Nachmittag im OSI zu bewegen. Drei Stunden lang, von 16 bis ca. 19 Uhr, setzten sich die beiden mit den teilweise aggressiv vorgetragenen Kritikpunkten der Studierenden auseinander, waren jedoch nicht zu Zugeständnissen bereit.

Das Campus Management könne nicht abgeschafft werden, es sei unabdingbar um die neuen modularisierten Studiengänge managen zu können. Auch könne nicht jedem/r Bachelor-AbsolventIn die Möglichkeit geboten werden einen Master zu machen, weil dies Lehrkapazitäten binden würde, die man dann von BA-Lehrveranstaltungen zu MA-Lehrveranstaltungen überstellen müsste. Je mehr Dozierende an der Master-Ausbildung beteiligt werden, desto weniger stünden für den Bachelor zur Verfügung, desto weniger Abiturienten würden eine Studienzulassung bekommen. Um also einer möglichst hohen Anzahl von Abiturienten einen Zugang zum Hochschulstudium an der FU gewährleisten zu können, dürften die dann mehrheitlich nur noch die 6-semestrigen BA-Studiengänge studieren – so die Argumentation.

Unterm Strich war es das übliche Spiel, Lange und Väth verwiesen die Studierenden auf vermeintliche „Sachzwänge“, verbindliche Hochschulverträge und auf die europäische Ebene, auf sie ja keinen unmittelbaren Einfluss hätten. Bezüglich der verschärften Fristenregelung was zu verfassende Arbeiten angeht, verwiesen die beiden auf andere Fachbereiche wo dies ja auch ginge, ja sogar eingefordert würde. Dort würden Lehrende wie Studierende wert darauf legen, dass die Noten der zu erbringenden Leistungen bereits am Ende des laufenden Semesters feststünden und nicht irgendwann erst im folgenden Semester. Angeblich sind es nur die PolitologInnen, die sich mit diesen allgemeinverbindlichen Fristenregelungen so schwer tun würden.

Von Zugeständnissen der FU-Leitung an die Studierenden war jedenfalls nichts zu hören. Immerhin ging aber jetzt tatsächlich von FU-Präsident Lenzen eine Email an alle Studierende, in der er zu einer Informationsveranstaltung am Montag, den 12.12., um 12:00 Uhr in der Arnimallee 22 (Hörsaal) einlädt. Dort sollen Zahlen zum „Campus Management“ präsentiert werden (diesmal angeblich alle) und auch eine Diskussion über die Probleme mit den neuen Studiengängen eröffnet werden.

Vollversammlung am Otto-Suhr-Institut

Dezember 6, 2005

Heute fanden sich ca. 250 Studierende (taz, 07.12.) des Otto-Suhr-Instituts (OSI) zu einer institutseigenen Vollversammlung im Henry-Ford-Bau ein. Ursprünglich war für diese Veranstaltung Saal D vorgesehen, sie wurde jedoch kurzerhand nach C verlagert, weil dort Prof. Thomas Risse seine IB-Vorlesung halten wollte. Der ließ sich jedoch nicht beirren und evakuierte seine Veranstaltung nach kurzem Geknatsche einfach umgekehrt in den Saal D. Immerhin hob er die Anwesenheitspflicht für seine Veranstaltungen in der Streikwoche auf und stellte seinen IB-HörerInnen frei, hier in der VV zu bleiben oder drüben in Hörsaal D seine Vorlesung zu besuchen. Daraufhin verließ ein Teil der Anwesenden tatsächlich den Raum und folgte Risse.

Die OSI-VV begann dann mit einer kurzen Zusammenfassung der Beschlüsse der Gesamt-VV vom Vortag (siehe gestriger Blog-Eintrag). Ferner wurde ein Ablaufplan der heutigen VV vorgeschlagen und bewilligt.

Anschließend sprach Prof. Hajo Funke in Vertretung für Prof. Bodo Zeuner für die Dozierenden des Instituts. Funke teilte die Kritikpunkte der Studierenden und hob insbesondere die ursprünglich geplante Fristregelung hervor, die er zusammen mit anderen Dozierenden nur mühsam hätte abwehren können. Danach hätten faktisch alle Hausarbeiten bereits im Semester geschrieben werden müssen, da ursprünglich als Abgabetermin das Ende der Vorlesungszeit (Mitte Februar) bzw. der 1. März vorgesehen gewesen war. Inzwischen konnte für dieses Semester der 31. März als Abgabetermin ausgehandelt werden, den Dozierenden bleibt dann aber immer noch nur ein Monat, bis die Arbeiten korrigiert und die Noten im System endgültig eingetragen sein müssen. Funke nannte die ursprüngliche geplanten Fristen das Absurdeste, was ihm in seiner gesamten Laufbahn untergekommen sei. Dennoch habe es lange gedauert, bis das auch die Uni-Leitung endlich eingesehen habe. Unterm Strich sein die Abgabefristen allerdings immer noch zu regide geregelt und eben unflexibe. Der Warnstreik sei wichtig, weil hier nun endlich auch auf breiterer Basis solche Probleme diskutiert werden könnten. Lehrende wie Studierende sollten sich gleichermaßen gegen ein entmündigendes System wie das SAP Campus Management zur wehr setzen. Funke sprach weiterhin davon, dass man am OSI ansonsten auch erwägen müsse ganz einfach aus dem System auszusteigen.

Im Zuge des nächsten Tagesordnungspunktes stellte eine Gruppe ProtestlerInnen ihre kritische Überlegungen zum Streikablauf auf Basis der Erfahrungen aus dem 2003er Streik vor. Im Zentrum stand hier die „Repräsentations-Problematik“: Egal ob Medien, Politiker, Uni-Verwaltung, Dozierende – stets würden die Studierenden dazu neigen, ihre Handlungsoptionen aus der Hand zu geben, sie appellativ auf eine andere Ebene verlagern zu wollen. Ein fragwürdiges Vorgehen, da die Zielsetzung von Dritten nicht unbedingt der, der Studierenden entspricht. Werden z.B. die Medien angesprochen, dann ist das Thema dort nur für kurze Zeit von Interesse; den Medien geht es nicht wirklich um die Belange der Studierenden.

Im Hauptteil der Veranstaltung wurden dann die vier Gesamt-VV-Forderungen um zusätzliche OSI-VV-Forderungen ergänzt. D.h., es wurden Vorschläge eingebracht, diskutiert und schließlich verabschiedet oder abgelehnt. Stark umkämpft war hier z.B. die Frage, ob auch ein Studium ohne Zulassungsbeschränkungen gefordert werden solle. Viele KommilitonInnen lehnten dies ab, weil die Forderung unter den gegebenen Umständen zu utopisch sei. Es sei einfach nicht erstrebenswert dann mit 100 Leuten in einem Seminar zu sitzen, das bereits jetzt mit 60 Personen bereits übervoll sei, etc. Andere beharrten auf der Notwendigkeit jedem/jeder den Zugang zu Bildungseinrichtungen gewährleisten zu können. Bei mehreren Abstimmungsversuchen kam es immer wieder zu einem Patt. Schließlich wurde der Vorschlag eingebracht, den Punkt „ergebnisoffen“ in den Forderungskatalog aufzunehmen. Gefordert würde demnach nicht ein Studium ohne Zulassungsbeschränkungen, sondern nur eine verstärkte Diskussion über diesen Punkt. Andere Punkte, wie z.B. die Forderung nach einer Absetzung des FU-Präsident Lenzen fanden deutlich keine Mehrheit.

Der vielleicht wichtigste Abstimmungspunkt betraf eine dreitägige Besetzung des OSIs von Mittwoch bis Freitag. Dieser Punkt fand eine Mehrheit. Es finden noch bis Ende der Woche zahlreiche Streik-Seminare statt, das aktuelle AVV findet sich hier.

Insgesamt wirkte die VV gegen Ende hin ziemlich zerfasert und langatmig – wie es eben für VVs typisch ist. In einer Phase in der erstmal nur Vorschläge vorgebracht werden sollten, wurden diese z.B. in Wortmeldungen immer wieder gleich diskutiert oder bereits gemachte Vorschläge kritisiert ohne einen konkreten Gegenvorschlag vorzubringen, usw. Man verhedderte sich in Details und nebensächlichen Diskussionen, so dass die Veranstaltung kein Ende zu nehmen schien.

So wurde z.B. der Geschäftsordnungs-Vorschlag eingebracht eine quotierte Redeliste zu erstellen, dernach jeweils abwechselnd eine Frau und ein Mann sich äußern dürfen. Nachdem die BefürworterInnen dieses Vorschlags von einer „Selbstverständlichkeit“ redeten, die Gegenrede zu diesem Vorschlag von einem „Kerl“ (O-Ton) vorgebracht wurde, eskalierte die Situation kurzzeitig zu Geschrei und diversen Zwischenrufen. Schließlich kam es zu einer Kampfabstimmung die zum Ergebnis hatte, dass der Vorschlag abgelehnt wurde.

Als schließlich die Meldung rumging, dass einige KommilitonInnen das Präsidium besetzt hatten löste sich die VV langsam auf, da etliche Anwesende die BesatzerInnen unterstützen wollten und zum Präsidium eilten.

1500 Studierende auf der Vollversammlung

Dezember 5, 2005

Heute versammelten sich 1500 Studierende (Tagesspiegel, 06.12.) in den Hörsälen 1a und 1b der Silberlaube zur Auftakt-Vollversammlung des einwöchigen Warnstreiks an der FU Berlin.

Jenny Simon ließ zunächst die Ergebnisse der letzten VV vom 29.11. Revue passieren, eine Kommilitonin aus Nürnberg berichtete von den erschwerten Studienbedingungen durch die Einführung von Studiengebühren in Bayern (eine Welle die nach den Wahlen im kommenden Jahr auch Berlin zu erfassen droht), David Hachfeld klärte darüber auf, dass die vom Präsidium angekündigten Verbesserungen zwar ein erster Schritt in die richtige Richung sein, jedoch im Kern immer noch am Problem vorbei gingen (siehe dazu den gestrigen Eintrag). Schließlich spannte Prof. Peter Grottian in einer von tosendem Applaus begleiteten Rede einen Bogen vom Bachelor zu Hartz IV (Tagesspiegel, 06.12.) und verwies damit auf die Notwendigkeit eines gesamtgesellschaftlichen Protests, der sich eben nicht nur auf die Uni beschränken dürfe.

Anschließend wurden Arbeitsgruppen gebildet, die den eigentlichen inhaltlichen Teil des Streiks leisten sollen. Studierende konnten ihre Arbeitsgruppe kurz vorstellen und organisatorische Angaben machen (wann, wo, wie). Im nächsten Schritt wurden dann die Forderungen diskutiert, ausformuliert und abgestimmt. Dabei beschränkte man sich schließlich auf vier zentrale Forderungen.

1. Abschaffung des Campus Managements
2. Alle BA-AbsolventInnen sollen auch für den MA zugelassen werden
3. Das Studium soll gebührenfrei sein
4. Ein freies und emanzipatorisches Lernen

Der letzte Punkt richtet sich gegen die zunehmende Verschulung des Studiums, die Studierende in ein festgezurrtes Lern-Korsett zwängt, letztlich auf ein reines „Auswendig lernen“ hinausläuft und selbstständiges Denken faktisch verunmöglicht. Andere Pauschalforderungen, wie die „Abschaffung des Kapitalismus“ fanden dagegen keine Mehrheit.

Morgen finden dann „lokale“ Vollversammlungen an den einzelnen Instituten und Fachbereichen statt, auf denen jeweils geklärt werden soll, wie genau die Streikwoche gestaltet werden soll, welche Form des Streiks man praktizieren möchte. Am Otto-Suhr-Institut wird es auf der VV (12 Uhr, Henry-Ford-Bau, HS D) daher auch darum gehen, ob das OSI besetzt werden soll oder nicht (taz, 06.12.).

Antwort des AStA an die FU-Leitung

Dezember 4, 2005

Der Referent für Hochschulpolitik im AStA FU, David Hachfeld, hat heute in einem Papier auf die letzten Vorstöße der FU-Leitung reagiert. Dabei geht es zunächst um das Zurückrudern des FU-Präsidiums bei zentralen Problemen im Zusammenhang mit der Einführung der neuen BA-Studiengänge (Pressemitteilung Nr. 201/2005 der FU, 30.11.05). Hier räumt die FU-Leitung erstmals überhaupt ein, dass es Probleme mit den neuen Studiengänge gibt.

David Hachfeld begrüßt dieses Eingeständnis als ersten Schritt in die richtige Richtung, betont aber gleichzeitig, dass es bei diesen Lippenbekenntnissen nicht bleiben dürfe und die FU-Leitung ihre Ankündigung auch noch präzisieren müsse. „Die im Brief an die Studierenden sowie in der Presseerklärung angekündigten ’notwendigen Veränderungen‘ weisen auf richtige Probleme hin, sie gehen jedoch nicht weit genug und teilweise am Kern der Probleme vorbei“ (Hachfeld, 04.12.). Keineswegs habe er als AStA-Vertreter „die Entscheidungen ausdrücklich begrüßt“.

Zum Gegenstand der Kritik wird auch eine zweite Presserklärung, in der das Kuratorium (Definition hier, scroll down) die Qualität des Campus Managements gewürdigt haben soll (Pressemitteilung Nr. 202/2005, 01.12.05). Hachfeld stellt klar, dass die Zustimmung zum Campus Management nicht so deutlich war, wie die Pressemitteilung suggeriert. Außerdem sein die präsentierten Zahlen, die den Erfolg der Einführung des neuen Systems belegen sollen, irreführend da selektiv ausgewählt.

AVV für Streikwoche am OSI

Dezember 3, 2005

Inzwischen ist die erste Version eines AVV für die Streikwoche am OSI erschienen. Der Stand ist 2.12., 18 Uhr, es werden also vermutlich noch Veranstaltungen hinzukommen oder verlegt werden. Dies hängt auch davon, inwieweit Räume zur Verfügung stehen.

Zum Gegenstand von Kritik ist der Flyer geworden, der auf der Rückseite die Forderungen / Diskussionspunkte in nicht ausformulierter Form enthält. Dies sei verfrüht, die Forderungen werden erst auf der VV am Montag präzisiert und verabschiedet.

Update:

Eine vervollständigte Version des AVV findet sich hier.

Streikzentrale und Streikzeitung

Dezember 2, 2005

Der Warnstreik an der FU nimmt langsam fahrt auf, die Adresse der offiziellen Website lautet: http://www.streikzentrale.tk/. Dort finden sich Flyer, Termine und demnächst dann hoffentlich auch die Inhalte.

Am Montag findet um 12 Uhr die Streik-VV in der Silberlaube 1a statt, dort soll über das weitere Vorgehen diskutiert und abgestimmt werden. Auf der Rückseite eines Flyers finden sich auch die geplanten Redebeiträge aus denen sich dann die Forderungen ableiten werden.

Weiterhin kursiert ein Flyer, der den Bachelor-Studierenden die Angst vor möglichen Konsequenzen die sich aus Fehlzeiten ergeben könnten nehmen soll. Dort wird dazu aufgerufen Anwesenheitslisten verschwinden zu lassen und Seminarräume zu besetzen, „Finden keine Veranstaltungen statt, kann keine Fehlzeit vergeben werden und ihr verpasst keinen Stoff“.

Bereits gestern wurde die erste Ausgabe der Streikzeitung herausgegeben. Inhaltlich werden die verschiedenen Streikgründe dargelegt: Anwesenheitslisten, Chaos bei der Einführung der neuen BA- und MA-Studiengänge, Campus Management, Bologna Prozess und drohende Studiengebühren.

Diskussion über Warnstreik

Dezember 1, 2005

Heute Mittag trafen sich ProtestlerInnen am Otto-Suhr-Institut, um den Warnstreik in der nächsten Woche zu planen oder zumindest anzudenken.

Das „OSI-Forum“

Erster Diskussionsgegenstand war die Einrichtung eines so genannten „OSI-Forums“. Eine Idee die nicht unmittelbar etwas mit dem Streik zu tun hat, aber der ursprüngliche Grund des heutigen Treffens war und deshalb auch kurz besprochen wurde. Es soll ein studentisches Forum eingerichtet werden, das alle zwei Wochen einmal zur selben Zeit stattfindet (momentan immer Donnerstags von 12-14 Uhr, 21/E) und wo Studierende die aktuellen Probleme am OSI diskutieren können. Ziel ist es, die Kommunikation und den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Klein-Gruppen mit ihren Projekten zu verbessern. Statt das wie bisher jeder „sein Ding“ durchzieht, sollen Kräfte gebündelt werden, Probleme dargelegt werden und einer größeren Öffentlichkeit zugeführt werden. Jeder der also irgend etwas auf dem Herzen hat, kann das Forum aufsuchen und dort aussprechen, wo ihn momentan der Schuh drückt.

Das Forum ist also eine allgemeine Anlaufstelle für alles was am OSI und der FU schiefläuft. Betont wird dabei der dauerhafte Charakter, den diese Veranstaltung haben soll. Es geht eben nicht darum, sich nur für den kurzen Zeitraum des intensiven Protests zu vernetzen, sondern regelmässig zusammenzukommen und so Perspektiven zur Lösung von Problemen zu entwickeln. Es soll auch besser als zuvor informiert werden, z.B. über die Beschlüsse (und deren Konsequenzen) des jeweils am Vortag tagenden Institutsrats.

Damit jeder OSIaner weiß, wann das nächste Forums-Treffen stattfindet, soll ein entsprechendes Pinboard (bzw. eine Schautafel) organisiert werden, das dann im OSI-Foyer stehen soll und entsprechende Informationen bereitstellt. Weiterhin wurde die Empfehlung ausgesprochen, dass alle sich auf der osi-protest-Yahoogroup eintragen (die schon seit anno 2000 existiert), dort soll dann auch über Erkenntnisse aus dem Forum berichtet werden, bzw. ob es Terminveränderungen gibt.

Es gibt eine Vorbereitungsgruppe, die die Idee eines OSI-Forums weiter vorantreibt und organisiert.

Der Fall „Riedmüller“

Zweites Topic war der Dauerkonflikt zwischen Prof. Riedmüller und Studierenden der Ersti-Vorlesung. Nachdem es dort schon von Anfang an starke Spannungen gab, eskalierte die Situation mit der Entwendung der Anwesenheitslisten endgültig. Prof. Riedmüller insistiert auf der Anwesenheitspflicht und will zur Erlangung eines Scheins jetzt zusätzlich auch Tests schreiben lassen.

Im Institutsrat zeichnet sich ab, dass für das kommende Sommersemester ein anderer Dozent für die Ersti-Vorlesung gefunden werden soll. Dies eilt jedoch, da bereits Anfang Januar feststehen muss, wer hier einspringt. Da sich kein Dozent um die Ersti-Vorlesung reißt, gestaltet sich das schwierig. Ins Spiel gebracht wurde die Idee, dass die Veranstaltung auch von Studierenden geleitet werden könnte (und der Name des Profs dann nur im Vorlesungsverzeichnis und auf dem Schein auftaucht).

Auch hier hat sich eine Gruppe zusammengefunden, die an einer Lösung für das „Riedmüller Problem“ arbeitet. Unklar ist dabei immer noch, wie das bereits laufende Semester zuende gebracht werden soll, da ein Absägen Riedmüllers wohl nicht drin ist.

Campus Management

Das „Campus Management“ wurde nur kurz angesprochen. Deutlich wurde, dass es inzwischen auch unter den Dozierenden des FB Polwiss starke Vorbehalte gibt, die auf einer Kuratoriumssitzung geäußert wurden. Es gab hier deutliche Stimmen, die für eine Aussetzung des Systems eintraten. Es wurde beschlossen, dass man hier als Studierende unbedingt dranbleiben muss, denn wenn selbst die Dozenten gegen das System sind, stehen die Chancen relativ gut, es rauskegeln zu können. Selbst wenn eine Totalabschaffung nicht möglich ist, wäre es z.B. denkbar, dass das OSI ein Zeichen setzt und sich aus dem System ausklingt, der restliche FB dann vielleicht folgt.

Was für ein Typ von Streik?

Im folgenden wurde dann über den Warnstreik in der nächsten Woche diskutiert. Wie immer gab es Hardliner, die für einen Besetzungsstreik eintraten. Es solle zumindest die Ihne21 gleich am Montagmorgen besetzt werden, um ein Gebäude für Streik-Seminare zu haben und um sicherzustellen, dass die Studierenden nicht aus Angst Fehlzeiten zu riskieren doch in ihre Lehrveranstaltungen rennen. Die gemäßigtere Fraktion wollte auf Besetzungen verzichten und sich auf das Anbieten von Protest-Veranstaltungen konzentrieren.

Eine dritte Fraktion brachte einen Kompromiss, indem sie forderte vor einer möglichen Voll- oder Teil-Besetzung des OSIs zunächst eine eigene OSI-VV zu diesem Thema zu veranstalten, da eine Besetzung nur mit einer dort zu erreichenden Mehrheit zu legitimieren sei (die Grundannahme ist hier, dass die Gesamt-VV die Entscheidung über die genaue Ausgestaltung des Streiks „regionalisieren“ wird, also jeweils den Studierenden in ihren FBs/Instituten überlässt). Die OSI-VV unmittelbar nach der Gesamt-VV (12-14 Uhr) am Montag stattfinden zu lassen wurde abgelehnt, da dort vermutlich schon zu viel andere Aktionen ablaufen würden. Die OSI-VV wurde daher auf Dienstag angesetzt.

Inhalte des Warnsteiks

Bestimmt wurden die auch noch angesprochen, aber nach 90 min. knurrte mir der Magen.

Update 03.12.05

„Deutlich wurde, dass es inzwischen auch unter den Dozierenden des FB Polwiss starke Vorbehalte gibt, die auf einer Kuratoriumssitzung geäußert wurden. Es gab hier deutliche Stimmen, die für eine Aussetzung des Systems eintraten.“

Im eklatanten Widerspruch dazu, siehe:
http://web.fu-berlin.de/presse/fup/fup05/fup_05_202.html